My little Pflegereform.

Die gegenwärtige Situation
Wie in vielen Bereichen der Daseinsfürsorge ist der Personalmangel in der Pflege (vorhersehbar) zu einem massiven Problem geworden.
Die Bezahlung geht noch so,schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Sozialleben, Wechselschichtdienst und eine Arbeitsverdichtung die ihres gleichen sucht, machen den Beruf unattraktiv, treiben die Pflegenden aus dem Beruf und schrecken Schulabgänger von der Berufswahl ab.
Auf der anderen Seite zahlen die Kliniken und Pflegeeinrichtungen zum Teil schmerzhaft hohe Summen für Leiharbeitskräfte um ihre Wohnbereiche und Stationen weiter belegen zu können.
Um diese Probleme zu beheben gab es eine Reihe von mehr oder weniger produktiven Lösungsansätzen(z.B. Absenkung der Zugangsvorraussetzungen in der Altenpflege)
Parallel dazu kämpft ein großer Teil der deutschen Krankenhäuser um das überleben, nachdem man auf die geniale Idee kam die Anzahl der Krankenhäuser (und Betten) in Deutschland mit marktwirtschaftlichen Mitteln zu lösen.

Das „geweihte Land“
Ich beziehe mal primär Vergleich zu UK, der NHS ist international eher für Leistungskürzungen bekannt und weit abgeschlagen hinter den europäischen Spitzenreitern wie z.B. die Niederlande.
Dafür geben die Briten etwas weniger Geld aus wie wir, haben erschreckend wenig Klinikbetten und eine minimal höhere Lebenserwartung.
Selbst in UK sind im Intensivbereich 1:2 Betreungen die Regel. Die Pflegeausbildung setzt ein Abitur voraus und schließen auf Bachelor-Niveau ab.
(siehe https://www.bmbf.de/pub/berufsbildungsforschung_band_15.pdf)

Die unangenehme Wahrheit:
Ein so lang verschlepptes Problem kostet in der Lösung richtig viel Geld und dauert Jahre bis Besserung zu erwarten ist.
Das ist völlig unabhängig vom Lösungsansatz, lässt sich später evtl. aber auch wieder reduzieren. Das kennen wir z.B. auch von unserer Infrastruktur, wer die Brücken und Strassen über Jahrzehnte nur minimal wartet und überbelastet zahlt letztendlich das vielfache
für die anstehende Kernsanierung oder Komplettneubau.

Noch viel unangenehmer:
Die jungen Menschen sind nicht blind.
Egal was wir mit der Pflegeausbildung anstellen, solange der pflegerische Berufsalltag sich nicht ändert, wird sich nicht eine zusätzliche Person für einen Pflegeberuf entscheiden.
Insbesondere mit Blick auf die „Generation Y“ ist eher davon auszugehen, dass die Ausbildungszahlen fallen werden.

Mein Lösung:
Verbindliche Stellenschlüssel!
Selbst mit zunächst relativ geringen Mindeststandards (sagen wir mal 1:3 ITS, 1:8/1:16Nachts Normalstation, 1:10/1:30Nachts in Pflegeeinrichtungen) würden viele Einrichtungen massiv ins Schwitzen kommen, insbesondere Nachtdienste werden gerne auf ein absolutes Minimum reduziert, obwohl sich auch hier die Arbeit immer weiter verdichtet und Tätigkeiten in die „Ruhige“ nacht verlagert werden um den Tagdienst zu entlasten.
Aber so viel Personal gibts ja gar nicht!11einself.
Stimmt. Zumindest Teilweise.
In den Kliniken hoffe ich primär auf eine Reduzierung der Betten, ich denke so 10-20% werden die Folge sein. Schwieriger ist die Situation in der stationären Pflege, aber jedes Jahr verlassen Tausende examinierte Pflegekräfte den Beruf und suchen sich einen neuen Job.
Mit besseren Bedingungen und erhöhtem Entgeld bin ich zuversichtlich einen großen Teil davon wieder zurück ans Bett zu kriegen.

Selbstverständlich wird es Opfer geben, jene Einrichtungen welche nicht in der Lage sind mit der Arbeitsplatzqualität (oder notfalls Vergütung) der anderen zu konkurrieren.
Und das ist auch gut so, das sind im Kern die gleichen Gründe die auch heute schon zu Heimschließungen führen!

Dazu noch ein paar weitere Mindeststandards, insbesondere denke ich hier an arbeitnehmerfreundlichere Regelungen zum Wechselschichtdienst und Zuschlägen, etc.

Ausbildungsreform
Eine Reform des Pflegeberufs kann anschließend gerne erfolgen, ist aber eigentlich nicht essentiell zur Problemlösung. Dennoch will ichs einmal in Stichworten versuchen.

Generalistik, ja bitte!
Ich bin für eine generalistische Ausbildung. Warum auch nicht, viele Inhalte sind deckungsgleich und es klappt auch in anderen Berufen ohne Probleme.
Aber nicht auf Basis einer 3jährigen, undifferenzierten Ausbildung wie es der Entwurf für das Pflegeberufeänderungsgesetz vorsieht.
Gerne aber wie in der GuK und Kinderkrankenpflege bzw. wie in vielen technischen Berufen.
Gemeinsame Kernausbildung und dann zum Ausbildungsende Schwerpunkt Krankenpflege/Kinderkrankenpflege/Altenpflege/Psychatriepflege
Ich denke hier an 2,5 Jahre gemeinsame Grundausbildung +1 Jahr Schwerpunktvertiefung

Ende der betrieblichen Ausbildung
Gerade mit Hinblick auf eine generalistische Ausbildung macht eine betriebsgebundene Ausbildung kaum noch Sinn, wenn man zusätzlich noch in 3+ anderen Einrichtungen Ausbildungsinhalte absolvieren muss.
Dann lieber ohne Betrieb und passende Praktika. Das sollte auch den Missbrauch der Auszubildenden als billige Arbeitskraft etwas mildern und unattraktiv machen.
Die Betriebe werden mit machen, wer ein positives Praktikum bietet ist hinterher möglicherweise Arbeitgeber. Menschen merken sich sowas.
Mit dem aktuellen Gesetzesentwurf wird die Ausbildung eigener Schüler vermutlich für viele Betriebe sogar unattraktiv, eben wegen der langen Abwesenheiten.

Aufwertung
Anspruchsvoller Beruf, anspruchsvolle Ausbildung, Zugangsvorraussetzung sollte ein FORQ oder Abitur sein. Das senken der Zugangsvorraussetzungen in der Altenpflege führte in erster Linie zu rasant steigenden Abbruchquoten, damit hat niemand gewonnen.

Grundständiges Pflegestudium als Alternative.
Ja, schon, aber das dauert sicher eine halbe Generation bis wir den Übergang schaffen.
Und nein, es geht nicht darum das irgendjemand „unter“ einer studierten Pflegekraft arbeitet sondern das in 10 Jahren die studierte Pflegekraft _mit euch_
arbeitet, bettet etc.
Wahrscheinlich wäre es sinnvoll zudem schrittweise Pflegeschulen in Pflegefachhochschulen zu überführen an denen man dann auch mit Hochschulabschluss abschließt.

Geld!
Nur weil sich der aktuelle Gesetzesentwurf damit so rühmt, selbstverständlich sollte die Ausbildung auch WEITERHIN (und bundesweit) vergütet werden, allerdings direkt vom Land/Bund ohne komische Umwege über Fonds, Ausbildungsbetriebe.
Man kann sicher überlegen sich etwas Geld von den Praktikumsplätzen zurück zu holen.

Euer @deinkoks

Die neue verbesserte Pflege.

Wie man durch eine Reform genau kein Problem löst.

In letzter Zeit habe ich mir viele Gedanken über die Arbeit und die Bedingungen in der Pflege gemacht. Da kam die Reform der Pflegeausbildung gerade recht. Endlich nimmt sich jemand der Probleme der Pflegenden an und geht Reformen an, die lange nötig waren.Als ich den Entwurf in die Finger bekam war ich irritiert. Noch in den Vorbemerkungen steht, dass die Regierung zu ihrem Entwurf keine Alternativen sieht,Wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann, dass es immer eine Alternative gibt. Aber vielleicht, so dachte ich, ist die Reform ja trotzdem gut gemacht und somit eine gute Alternative.

Es soll also eine vereinheitlichte Pflege geben,
weil andere Länder das schließlich auch so machen.

Ich könnte jetzt so einige Beispiele angeben, wo Deutschland mal gepflegt drauf pfeift, was die anderen so machen, im Positiven wie im Negativen, um eine paar Schlagworte in loser Reihenfolge ohne Wertung zu nennen: Energiewende, Atomaustieg, Tempolimit auf Autobahnen, Flüchtlinge, Breitbandvernetzung und vieles anderes mehr.

Warum also sind wir grade in Puncto Pflege plötzlich so international?

Oder sind wir gar nicht so international, sondern verdecken mit diesem Argument etwas, von dem eigentlich kaum jemand Kenntnis hat. Deutschland ist nämlich ein Spezialfall und das gleich in zweierlei Hinsicht. Pflege ist in Deutschland kein akademischer Beruf. Nun könnte man mit Fug und Recht anmerken, dass die Reform eben dieses angeht. Diese Meinung kann ich nicht teilen, da nicht der Pflegeberuf als solcher akademisiert werden soll, sondern nur Teile davon. Nur ein kleiner Teil der Pflegekräfte wird das Studium zum Einstieg in den Beruf nutzen, ist die Meinung der Politik. Warum geht man davon aus? Da sind wir beim zweiten Teil der Sache. International wäre eine mit einem Abitur vergleichbare Schulausbildung nötig, um den Beruf zu ergreifen. Ob das nun sinnvoll ist oder nicht sein einmal dahin gestellt. Aber es ist, zumindest in den meisten Ländern, auf die wir uns berufen so. Auch die EU hat solche Bestrebungen, siehe hier
Jetzt ist für mich die Frage was steckt dahinter? Warum wollen wir unser System über den Haufen werfen? Ist unser System wegen der Dreiteilung nicht in der Lage die Zukunft zu meistern? Als Begründung wird unter anderem genannt, wir müssten unser Pflegesystem robuster machen für zukünftige Herausforderungen.Dafür sollten wir uns mal überlegen, was diese Herausforderungen eigentlich sind. Das geht natürlich nicht, ohne zu betrachten welche Erwartungen an das Gesundheitssystem jetzt schon gestellt werden und welche Probleme schon jetzt bestehen.

Eine dieser Erwartungen ist, dass moderne Medizin plus die Pflege dafür sorgen, dass ich möglichst frei von Defiziten mein Leben gestallten kann. Sollte ich also erkranken oder einen Unfall erleiden, werde ich, so ist die Hoffnung, ohne bleibende Schäden davon kommen.Die andere ist, dass ich im Alter mit Unterstützung selbstbestimmt leben kann, ohne das ständig an meinen Defiziten herumtherapiert wird.

Das hört sich doch ganz vernünftig an.

Es ist auch ganz vernünftig! Deswegen haben wir ja den Unterschied zwischen Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege. Verschiedene Lebenssituationen brauchen verschiedene Pflege. Soweit, glaube ich, wird mir jeder zustimmen.
Warum sieht sich Deutschland aber genötigt, dieses System aufzugeben? Wird die Altenpflege grundsätzlich nicht mit multimorbiden Patienten fertig? Ich denke sie wird gut damit fertig. Durch den Fokus auf die Lebensqualität und ihre spezielle Ausbildung kann sie diesen Menschen besonders dann zur Seite stehen, wenn Heilung nicht mehr das primäre Ziel sein kann.

Was ist mit der Krankenpflege? Ist sie nicht in der Lage mit beispielsweise dementen Patienten umzugehen?Doch das ist sie. Zumindest für die Zeit, in der jemand im Krankenhaus ist. Aber gerade diese Zeit so kurz wie möglich zu halten ist ein Ziel der Krankenpflege.
Bei der Kinderkrankenpflege fällt mir genau kein Argument ein warum etwas geändert werden sollte.

Kinderkrankenpflege besteht in einem Spannungsfeld, das seinesgleichen sucht. Wer daran etwas ändern will, hat keine Kinder und hat sich auch nie wirklich mit kranken Kindern beschäftigt.
Das Problem was wir alle haben ist kurz und bündig in erster Linie eines: Personalmangel.

Warum wollen wir also nochmal dieses System aufgeben? Um besser zu werden? Werden Spezialisten nicht dadurch besser, dass sie den Fokus auf ein Spezialgebiet legen? In allen anderen Berufen scheint das Konsens zu sein. Warum aber soll gerade die Pflege eine Aufwertung durch Verallgemeinerung erfahren? Oder könnte es gar möglich sein, dass es sich dabei um ein Scheinargument handelt?

In meinen Augen spricht einiges dafür. Denn das Hauptproblem der Pflege und ihrer Qualität in Deutschland ist nicht primär die Ausbildung der Pflegekräfte. Ihre Anzahl ist der limitierender Faktor. Wie kann das sein? Jeder, der auch nur einigermaßen Wirtschaftlich denkt, weiß, Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Nur in der Pflege nicht, weil die Pflegenden Menschen nicht die sind, die bezahlen. Es gibt eigentlich keinen Markt.Es gibt eine Geldmenge X die zur Verfügung steht, mehr nicht.
Was mich übrigens auch stutzig macht, dass die Arbeitgeberseite offensichtlich Feuer und Flamme für die Idee der neuen Pflegeausbildung ist. Man könnte jetzt natürlich behaupten, sie wollen schließlich die Versorgung der Patienten verbessern. Das Argument klingt gut und man hört es auch regelmäßig. Mir fehlt da allerdings der Glaube. Meine Erfahrung sagt mir, Arbeitgeber applaudieren nur, wenn sie finanzielle Vorteile sehen. Das würde kein Arbeitgeber im sozialen Bereich offen kommunizieren. Allerdings sind Arbeitgeber in der Pflege eher nicht dafür bekannt, nach verbindlichen Pflegeschlüsseln zu rufen um ihre Qualität zu verbessern.

Könnte es also möglich sein, dass es billiger ist die Generalistik zu fördern als das heutige System?

Es spricht einiges dafür. Pflege ist teuer und ihr Wert ist nicht materiell. Alles, was direkt messbar ist, sind die Kosten, die sie verursacht. Kosten an denen die gesamte Gesellschaft beteiligt ist. Es ist damit sicher auch ein Ziel, diese zu senken, das leuchtet ein.

Andererseits ist es unklug, das offen zu sagen, denn der allgemeinen Lebenserfahrung der Menschen entspricht die Erkenntnis, dass bessere Leistung bei weniger Kosten nur mit technischem Fortschritt einher geht. Ich bin der Überzeugung, dass wirklich jedem klar sein müsste: Technischer Fortschritt in der Pflege ist eher unmöglich. Das heißt nicht, dass es keinen Fortschritt gibt, der ist aber eher akademischer Natur. Im eins zu eins Kontakt ist keine Zeit mehr zu gewinnen ohne auf Menschlichkeit zu verzichten.Deswegen glaube ich, dass Arbeitgeber in Zukunft Kostenvorteile in der Generalistik sehen. Die Senkung von Personal und Sachkosten ist nämlich die einzige Möglichkeit Gewinne zu verbessern.

Wo kann also der Vorteil der Generalistik für Pflegende liegen?

Ein Argument ist, dass es zu einer Aufwertung des Pflegeberufs kommt. Es wird grade zu als logische Folge der Generalisierung der Ausbildung verkauft. Der Mechanismus, der dahinter steckt ist mir allerdings nicht klar.Am ehesten könnte man es damit erklären, dass Entscheidungsträger ins Ausland geschaut haben und sich überlegt haben, was die anderen anders (besser?) machen. Schließlich hat in vielen anderen Ländern die Pflege ein ganz anderes Ansehen als in Deutschland.Somit könnte das Fazit gewesen sein: Dort gibt es Generalistik und Akademisierung.Das ist sicherlich richtig aber es gibt nur beides zusammen.Was man offensichtlich nicht auf dem Schirm hatte, war die dementsprechende Bezahlung. Warum auch? Pflegekräfte selbst laufen ja rum und propagieren, dass sie lieber mehr Kollegen als mehr Geld haben wollen. Welch unbedachte Aussage. Das hört sich bei Menschen, die von der Finanzierung der Pflege wenig Ahnung haben so an, als müsse man nur genug ausbilden und alles läuft wieder Rund. Dass die Geldmenge, die für die Pflege zur Verfügung steht, aber weitgehend fix ist und droht, bei jetzigem Modell weniger zu werden, ist kaum jemandem bewusst.

Es scheint aber, dass die Entscheidungsträger sehr wohl wissen, dass eine Akademisierung auf breiter Front mit Sicherheit zu steigenden Personalkosten führen würden. Da schlägt man wohl doch lieber den Weg der Mischkalkulation ein. Wenige hochqualifizierte akademisierte Pflegekräfte für die Qualität, und generalisierte, man entschuldige mir den Ausdruck, Lastesel für die Quantität.

Das ist meiner Meinung nach nicht einmal verwerflich, wenn man es denn so kommunizieren würde.

Man redet aber nicht offen, weil unser Staat wie so oft Angst hat, dass uns Teile dieser Antwort verunsichern könnten. Man baut also ein leistungsfähiges Ausbildungssystem um, um der gewaltigen Menge an Arbeit, die in Zukunft uns alle treffen wird, irgendwie bezahlbar zu halten. Im Stillen. Nach Aussen wird es als Qualitätsverbesserung kommuniziert. Dafür muss man aber schon, ich sag es mal salopp, Nüsse haben.Dafür muss man nämlich einen Standpunkt einnehmen, den die meisten Menschen sich nicht vorstellen können, einen Standpunkt in der Zukunft. Wenn ich mir überlege wie es in 20 Jahren in Deutschland aussieht, macht es nämlich Sinn. Wir leben in einer alternden Gesellschaft, in der die körperlichen Gebrechen auch im hohen Alter immer weniger einschränken. Die Alltagskompetenzen sinken aber trotzdem, da unser Körper deutlich besser und fitter altert als unser Gehirn.Das wird dazu führen, dass sehr viel mehr an Alltagsbegleitung für unser Senioren nötig sein wird. Gleichwohl wird man mit den Jahren erfahrungsgemäß nicht gesünder. Ausserdem streben wir immer mehr zu smarten und vernetzten Lösungen.Aus dieser Sicht macht es natürlich Sinn ein Heer von Alleskönnern an der Front zu haben, die einfach nur an kompetente Stellen weitermelden.Das spart Ressourcen. Das verbessert dann die Qualität in der Zukunft, denn ein weiter wie bisher kann die Qualität keinesfalls halten. Zwar stellen sich Menschen unter Qualitätsverbesserung was anderes vor, aber eben nur weil sie ihren Standpunkt im hier und jetzt haben.

Auch das ist an und für sich kein Problem.

Was in der Diskussion fehlt ist die Ehrlichkeit.Es geht einfach um Geld und Priorisierung. Wir können nicht mehr alles auf hohem Niveau betreiben, es wird schlicht zu teuer Spezialisten zu beschäftigen. Die Medizin macht es uns gerade vor, explodierende Kosten an allen Fronten, für zum Teil marginale Erfolge.

Kann damit die Generalisierung helfen das Problem zu lösen?
Ich denke nicht, denn das Pferd wird von hinten aufgezäumt. Es ist eine Lösung für ein Problem, was ich zur Zeit nicht habe.Das Problem ist im Moment nicht, dass uns der demographische Wandel erschlägt.Das Problem ist ein ganz akuter Mangel an Personal, das steigert den Druck auf die Kollegen und die Qualität leidet massiv. Die Folge ist eine dauernde Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern.

Man könnte jetzt einwerfen, aber durch die Generalistik werden mehr Menschen in den Pflegeberuf kommen. Ich wage das mal zu bezweifeln. Warum sollten Menschen, die jetzt sagen der Pflegeberuf ist nichts für mich, sagen, wenn ich im Altenheim und im Krankenhaus und irgendwie überall arbeiten kann, dann entscheide ich mich sofort dafür.

Diese Ansicht es würden mehr kommen basiert nämlich auch wieder auf einem kleinen Taschenspielertrick:

Die klammheimliche Absenkung der Zugangsvoraussetzungen, also eigentlich das Gegenteil von Akademisierung.

Auch da wird einem direkt um die Ohren gehauen, dass man doch nicht meinen sollte, ein besserer Schulabschluß macht einen besseren Menschen. Das empfinde ich übrigens als Beleidigung meiner Intelligenz. In einer Gesellschaft, in der ein Mensch ohne Abitur schon als dezent defizitär gilt, jemandem das vorzuwerfen ist hart. Ich machen den Wert eines Menschen garantiert nicht an seiner Schulbildung fest, aber ich habe die Regeln in dieser Gesellschaft auch nicht gemacht. In Deutschland gilt die Faustformel, je höher der Schulabschluss desto höher das zu erwartende Einkommen. Deshalb erwarte ich, dass die Löhne im Pflegebereich nach einer Umstellung zumindest stagnieren werden.

Aber da hat man ja auch schon eine Lösung: Weiterqualifizieren.Hört sich doch gut an. Eine breite Ausbildung und dann eine spezialisierte Qualifikation, das macht was her.

Ja daraus könnte ein Schuh werden.

Dennoch befürchte ich, dass auch hier die Realität anders aussehen wird. Ich sehe nämlich keine Verpflichtung für die Arbeitgeber, Fortbildungen und Weiterqualifizierung zu unterstützen. Im Gegenteil, wenn ich das selbe Geld verdiene, unabhängig davon ob und wie viel ich in die Qualifikation meiner Mitarbeiter investiere, und genau das ist in unserem Finanzierungssystem der Fall, dann verzichte ich doch eher. Warum sollte ich Fortbildungskosten zahlen, auf Arbeitszeit verzichten und danach möglicherweise auch noch mehr Lohn zahlen, wenn mein finanzieller Vorteil bei genau Null liegt? Da kann nur eine gesetzliche Verpflichtung helfen, aber da viele Arbeitgeber wie oben erwähnt so sehr die Generalisierung fordern, fürchte ich, dass der Plan anders aussieht.
Und das kann man auch schon an den von der Politik vorgebrachten Argumenten sehen. Einer der Vorteile der neuen Ausbildung soll sein, in jedem Bereich arbeiten zu können. Da wäre es ja hinderlich wenn man spezielle Fortbildungen für bestimmte Bereiche allgemeinverbindlich vorschreibt.
Ich befürchte es werden dann ein, zwei Kollegen eine Fachausbildung bekommen, vorzugsweise in Führungsverantwortung und der Rest bleibt der Rest. Wenn man dann davon ausgeht, dass in absehbarer Zukunft nur noch Kollegen mit Studium die Führungsverantwortung übernehmen werden, dann sehe ich etwas auf uns zukommen, was wir so ähnlich schon hatten. Ein System von Pflege und Pflegehelfern. Daraus könnte man dann ja spitzfindig konstruieren, dass die Pflege ja aufgewertet wird, nun der „qualifizierte“ Teil zumindest.

Die Pflege wird sich verändern, soviel ist sicher. Die Probleme müssen gelöst werden, aber dabei einzig auf die Karte Hoffnung zu setzten ist ein erschreckend schmales Brett.

Es hat auch schon Umfragen gegeben, in denen Kollegen gefragt wurden, ob sie den Beruf nochmals ergreifen würden, wenn es eine generalistische Ausbildung gäbe. 30% sagen nein. Ob das repräsentativ ist, weiß ich nicht. Noch viel weniger weiß ich, ob mehr junge Menschen wegen einer generalistischen Ausbildung den Beruf ergreifen. Ich denke, was Menschen in den Beruf ziehen könnte, sind fairer Lohn, familien- und sozialebenstaugliche Arbeitszeiten, Aufstiegsmöglichkeiten und Anerkennung in der Gesellschaft. Aber ich sehe nicht, dass von der Änderung des Pflegeberufegesetzes auch nur der kleinste Impuls in diese Richtung ausgehen wird.

Ganz besonders bei der Anerkennung sehe ich leider schwarz. Die Aussage, man braucht nur noch eine Pflegeausbildung, hört sich für mich schwer nach „pflegen kann jeder“ an. Es befördert eher den Gedanken, dass Fachwissen von sekundärer Bedeutung ist. Es gehört eben Herz und Menschlichkeit dazu, dann noch ein bisschen Ausscheidungsmanagment und Waschlappenakrobatik und fertig ist die universell einsetzbare Pflegekraft.

Polemisch? Ich denke nicht!

Was würde man in anderen Berufen sagen wenn jemand sagt, eure Ausbildung wird abgeschafft und mit anderen zusammen gelegt für das was ihr tut braucht ihr euer Spezialwissen nicht! Wie wäre die Reaktion, würde man vorschlagen Lehrer und Erzieher in einer generalistische Ausbildung mit niedrigen Zugangsvorraussetzungen zusammen zu fassen. Schließlich betreuen die ja alle irgendwie Kinder und für Mathematik in der Oberstufe, kann man sich ja notfalls weiter qualifizieren? Und dieser Vorschlag würde dann als Lösung für den Lehrermangel präsentiert.

Der Aufschrei wäre gewaltig. Und das mit Recht.

Natürlich passiert so etwas nicht. Erst recht nicht in der Industrie. Wie auch, es gibt ja Handwerks- und Industrie und Handelskammern, die nach ihrem Bedarf die Ausbildungsordnungen anpassen. Schließlich weiß man ja, was der Kunde braucht.Wir brauchen das alles nicht. Wir lassen uns einfach von oben sagen was Lage ist und gut ist. Das ist alte Pflegetradition. Offenbar kommen wir nicht einmal auf die Idee, dass Kassenlage und Lohnnebenkosten die Intention für eine Pflegereform sein könnten.
Wir als Pflegende stecken offenbar so fest in unserer Sichtweise, dass niemand merkt, dass keiner unser Bestes will.Wir glauben Ziel jeden Handelns ist eine Verbesserung.
Das ist ja auch so, aber wir kommen nicht auf die Idee, dass es nur eine Verbesserung für Andere sein könnte und man uns übergeht. Das merkt die Pflege dann erst wenn es zu spät ist und gibt sich dem eingeübten Jammern hin.

Nun will ich hier gar nicht in Abrede stellen, dass eine umfassende Reform der Pflegesituation in Deutschland von Nöten sein wird. Allerdings bin ich der festen Meinung, dass wenn weiterhin die Basis der Pflegenden bei solchen Prozessen ausgeschlossen ist, keine Verbesserung für Irgendwen erreicht wird, nicht für die zu Pflegenden und auch nicht für die Pflege.

Das Pflegepersonal wir erst nach der Reform einfach abstimmen, wie immer mit den Füßen.Das ist so, und das bleibt so.
Der Personalmangel ist genau so entstanden.
Darüber sollten sich alle Beteiligten in diesem Spiel klar sein.

Quelle: @Garcon de Piss

Mittwoch, Programmpunkt: #Pflegestreik


➔ ➔ Folgt uns auf Twitter und werdet ein Teil davon.

Ein kleines Realitätsmärchen.

In einem Land vor nicht allzu ferner Zeit, begab es sich dass ein Königspaar namens Konzern und Gewinnoptimierung die Regierung des Staates übernahmen. Doch eine Gruppe unerschrockener, mutiger Untertanen liess sich dies nicht bieten und tat fortan dem Unmut kund…

Man möchte meinen so ein Märchen liesse sich nicht in die heutige Zeit übertragen, doch wir schreiben das Jahr 2016 und schlittern immer schneller in eine der humanitärsten Krisen unseres „Sozialstaats“, dem Pflegenotstand.

Warum fragt man sich?!
Die Pflege Kranker, Alter & Hilfsbedürftiger ist doch so ein ehrenwerter, dankbarer Job.
Ja ist es und ein sehr schöner noch dazu, wie aber soll man sein Fachwissen und seine Arbeitskraft einsetzen wenn ein Krankenhaus, ein Altenheim oder eine Pflegeeinrichtung sich nur noch auf Kosten der Gesundheit aller reich spart, es einem die Kraft aus den Knochen saugt und Wertschätzung schon zu lange ein Fremdwort ist?!
Deshalb kursiert seit nunmehr über sechs Monaten (wieder) das Schlagwort #Pflegestreik in den sozialen Medien. Unter dem Hashtag Pflegestreik lassen sich bei Twitter mittlerweile einige tausend Tweets finden, die genau darauf aufmerksam machen möchten. Man möchte erklären warum diese Tätigkeit so wichtig ist und gleichzeitig die Folgen aus einem nahezu kaputten System darlegen. Wir möchten aufklären warum dieses System so nicht weitergehen darf, Kapitalismus nicht über dem Menschen und dessen Gesundheit stehen darf, über fahrlässige Situationen die verhinderbar gewesen wären wenn man uns nicht die letzten Jahre systematisch die Besetzung gestrichen weggespart hätte und zuletzt leider auch über Todesfälle die eine Folge dieser Tatsache sind.

Ganzheitliche Pflege endet dort wo der Patient zum Kunden und die Mitarbeiter zum Fliessbandpersonal werden, sie verfällt an jenem Zeitpunkt wenn ich mich selbst opfere und meine eigene Grenze überschreite, tagtäglich.
Kaum noch jemand der eine solche Ausbildung machen möchte, es fehlt an Attraktivität, Bezahlung und der Zukunftsaussicht. Es vergeht kaum ein Tag an dem man nicht von einem Pflexit hört, also dem (baldig geplantem) Ausstieg von mehr als gut ausgebildeten Fachkräften aus dem Pflegebereich. Wenn das weiterhin in jenem Tempo weitergeht steht die Versorgung in Zukunft ganz schön duster da.
Irgendwann werdet ihr euch an uns erinnern, denn jeder braucht Pflege, irgendwann oder irgendwie, egal ob im Alter, bei einem Beinbruch oder nach einem Unfall.
Wir schreiben diese Dinge nicht für unser Ego, sondern weil wir unseren Job mit Empathie und Professionalität für den Gepflegten ausführen möchten, auch in der Zukunft, denn am Ende seid ihr auf uns angewiesen und kann es jeden schon morgen treffen, eure Grosseltern, Eltern, Geschwister oder Kinder.

Wir sagen Nein zu unprofessioneller Pflege auf Kosten des Personals und zu Lasten Gepflegter.
Hört endlich auf uns politisch zu ignorieren, uns für eure Aktionäre zu missbrauchen
und unsere Arbeitsleistung kategorisch zu unterdrücken und auszumürben.
Nein! sagen, nicht mehr kuschen und sich schon gar nicht für einen Arschtritt bedanken, Rücken gerade machen und sich dessen bewusst werden was wir alle leisten und auch können, das wäre mal der allererste Anfang.

Es reicht.
Es ist nicht 5 vor 12 sondern schon mehr als 10 nach!

Und wenn sie nicht gestorben sind dann twittern sie noch heute…und morgen…und übermorgen, und zwar so lange bis es auch endlich der Letzte verstanden hat.

Weitere Informationen zum #Pflegestreik finden du auf twitter und auf www.pflegestreik.org

@einFraeulein / @RainerRogge

Wie man Auszubildende in den #Pflexit treiben kann.

Dieser Bericht dreht sich um eine Auszubildende in unserem Klinikum. Die Schülerin, nennen wir sie mal Anna, ist frisch im Oberkurs und bereitet sich fleißig für ihr Examen im Sommer vor. Ich selbst arbeite als Springer für die Normal-, und bedingt Intensivstationen, in unserem Haus und hatte über die Weihnachtsfeiertage den Bereitschaftsdienst übernommen. Besagte Schülerin, ich kannte sie damals noch nicht, rief mich aus lauter Verzweiflung am 1. Weihnachtsfeiertag auf meinem Bereitschaftstelefon an: Der Spätdienst hätte sich vor ein paar Stunden komplett krank gemeldet, von den Kollegen des Frühdienstes wolle keiner länger bleiben und drohten sogar damit, sie alleine auf der Station stehen zu lassen.
Sofort eilte ich zu ihr auf Station und wir hörten erst einmal gemeinsam die Patientenübergabe an, bevor wir einen Notfallplan schmiedeten. Der Bereitschaftsarzt Markus, ein guter Freund, der zeitliche Kapazitäten hatte, stand uns zur Seite. Wir bestritten also tatsächlich zu dritt diesen Dienst: Doc Markus kümmerte sich um Organisatorisches, verteilte das Essen, richtete Infusionen und quetschte zwischendurch noch ein paar Untersuchungen auf anderen Stationen dazwischen. Währenddessen „schmissen“ wir beiden die restliche Station. Die ersten Stunden begleitete ich die Schülerin, um sie, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse kennenzulernen. Und ganz ehrlich: Anna machte sich top! Sie achtete penibel auf Hygiene, kannte sich in der Krankheitslehre und Pflege in der Viszeralchirurgie aus und hatte auch die richtigen Handgriffe parat. Auch die Tages-Herausforderung meisterte sie mit Bravour: Während der Versorgung eines Patienten erkannte sie, dass es dem Zimmernachbarn zunehmend schlechter ging und löste Alarm aus. Als ich im Zimmer eintraf, hatte sie bereits mit den Thoraxkompressionen begonnen. Ich holte unterdessen den Notfallwagen, alarmierte Markus und unser Reanimationsteam. Nach kurzer Reanimation unsererseits hatte der Patient wieder einen Sinusrhythmus entwickelt, als das Team übernahm. Wir waren stolz auf Anna, die das alles noch nicht realisieren konnte.
Am nächsten Tag die gleiche Situation: Anna stand mit Markus und mir alleine auf der Station. Aber auch diesen Dienst hatten wir mit gemeinsamer Anstrengung gut, und vor allem zufriedenstellend, hinter uns gebracht.

In diesen zwei Tagen habe ich Anna sehr gut kennen und schätzen gelernt. In einigen Gesprächen ließ sie durchsickern, dass sie sich auf der Station nicht so wohl fühle. Im Nachhinein war das wohl bereits der erste Hilferuf, denn auch unter uns Springern ist die Station, ich nennen sie liebevoll Chaos-Station, verrufen: Kollegen, die sich untereinander nicht leiden können und dies offen zur Schau tragen, gar gegeneinander arbeiten und, wie könnte es anders sein, jeden „Externen“ ausnutzen und fertig machen. Und zu diesen Externen zählte nicht nur ich als Springer (Die ja eh alle faul sind und nix können), sondern auch Schülerin Anna (als kostenlose Hilfskraft). Kurzum: Das Personal konnte nicht miteinander arbeiten, sei es Pflege, als auch Ärzte, zusätzlich gab es dort einige Kollegen der „alten Schule“ und auch viele Patienten waren mit der Betreuung nicht zufrieden. Eigentlich lief dort so alles schief, was nur schief laufen kann. Und genau diese Situation auf der Station war schon länger in der Verwaltung und auch Schule bekannt, doch geändert hatte sich bisher nichts.

Das nächste Mal traf ich Anna zum Schichtwechsel Anfang des Monats. Wir besprachen, dass wir beim nächsten gemeinsamen Dienst eine kleine Prüfung simulieren, da sie auf der Station nur schlecht betreut und vorbereitet fühlte. Zwar bin ich kein Praxisanleiter, dennoch arbeite ich sehr gerne mit Schülern zusammen. Und scheinbar gehörte ich zu den wenigen Personen, die Anna ihr Schülerleben ausleben ließen, das heißt: Die Versorgung von eigenen Patienten zu übernehmen, frisch gelernte Techniken unter Aufsicht durchzuführen und eben auch mal das Ruder zu übernehmen.
Also bereitete ich mich entsprechend vor, ging selbst nochmals einige Standards der Klinik durch und schrieb mir einen Masterplan, was ich gerne alles mit Anna machen wollte.

Schließlich hatte ich wieder Dienst auf oben benannter Station, Anna war ebenfalls da, welche überglücklich schien, als sie mich sah. Bereits bei der Patientenübergabe gab es Unstimmigkeiten unter den Kollegen, da alle Bereiche so aufwendig wären. Mein Vorschlag, dass Anna und ich die pflegeaufwändigen Patienten übernehmen würden, stieß daher auf große Zustimmung und wir beide hatten unsere „Ruhe“ sicher. Dennoch, erlebte ich mehrmals, wie meine Kollegen Anna schikanierten, beleidigten und beschimpften. Begriffe und Aussagen wie „dumm“, „faul“, „Machst eh alles falsch“ oder „Die Prüfung kannste knicken“, waren dabei tatsächlich nur die Harmlosesten. Ich musste die Schülerin mehrmals in Schutz nehmen und die Kollegen zurechtweisen. Eine Schülerin ist zum Lernen hier, Pflegekräfte zum Lehren! Während der ganzen Schicht versuchte ich also weiterhin Anna von den restlichen Kollegen auf Station fern zu halten und ließ sie keinen Augenblick alleine, damit ich rechtzeitig einschreiten konnte.
Bereits an diesem Abend war mein persönliches Limit erreicht. Doch es kam noch schlimmer…

Am nächsten Tag hatten wir wieder gemeinsam Dienst auf Station. So wie der letzte Tag geendet hatte, so begann der Neue: Wieder musste ich Anna mehrmals in Schutz nehmen. Ich behaupte mal, dass ich sie nach den Weihnachtsdiensten sehr gut kennen gelernt habe und ihre Fähigkeiten einschätzen kann! So nahm die erste Stunde des Dienstes ihren Lauf, bis Anna mich letztendlich am Arm packte und in den Nebenraum führte. Die junge, wissbegierige, fleißige und stets freundliche Schülerin zitterte im ganzen Körper und fiel mir weinend in die Arme.
Glücklicherweise konnte ich einen anderen Springer organisierte, damit ich mit Anna von Station konnte und wir tatsächlich unsere Ruhe hatten. Wir redeten viel, wir schwiegen aber auch viel. Sie erzählte, wie sie die vergangene Zeit auf der Station erlebt hatte, was alles vorgefallen war, welche Anschuldigungen man ihr an den Kopf warf, sogar welche Vorwürfe sie sich inzwischen selbst machte. Und da saßen wir beide und nun machte ich mir Vorwürfe. Vorwürfe, warum ich nicht früher Alarm geschlagen habe?
Nachdem sich Anna endlich mal richtig auskotzen konnte, sorgte ich dafür, dass der Betriebsarzt sie für einige Tage krankschrieb, gab sofort in der Verwaltung Bescheid und brachte sie nach Hause, wo ich mit ihr wartete, bis die Mitbewohnerin aus der Vorlesung kam.

In den folgenden Tagen fanden Gespräche mit der Stationsleitung, der Pflegedienstleitung und der Pflegeschule statt. Ich selbst verfasste eine Stellungnahme und meldete den ganzen Vorfall zusätzlich unserem Betriebsrat, sowie der Auszubildendenvertretung. Meiner PDL teilte ich freundlich mit, dass ich nicht mehr auf dieser Station eingesetzt werden möchte und man doch davon absehen soll, dort weiterhin Auszubildende und Praktikanten einzusetzen.
Zu Anna: Mein Eindruck bestätigte sich nach einem Gespräch mit ihrer Lehrerin, die mir zudem versicherte, dass Anna zunächst für zwei Wochen freigestellt wird und später ihre Ausbildung auf einer anderen Station fortsetzen darf.
Allerdings bin ich immer noch schockiert und bekomme den Moment, indem Anna sich an mich klammerte, nicht mehr aus dem Kopf. Vermutlich habe ich in meiner Ausbildung selbst sehr viel Glück gehabt, obwohl auch dort viel schief gelaufen ist. Dass manche Kollegen uns Springern gegenüber unfreundlich sind, daran habe ich mich längst gewöhnt und bin zudem ein großer Freund des Meldeformulars (wenn es um Patientengefährdung geht) geworden. Aber ein Team, das sich nicht nur untereinander anfeindet, sondern diesen Frust an völlig Unbeteiligten auslässt, hat mich völlig vom Hocker gehauen. Hier ist etwas ziemlich schief gelaufen! Und nicht nur das, die eigentlichen Gründe für dieses Verhalten, das die Grenze dermaßen überschritten hat, sind tief im Team begraben und liegen sicherlich nicht nur in Überforderung, Unterbesetzung und Unzufriedenheit.

Liebe Anna,
gib nicht auf! Deine Lehrer, der Betriebsrat, die Auszubildendenvertretung und ganz besonders Markus und ich stehen vollkommen hinter dir. Lass dich nicht unterkriegen oder hole dir Hilfe bei Kollegen, Lehrer und Mitschülern. Du bist nicht alleine und musst das auch nicht alleine durchstehen. Was auch immer geschieht, du kannst dich auf uns verlassen und wir würden uns sehr freuen, wenn wir dir im Sommer zu deinem Examen gratulieren dürfen. Denn das, was du machst, machst du gut und gewissenhaft. Ich habe ehrlich gesagt, keinerlei Zweifel, dass du die Prüfungen glänzend bestehst und ich dich bald als examinierte Kollegin begrüßen darf. Spätestens dann bekommst du die zweite Torte, dieses Mal selbst gebacken. Versprochen! ;)

Beitrag von Knegb