Arbeitszeit in der ambulanten Pflege.

Viele ambulante Pflegedienste haben die Pflegetätigkeiten in Früh- und Spätdiensten organisiert. Diese Dienste dauern oft ungefähr 5 – 6 Stunden. Frühdienste starten dabei regelmäßig zwischen 6:00 Uhr und 7:00 Uhr und enden zwischen 11:00 Uhr und 13:00 Uhr. Spätdienste beginnen regelmäßig zwischen 15:00 Uhr und 17:00 Uhr und können durchaus bis 23:00 Uhr andauern.

Der Blick in das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) zeigt nun recht schnell wo genau die Risiken bei der Personaleinsatzplanung für Anbieter ambulanter Pflegeleistungen liegen.

Beschäftigte dürfen höchstens 10 Stunden an einem Tag arbeiten

§ 3 Arbeitszeit der Arbeitnehmer
„Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten. Sie kann auf bis zu zehn Stunden nur verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden.“

Pflegekräfte sind in der häuslichen Pflege allerdings nicht selten gleich zu zwei Diensten an einem Arbeitstag eingesetzt. Solche geteilten Dienste sind manchmal von vorne herein im Dienstplan geplant, sie entstehen aber auch kurzfristig, beispielsweise durch einen Krankheitsfall im Team. Bei einem geteilten Dienst kommen zusätzlich zu den 5 – 6 Stunden des Frühdienstes später am Arbeitstag noch die 5 – 6 Stunden des Spätdienstes hinzu. Pflegekräfte geraten so schnell über die Obergrenze von werktäglich 10 Stunden. Kommt es dann während des Dienstes zu einem oder mehreren Arbeitszeit verlängernden Not- oder Zwischenfällen, bei älteren oftmals multimorbiden Menschen keine Seltenheit, erhöht sich die geleistete Arbeitszeit zusätzlich.
Aus 10 bis 12 Stunden Arbeit sind dann unter Umständen 13 bis 14 Stunden geworden.

Die Überschreitung der zulässigen Wochenarbeitszeit wird wohl eher selten problematisch sein. Samstage werden zur Berechnung der maximalen Wochenarbeitszeit als Werktage berücksichtigt. So werden rechnerisch bei der Ermittlung der maximalen Wochenarbeitszeit 6 Tage zugrunde gelegt. Bei höchstens 10 Stunden Arbeitszeit je Werktag ergibt sich so ein rechnerisches Wochenmaximum von 60 Stunden. Obwohl Pflegekräfte in der häuslichen Pflege oftmals sieben Tage am Stück im Einsatz sind werden selbst mit ein oder zwei Doppeldiensten kaum die 60 Stunden überschritten. Mehr dieser geteilten Dienste können jedoch zu Kollisionen mit dem Arbeitszeitgesetz führen.
Durch die in der Ambulanten Pflege typischen Dienstzeiten können hier schon bei kurzer Betrachtung eines Dienstplanes die wohl weniger gesetzeskonform eingesetzten Beschäftigten und die betreffenden Zeitabschnitte gefunden werden.

Nach spätestens sechs Stunden Arbeitszeit ist eine Ruhepause von mindestens 30 Minuten einzuhalten

§ 4 Ruhepausen
Die Arbeit ist durch im voraus feststehende Ruhepausen von mindestens 30 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs bis zu neun Stunden und 45 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden insgesamt zu unterbrechen. Die Ruhepausen nach Satz 1 können in Zeitabschnitte von jeweils mindestens 15 Minuten aufgeteilt werden. Länger als sechs Stunden hintereinander dürfen Arbeitnehmer nicht ohne Ruhepause beschäftigt werden.

Im Pflegedienst ist die Tourenplanung, also die Planung von Anzahl, Art und Reihenfolge der Hausbesuche bei Pflegebedürftigen, ständigen Änderungen unterworfen. Neue Patienten kommen beispielsweise durch Krankenhausentlassung hinzu, bereits geplante entfallen beispielsweise durch Krankenhauseinweisung. Oft ändert sich auch einfach der Versorgungswunsch der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen. Leicht können in dieser Dynamik der Tourenplanung zu viele Hausbesuche für einen Dienst geplant werden. Auch haben Beschäftigte bei Diensten, die ohnehin nur rund 6 Stunden dauern, unter Umständen kein Interesse kurz vor Dienstende eine halbe Stunde Pause zu berücksichtigen und sich vielleicht zusätzlich Vorhaltungen von wartenden Kunden machen zu lassen oder gar eine Beschwerde zu riskieren. Nur allzu leicht kommt es bei der Einhaltung der Ruhepausen immer wieder zu Defiziten.

Mindestens 10 Stunden ununterbrochene Ruhezeit müssen nach Beendigung der täglichen Arbeit eingehalten werden

§ 5 Ruhezeit
(1) Die Arbeitnehmer müssen nach Beendigung der täglichen Arbeitszeit eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens elf Stunden haben.
(2) Die Dauer der Ruhezeit des Absatzes 1 kann in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen zur Behandlung, Pflege und Betreuung von Personen, {…} um bis zu eine Stunde verkürzt werden, wenn jede Verkürzung der Ruhezeit innerhalb eines Kalendermonats oder innerhalb von vier Wochen durch Verlängerung einer anderen Ruhezeit auf mindestens zwölf Stunden ausgeglichen wird.
(3) Abweichend von Absatz 1 können in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen zur Behandlung, Pflege und Betreuung von Personen Kürzungen der Ruhezeit durch Inanspruchnahmen während der Rufbereitschaft, die nicht mehr als die Hälfte der Ruhezeit betragen, zu anderen Zeiten ausgeglichen werden.

Bei einem Blick auf die oben genannten Dienstzeiten wird die Problemstellung sofort klar: Wer seinen Dienst nach 20:00 Uhr beendet hat kann unter Berücksichtigung des Arbeitszeitgesetzes nicht am nächsten Morgen um 6:00 Uhr einen Dienst beginnen.

Abweichende Regelungen

Wie in § 7 Abweichende Regelungen nachzulesen können zum Beispiel auf Grund eines Tarifvertrages abweichende Regelungen getroffen werden. Zur korrekten Bewertung der eigenen Situation ist deshalb die Betrachtung der individuellen Rahmenbedingungen unerlässlich.

Ein zusammenfassendes Fazit könnte so lauten:

Pflegekräfte arbeiten in der ambulanten Pflege regelmäßig länger als es das Gesetz zulässt, halten immer wieder das gesetzliche Mindestmaß ihrer Ruhepausen nicht ein und erhalten wiederholt nicht die gesetzlich vorgesehene Ruhezeit zwischen den Diensten zweier Tage. In allen drei Qualitäten wird das Arbeitszeitgesetz in seiner Schutzfunktion für Arbeitnehmer bundesweit und andauernd verletzt.

Hier darf natürlich jede(r) ein eigenes Fazit ziehen.

Liebe Grüße
@pflegepuls

4 Gedanken zu „Arbeitszeit in der ambulanten Pflege.

  1. Mariola Endres

    Mit Ihrer klaren Beschreibung der Arbeitszeiten-Problematik sprechen Sie aus, was viel zu oft bewusst ignoriert wird.
    Das Problem ist hier nicht nur die schlechte Lebensqualität der Pflegekräfte und die damit einhergehenden Gesundheitsgefahren.
    Zugleich ist und bleibt das Berufsbild unattraktiv, was den Pflegekräfte-Mangel weiterhin zum Problem macht.
    Was noch hinzu kommt:
    Auch der Patient leidet durch Pflegekräfte, die aufgrund schlechter Arbeitszeiten nicht erholt und physisch wie psychisch angeschlagen sind.

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  2. Tina

    Was genau geschieht, wenn die Gesetze nicht eingehalten werden und dann im Dienst oder auch privat ein Unfall passiert?
    Oder auch ein Fehler wärend der Arbeit, falsches Medikament wird verabreicht oä?

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  3. Neele

    Ein sehr interessanter Artikel. Die genannten Punkte treffen auf meiner Arbeit voll zu. Was kann ich konkret als AN im Doppeldienst tun,wenn ich schon voraussehe, dass ich teilweise nur 8Std Ruhezeit habe, eine Pause von 30Min nicht möglich ist (zwischen Früh und Mittagsdienst habe ich in der Regel schon 30-45Min Verspätung, eine gesetzliche Pause kann ich hier nicht machen.) Was kann ich tun? An wen wende ich mich?

    Mein AG dagt dazu nur: Bei uns herschen andere Gesetze…

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