6:30 Uhr | Haus der Unglücklichen.

Montag, 6:30 h.
Ich hatte mir eigentlich sturerweiße vorgenommen, wie immer 1 Stunde früher meinen Dienst als PDL anzutreten. Dieser Morgen war aber anders. Alles, aber auch ALLES sträubte sich in mir, ins Altenheim zu gehen. Chef sein…für 70 Mitarbeiter, verantwortlich sein…für fast 100 Bewohner.
Wie immer trank ich noch kurz eine Tasse Kaffee, genoss die Ruhe vor dem Sturm. Ich konnte aber nicht aufstehen und mich anziehen. Ich konnte einfach nicht, es ging nicht. Die Gedanken an das an diesem Tag kommende, lähmten mich buchstäblich. Zittern, Schweißausbrüche an das was wohl kommen sollte.
An diesem Tag wäre es meine Aufgabe gewesen, in ein Haus voll mit ca. 200 unglücklichen Menschen zu gehen und diese „zu verwalten“. Eigentlich ist es Aufgabe einer Pflegedienstleitung eines Seniorenheimes, Teil eines Teams zu sein um Menschen etwas glücklicher zu machen. Mir war schon lange bekannt, dass diese Aufgabe in dieser Zeit, in diesem Land eine große Herausforderung darstellt.
Spätestens an diesem Morgen wurde mir klar, dass ich vollends versagt hatte. Weder war ich Teil eines Teams, dass Menschen etwas glücklicher machen konnte, noch konnte ich das Unglück verwalten. Ich war machtlos, kraftlos und ideenlos.
Mein Körper unterstützte diese Gedanken, in dem er sich wie ein bockender Esel weigerte aufzustehen und einfach weiterzumachen. Er wehrte sich in zitternder und schwitzender Form. Mein Gehirn arbeitete sich durch die Ängste:

– „wenn noch ein Mitarbeiter krank wird, ist der Dienst nicht mehr aufrecht zu erhalten?“
– „kommt heute eine Prüfung der Heimaufsicht oder MDK?“
– „konnte sich der neue Bewohner, der gestern eingezogen ist beruhigen oder besser, konnte er beruhigt werden?“
– „wer ist seit gestern abend hingefallen, wurde der Vorfall dokumentiert und wurde adäquat reagiert?“
– „welche Mitarbeiter werden mir heute ihr Leid klagen…obwohl ich deren Leid doch so gut kenne“?
– „welche Bewohner werden mich heute anflehen, ihre Situation doch zu ändern…was ich gerne würde“?
– „wieviele Angehörige werden sich heute über ihrer Meinung nach unangemessenen Zustände beschweren“?
– „wieviele Gesichter werden mich heute ansehen und HILF MIR! ausdrücken“?

Diese Gedanken hatte ich jeden Tag über Monate jeden Morgen. Aber an DIESEM Tag war es anders. Meine Gedanken schienen meinen Körper anzuschreien: „Geh da heute nicht hin!!“.
An diesem Tag hörte mein Körper auf diese Gedanken. Ich ging erstmal auf die Toilette um mich abgrundtief zu übergeben. Mit zitterndem Körper zurück zum Kaffee. „Was tue ich jetzt?“. Mein Eselskörper machte an diesem Tag die Entscheidung leicht. Es ging nicht. Weder mein Kopf noch mein Körper wollten in das Haus der Unglücklichen. Wenn ich schon nicht vorher unglücklich war, JETZT war ich es komplett.

Quelle: formatP

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