Ausreichende Pflege reicht.

Teamsitzung. Meine Stationsleitung und ca. 12 Leute unseres 31- köpfigen Pflegeteams sitzen zusammen und besprechen die neusten Verfahrensanweisungen und Änderungen im Klinikum. Wie immer wird auch das Thema Personalmangel angesprochen. Wie immer erzählen wir frustriert, wie wenig Zeit wir für die Patienten haben weil wir uns mit 100 anderen Dingen auseinander setzen müssen. Wie immer hört unsere Leitung es sich an, nickt zustimmend, blickt zu Boden. Er weiß ja selber wie es ist, denn auch er arbeitet teilweise noch in der Pflege. „Ich kann es nicht ändern.“ Wie immer, also.

„Wir sollen nicht professionell pflegen, wir sollen bloß ausreichend pflegen.“ Worte von Cruella de vil, wie wir sie liebevoll nennen. Unsere Pflegedienstleitung. Überbracht von unserer Stationsleitung. Seit nunmehr 31 Stunden denke ich über ihre Worte nach und frage mich, was das bedeuten soll. Ich soll also nur noch ausreichend pflegen. Wo fängt „ausreichend“ an und wo hört es auf?

„Hauptsache satt und sauber also!“ ruft eine Kollegin empört. Ich kann es ihr nicht übel nehmen, denn wir dachten wohl alle das gleiche. Wenn eine Pflegedienstleitung schon keine Professionalität mehr wünscht, wo soll das ganze denn noch hinführen? Und was sage ich meinen Patienten? Wofür lerne ich 3 oder mehr Jahre? Ist das also die Lösung für das ganze System in der Pflege? Ausreichend pflegen. Satt und sauber. Jetzt schauen wir alle zu Boden. Die Stimmung ist gedrückt. Wie immer.

Ich stelle mir vor, wie „ausreichende Pflege“ am Krankenbett aussieht:

Morgens bei der Grundpflege wird nur das Inkontinenzmaterial gewechselt. Patienten die sich nicht selber im Bett bewegen können, werden gedreht, damit die Haut intakt bleibt. Das reicht aus.

Die Mahlzeiten werden nicht mehr vorbereitet, die Brötchen nicht mehr geschmiert, das Fleisch nicht mehr zerkleinert. Ich stelle das Essen ins Zimmer und fordere auf, die Medikamente zu nehmen. Für die, die es nicht können, schmeiße ich die Tabletten nach und nach in die Futterlucke. Das reicht aus. 

Ich gehe nicht mehr zur Visite mit, erkläre den Patienten hinterher nicht mehr was der Arzt gesagt hat- ich war ja sowieso nicht dabei. Ich arbeite nur das Aufgeschriebene aus, denke nicht mehr mit, weise den Arzt nicht mehr auf Laborwerte oder anderes hin. Das reicht aus.

Ich höre mir nicht mehr die Fragen und Ängste von Angehörigen an, versuche sie nicht mehr zu beruhigen oder mit ihnen darüber zu reden, wie es nach dem Krankenhausaufenthalt weitergeht. Ich gebe ihnen die Nummer von unserer Casemanagerin und sage, wo das Arztzimmer ist. Ist der Arzt im OP, ist das nicht mehr mein Problem. Das muss reichen.

Ich verschließe die Augen vor jeglicher gesundheitlicher Veränderung. Ich beobachte nicht mehr. Ich beurteile nicht mehr. Ich unterstütze nicht mehr. Ich helfe nicht mehr. Jeder ist satt und sauber. Jeder atmet. Das muss reichen!

Ich soll nur noch ausreichend pflegen. Ich soll nicht professionell sein. Ich soll funktionieren. Das System soll funktionieren und der Rubel soll rollen, das Geld fließen.

ES REICHT!

3 Gedanken zu „Ausreichende Pflege reicht.

  1. snoopylife

    NICHT professionell pflegen, wurde das echt gesagt? Wahnsinn. – Noch mal großes Lob für diesen Blog, der so klar geschrieben ist, dass es auch der letzte Dussel begreift. Habe immer die Idee: Macht ein Buch daraus. Das müssen alle, alle lesen. Liebe Grüße von Snoopy

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  2. Sabina

    Ja es geht nur und wirklich nur um die “ Wirtschaftlichkeit“ der Träger und ihrem Stab!!!
    Wir da unten sind für das Notwendigste da.
    Ich hoffe nur,das einer dieser Dienst Oberen in eine vergleichbare Situation kommt, und Hilfe benötigt, doch dann haben ja sie selbst
    “ nur das Nötigste “ angeordnet. Und nun?
    Erst dann kommt Veränderung in die Pflege ,
    bis dorthin heißt es durchhalten .
    Oder nach Alternativen suchen die einem Befriedigen und auch noch Spaß machen.

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  3. oberschwesterhildegard

    Ich beneide euch im Krhs ja gar nicht mehr. Ich wünsche euch Versorgungsverträge, wie unsere Heimchen sie von den Kassen aufs Auge gedrückt bekommen. Diese besagen nämlich Mindestgrenzen zur pflegerischen Besetzung.

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