4 von 4.

Ich trete aus der Umkleide, klopfe beim Hinuntergehen der Treppe die Dachschräge ab, so wie ich es immer mache, um mir nicht den Kopf zu stoßen
und sage dabei leise „4 von 4“ vor mich hin.
Denn mit dem Öffnen der letzten Türe betrete ich auch eine andere Welt und starte meinen 1 von 4 Nachtdiensten.
Ich setze den Fuß auf den Stationsflur und sauge sofort das Gefühl von Stress in mich ein. Meine Kollegen sind noch beim Abendrundgang. Es ist kurz nach halb 9 und mir schwant zu Dienstbeginn bereits nichts Gutes.
Ich sehe auf Anhieb viele rote Lichter, meinen beiden Kollegen sieht man die Arbeit und den Stress an, dennoch lächeln sie mir aufmunternd zu. Aus Freundlichkeit, aber sich auch, weil sie wissen, dass der Feierabend jetzt nicht mehr all zu fern ist.
Dass die Übergabe heute, mal wieder, später statt findet wird klar
und somit beginne ich die Antibiosen vorzubereiten, suche die Nachtmedikamente zusammen, befülle Fächer, räume auf.
Nach der Übergabe und ein paar kurzen, persönlichen Worten rufen die Beiden mir noch ein „Ruhige Nacht“ und „Bis morgen“ über ihre Schultern zu. Bei „Ruhige Nacht“ muss ich schmunzeln und weiß nicht, ob ich lachen oder doch „Danke“ sagen soll.
Jetzt habe ich die Station für mich.
28 Patienten, 28 Leben, 28 Seelen.
Meine Verantwortung, meine Entscheidungen, mein Handeln.
Die Klingelanlage habe ich bereits mit meiner Nebenstation zusammengestellt, so dass wir, falls es bei dem Einen zu lange klingelt, „mal eben“ rüber gehen können, um zu helfen.
Das heißt, 2 Stationen, 2 Pflegekräfte, bis zu 70 Patienten.
Mal eben helfen gehen……
Ich hänge Antibiosen an, verteile Schlaf,- und Schmerzmittel, messe Vitalzeichen, nehme Lagerungswechsel vor, begleite Patienten auf die Toilette, helfe auf den Nachtstuhl oder die Bettpfanne. Ich halte Hände und rede einem Patienten gut zu, der dement und davon überzeugt ist, ich hätte ihn zum Sterben in den Keller verbannt.
In der Nacht kommen die Geister raus.
Auf einem Zimmer werde ich mit „Hallo, mein Sternchen“ begrüßt. Eine nette, ältere Dauer-Patienten, die Gefallen an meiner Sternen-Strickjacke gefunden hat. Das treibt uns Beiden ein Lächeln ins Gesicht und gibt mir das Gefühl, dass auch ich manchmal gesehen werde.
Im nächsten Zimmer ist ein Port nicht mehr durchgängig, egal womit ich mein Glück versuche. Am Telefon diskutiere ich mit dem Arzt, warum ICH es für sinnvoll halte, dass ER sich Patientin und Port einmal ansieht. Leider teilt er meine Meinung erst, nachdem ich ihm drohe, dem Chefarzt mitzuteilen, dass er mir die Hilfe verweigert.
Traurig, aber wahr.
Nachdem auch dieses Problem gelöst ist, gehe ich zur nächsten Klingel und finde einen Patienten auf dem Boden liegend vor. Er kann nicht mehr sprechen, signalisiert mir aber mit erhobenem Daumen, dass ihm nichts passiert sei.
Glück gehabt. Alleine schaffe ich es nicht ihn wieder ins Bett zu mobilisieren, also muss ich meine Kollegin von der Nebenstation rufen, die „mal eben helfen kommt“.
Das Telefonat mit dem Arzt ist ernüchternd.
Ich muss ihm mitteilen, dass der Patient gestürzt ist, da es ihm aber gut geht, fühlt sich der „Diensthabende“ mehr gestört als alles andere.
Ich hingegen versuche nur meinen Anforderungen gerecht zu werden.
Danach will das Alles noch dokumentiert werde.
Schließlich ist Dokumentation die neue Pflege.

In der Zeit, in der ich eigentlich meine Pause abhalten sollte, entscheide ich mich dafür, die Tabletten für den nächsten Tag zu richten, damit der Frühdienst nicht bis zum Nachmittag bleiben muss..
Als ich um viertel vor 6 die ersten, müden Gesichter meiner Kollegen entdecke macht sich auch in mir langsam ein Feierabendgefühl breit.
In der Übergabe wird dann viel gegähnt aber auch viel gelacht und ich weiß wieder, warum ich immer noch hier arbeite.
In dieser Nacht habe ich mal wieder keine Pause gemacht, kaum gesessen, zu wenig getrunken und immer wieder das Gefühl, dass ich meinen Patienten und auch mir selber nicht gerecht werde.
Nachtwachen sind schon lange keine Wachen mehr, sondern lange, harte Dienste.
Auf dem Weg aus der Umkleide, schlage ich erneut gegen die Dachschräge, atme einmal tief aus und sage leise „3 von 4“ vor mich hin.

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