Kategorie-Archiv: Ausbildung

Wie man Auszubildende in den #Pflexit treiben kann.

Dieser Bericht dreht sich um eine Auszubildende in unserem Klinikum. Die Schülerin, nennen wir sie mal Anna, ist frisch im Oberkurs und bereitet sich fleißig für ihr Examen im Sommer vor. Ich selbst arbeite als Springer für die Normal-, und bedingt Intensivstationen, in unserem Haus und hatte über die Weihnachtsfeiertage den Bereitschaftsdienst übernommen. Besagte Schülerin, ich kannte sie damals noch nicht, rief mich aus lauter Verzweiflung am 1. Weihnachtsfeiertag auf meinem Bereitschaftstelefon an: Der Spätdienst hätte sich vor ein paar Stunden komplett krank gemeldet, von den Kollegen des Frühdienstes wolle keiner länger bleiben und drohten sogar damit, sie alleine auf der Station stehen zu lassen.
Sofort eilte ich zu ihr auf Station und wir hörten erst einmal gemeinsam die Patientenübergabe an, bevor wir einen Notfallplan schmiedeten. Der Bereitschaftsarzt Markus, ein guter Freund, der zeitliche Kapazitäten hatte, stand uns zur Seite. Wir bestritten also tatsächlich zu dritt diesen Dienst: Doc Markus kümmerte sich um Organisatorisches, verteilte das Essen, richtete Infusionen und quetschte zwischendurch noch ein paar Untersuchungen auf anderen Stationen dazwischen. Währenddessen „schmissen“ wir beiden die restliche Station. Die ersten Stunden begleitete ich die Schülerin, um sie, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse kennenzulernen. Und ganz ehrlich: Anna machte sich top! Sie achtete penibel auf Hygiene, kannte sich in der Krankheitslehre und Pflege in der Viszeralchirurgie aus und hatte auch die richtigen Handgriffe parat. Auch die Tages-Herausforderung meisterte sie mit Bravour: Während der Versorgung eines Patienten erkannte sie, dass es dem Zimmernachbarn zunehmend schlechter ging und löste Alarm aus. Als ich im Zimmer eintraf, hatte sie bereits mit den Thoraxkompressionen begonnen. Ich holte unterdessen den Notfallwagen, alarmierte Markus und unser Reanimationsteam. Nach kurzer Reanimation unsererseits hatte der Patient wieder einen Sinusrhythmus entwickelt, als das Team übernahm. Wir waren stolz auf Anna, die das alles noch nicht realisieren konnte.
Am nächsten Tag die gleiche Situation: Anna stand mit Markus und mir alleine auf der Station. Aber auch diesen Dienst hatten wir mit gemeinsamer Anstrengung gut, und vor allem zufriedenstellend, hinter uns gebracht.

In diesen zwei Tagen habe ich Anna sehr gut kennen und schätzen gelernt. In einigen Gesprächen ließ sie durchsickern, dass sie sich auf der Station nicht so wohl fühle. Im Nachhinein war das wohl bereits der erste Hilferuf, denn auch unter uns Springern ist die Station, ich nennen sie liebevoll Chaos-Station, verrufen: Kollegen, die sich untereinander nicht leiden können und dies offen zur Schau tragen, gar gegeneinander arbeiten und, wie könnte es anders sein, jeden „Externen“ ausnutzen und fertig machen. Und zu diesen Externen zählte nicht nur ich als Springer (Die ja eh alle faul sind und nix können), sondern auch Schülerin Anna (als kostenlose Hilfskraft). Kurzum: Das Personal konnte nicht miteinander arbeiten, sei es Pflege, als auch Ärzte, zusätzlich gab es dort einige Kollegen der „alten Schule“ und auch viele Patienten waren mit der Betreuung nicht zufrieden. Eigentlich lief dort so alles schief, was nur schief laufen kann. Und genau diese Situation auf der Station war schon länger in der Verwaltung und auch Schule bekannt, doch geändert hatte sich bisher nichts.

Das nächste Mal traf ich Anna zum Schichtwechsel Anfang des Monats. Wir besprachen, dass wir beim nächsten gemeinsamen Dienst eine kleine Prüfung simulieren, da sie auf der Station nur schlecht betreut und vorbereitet fühlte. Zwar bin ich kein Praxisanleiter, dennoch arbeite ich sehr gerne mit Schülern zusammen. Und scheinbar gehörte ich zu den wenigen Personen, die Anna ihr Schülerleben ausleben ließen, das heißt: Die Versorgung von eigenen Patienten zu übernehmen, frisch gelernte Techniken unter Aufsicht durchzuführen und eben auch mal das Ruder zu übernehmen.
Also bereitete ich mich entsprechend vor, ging selbst nochmals einige Standards der Klinik durch und schrieb mir einen Masterplan, was ich gerne alles mit Anna machen wollte.

Schließlich hatte ich wieder Dienst auf oben benannter Station, Anna war ebenfalls da, welche überglücklich schien, als sie mich sah. Bereits bei der Patientenübergabe gab es Unstimmigkeiten unter den Kollegen, da alle Bereiche so aufwendig wären. Mein Vorschlag, dass Anna und ich die pflegeaufwändigen Patienten übernehmen würden, stieß daher auf große Zustimmung und wir beide hatten unsere „Ruhe“ sicher. Dennoch, erlebte ich mehrmals, wie meine Kollegen Anna schikanierten, beleidigten und beschimpften. Begriffe und Aussagen wie „dumm“, „faul“, „Machst eh alles falsch“ oder „Die Prüfung kannste knicken“, waren dabei tatsächlich nur die Harmlosesten. Ich musste die Schülerin mehrmals in Schutz nehmen und die Kollegen zurechtweisen. Eine Schülerin ist zum Lernen hier, Pflegekräfte zum Lehren! Während der ganzen Schicht versuchte ich also weiterhin Anna von den restlichen Kollegen auf Station fern zu halten und ließ sie keinen Augenblick alleine, damit ich rechtzeitig einschreiten konnte.
Bereits an diesem Abend war mein persönliches Limit erreicht. Doch es kam noch schlimmer…

Am nächsten Tag hatten wir wieder gemeinsam Dienst auf Station. So wie der letzte Tag geendet hatte, so begann der Neue: Wieder musste ich Anna mehrmals in Schutz nehmen. Ich behaupte mal, dass ich sie nach den Weihnachtsdiensten sehr gut kennen gelernt habe und ihre Fähigkeiten einschätzen kann! So nahm die erste Stunde des Dienstes ihren Lauf, bis Anna mich letztendlich am Arm packte und in den Nebenraum führte. Die junge, wissbegierige, fleißige und stets freundliche Schülerin zitterte im ganzen Körper und fiel mir weinend in die Arme.
Glücklicherweise konnte ich einen anderen Springer organisierte, damit ich mit Anna von Station konnte und wir tatsächlich unsere Ruhe hatten. Wir redeten viel, wir schwiegen aber auch viel. Sie erzählte, wie sie die vergangene Zeit auf der Station erlebt hatte, was alles vorgefallen war, welche Anschuldigungen man ihr an den Kopf warf, sogar welche Vorwürfe sie sich inzwischen selbst machte. Und da saßen wir beide und nun machte ich mir Vorwürfe. Vorwürfe, warum ich nicht früher Alarm geschlagen habe?
Nachdem sich Anna endlich mal richtig auskotzen konnte, sorgte ich dafür, dass der Betriebsarzt sie für einige Tage krankschrieb, gab sofort in der Verwaltung Bescheid und brachte sie nach Hause, wo ich mit ihr wartete, bis die Mitbewohnerin aus der Vorlesung kam.

In den folgenden Tagen fanden Gespräche mit der Stationsleitung, der Pflegedienstleitung und der Pflegeschule statt. Ich selbst verfasste eine Stellungnahme und meldete den ganzen Vorfall zusätzlich unserem Betriebsrat, sowie der Auszubildendenvertretung. Meiner PDL teilte ich freundlich mit, dass ich nicht mehr auf dieser Station eingesetzt werden möchte und man doch davon absehen soll, dort weiterhin Auszubildende und Praktikanten einzusetzen.
Zu Anna: Mein Eindruck bestätigte sich nach einem Gespräch mit ihrer Lehrerin, die mir zudem versicherte, dass Anna zunächst für zwei Wochen freigestellt wird und später ihre Ausbildung auf einer anderen Station fortsetzen darf.
Allerdings bin ich immer noch schockiert und bekomme den Moment, indem Anna sich an mich klammerte, nicht mehr aus dem Kopf. Vermutlich habe ich in meiner Ausbildung selbst sehr viel Glück gehabt, obwohl auch dort viel schief gelaufen ist. Dass manche Kollegen uns Springern gegenüber unfreundlich sind, daran habe ich mich längst gewöhnt und bin zudem ein großer Freund des Meldeformulars (wenn es um Patientengefährdung geht) geworden. Aber ein Team, das sich nicht nur untereinander anfeindet, sondern diesen Frust an völlig Unbeteiligten auslässt, hat mich völlig vom Hocker gehauen. Hier ist etwas ziemlich schief gelaufen! Und nicht nur das, die eigentlichen Gründe für dieses Verhalten, das die Grenze dermaßen überschritten hat, sind tief im Team begraben und liegen sicherlich nicht nur in Überforderung, Unterbesetzung und Unzufriedenheit.

Liebe Anna,
gib nicht auf! Deine Lehrer, der Betriebsrat, die Auszubildendenvertretung und ganz besonders Markus und ich stehen vollkommen hinter dir. Lass dich nicht unterkriegen oder hole dir Hilfe bei Kollegen, Lehrer und Mitschülern. Du bist nicht alleine und musst das auch nicht alleine durchstehen. Was auch immer geschieht, du kannst dich auf uns verlassen und wir würden uns sehr freuen, wenn wir dir im Sommer zu deinem Examen gratulieren dürfen. Denn das, was du machst, machst du gut und gewissenhaft. Ich habe ehrlich gesagt, keinerlei Zweifel, dass du die Prüfungen glänzend bestehst und ich dich bald als examinierte Kollegin begrüßen darf. Spätestens dann bekommst du die zweite Torte, dieses Mal selbst gebacken. Versprochen! ;)

Beitrag von Knegb

Die Generalistik – Unnötige Reform der #Pflege?

Wir haben es geschafft! Immer deutlicher und öfter wird davon berichtet, dass es uns als beruflich Pflegende extrem schlecht geht. Immer wieder sind unsere Belange in der Presse wieder zu finden, nur ein richtiges Standing haben wir immer noch nicht.

Um das Ansehen der Pflege zu verbessern und dem Druck der EU entgegen zu kommen, plant man eine Reform der Pflegeausbildung. Sie scheint greifbar nah zu sein und doch könnte sie nun scheitern. Scheitern an der Blockade der Union und ich kann das nicht einmal kritisieren.

Die generalistische Ausbildung soll kommen. Altenpflege, Kinderkrankenpflege und die „normale“ Gesundheits- und Krankenpflege, sollen in einer Ausbildung zusammen gefasst werden. Kein Jahr der Spezialisierung mehr, wie wir es im dritten Jahr zwischen der Kinder- und der Erwachsenenpflege kennen.

Nun diese, noch einmal deutlich mehr der Theorie zugewandte Ausbildung, hat viele Unterstützer in den Verbänden der Pflege und nicht zuletzt in den Universitäten. Erhofft man sich doch eine starke Annäherung an die Partnerländer in der EU. Erhofft man sich doch, dass vor allem der Bereich Altenpflege ein besseres Ansehen erlangt. Der Wegfall des Titel Altenpflege, soll ein in der Öffentlichkeit negativ geprägtes Bild unserer Berufswelt verschwinden lassen.

Es mag sein, dass die Generalistik rein wissenschaftlich betrachtet eine sinnvolle Novellierung unserer Berufsausbildungen darstellt. Der Widerstand der Union zeigt nun aber, vielleicht war dieser extrem große Sprung zu weit gefasst und aus diesem Grund zum Scheitern verurteilt. 

Wir sprechen mit der nun anstehenden Novellierung, von der zweiten Gesetzesänderung in knapp zehn Jahren. Das ist reichlich sportlich und schnell. Den Zugang zum Pflegeberuf nun weiter einzuschränken, die Spezialisierung auf einen der drei Hauptbereiche raus zu nehmen und die Hochschulausbildung zu fokussieren ist vielleicht einfach zu viel.

Ein Schritt hätte aus meiner Sicht sein können, die Altenpflege zunächst in die bestehende Struktur der Gesundheits- und Krankenpflege als auch Gesundheits- und Kinderkrankenpflege einzugliedern. Eine gemeinsame Ausbildung über zwei Jahre, mit einem dritten Jahr in dem eine Vertiefung in die Bereiche Kinderklinik, Klinik und Pflege im Alter hätte statt finden können.

Ein sinnvoller kleinschrittiger Ansatz, der bei der konservativen Politik, wie auch bei Arbeitgeberverbänden deutlich weniger Angst ausgelöst hätte. 

Sehr ausführlich wurde untersucht ob die generalistisch ausgebildeten Kräfte, das spezifische Wissen für die Stationen schnell aufholen können. Dies wurde soweit es mir an der Uni Witten vermittelt wurde, positiv bescheinigt. Ja die Schülerinnen und Schüler, können nach ihrem Examen trotz fehlender Spezifikation sehr schnell das für den Bereich nötige Wissen nacharbeiten. 

Dies mag an Modellschulen und Krankenhäusern klappen.

In der Breite teile ich da die Befürchtungen der unterschiedlichen Verbände wie den BPA (Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e. V.), deren Meinung ich tatsächlich nur sehr ungern stärke. Allerdings sind die Mitglieder des BPA mitverantwortlich für meine Sicht der Dinge. Die Pflegedienste, Pflegeheime und Krankenhäuser sind in der Masse strukturell so unterbesetzt, dass bis auf wenige Modellbetriebe, eine sinnvolle Einbindung der generalistisch ausgebildeten Pflegekräfte zum Zwecke der Kompetenz steigernden Einarbeitung nicht möglich sein wird.

Ein Scheitern der Berufsreform Pflege, wird tragische Folgen vor allem für die Altenpflege haben. Kleinere Ziele und die Einbindung der Altenpflege in das jetzt gültige Ausbildungsgesetz der Gesundheits- und Krankenpflege, hätten aus meiner Sicht mehr Sinn gemacht.

Eine realistische Formulierung der Ziele der Pflegeberufsreform, hätte mehr Energie für andere „Schlachtfelder“ der Pflege übrig gelassen. Vielleicht hätten wir dann auch mehr Mut der Verbände erleben können, mit progressiven Protestformen und nicht nur mit Luftballonen und Trillerpfeifen.

Bevor nun eine Reform der Pflegeberufe gänzlich scheitern sollte, ist ja vielleicht doch noch Zeit für den hier angerissenen Plan B.

 

T.Weijers

(Herzlichen Dank an @Nanunana249)

#pflegestreik

In der letzten Woche erschien der Hashtag „Pflegestreik“ gehäuft auf Twitter. Leider nur dort. In den Medien wurde nicht darüber berichtet, was ich nicht nachvollziehen kann. Denn es ist ein wichtiges Thema, das uns ALLE betrifft. Den einen früher, den anderen später.
Auch wenn man diesem Thema aus dem Weg gehen will – wird es nicht funktionieren. Denn wenn es so weiter geht wird unser ganzes Gesundheitssystem, so wie wir es jetzt kennen, nicht mehr lange überleben.
Und ich erkläre euch auch, warum.

Es herrscht Fachkräftemangel in der Pflege. Nichts neues, hat jeder schon mal gehört. Doch nur die Wenigsten verstehen wirklich, was das bedeutet. Nur chronisch Kranke, Angehörige oder Menschen, die in der Pflege arbeiten, bekommen dieses Problem hautnah mit. Die anderen Menschen denken sich, dass es sie nicht betrifft. Falsch gedacht. Denn es geht nicht nur um ein paar Fachkräfte, die fehlen. Nein. Es fehlen ÜBER 16.000 Pflegende. 16.000.
Und mit jedem Tag werden es mehr. Die Fachkräfte, die wir aktuell noch haben, gehen entweder bald in Rente oder hören auf, weil sie ausgebrannt sind. Die restlichen Fachkräfte wandern in andere Länder aus, wie z.B. in die Schweiz, weil dort die Bedingungen besser sind.
An Auszubildenden fehlt es eigentlich nicht. Theoretisch. Praktisch arbeiten nur wenige nach der Ausbildung weiterhin in der Pflege. Wenn in einer Klasse 25 Auszubildende sind, arbeiten vielleicht maximal 5 Auszubildende nach der Ausbildung weiter in der Pflege. Die anderen suchen sich etwas anderes, weil die Bedingungen so schlecht sind. Wir bilden zwar genug Fachkräfte aus – können diese aber nicht halten. Und das nicht ohne Grund.

In diesem System läuft gehörig etwas schief. Das aber schon seit Jahrzehnten.
Es wird nur schlimmer, nicht besser.
Die Medizin macht immer größere Fortschritte, die Pflege wird immer schlechter.
Und das liegt nicht an den Pflegenden.
Sondern am System.

Warum das so ist?
Wie bereits erwähnt, fehlen immer mehr Fachkräfte. Oft muss eine examinierte Fachkraft tagsüber bis zu 25 Patienten/Bewohner alleine versorgen. Höchstens ein paar Praktikanten oder Schüler sind noch dabei, aber diese ersetzen keine vollwertige Fachkraft. Nachts ist eine examinierte Fachkraft oft alleine für bis zu 80 Patienten/Bewohner zuständig. Wir reden hier natürlich nicht von fitten, gesunden Menschen. Nein, natürlich nicht. Diese Patienten/Bewohner sind meistens Vollpflegefälle, die alle zwei Stunden umgelagert werden müssen, weil sie dies nicht mehr alleine können. Die Pflegekraft muss Infusionen fertig machen, Tabletten stellen, nach den Patienten/Bewohnern sehen und zur Klingel gehen. Besonders im geriatrischen Bereich ist nachts besonders viel los. Demente Menschen sind häufig nachtaktiv und laufen herum. Dann muss die Pflegekraft aufpassen, dass diese Patienten/Bewohner nicht weglaufen oder andere Dinge tun, die ihnen schaden könnten. Wir rekonstruieren – diese Pflegekraft ist alleine. Sie muss alle ihre Aufgaben erledigen und sich zeitgleich noch um die aktuellen Belange ihrer Schützlinge kümmern. Doch dadurch, dass sie alleine ist, kann sie dies nicht. Sie hat nicht genug Zeit. Und dadurch bleiben die Patienten/Bewohner auf der Strecke. Diese werden dann eben nicht alle zwei Stunden gelagert, weil dies nicht möglich ist. Somit entwickeln sie häufig Drückgeschwüre (Dekubitus), die nur schwer wieder weggehen. Viele Patienten/Bewohner liegen stundenlang eingenässt in ihren Betten. Erst zum Frühdienst werden sie wieder sauber gemacht.
Ich übertreibe nicht. Dies ist Alltag in Deutschland. In allen Krankenhäusern und Pflegeheimen. Es gibt nur wenige Ausnahmen.
Tagsüber ist es nicht besser. Oft werden ungelernte Kräfte auf die Schwerstpflegebedürftigen losgelassen. Meistens sind es Schüler oder Praktikanten, die nicht genug Fachwissen haben, um die Patienten/Bewohner fachgerecht zu pflegen. Woher auch? Richtig angeleitet wird schon lange nicht mehr, denn die Fachkräfte haben selbst genug um die Ohren. Da wird den Praktikanten oder Schülern meistens nichts erklärt, sondern nur gesagt „Du machst das schon“. Das darf so nicht sein. Wie sollen wir denn Fachkräfte ausbilden, wenn ihnen niemand etwas erklärt? Oder sie bekommen Dinge mit den Worten „In der Prüfung darfst du das aber nicht machen, das ist eigentlich falsch“ erklärt. Ja, super. Hilft einem enorm weiter.
Ich selbst arbeite erst seit zwei Jahren in der Pflege und habe schon so viele Dinge erlebt, die eigentlich nicht sein dürften. Aber meistens geht es nicht anders. Auf dem Papier gibt es beispielsweise die 1:1-Betreuung. In der Praxis ist dies nicht umsetzbar, da betreut dann eine Pflegekraft 20 Patienten auf einmal und dann sind da zwei Patienten dabei, die theoretisch eine 1:1-Betreuung hätten. Es ist einfach nicht umsetzbar.

Der Fachkräftemangel ist nicht das einzige Problem, aber der Grundstein für die weiteren Probleme. Durch den Fachkräftemangel herrscht ein gewaltiger Druck auf den Pflegekräften, die dadurch anfällig für Krankheiten werden. Damit beginnt der Teufelskreis: Durch Krankheitsausfälle gibt es noch weniger Personal und der Druck wird noch größer, dann fallen noch mehr Pflegekräfte aus und so weiter. Aus diesem Teufelskreis kommt man nicht raus. In anderen Berufen würde man die ausgefallenen Mitarbeiter ersetzen. In der Pflege geht das nicht so einfach, denn es gibt nicht genug Menschen, die diesen Beruf machen wollen.
Im Endeffekt leiden vorallem die Patienten darunter. Damit das endlich aufhört, haben Mitarbeiter der Berliner Charité zum Pflegestreik aufgerufen: „Menschen werden nicht unterversorgt, weil Pflegende streiken, sondern Pflegende streiken, weil Menschen unterversorgt werden.“

Und damit haben sie verdammt Recht. Eigentlich müsste es ganz Deutschland nachmachen, damit sich endlich etwas ändert. Geht bloß nicht, denn in vielen (vorallem) katholischen Krankenhäusern sind Streiks verboten.

Für die Medien ist dieses Problem quasi nicht existent. Liegt wahrscheinlich daran, dass es den Streikenden nicht um mehr Geld geht, sondern um bessere Bedinungen und mehr Personal. Ist wahrscheinlich nicht spektakulär genug. Natürlich ist es für uns wichtiger, dass die Bahn oder die Post streikt – denn davon sind wir unmittelbar betroffen. Dass es in der Pflege ein gewaltiges Problem gibt, wird der Durchschnittsmensch erst dann bereifen, wenn er selbst auf Pflege angewiesen ist und dann ist es zu spät.

Einer unserer Lehrer meinte zu uns: „Wenn ihr nicht anfangt zu kämpfen, bricht das gesamte System zusammen.“ Er hat verdammt Recht. Es muss sich endlich etwas ändern. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Es geht schließlich um Menschenleben!

Ich wünschte, ich selbst könnte mehr tun, damit sich etwas ändert. Denn ich arbeite gerne in der Pflege, es macht mir Spaß. Aber ich möchte auch, dass das so bleibt. Ich würde gerne bis zur Rente in der Pflege arbeiten, aber unter den aktuellen Bedingungen ist dies utopisch.

Es muss sich etwas ändern. Lieber heute als morgen,
denn morgen könnte es schon zu spät sein.

Quelle: Graustufenregenbogen

Gedanken zum „Pflegestreik“

Pflegekräfte „haken“ ab. Täglich. Am Ende jedes Dienstes.
Sie unterschreiben, welche Prophylaxen sie an einem Patienten durchgeführt haben.
Dass sie mit ihm/ihr Atemübungen gemacht, die Haut auf Druckstellen untersucht und eingecremt, demjenigen Bewegungsübungen gegen Thrombosen gezeigt hätten.
Sie unterschreiben, dass sie bei einem liegenden Blasendauerkatheter mindestens
einmal pro Schicht eine Intimpflege vorgenommen haben, um Harnwegsinfekte zu vermeiden.
Sie unterschreiben, dass ein Patient alle zwei Stunden umpositioniert wurde, da er sich selbst nicht bewegen kann. Dass er bei jeder dieser Gelegenheiten etwas zu Trinken und evtl. eine
Zwischenmahlzeit erhalten hat. Dass zwei Mal in der Schicht eine spezielle Mundpflege durchgeführt wurde, da der Patient nicht richtig schlucken kann und um einer Lungenentzündung vorzubeugen.
Sie unterschreiben die Gabe von Inhalationen und Medikamenten, die der Patient erhalten soll.
Das Alles haben sie nicht gemacht. Sie hatten keine Zeit dafür.
Ich verstehe, dass viele Kollegen mit der Zeit abstumpfen.
Nie mit der Arbeit fertig zu werden und abends nicht Aktenberge, sondern kranke und bedürftige Menschen liegen zu lassen, ist psychisch schwer zu verkraften.
Man will sein Bestes geben, man sieht seine Arbeit vielleicht sogar als die oft
genannte „Berufung“, wird aber kontinuierlich von den Arbeitgebern, der Politik und der Struktur des Gesundheitssystems daran gehindert, dies zu tun.
Es sind zu viele Aufgaben für zu wenige Menschen.
In anderen Ländern fühlen sich Pflegekräfte gestresst, wenn sie mehr als sechs oder sieben Patientenversorgen. In Deutschland kommt es regelmäßig vor, dass eine Pflegekraft alleine im Dienst ist und für 20 oder mehr Personen verantwortlich ist. Sie bekommt dabei aber keine Unterstützung von Bürokräften, die die Akten vorbereiten, von Hilfskräften, die Getränke verteilen und Betten beziehen, von Pflegehelfern, die dafür ausgebildet sind, die Körperpflege bei bedürftigen Patienten zu übernehmen oder sie auf die Toilette zu begleiten, wie es in vielen Ländern die Regel ist. Unterstützung bekommt sie lediglich durch einen „Schüler“ oder Praktikanten. Nachts gerne auch von niemandem.
Ich habe schon oft Beschwerden gehört, es könne nicht sein, dass ein Mensch unbemerkt stundenlang tot in seinem Bett liegt, bevor jemand es bemerkt. Meine Frage ist: wer soll es denn bemerken? Wenn ich auf einer Seite der Station mit meinem Rundgang beginne, dauert es mindestens zwei Stunden, bis ich das nächste Mal nach den Patienten dort sehen kann – falls in der Zwischenzeit kein Notfall ist, der mich eine zusätzliche halbe Stunde in Anspruch nimmt.

Wenn Sie Ihren Angehörigen im Krankenhaus besuchen und nach einer „Schwester“ klingeln (die offizielle Berufsbezeichnung lautet Gesundheits- und Krankenpfleger/in), damit sie die Person von der Bettschüssel befreit, und diese nach einer halben Stunde immer noch nicht da ist, muss das kein böser Wille sein. Es ist unwahrscheinlich, dass sie gerade Pause macht. Vermutlich haben mittlerweile fünf weitere Patienten geklingelt, sie hat einen Patienten in den Operationssaal gefahren und das Abendessen musste ausgeteilt werden.
Sie hat es einfach vergessen.
Beschweren Sie sich also nicht bei der betreffenden Pflegekraft, beschweren Sie sich bei den Menschen, die festlegen, wie viel Personal auf einer Station eingesetzt wird.

In den drei Jahren, in denen ich in vier Krankenhäusern auf 14 Stationen und in einem Pflegedienst gearbeitet habe, hatte ich bei genau drei Einsätzen eine Pause. Arbeitspausen sind im Arbeitszeitgesetz §4 wie folgt definiert: „Die Arbeit ist durch die im Voraus feststehenden Ruhepausen von mindestens 30 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs bis zu neun
Stunden und 45 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden insgesamt zu unterbrechen. Die Ruhepausen können in Zeitabschnitte von jeweils mindestens 15 Minuten aufgeteilt werden. Länger als sechs Stunden dürfen Arbeitnehmer nicht ohne Ruhepausen beschäftigt werden.“

Ich werde von Patienten oft gefragt, ob es in der Kantine dasselbe Essen gäbe.
Ob ich jetzt in die Mittagspause gehe.
Ob es schlimm wäre, wenn sie mich im Nachtdienst beim Schlafen störten.
Ich kann nicht in die Kantine gehen.
Meine „Pausen“ gestalten sich so, dass ich mich zum Frühstück/Abendessen hinsetze.
Ich schneide eine Semmel auf, öffne die Butterpackung und schmiere die eine Hälfte.
Es klingelt.
Ich bringe einem Patienten die Bettschüssel.
Ich schmiere das Brot fertig und beiße zweimal ab.
Es klingelt wieder.
Ich bringe einem gehfähigen Patienten einen Krug Wasser.
Ich esse die eine Hälfte fertig.
Es klingelt.
Ich helfe dem ersten Patienten von der Bettschüssel und säubere sein mit Stuhlgang verschmiertes Gesäß.
Ich esse mein Brot fertig.
Meine Pause ist beendet.

Ich lese und höre oft Kommentare von verschiedensten Personen, „Schwestern“ würden die ganze Zeit nur Kaffee „saufen“ und Kuchen essen. Ich frage mich dann, in welchem Krankenhaus das sein soll.
Vermutlich verwechseln diese Menschen unsere Dienstübergaben, während derer zugegebenermaßen aufgrund des Schichtdienstes extrem viel Kaffee getrunken wird, mit Pausen. Übergaben sind wichtig, damit die nächste Schicht die Diagnosen aller Patienten kennt und über Pflegeprobleme Bescheid weiß. Wir arbeiten in diesen 20 Minuten genauso, wie andere bei einem Meeting, für das sie zwei Stunden an einem Tisch sitzen. Von außen betrachtet sieht auch eine Ihrer Besprechungen nicht sonderlich produktiv aus.
Sehr selten sitzen wir tatsächlich auch mal eine dreiviertel Stunde Kuchen essend da. Wenn es
ausnahmsweise extrem ruhig ist, versucht man die Pausen der letzten Monate nachzuholen. Generell werde ich es aber nie für eine wirkliche Ruhepause nach dem Arbeitszeitgesetz halten, wenn ich die Station währenddessen nicht verlassen darf, damit ich auf die Patientenglocken reagieren kann. Möchte ich tatsächlich einmal für fünf Minuten in die Umkleide verschwinden, um ein verdrecktes Oberteil zu wechseln, muss ich hoffen auf keinen Vorgesetzten zu treffen, vor dem ich mich dann rechtfertigen müsste. Dabei fände ich es andersherum interessant, einmal die Begründungen der Geschäftsleitung dafür zu hören, weshalb regelmäßig die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten zwischen zwei Diensten von elf Stunden beziehungsweise zehn Stunden im Krankenhaus nicht eingehalten werden.
Bei einem der häufigen „Spät-Früh-Wechsel“ bin ich bis 21.15 Uhr auf Station, verlasse das Haus nach dem Umziehen um ca. 21.30 Uhr und bin am nächsten Morgen spätestens um 5.45 Uhr wieder in der Umkleide.
Das macht eine Ruhezeit von 8 Stunden und 15 Minuten, sowie abzüglich der Anfahrt usw. eine Schlafenszeit von ca. 5,5 Stunden. Nach dieser „Ruhezeit“ bin ich immer in einem derartig desolatem Zustand, dass ich im Bad vergesse, was ich tun wollte und unterwegs fast einschlafe.
Es heißt oft, dass Schlafmangel ähnliche Auswirkungen hat, wie Alkoholkonsum, was ich bestätigen kann.
In diesem Zustand verabreiche ich dann Ihren Angehörigen Medikamente.
Medikamente sind die wahrscheinlich wichtigste Therapieform im Krankenhaus. Schmerzen werden behandelt, der Blutdruck gesenkt, der Puls wieder in geregelte Bahnen gebracht. Voraussetzung dafür ist, dass sie richtig verabreicht werden.
Der „5-R-Regel“ nach müssen Pflegekräfte auf den
richtigen Patienten, das richtige Medikament in der richtigen Dosierung
und Applikationsform und zum richtigen Zeitpunkt achten.
In der Realität sieht das meistens wie folgt aus:
die Pflegekraft im Nachtdienst stellt irgendwann zwischen 0 und 3 Uhr die Medikamente für alle 24 Patienten. Derjenige wird hierbei regelmäßig durch die Patientenglocken unterbrochen. Je nach Fachgebiet kann ein Patient weit über zehn verschiedene Tabletten benötigen. Beim letzten Rundgang morgens um 4-5 Uhr werden die Tablettenschachteln verteilt.
Offiziell überprüft die verabreichende Pflegekraft im Tagdienst die Medikamente noch einmal. Dies findet in der Realität nicht statt, da wir keine Zeit haben.
Ich möchte nicht darüber nachdenken, wie viele Fehler deswegen passieren.
Manche Medikamente sollten nüchtern eingenommen werden. In der Realität nehmen die Patienten aber alle Tabletten zum Essen ein.
Theoretisch dürfen viele Tabletten nicht geteilt werden, da sie
eine Schutzschicht haben und zum Beispiel über 24 Stunden verteilt wirken sollen. In der Realität werden sie regelmäßig gemörsert, damit sie einem Patienten mit Schluckstörung schnell mit Joghurt verabreicht werden können oder durch die Magensonde passen. Dadurch kommt es zu Überdosierungen. Eigentlich dürfen Medikamente nur durch examinierte Pflegekräfte oder Auszubildende im zweiten oder dritten Lehrjahr verabreicht werden. In der Realität übernehmen dies oft Praktikanten ohne jegliche medizinische Vorbildung, die Patienten im Liegen Essen eingeben, Tabletten oder Tropfen vergessen oder falsch verabreichen und verständlicherweise nicht fähig sind, im Falle einer Aspiration von Nahrungsmitteln angemessen zu reagieren. Das Argument, dass jeder „füttern“ kann mag nicht völlig falsch sein, aber nur solange ein Patient nicht schwer pflegebedürftig ist und Schluckbeschwerden hat, die im schlimmsten Fall zum Ersticken führen können.

Natürlich ist nicht jede Pflegekraft ein Engel und gibt sich Mühe. In jedem Berufsfeld gibt es schwarze Schafe. Im Allgemeinen aber sind wir gut ausgebildet und wollen kompetent und einfühlsam für unsere Patienten sorgen.
Die Ausbildung, die gerne sehr geringgeschätzt wird, beinhaltet viele Theoriestunden nicht nur zum Bettenmachen, sondern auch zu Anatomie, Physiologie, Pharmakologie, Krankheitslehre, Psychologie und zu rechtlichen Aspekten. Dazu kommen die zahlreichen pflegeeigenen Themen zur Prophylaxe von Krankheiten, richtiger Ernährung, Pflege im Rahmen von Operationen, der Mobilisation von Patienten, dem richtigen Umgang mit schwerkranken oder sterbenden Menschen u.v.m., die teilweise nur in unserer Ausbildung gelehrt werden und beispielsweise Ärzten gar nicht bekannt sind. Ich habe mittlerweile über 40 Fachbücher angesammelt. Dieses Wissen würde ich sehr gerne anwenden, wenn die Zeit dafür da wäre. Im Moment wird das allernötigste an Pflege getan, damit sich der Zustand der Patienten wenigstens nicht verschlechtert. Wenn es mehr Personal gäbe und wir nicht fachfremde Aufgaben übernehmen müssten, wie Tee kochen, Müllsäcke leeren, Verwaltungsaufgaben erledigen, putzen und Essenstabletts verteilen, könnten wir unsere Kompetenz dazu verwenden, den Gesundheitszustand der Patienten tatsächlich zu verbessern und weiteren Krankheiten vorzubeugen. Oder einem schwerkranken Menschen einfach mal die Hand zu halten.
Wir sind im Krankenhaus die Personen, die immer da sind. Die Ansprechpartner für die Kranken, und die Menschen, die bei alleinstehenden Patienten die Angehörigen ersetzen müssen. Jeder braucht Ansprache und Gesellschaft.
Und wenn ich einen Todkranken, der unvorstellbare Schmerzen hat, auch weil er aus Zeitdruck seine Schmerzmedikamente nicht rechtzeitig erhalten hat, der mich anfleht, ihn umzubringen, alleine lassen muss, dann tut mir das unglaublich weh und dann werde ich das auch nie wieder vergessen.

Wenn nun also endlich Pflegekräfte anfangen zu streiken, und zwar nicht einmal für das höhere Gehalt, das sie bei ihrer extrem hohen Verantwortung und Arbeitsbelastung definitiv verdient hätten, sondern für mehr Personal, damit Sterbende nicht stundenlang in ihren eigenen Exkrementen liegen müssen und rechtzeitig Schmerzmittel erhalten, dann kann ich das nur begrüßen.

Dass ein so reiches Land sein Gesundheitssystem so verkommen lässt und so wenig Respekt vor Alten und Kranken hat, ist peinlich. Und dass die Bevölkerung und vor allem aber die Medien dieses Thema weitgehend ignorieren, dass die größte deutsche Tageszeitung in mehr als zehn Tagen kein einziges Wort über diesen Streik verliert, obwohl über alle anderen Streiks immer ausführlichst berichtet wird, dazu fehlen mir die Worte.
Ich kann nur hoffen, dass sich etwas ändert, bevor es niemanden mehr gibt,
der diesen Beruf ausüben möchte, und das bei stetig steigenden Zahlen von Pflegebedürftigen.
Die wenigsten arbeiten länger als ein paar Jahre in der Pflege.
Ich werde ab Oktober examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin sein und habe nicht vor, jemals auf einer „Normalstation“ unterdiesen Bedingungen zu arbeiten. Ich könnte es auch nicht, da ich schon jetzt starke Rückenprobleme habe.
Von den anfangs 25 Auszubildenden in meinem Kurs werden weniger als zehn in der Pflege bleiben, und die meisten davon planen nicht mit mehr als ein paar Jahren.
Ein eigentlich schöner und anspruchsvoller Beruf ist zu einer Bürde verkommen, wegen der man Bauchschmerzen bekommt, und sich dann nicht einmal krank melden kann, da der Kollege dann alleine im Dienst ist und irgendwer aus dem „Frei“ einspringen muss.
Wie schade!

Quelle: Anonym.

Der Fisch stinkt immer vom Kopf.

Hallo Ihr Lieben,

nun ist es soweit. Drei Akte eines Dramas waren versprochen, hier folgt nun Teil 3. Viele, ganz, ganz viele sicherlich auch lesenswerte und teilweise schockierende Anekdoten aus der Zeit meiner Ausbildung musste ich weglassen, um mich mit dem folgendem Text dem Ende widmen zu können. Aber ich wollte ja auch kein Buch schreiben. Und das wäre es sicher geworden. Außerdem denke ich, dass meine Botschaft eigentlich schon nach dem 1. Akt ersichtlich war. Nämlich: So kann es ganz sicher nicht weiter gehen! Nicht in der Krankenpflegeausbildung, nicht in der professionellen Pflege selbst, in keinem Krankenhaus, keinem Seniorenheim, keinem ambulanten Pflegedienst oder wo auch immer, sollten jemals solche Zustände herrschen. Nicht für Schülerinnen und Schüler, nicht für examiniertes Pflegepersonal, Pflegehilfskräfte, Praktikanten und ganz sicher nicht für das am häufigsten schwächste Glied der Kette, den Patienten.
Vergessen wir also die 152 Überstunden, die ich während meiner Ausbildung gemacht habe, die kurz vorm Examen im System einfach gelöscht wurden. Ignorieren wir den April indem ich 28 von 30 Tagen arbeiten musste inklusive Ostern, weshalb ich hinterher an meiner eigenen Toilettentür angeklopft habe, weil ich nicht mehr wusste wo oben und unten ist. Sehen wir drüber hinweg, dass ich absichtlich vor meinem praktischen Examen zum ersten Mal in 3 Jahren 6 Tage am Stück frei bekommen habe, damit ich auch ja keine Chance habe, einen meiner Prüfungspatienten vorher kennenzulernen. (Ihr merkt, ich könnte stundenlang so weiter machen.)
Nein, Schluss jetzt. Kommen wir nun direkt zum krönenden Abschluss eines 3 jährigen Spießrutenlaufs.

DER FISCH STINKT IMMER VOM KOPF

Nachdem die letzten zwei Teilen beide von meinem ersten praktischen Einsatz handelten, nun ein ganz weiter Sprung auf dem Zeitstrahl. Knapp 3 Jahre später. Ich habe meine drei schriftlichen sowie meine praktische Prüfung (Trotz massiven Bemühungen der Examensstation, das zu verhindern. Allein dazu könnte ich seitenweise schreiben.) bereits bestanden.
Zeit für Bewerbungen also. Denn nun folgen ja „nur noch“ 3 mündliche Prüfungen und sollten die ebenfalls von Erfolg gekrönt sein, möchte man ja auch kurz um richtiges Geld verdienen.

Haha, der war gut! Richtiges Geld. Also ich meine damit mehr Geld als in der Ausbildung.

Egal, ich habe also angefangen Bewerbungen zu schreiben und, werdet es kaum glauben, aber unter anderem sogar in dem Haus, in dem ich gelernt hatte. Das allerdings hatte seine Gründe. Es gab dort, wie soll es umschreiben, zwei „Außenbezirke“. Und zwar die Psychiatrie und die Notaufnahmen. Diese funktionierten völlig entkoppelt von dem sonst nahezu immer gleichen Stationsbetrieb. Meinen Pflichteinsatz in der Psychiatrie empfinde ich auch heute noch als Atempause. Die Patienten hatten ganz anderen Pflegebedarf als Unterstützung bei der Körperpflege, Hilfe beim Toilettengang oder zur Mobilisation. Sie benötigten Gespräche, dass jemand da ist, dass jemand ihnen hilft ihren Alltag zu organisieren, so etwas eben. Und am meisten „entspannt“ haben mich die Kollegen. Dort gab es kein Kompetenzgerangel, kein „Ich Examiniert, Du Dreck“ Gehabe, kein Mobbing untereinander, nichts dergleichen. Klar hatte auch dort nicht jeder jeden lieb. Aber die Pflegekräfte hatten gelernt professionell damit umzugehen. Wer mit akuten Borderlinern arbeitet, kann offensichtlich auch dem Kollegen sagen, dass er seine Kaffeetasse doch bitte in die Spülmaschine räumen soll, ohne sich vorher mit 14 anderen verbünden zu müssen, um deswegen einen Krieg anzufangen. Faszinierend oder? Fazit Psychiatrie war cool. Eine Zeit lang hätte ich gern dort gearbeitet. Sicher nicht ewig aber um „runter zu kommen“ nach der Ausbildung schon ok. Und nun der 2. Außenbezirk. Die Notaufnahme. Der Einsatz dort war alles andere als entspannend und die Kollegen im Schnitt auch eher so…Geht so. Paar gute eben, paar Zicken, paar unauffällige. Dort war es eben die Arbeit, die mich lockte. In der Notaufnahme gibt es nichts schön zu reden. Dort wird gehandelt und zwar hoffentlich richtig. Da kann niemand im Nachhinein die Verantwortung abschieben mit „Das hat bestimmt der Spätdienst vergessen.“ oder „Das hat der Patient wohl falsch verstanden.“ Dort benötigt man Fachwissen und Erfahrung. Je mehr desto besser. Und je schneller Du bist desto besser. Außerdem beschwert sich auch kein Patient, der einen Herzinfarkt hatte darüber, dass er das Gefühl hatte abgefertigt zu werden, wenn ihm durch schnelles Handeln das Leben gerettet wurde. Während genau dieses „Abfertigen“ auf allen anderen Stationen eines der größten Probleme darstellt. Und irgendwie war der Wunsch, in einer Notaufnahme zu arbeiten, wohl auch die ersten Anzeichen der Flucht aus der Pflege. Denn was auch immer dort behandelt wird, mit Pflege hat das alles wenig zu tun.

Lange Rede kurzer Sinn. Ich kam nicht umher meine Bewerbungsunterlagen an Mr Wichtig Himself also den Pflegedirektor abzuschicken, weshalb ich mir ohnehin keine Hoffnungen machte, dass diese jemals in der Psychiatrie oder Notaufnahme ankommen werden. Denn selbst, wenn er vergessen haben sollte, wer ich war, hatte ich die Unverschämtheit besessen bereits in den Unterlagen klar zu formulieren, dass ich mich exakt für die beiden Stationen bewerbe. Solch Aufmüpfigkeit wird in einem Haus voller willenloser Untertanen überhaupt nicht gern gesehen. Um so überraschter war ich, als ich von der Schule über meinen Termin zu Vorstellungsgespräch informiert wurde. Zwei Tage vor der ersten mündlichen Prüfung. Na sowas, jetzt hatte ich bereits meinen Spind geräumt, die Klamotten zurückgeben, Namensschild und Mitarbeiterausweis an meinem letzten Arbeitstag an der Information zurückgelassen und den riesengroßen, fiesen Klotz mit einem gedanklichem
„Fickt Euch alle!“
verabschiedet, als ich zum vermeintlich letzten Mal durch die Drehtür marschierte und dann das. Vorstellungsgespräch? Ernsthaft? Dann bekam ich mit, dass alle aus unserem Kurs, die sich dort beworben hatten, in diesen Tagen zum Gespräch eingeladen wurden. Ach so, ist also so ein „Wir tun mal so, als gäben wir hier jedem die gleiche Chance Ding.“ Könnte wohl schlechte Presse geben, wenn die eigenen „top-ausgebildeten“ Azubis, wenn sie denn bestanden haben, nicht auch in den heiligen Hallen empfangen werden. Das dachte ich zumindest. Aber ersten kommt es anders und zweitens….

Vorstellungsgespräch:

PD: „Guten Tag Frau *blättert in seinen Unterlagen* Schulze. Setzen Sie sich! Also Ihre Noten bislang… Zwischenzeugnis gut. (Das war nicht gut sondern hervorragend.) Die Ergebnisse der schriftlichen Prüfungen sind zufriedenstellend. (Die waren gut.) Aber im praktischen, ja, da ist ja wohl das Problem.“

(Das „Problem“ heißt „befriedigend“ und liegt daran, dass das die einzige Prüfung war, auf die Ihr beschissen intrigantes Personal einen Einfluss hatte. Ich hatte keine Vorbereitung, kannte am Tag der Prüfung die Patienten nicht und dann wurden plötzlich alle Untersuchungen nochmal spontan umgeplant, damit ich auch ja noch Zeitdruck bekomme. Außerdem wurde einem Patienten ein falsches Medikament auf den Tisch gestellt, welches er natürlich auch noch sofort zu sich nahm, was für noch mehr Aufregung sorgte. Danke dafür! Und dennoch habe ich diese Prüfung mit „befriedigend“ bestanden. Das ist mehr wert als jede glatte 1 mit Vorlauf und ohne Spielchen. So!)

PD: „Sie wollen in der Psychiatrie arbeiten. Also da habe ich mit Herrn Schelzing drüber gesprochen, der kann sich das überhaupt nicht vorstellen. Offensichtlich haben sie bei ihm keinen so guten Eindruck hinterlassen.“

„Wer ist Herr Schelzing?“

PD: „Die Stationsleitung der geschlossenen Psychiatrie. Sie haben doch dort gearbeitet oder nicht?“

„Ja, 5 Nächte. Den Rest meines Einsatzes in der Psychiatrie arbeitete ich jedoch auf der Station…“

PD: „Sehen Sie, dann kennen sie Herrn Schelzing ja.“

„Nein, denn Stationsleitungen arbeiten ja nicht nachts.“

PD: „Um es kurz zu machen, ich habe mit allen Mitarbeitern gesprochen und niemand hier im Haus möchte mit Ihnen zusammen arbeiten!“

(Aha, über 3000 Angestellte, davon ca. 900 in der Pflege. Und er hat mit allen gesprochen, und leider fanden mich alle doof. Und weil er sich schon so eine Mühe gemacht hat, nur wegen meiner Bewerbung und so, musste er mir das Ergebnis jetzt natürlich auch persönlich mitteilen. Logisch oder?)

„Ähm und Sie laden mich zu diesem Vorstellungsgespräch ein, nur um mir das mitzuteilen?“

PD: „Ja!“

„Dann hoffe ich für Sie, dass es Ihnen jetzt besser geht, womit das Gespräch für mich dann aber auch beendet wäre.“

PD: „Wann hier welches Gespräch zu Ende ist, entscheide immer noch ich!“

„Sie können ihr Gespräch gern allein fortsetzen, ich gehe jetzt! Auf wiedersehen!“

Wie sich im Nachhinein herausstellte, war ich nicht einmal die einzige. Der (Achtung!) Kursbeste durfte sich ähnliche Unverschämtheiten anhören. Auch er ein Verfechter der Theorie „Ich bin hier um eine AusBILDUNG zu machen keine AusBEUTUNG.“ Böser Fehler offensichtlich.
Gut, die Nörgelei an den Noten funktionierte bei Ihm noch weniger als bei mir aber dann halt in dem Stil „Sie wirken immer so unmotiviert.“ Soziale Inkompetenz, keiner mag sie und solch harte Fakten eben.

Ok, diesmal ging es hier nicht um schockierende Berichte aus dem Krankenhausalltag. Nicht um gefährliche Pflege, Hygienefehler oder vernachlässigte Patienten. Und vielleicht wird dieser letzter Akt somit von einigen als eher unspektakulär empfunden. Nun muss man sich allerdings den Vorgang mal genauer betrachten. Da sitzt jemand, den ich bis dato genau 2 Mal gesehen hab, nämlich bei der Begrüßungsveranstaltung zu Beginn meiner Ausbildung und als er wutentbrannt über den Krankenhausflur der Onkologie an mir vorbei stapfte. Jemand, der verantwortlich zeichnet für über 900 Mitarbeiter. Das bitte nochmal auf der Zunge zergehen lassen: Über 900 Mitarbeiter! Und dieser Herr macht sich Mühe, einen Termin mit einer Schülerin zu vereinbaren, um sie

a) dreist zu belügen und
b) ihr 2 Tage vor den letzten Prüfungen zu sagen, wie scheiße sie doch ist.

Er will mich dort nicht haben. Bitteschön, das ist sein gutes Recht. Aber was sollte diese Show? Meine Chefin in der Psychiatrie hatte explizit darum gebeten, dass ich mich doch bewerben möge. Psychiatrie sei nicht wirklich beliebt bei den Anfängern, ihr fehle ständig vor allem junges Personal und ich würde sicher wunderbar ins Team passen. Mit dem Chef der Notaufnahme war ich per Du. Auch er hatte mir gute Chancen in Aussicht gestellt, sobald er meine Bewerbungsunterlagen auf dem Tisch liegen hat. Offensichtlich sind diese dort (wie ja bereits befürchtet) nie angekommen. Auch das wäre alles kein Problem gewesen. Wenn Mr Wichtig Himself den Störfaktor „Julia“ nicht haben will, dann muss er eben nicht. Dieser Auftritt allerdings machte mir einiges klar. Nein, ich hatte keinen Verfolgungswahn, wenn ich der Meinung war, dass es nahezu auf jeder Station Vorbehalte gegen mich gab. Nein, ich habe mir den Boykott meiner praktischen Prüfung nicht eingeredet. Das waren keine dummen Zufälle. Und nein, nicht ich bin die „Komische“, die offensichtlich überall aneckt, sondern die andere Seite ist krank. Sehr krank! Ich hatte meine Verleumdung nicht schweigend hingenommen (der Schule gegenüber zumindest nicht) und damit hatte ich mich gegen ein System aufgelehnt, das keinen Widerspruch duldet. Erst recht nicht von ganz, ganz, ganz unten in der Hierarchiekette. Eine Anfangsschülerin, die sich wehrt? Und die auch noch bleibt um ihr Examen zu machen? Das konnte man unmöglich „straffrei“ durchgehen lassen, hinterher könnte ein Stefan zum Beispiel auch noch auf die Idee kommen, seinen unbefristeten Vertrag dazu zu missbrauchen, um am System zu rütteln. Gott bewahre!
Dummerweise hatte dieses Gespräch das Gegenteil dessen bewirkt wozu es gedacht war, nämlich mich zu verunsichern. Vielleicht verreißt es die Julia ja doch noch in einer der letzten Prüfungen, wenn wir sie vorher nochmal so richtig fertig machen. Und in der Tat hätte ich dann ein Problem gehabt. Dieses Haus nochmal betreten? Ganz sicher nicht! Meine Unsicherheit aber war wie weggeblasen. Alles war plötzlich sehr eindeutig. Und ich sehr stolz auf mich, dass ich mich bis zuletzt dagegen gewehrt habe. Ich mag mein Rückgrat eben und möchte es gern behalten. Ich werde die letzten Prüfungen bestehen, weil ich gut bin. Nicht beliebt sondern fachlich gut. Die beliebten können Waschlappen falten und Bettdecken gerade ziehen, ich kann pflegen. Und so kam es dann auch. Meine mündlichen Prüfungen verliefen problemlos und keine Woche nach dem mir der Pflegedirektor klar machen wollte, dass ich ohnehin zu nichts tauge, unterschrieb ich bereits meinen Arbeitsvertrag in einer anderen Notaufnahme.

Für den größten Lacher kurz vor der Examensparty sorgte dann noch folgende Entscheidung unseres offensichtlich maßlos kompetenten obersten Oberchefs. Obwohl er zu Beginn der Ausbildung lauthals verkündet hatte, den besten dreien des Kurses in jedem Fall einen Arbeitsvertrag anzubieten, entschloss er sich kurzerhand dann doch für ein anderes Trio. Nämlich für 2 stille Damen aus dem leistungsmäßigen Mittelfeld und, jetzt bitte nicht lachen, die schlechteste. Zum Dank für diesen Vertrauensbonus namens Arbeitsvertrag, versemmelte diese dann auch (wie erwartet) ihre Prüfungen und der geschätzte Pflegedirektor stand mit einer Stelle zu wenig da.
Tja, dumm gelaufen.

Mein Fazit nun und das richtet sich an alle: Von Schülern und examinierten Kollegen über Führungskräfte und Praktikanten bis hin zu Patienten und Angehörigen: Lasst Euch das nicht bieten! Wenn ihr Missstände beobachtet, sprecht sie an! Macht es anders! Lasst Euch nicht unter kriegen, weil vermeidlich „alle“ gegen Euch sind. Nur weil viele in eine Richtung rennen heißt das noch lange nicht, dass es der richtige Weg ist. Wenn wir nicht endlich anfangen uns aufzulehnen gegen solche Systeme, wer dann?

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit! :)

Quelle: @Emergencymum

Vielen lieben Dank an Emergencymum diesen Beitrag offen mit uns allen zu teilen.

Ein Zwischenbericht.

Hallo Ihr Lieben,

eigentlich wollte ich Euch jetzt schon den 3. Teil meiner wunderschönen Reihe über den liebevollen Umgang meines Ex-Arbeitgebers und seinen Untertanen mit dem Verbrauchsmaterial Krankenpflegeschüler präsentieren. Nach den ersten beiden Teilen jedoch bin ich ständig gefragt worden „Warum hast Du da bloß weiter gemacht?“ Eine durchaus berechtigte Frage. So berechtigt, dass ich mir zunächst selbst einmal dazu ein paar Gedanken machen musste um eine ehrliche Antwort darauf geben zu können. Drei Gründe haben sich dabei heraus kristallisiert. Nämlich:
a) Mit dem Rücken zur Wand stehen
b) Trotz und
c) Der Rückhalt in der Familie besonders der meines Mannes.
Um das zu erklären muss ich ein bisschen ausholen. Es ist aber auch irgendwie wichtig, das zu verstehen, bevor ihr den 3. Teil lest. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, erst mal diesen Zwischenbericht zu schreiben bevor ich euch mit dem letzten Teil nochmal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lasse. Aber lest einfach selbst!

EIN ZWISCHENBERICHT

Völlig überfordert und schlecht behandelt werden. Seelisch gequält und verleumdet. Dabei zusehen müssen, wie hilflose Menschen im Stich gelassen werden ohne die geringste Chance daran irgendetwas ändern zu können. Aber am nächsten Tag wieder zur Arbeit kommen um sich innerhalb von nur 8 Stunden an die körperlichen und seelischen Grenzen schuften zu dürfen. Warum tut man so etwas? Beziehungsweise warum habe ich das getan? Der Versuch einer Erklärung.

Mit dem Rücken zur Wand
Nun, beruflich war ich bis zu Beginn meiner Ausbildung, na formulieren wir es nett, ein wenig sprunghaft. Hier was angefangen, da quer eingestiegen, noch ein bisschen Schule nebenher, ups schwanger. Ihr kennt das. ;) Mit dem Ergebnis: Viel Erfahrung in vielen verschiedenen Dingen aber keinen adäquaten Abschluss. Mich beruflich auszuprobieren in jungen Jahren war sicher gar nicht so verkehrt. Wenn dann allerdings plötzlich so ein kleiner Minimensch Mama zu Dir sagt, wird irgendwie alles anders. Die Leichtigkeit ist dahin und ich spürte das dringende Bedürfnis nun jetzt doch endlich irgendetwas auch mal zu Ende zu bringen. So mit Zettel in der Hand worauf bescheinigt ist „Die kann das wirklich!“ Und ich hatte mich, nach den Erfahrungen mit meiner sterbenden Oma, nun mal für diesen Beruf entschieden. Ich wollte beruflich helfen, Menschen professionell auf ihrem Weg begleiten ob in die Gesundheit oder in den Tod. Aber nicht „so ein bisschen nebenbei“, sondern richtig, mit Fachkompetenz und Anerkennung eben. Und dazu benötige ich nun mal dieses verdammte Examen.

Trotz
Die Stationsleitung der Onkologie war sich dank meiner Probezeit sicher, mit Stefans Auftritt das „Problem Julia“ ein für allemal entsorgt zu haben. Das war deutlich an ihrem entgleisendem Gesichtsausdruck zu erkennen, als ich am nächsten Tag pünktlich um 5.45 Uhr zum Kaffee kochen erschien. Jetzt musste Sie doch noch eine Schippe drauf legen und tatsächlich Meldung in der Schule machen, dass diese Schülerin ja keinesfalls tragbar sei. Was sie nicht wusste, ich war bereits dort. Unmittelbar nach meinem Abgang auf Station, bin ich nämlich zur Schule marschiert. 3 Mal tief Durchatmen, Tränen aus dem Gesicht wischen und um ein Gespräch mit meiner Klassenlehrerin bitten. Sie zweifelte keine Sekunde an meiner Aussage und ihr war sofort klar, dass niemand seitens des Krankenhauses jemals offiziell diese Geschichte an die Schule weiterleiten würde. Isoliertes Zimmer? Patientin, die Chemotherapie bekommt? Erstsemester Schülerin allein dort drin? So etwas einer Krankenpflegeschule telefonisch oder gar schriftlich mitzuteilen gleicht einer Selbstanzeige. Weshalb das Telefonat der Stationleitung am nächsten Tag auch irgendwie anders verlief als sie es wohl geplant hatte. Wie sich beim darauffolgendem Gespräch mit meiner Klassenlehrerin und der Direktorin der Schule herausstellte lief das Telefonat wohl in etwa so:

„Guten Tag, hier spricht die Stationsleitung der Onkologie. Es geht um ihre Unterkursschülerin hier bei uns. Also die wirkt total unmotiviert (das ist übrigens der Klassiker an Formulierung mit der Schüler, die nichts falsch gemacht haben, kritisiert werden) und im Umgang mit den Patienten ist sie eigentlich nicht tragbar.“

„Sie sprechen also über Julia, nach den ersten Klausuren eine der besten ihres Kurses. Im Umgang mit welchen Patienten ist sie denn untragbar? Vielleicht mit isolierten MRSA Patienten, die Chemotherapie erhalten und damit eine massive Gefahr für meine Schüler darstellen sofern sie den Umgang damit noch nicht lernen konnten, was bei einer Erstsemester Schülerin im Anfangsblock wohl eindeutig der Fall sein dürfte?“

„Ähm nein, wie kommen sie denn auf so etwas?“

„Hören Sie, es ist mir bereits mehrfach zu Ohren gekommen, dass sie offensichtlich ein Problem damit haben, seit kurzem auch Anfangsschüler von uns zugeteilt zu bekommen. Sollten sie sich also nicht in der Lage sehen, diese in den Stationsalltag zu integrieren und während des Einsatzes auf ihrer Station angemessen praktisch auszubilden, leite ich das natürlich umgehend so weiter. Sie werden dann ab sofort aus der Planung ausgeschlossen. Das gilt dann allerdings für ALLE unserer Schülerinnen und Schüler.“

„Nein, natürlich ist das überhaupt kein Problem. Danke für das Gespräch.“

(An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, das es unter keinen Umständen möglich gewesen wäre auch nur eine einzige Station in diesem Haus ohne Schüler aufrecht zu erhalten. Zum Teil waren mehr Schüler als examinierte im Dienst, an Wochenenden und Feiertagen sowieso. Ohne Schüler kein Waschen, kein Frühstück, kein Kaffee, niemand der aufräumt, Klingeln abarbeiten usw. Absolut undenkbar ohne das festangestellte examinierte Personal nicht mindestens zu verdoppeln.)

Meine Klassenlehrerin bot mir an, persönlich mit zur Station zu gehen um die Angelegenheit zu „klären“. Gleichzeitig erklärte sie mir aber, dass wenn sie nun „dieses Fass auf macht“ ich das mit Sicherheit bis zum Ende meines Einsatzes wenn nicht sogar bis zum Ende meiner Ausbildung werde zu spüren bekommen. Wörtlich sagte sie.“Die werden versuchen dich auflaufen zu lassen wo es nur geht. Das wird ein einziger Spießrutenlauf.“
Sie hätte nur Einfluss auf meinen schulischen Weg, zu den Praxiseinsätzen könne sie mich schlecht täglich begleiten. Hätte ich damals gewusst, dass dies ohnehin exakt genau so passieren wird, hätte ich ganz sicher jedes verdammte Fass aufgemacht, was es aufzumachen gab. Tja nun, damals ließ ich es. Aber es war mir immerhin eine große Genugtuung, jeden Tag wieder in das dumme Gesicht der Stationsleitung zu blicken, wenn ich sie freudestrahlend (ja, wenn ich will bin ich eine super Schauspielerin) begrüßte. Schülerin 1 Stationsleitung 0.
Und eines schönen Tages wird die Julia dann mit ihrem Examen in der Tasche hier raus marschieren, Dir den Mittelfinger zeigen und du dämlich Plinse kannst überhaupt rein gar nichts dagegen tun! Ha!

Rückhalt in der Familie
Wie Ihr ja wisst, ist mein Mann ebenfalls Krankenpfleger. Und ich denke, das war meine Rettung. Keinem normalen Menschen (und mit normal meine ich alle, die nicht in der Pflege arbeiten) hätte ich erklären können, was ich durchmache und warum. Er wusste es. Er kannte die Ausbildung, die Bedingungen, den Schock, wenn man bemerkt, dass die wenigsten in der Pflege noch annähernd sauber ticken, sondern entweder auf dem besten Weg sind, selbst kaputt zu gehen oder schon dabei sind andere für sich über die Klippe springen zu lassen.
Dann noch meine Schwiegereltern, die sich im 3 Schichtbetrieb um unseren Sohn gekümmert haben und das Unmögliche möglich gemacht haben, was die Kinderbetreuung angeht. Der Kleine wurde sogar mit in den Kurzurlaub genommen damit ich mich auf Prüfungen vorbereiten konnte ohne ein schlechtes Gewissen zu haben oder auch damit mein Mann und ich einfach zwischendurch mal durchatmen konnten. Alle haben irgendwie Opfer gebracht, damit ich das durchziehen kann. Das mag jetzt zu Beginn der Ausbildung noch nicht so ausschlaggebend gewesen zu sein, je länger es dauerte um so wichtiger hingegen wurde es. Einfach alles hinschmeißen war irgendwann einfach keine Option mehr.

Ich hoffe, dass Ihr mich nun etwas besser versteht und ja, in Kürze mache ich mich dann auch dran und schreibe Euch endlich den 3. und letzten Teil. Danach habt ihr dann erst mal wieder Ruhe vor meinen Horrorgeschichten. ;)

Quelle: @Emergencymum