Kategorie-Archiv: Ethik & Moral

Pflege geht uns alle an!

Des Öfteren wurde ja schon in verschiedenen Zeitungen, Medien etc. über den „Pflegenotstand“, diverse Bedingungen im Krankenhaus aus Sicht der Beschäftigten, Patienten und Angehöriger berichtet. Dass Pflegenotstand in Deutschland herrscht ist somit nichts Neues. Er ist real und nah wie nie.
Es ändert sich aber einfach nichts…im Gegenteil…es wird immer schlimmer. Viele haben beide Ohren und Augen verschlossen oder wollen es nicht sehen. „Es geht einen ja nichts an“ -denken evtl. viele.
Ich möchte hier nun über die Missstände am Universitätsklinikum in Homburg und allgemein in der Pflege aus Sicht einer Krankenschwester berichten.
Ich habe nun schon über 15 Jahre mein Examen und arbeite schon weit über 15 Jahre am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg als Kinderkrankenschwester. Genau in welcher Abteilung/Klinik und meinen richtigen Namen möchte ich nun hier nicht nennen, da ich Angst um meine Stelle habe.
Ich habe meinen Beruf immer geliebt. Es war schon seit ich denken kann mein Traumberuf, aber was momentan hier für Zustände herrschen, kann sich wirklich niemand vorstellen, der es nicht selbst erlebt hat. Es ist unfassbar und wird bestimmt kein Einzelfall sein.
Es ist unglaublich, dass in einem so reichen Land wie Deutschland kein Geld für die Pflege da sein soll.
Aber der Vorstand des Universitätklinikums in Homburg ist ja der Meinung, dass es zu viele Pflegekräfte hier gibt. Deshalb müssen zum wiederholten Mal und pünktlich zur Urlaubszeit, mehrere Betten- zum Teil sogar ganze Stationen auf Zeit geschlossen werden. Kaum sind ein paar Pflegekräfte in Urlaub und 1-2 fallen durch Krankenschein oder Schwangerschaft aus (und damit muss man als Arbeitgeber immer rechnen und planen) bricht Alles zusammen und Dienste/Stationen können nicht besetzt werden….ABER wir haben ja zu viel Pflegepersonal. Deshalb werden Stellen auch nicht neu besetzt, wenn Pflegekräfte wegen Elternzeit/Mutterschutz pausieren. Ahja…So sieht es also aus, wenn zu viele da sind. Soll mir außerdem mal jmd. von den Herren erklären, warum wir hunderte an Überstunden anhäufen und dann ständig an unseren freien Tagen angerufen werden um einzuspringen!
Uns als Pflegekräfte wird dann entweder von heute auf morgen zugemutet, auf eine völlig fremde Station zu wechseln, auf der wir weder Krankheitsbilder noch die Örtlichkeiten noch den Ablauf und die Pflegestandards kennen. Oder wir dürfen zum Teil komplett ALLEINE mit Sitzwache/Praktikanten/Schülern auf unserer Station arbeiten. Wir müssen ALLEINE(!!) frisch operierte und zum teil schwerstkranke Patienten und auf manchen Stationen darunter auch Kinder betreuen. Denkt da mal jemand nach wie wir so unsere Pause machen können (die uns ja rechtlich zusteht)? Geschweige denn darf man nicht darüber nachdenken was wäre, sollte es einem nicht gut gehen oder ein Notfall würde auftreten…vor allem nachts…nicht auszudenken.
Man kommt mit Bauchschmerzen zur Arbeit und hofft nur, dass irgendwie Alles gut geht. Ausserdem wird versucht mit größter Sorgfalt und mit aller Mühe die Patienten adäquat und professionell zu versorgen, doch meistens verzweifelt man, da man noch so viel tun kann, aber es einfach unter diesem Druck und dieser Belastung nicht mehr schafft.
Man nimmt den Arbeitsalltag mit nach Hause und überlegt noch lange nach der Arbeit, ob man in der Hektik an Alles gedacht und alles richtig gemacht hat.
Wir- die kranke Menschen in ihren zum Teil schwersten Stunden betreuen, unterstützen und begleiten- werden mit Füßen getreten. Wir sollen Menschen in Sachen Gesunderhaltung beraten und was ist mit unserer Gesundheit? Hier zählen nur Fallzahlen und wo man am Ende noch mehr sparen kann, aber der Mensch zählt hier schon lange nicht mehr. In der Pflege wird immer mehr gekürzt und gespart, um die Gehälter der Führungsetagen zu finanzieren.
Man wird verheizt bis es nicht mehr geht…aber irgendwann ist niemand mehr da und dann werden unqualifizierte und Billigkräfte eingestellt.
Stellen Sie sich nur die Frage…Möchten Sie, dass Sie oder ihre Kinder bzw. Angehörigen nach einer OP oder während einer Therapie/Krankheitsphase von unqualifiziertem Personal betreut werden, oder auf einer Station Patient sein, auf der nur eine Krankenschwester für ALLE ist?
Sie denken heute vielleicht noch :“Ich bin nicht krank, ich muss nicht ins Krankenhaus.“
Dies kann Morgen aber schon anderes aussehen.

PFLEGE GEHT UNS ALLE AN!

Quelle: Facebookpost an uns.

Mittwoch, Programmpunkt: #Pflegestreik


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„Kontrolle nicht möglich mangels Personal“
oder auch Gedanken zu Pflegestreik

Wir müssen nicht einmal „richtig“ streiken. Es würde reichen, wenn wir aufhören dieses kranke System weiter mit vollem Einsatz zu unterstützen, um allen zu zeigen, dass eigentlich jetzt schon nichts mehr geht.“ So ähnlich schrieb ich ein paar meiner zahlreichen Tweets zum Pflegestreik. Prompt kamen die Antworten: „Warum tut ihr es dann weiterhin?“

Ja meine lieben Kolleginnen und Kollegen, die Frage möchte ich gern weiter geben.
Warum tun wir das?

Ehrlich gesagt, so richtig verstehen tue ich das nämlich auch nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich aus einem ganz anderen Bereich in die Pflege gewechselt bin und dort meinen kleinen „Papierstreik“ bereits hinter mir hatte. Zur Erklärung:

Bevor ich auf die geniale Idee kam, meine Ausbildung in einem Beruf zu machen, der ganz viel Anerkennung mündlich wie schriftlich mit sich bringt, nur leider genau gar keine im beruflichen Alltag oder gar auf dem Girokonto, war es meine Aufgabe, dass wichtige Dinge pünktlich am richtigen Ort sind. Diese wichtige Dingen konnten alles sein. Von Werkzeugersatzteilen über Toilettenpapier bis hin zu Dienstwagen und Lkw Ladungen voller Plastikprömpel, die in irgendwelche Aschenbecher für Autos eingebaut werden.
Ich arbeitete nämlich im Einkauf eines Automobilzulieferers. Ist auch nicht weiter wichtig, denn diese Job hatte ich prima im Griff und da ich in einer Zweigstelle eingesetzt war, hatte ich sogar den Luxus, mein eigener Chef zu sein ohne die anderen, natürlich noch viel wichtigere Dinge bestellenden, Einkäufer im Nacken zu haben.

(Könnt ihr mal sehen, was andere Leute teilweise beruflich so für Sorgen haben. „Also, die Teile, die ich bestelle, sind aber viel teurer als Deine. Ich bin hier dass Rennpferd.“ Glückwunsch dazu.)

Es begab sich jedoch, dass sich an einer ganz andere Ecke des Betriebes ein Loch auftat. Nämlich im Wareneingang. Dort waren normalerweise mehrere Gabelstaplerfahrer, 2 Lageristen, 2 Mitarbeiter der Qualitätssicherung und der Lagerchef zugange. Die Gabelstaplerfahrer hatten sich jedoch entschlossen, gleich mal alle gleichzeitig zu kündigen, ebenso ein Lagerist. Nun, da ich meine Baustelle im Griff hatte und meine Überstunden auf dem Zeitkonto brav in Form von verlängerten Wochenenden abgebaut hatte, wurde ich gebeten dem Lagerchef doch „etwas Tipperei“ am PC abzunehmen. Bestände ein- und aus pflegen eben, dachte ich, also kein Problem. Der arme Kerl hasste eh die PC Arbeit, die mit seinem 2 Fingersuchsystem auch noch ewig lang dauerte. Nun komme ich mittags, nachdem ich meinen eigenen Schreibtisch im Akkord abgearbeitet hatte, rüber und erlebe folgendes:
Der Chef des Wareneingangs sitzt auf dem Stapler und lädt Lkws ab, packt die Kisten und Paletten irgendwo hin und drückt mir die Lieferscheine und zwei Stempel in die Hand. Einmal „Ware erhalten“ und der zweite „Stückzahl und Qualität kontrolliert“. Ich sollte das bitte stempeln und unterschreiben, er mache das normalerweise nach Kontrolle aber dafür hätte ja aktuell keiner Zeit. Es ständen noch 4 Lkws mit äußerst schlecht gelaunten Fahrern auf dem Hof, er wüsste gar nicht wie er das schaffen soll. „Und die Bestände?“ fragte ich daraufhin. Die seinen völlig egal, den Computerscheiß schaffe er eh seit Tagen nicht, da stimme sowieso nix mehr im System.

(Fein, dachte ich. Wenn die Bestände nicht stimmen, dann wird es auch schwierig, meinen Job vernünftig zu machen. Denn was soll ich in welchen Mengen nachbestellen, wenn ich gar nicht weiß, ob und wenn ja, wieviel davon im Haus ist? Egal, da muss ich mich dann wohl später drum kümmern.)

„Und was ist mit den beiden Herren von der Qualitätssicherung?“ Die machen irgendwas anderes mit den fertig gebauten Teilen von oben. Die helfen nie im Wareneingang. Hätten nur ihr Büro hier unten.

So liebe Kollegen aus der Pflege, das kommt Euch doch jetzt sicher bekannt vor. Arbeit, die nicht zu schaffen ist. Ausgebildete Fachkräfte, die Helfertätigkeiten durchführen und daher zu ihrer eigentlichen Arbeit nicht mehr kommen, dies jedoch unterzeichnen sollen. Und weitere „noch besser“ ausgebildete Fachkräfte, die lediglich auf dem Papier dazu gehören, sich aber überhaupt nicht dazu berufen fühlen, auch nur irgendwas zu tun. Fast wie auf Station, nur ohne Patienten, oder? Nun komme ich, in meinem jugendlichen Leichtsinn und mache folgendes: Ich latsche zurück zu meinem Schreibtisch, hole meinen einstellbaren Stempel und drehe mir ein nettes „Kontrolle nicht möglich mangels Personal“ zurecht. Da war der Lagerchef aber plötzlich ganz aufgeregt. „Das könne ich doch nicht machen, das ginge bestimmt bis ganz oben.“ „Ja, das ist der Sinn der Sache. Die müssen nämlich wissen, was hier los ist, sonst ändert sich nichts. Außerdem unterschreibe ich ganz sicher nicht für ganze Lkw Ladungen, deren Inhalt ich nie gesehen habe, dass es sich um einwandfreie Ware im Wert von 125000 € handelt. Ganz sicher nicht.“

Um es kurz zu machen: Mein Stempel kam auf die Scheine. Und mit ihm kamen die Damen und Herren aus der Teppichabteilung. Zuerst ging ich selbst zum Betriebsleiter rüber (ein wirklich netter Kerl) der umgehend 2 Leiharbeiter mit Gabelstaplerschein organisierte, die schon am nächsten Morgen ihre Arbeit aufnahmen. Dann kam mich der Chef des Einkaufs besuchen. Durch die Blume gratulierte er mir zu meinen „Eiern“ als popelige Bürohilfe so eine Welle zu reißen. Also quasi mal eben der Personalabteilung per Stempel zu erklären,
dass sie es verkackt hat.
Daran hatte ich bis dahin überhaupt keinen Gedanken verschwendet. Ups!
Zum Schluss kam dann auch noch die Betriebsratsvorsitzende, die meinte, ich solle umgehend in die Gewerkschaft eintreten, wenigstens aber beim nächsten Mal zur Wahl des Betriebsrats antreten. Ich, die 19 jährige Bürohilfe, mit dem komischen Stempel? So ganz verstand ich das Theater damals nicht. Ist auch egal, denn es kam sowieso alles anders. Die Firma gibt es mittlerweile nicht mehr, und ich wollte auch auf etwas ganz anderes hinaus.
Ich habe bis heute noch nie unter irgendetwas meinen Namen gesetzt, wenn ich es nicht selbst erledigt oder mindestens persönlich kontrolliert habe. Für mich bedeutet mein Handzeichen nicht „Guck mal, ich war auch im Dienst.“ sondern „Hierfür trage ich die Verantwortung.“ Und noch mehr Angst, als damals die Verantwortung für eine 125000€ teure Lkw Ladung, die theoretisch ein paar Paletten Papiermüll hätten sein können, zu übernehmen, habe ich heute, dafür zu unterschreiben, dass es einem Patienten gut geht, er jegliche notwendige Unterstützung von mir erhalten hat und ich dafür quasi bürge. Erst recht, wenn ich auch noch ganz genau weiß, dass dem definitiv nicht so ist.
Ich hatte es bislang natürlich auch sehr einfach, dieses Prinzip konsequent durchzuhalten. Während meiner Ausbildung durfte ich ohnehin nur selten selbst dokumentieren (sitzende Tätigkeit, das lassen sich einige Schwestern nur sehr ungern abnehmen, wo doch alles andere schon nur Rennerei und Hetze ist) Und danach bin ich direkt in die Notaufnahme. Dort ist natürlich klar: Wenn ich dokumentiere „EKG gelaufen“ dann, weil ich den Ausdruck bereits in der Hand halte. Alles andere wäre einfach nur bescheuert.

Nichts desto trotz will einfach nicht in meinen Kopf, warum ALLE meine Kollegen, die ich kennen, so „locker“ mit ihren Handzeichen sind. (Entspannt Euch, liebe Kollegen, ich erkläre gleich, was ich mit locker meine.)
Sorry, aber es tut mir körperlich weh Lagerungspläne, Verzeihung „Mobilisationspläne“, zu lesen, auf denen 18 Patienten um 16 Uhr auf links gelagert wurden. Von 2 Pflegekräften. WAS SOLL SO EIN SCHEISS??! Natürlich haben die 2 Kollegen die sogenannte Lagerungsrunde gemacht und natürlich sind auch alle Patienten bewegt worden aber ganz sicher nicht alle um 16 Uhr.
Warum schreiben wir dann so etwas? Warum dokumentieren wir „aktivierende Ganzkörperwaschungen“ mit drölfzig Prophylaxen bei 16 Patienten, zu dritt zwischen 7:00 und 8:30 Uhr. WARUM? WER SOLL DAS GLAUBEN?

Liebe fachfremden Leser, bitte versteht mich an dieser Stelle nicht falsch. Wir sitzen nicht alle sorglos im Dienstzimmer herum und lassen „locker“ ein paar Handzeichen über die Seiten fliegen, Hauptsache die Dokumentation ist hübsch, scheiß auf den Patienten. Im Gegenteil! Viele meiner Kollegen tun alles in ihrer Macht stehende um jedem Patienten zumindest das Notwendigste an Pflege zukommen zu lassen und verachten nahezu die ganze Schreiberei, für die so wertvolle Zeit verloren geht. Ein Großteil der Pflegerinnen und Pfleger aus meinem Umfeld, würde nicht einmal die Kühlschrank Temperatur als ok abhaken ohne auch wirklich nachgesehen zu haben. Und erst recht nicht einem pflegebedürftigem Patienten einen intakten Hautzustand attestieren, ohne jeden Zentimeter auch wirklich inspiziert zu haben. Das meine ich nicht, wenn ich von „locker“ spreche.

Es geht mir um die Dinge, die wir nach täglichen Abwägen der Prioritäten weglassen MÜSSEN, weil einfach keine Zeit dafür da ist. Der Patient, den ich aus Zeitgründen nicht ins Bad sondern lediglich an die Bettkannte mobilisieren konnte. Bei dem Pneumonie Prophylaxe darin bestand, bei geöffnetem Fenster ein paar mal tief durchzuatmen um die frische Luft zu genießen und sonst nix. Den ich nicht mal aus seinem Schlafanzug geholt habe, weil es ihm zum Glück eh wurscht ist, ob er im Schlaf- oder Jogginganzug an seiner Bettkante sitzt um auf das Frühstück zu warten. Ich kann das durchaus verantworten. Natürlich fallen mir mindestens noch 30 Dinge ein, die ich aus pflegerischer Sicht zur Gesundung des Patienten beitragen könnte. Dummerweise warten aber noch 8 andere Patienten, deren Blutdrücke ich noch nicht kenne, die womöglich Schmerzen haben, dringend zur Toilette begleitet werden müssen oder gar im sterben liegen. Also entscheide ich: „Diesem Patienten geht es jetzt gut genug, Mindestmaß erfüllt, weiter geht`s.“
Wie gesagt, das kann ich gerade noch verantworten. Warum aber (und jetzt bitte ich meine Kollegen hier ernsthaft um Antworten, weil ich den Stationsalltag wirklich nur aus Schülersicht kenne) dokumentiere ich danach dieses „Wunderland“?
Mobilisation in Nasszelle, Teilkörperwäsche, Mundpflege, alle relevanten Prophylaxen, bla blub trallala… WAS SOLL DAS?

Schreiben wir es doch einfach mal so wie es ist.

„Gesicht gewaschen, Zähne raus, geputzt wieder rein, Katheterpflege, zum Frühstück in Rollstuhl mobilisiert, mehr war nicht drin.“

oder

Blutdruck, Puls, Temperatur im grünen Bereich, Patient bemerkt den Stress der Pflegekraft und verzichtet auf Hilfe bei der Körperpflege mit den Worten „Bekomme heute eh keinen Besuch, reicht wenn ihr mir morgen ins Bad helft. Zu Hause gehe ich auch nicht jeden Tag duschen, erst recht nicht wenn ich krank bin.“

oder

Vitalzeichen o.B. Wegen eines Notfalls in Zimmer 146 Patient erst nach dem Frühstück wieder angetroffen. Herr M. musste daher in Schutzhose abführen, ist seitdem verständlicherweise sehr schlecht gelaunt und verweigert nun weitere Unterstützung zur Körperpflege und sämtliche Prophylaxen.

oder

Patientin musste aufgrund der Unterbesetzung von Praktikantin bei der Körperpflege unterstützt werden. Frau S. fühlt sich gut versorgt, ob Pflegehandlungen nach Standard und fachlich korrekt durchgeführt wurden, kann nicht beurteilt werden.

Versteht Ihr was ich meine? Ich denke schon.

Mit Hilfe des #Pflegestreik wollen wir unsere aktuelle Situation deutlich machen. „Leute, es geht so nicht weiter! Ihr sterbt womöglich, obwohl wir uns für Euch krank schuften!“ in die Welt schreien. Änderungen müssen her! Ein verbindlicher Personalschlüssel muss her! Und bei aller Liebe, wenn wir genug junge Menschen dazu bewegen wollen, eine Beruf in der Pflege zu ergreifen, wird auch mehr Kohle dafür auf den Tisch kommen müssen. Das sollten wir den Menschen auch genau so sagen. Und ich finde, wir sollten dann auch aufhören, uns selbst zu belügen, indem wir Dinge schön schreiben, die nicht schön sind. Wozu auch? Für die Stationsleitung, die PDL, das Krankenhaus, den MDK, die Politik? Für wen? Alle, die damit zu tun haben, wissen, dass wir unmögliches möglich machen sollen. Warum also weiter lügen? Warum hinter 34 Pflegehandlungen auf einer Liste mein Handzeichen machen, um Geld von der Krankenkasse zu bekommen, das nur für 6 davon reicht? Warum so tun, als würde diese System auch nur annähernd funktionieren?

Wir sind das schwächste Glied in dieser Kette, sollen aber den Kopf hinhalten. Wenn irgendwas schief geht, ist schnell ein Schuldiger gefunden. Die Pflege, wer sonst? Warum also sollten wir weiterhin für die 125000€ Lkw Ladung, ähm Verzeihung, für die angebliche Gesundheit des Patienten verantwortlich zeichnen?

Warum nicht einfach ein „Kontrolle nicht möglich, mangels Personal“ Stempel?

Quelle: @Emergencymum

Gedanken zum „Pflegestreik“

Pflegekräfte „haken“ ab. Täglich. Am Ende jedes Dienstes.
Sie unterschreiben, welche Prophylaxen sie an einem Patienten durchgeführt haben.
Dass sie mit ihm/ihr Atemübungen gemacht, die Haut auf Druckstellen untersucht und eingecremt, demjenigen Bewegungsübungen gegen Thrombosen gezeigt hätten.
Sie unterschreiben, dass sie bei einem liegenden Blasendauerkatheter mindestens
einmal pro Schicht eine Intimpflege vorgenommen haben, um Harnwegsinfekte zu vermeiden.
Sie unterschreiben, dass ein Patient alle zwei Stunden umpositioniert wurde, da er sich selbst nicht bewegen kann. Dass er bei jeder dieser Gelegenheiten etwas zu Trinken und evtl. eine
Zwischenmahlzeit erhalten hat. Dass zwei Mal in der Schicht eine spezielle Mundpflege durchgeführt wurde, da der Patient nicht richtig schlucken kann und um einer Lungenentzündung vorzubeugen.
Sie unterschreiben die Gabe von Inhalationen und Medikamenten, die der Patient erhalten soll.
Das Alles haben sie nicht gemacht. Sie hatten keine Zeit dafür.
Ich verstehe, dass viele Kollegen mit der Zeit abstumpfen.
Nie mit der Arbeit fertig zu werden und abends nicht Aktenberge, sondern kranke und bedürftige Menschen liegen zu lassen, ist psychisch schwer zu verkraften.
Man will sein Bestes geben, man sieht seine Arbeit vielleicht sogar als die oft
genannte „Berufung“, wird aber kontinuierlich von den Arbeitgebern, der Politik und der Struktur des Gesundheitssystems daran gehindert, dies zu tun.
Es sind zu viele Aufgaben für zu wenige Menschen.
In anderen Ländern fühlen sich Pflegekräfte gestresst, wenn sie mehr als sechs oder sieben Patientenversorgen. In Deutschland kommt es regelmäßig vor, dass eine Pflegekraft alleine im Dienst ist und für 20 oder mehr Personen verantwortlich ist. Sie bekommt dabei aber keine Unterstützung von Bürokräften, die die Akten vorbereiten, von Hilfskräften, die Getränke verteilen und Betten beziehen, von Pflegehelfern, die dafür ausgebildet sind, die Körperpflege bei bedürftigen Patienten zu übernehmen oder sie auf die Toilette zu begleiten, wie es in vielen Ländern die Regel ist. Unterstützung bekommt sie lediglich durch einen „Schüler“ oder Praktikanten. Nachts gerne auch von niemandem.
Ich habe schon oft Beschwerden gehört, es könne nicht sein, dass ein Mensch unbemerkt stundenlang tot in seinem Bett liegt, bevor jemand es bemerkt. Meine Frage ist: wer soll es denn bemerken? Wenn ich auf einer Seite der Station mit meinem Rundgang beginne, dauert es mindestens zwei Stunden, bis ich das nächste Mal nach den Patienten dort sehen kann – falls in der Zwischenzeit kein Notfall ist, der mich eine zusätzliche halbe Stunde in Anspruch nimmt.

Wenn Sie Ihren Angehörigen im Krankenhaus besuchen und nach einer „Schwester“ klingeln (die offizielle Berufsbezeichnung lautet Gesundheits- und Krankenpfleger/in), damit sie die Person von der Bettschüssel befreit, und diese nach einer halben Stunde immer noch nicht da ist, muss das kein böser Wille sein. Es ist unwahrscheinlich, dass sie gerade Pause macht. Vermutlich haben mittlerweile fünf weitere Patienten geklingelt, sie hat einen Patienten in den Operationssaal gefahren und das Abendessen musste ausgeteilt werden.
Sie hat es einfach vergessen.
Beschweren Sie sich also nicht bei der betreffenden Pflegekraft, beschweren Sie sich bei den Menschen, die festlegen, wie viel Personal auf einer Station eingesetzt wird.

In den drei Jahren, in denen ich in vier Krankenhäusern auf 14 Stationen und in einem Pflegedienst gearbeitet habe, hatte ich bei genau drei Einsätzen eine Pause. Arbeitspausen sind im Arbeitszeitgesetz §4 wie folgt definiert: „Die Arbeit ist durch die im Voraus feststehenden Ruhepausen von mindestens 30 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs bis zu neun
Stunden und 45 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden insgesamt zu unterbrechen. Die Ruhepausen können in Zeitabschnitte von jeweils mindestens 15 Minuten aufgeteilt werden. Länger als sechs Stunden dürfen Arbeitnehmer nicht ohne Ruhepausen beschäftigt werden.“

Ich werde von Patienten oft gefragt, ob es in der Kantine dasselbe Essen gäbe.
Ob ich jetzt in die Mittagspause gehe.
Ob es schlimm wäre, wenn sie mich im Nachtdienst beim Schlafen störten.
Ich kann nicht in die Kantine gehen.
Meine „Pausen“ gestalten sich so, dass ich mich zum Frühstück/Abendessen hinsetze.
Ich schneide eine Semmel auf, öffne die Butterpackung und schmiere die eine Hälfte.
Es klingelt.
Ich bringe einem Patienten die Bettschüssel.
Ich schmiere das Brot fertig und beiße zweimal ab.
Es klingelt wieder.
Ich bringe einem gehfähigen Patienten einen Krug Wasser.
Ich esse die eine Hälfte fertig.
Es klingelt.
Ich helfe dem ersten Patienten von der Bettschüssel und säubere sein mit Stuhlgang verschmiertes Gesäß.
Ich esse mein Brot fertig.
Meine Pause ist beendet.

Ich lese und höre oft Kommentare von verschiedensten Personen, „Schwestern“ würden die ganze Zeit nur Kaffee „saufen“ und Kuchen essen. Ich frage mich dann, in welchem Krankenhaus das sein soll.
Vermutlich verwechseln diese Menschen unsere Dienstübergaben, während derer zugegebenermaßen aufgrund des Schichtdienstes extrem viel Kaffee getrunken wird, mit Pausen. Übergaben sind wichtig, damit die nächste Schicht die Diagnosen aller Patienten kennt und über Pflegeprobleme Bescheid weiß. Wir arbeiten in diesen 20 Minuten genauso, wie andere bei einem Meeting, für das sie zwei Stunden an einem Tisch sitzen. Von außen betrachtet sieht auch eine Ihrer Besprechungen nicht sonderlich produktiv aus.
Sehr selten sitzen wir tatsächlich auch mal eine dreiviertel Stunde Kuchen essend da. Wenn es
ausnahmsweise extrem ruhig ist, versucht man die Pausen der letzten Monate nachzuholen. Generell werde ich es aber nie für eine wirkliche Ruhepause nach dem Arbeitszeitgesetz halten, wenn ich die Station währenddessen nicht verlassen darf, damit ich auf die Patientenglocken reagieren kann. Möchte ich tatsächlich einmal für fünf Minuten in die Umkleide verschwinden, um ein verdrecktes Oberteil zu wechseln, muss ich hoffen auf keinen Vorgesetzten zu treffen, vor dem ich mich dann rechtfertigen müsste. Dabei fände ich es andersherum interessant, einmal die Begründungen der Geschäftsleitung dafür zu hören, weshalb regelmäßig die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten zwischen zwei Diensten von elf Stunden beziehungsweise zehn Stunden im Krankenhaus nicht eingehalten werden.
Bei einem der häufigen „Spät-Früh-Wechsel“ bin ich bis 21.15 Uhr auf Station, verlasse das Haus nach dem Umziehen um ca. 21.30 Uhr und bin am nächsten Morgen spätestens um 5.45 Uhr wieder in der Umkleide.
Das macht eine Ruhezeit von 8 Stunden und 15 Minuten, sowie abzüglich der Anfahrt usw. eine Schlafenszeit von ca. 5,5 Stunden. Nach dieser „Ruhezeit“ bin ich immer in einem derartig desolatem Zustand, dass ich im Bad vergesse, was ich tun wollte und unterwegs fast einschlafe.
Es heißt oft, dass Schlafmangel ähnliche Auswirkungen hat, wie Alkoholkonsum, was ich bestätigen kann.
In diesem Zustand verabreiche ich dann Ihren Angehörigen Medikamente.
Medikamente sind die wahrscheinlich wichtigste Therapieform im Krankenhaus. Schmerzen werden behandelt, der Blutdruck gesenkt, der Puls wieder in geregelte Bahnen gebracht. Voraussetzung dafür ist, dass sie richtig verabreicht werden.
Der „5-R-Regel“ nach müssen Pflegekräfte auf den
richtigen Patienten, das richtige Medikament in der richtigen Dosierung
und Applikationsform und zum richtigen Zeitpunkt achten.
In der Realität sieht das meistens wie folgt aus:
die Pflegekraft im Nachtdienst stellt irgendwann zwischen 0 und 3 Uhr die Medikamente für alle 24 Patienten. Derjenige wird hierbei regelmäßig durch die Patientenglocken unterbrochen. Je nach Fachgebiet kann ein Patient weit über zehn verschiedene Tabletten benötigen. Beim letzten Rundgang morgens um 4-5 Uhr werden die Tablettenschachteln verteilt.
Offiziell überprüft die verabreichende Pflegekraft im Tagdienst die Medikamente noch einmal. Dies findet in der Realität nicht statt, da wir keine Zeit haben.
Ich möchte nicht darüber nachdenken, wie viele Fehler deswegen passieren.
Manche Medikamente sollten nüchtern eingenommen werden. In der Realität nehmen die Patienten aber alle Tabletten zum Essen ein.
Theoretisch dürfen viele Tabletten nicht geteilt werden, da sie
eine Schutzschicht haben und zum Beispiel über 24 Stunden verteilt wirken sollen. In der Realität werden sie regelmäßig gemörsert, damit sie einem Patienten mit Schluckstörung schnell mit Joghurt verabreicht werden können oder durch die Magensonde passen. Dadurch kommt es zu Überdosierungen. Eigentlich dürfen Medikamente nur durch examinierte Pflegekräfte oder Auszubildende im zweiten oder dritten Lehrjahr verabreicht werden. In der Realität übernehmen dies oft Praktikanten ohne jegliche medizinische Vorbildung, die Patienten im Liegen Essen eingeben, Tabletten oder Tropfen vergessen oder falsch verabreichen und verständlicherweise nicht fähig sind, im Falle einer Aspiration von Nahrungsmitteln angemessen zu reagieren. Das Argument, dass jeder „füttern“ kann mag nicht völlig falsch sein, aber nur solange ein Patient nicht schwer pflegebedürftig ist und Schluckbeschwerden hat, die im schlimmsten Fall zum Ersticken führen können.

Natürlich ist nicht jede Pflegekraft ein Engel und gibt sich Mühe. In jedem Berufsfeld gibt es schwarze Schafe. Im Allgemeinen aber sind wir gut ausgebildet und wollen kompetent und einfühlsam für unsere Patienten sorgen.
Die Ausbildung, die gerne sehr geringgeschätzt wird, beinhaltet viele Theoriestunden nicht nur zum Bettenmachen, sondern auch zu Anatomie, Physiologie, Pharmakologie, Krankheitslehre, Psychologie und zu rechtlichen Aspekten. Dazu kommen die zahlreichen pflegeeigenen Themen zur Prophylaxe von Krankheiten, richtiger Ernährung, Pflege im Rahmen von Operationen, der Mobilisation von Patienten, dem richtigen Umgang mit schwerkranken oder sterbenden Menschen u.v.m., die teilweise nur in unserer Ausbildung gelehrt werden und beispielsweise Ärzten gar nicht bekannt sind. Ich habe mittlerweile über 40 Fachbücher angesammelt. Dieses Wissen würde ich sehr gerne anwenden, wenn die Zeit dafür da wäre. Im Moment wird das allernötigste an Pflege getan, damit sich der Zustand der Patienten wenigstens nicht verschlechtert. Wenn es mehr Personal gäbe und wir nicht fachfremde Aufgaben übernehmen müssten, wie Tee kochen, Müllsäcke leeren, Verwaltungsaufgaben erledigen, putzen und Essenstabletts verteilen, könnten wir unsere Kompetenz dazu verwenden, den Gesundheitszustand der Patienten tatsächlich zu verbessern und weiteren Krankheiten vorzubeugen. Oder einem schwerkranken Menschen einfach mal die Hand zu halten.
Wir sind im Krankenhaus die Personen, die immer da sind. Die Ansprechpartner für die Kranken, und die Menschen, die bei alleinstehenden Patienten die Angehörigen ersetzen müssen. Jeder braucht Ansprache und Gesellschaft.
Und wenn ich einen Todkranken, der unvorstellbare Schmerzen hat, auch weil er aus Zeitdruck seine Schmerzmedikamente nicht rechtzeitig erhalten hat, der mich anfleht, ihn umzubringen, alleine lassen muss, dann tut mir das unglaublich weh und dann werde ich das auch nie wieder vergessen.

Wenn nun also endlich Pflegekräfte anfangen zu streiken, und zwar nicht einmal für das höhere Gehalt, das sie bei ihrer extrem hohen Verantwortung und Arbeitsbelastung definitiv verdient hätten, sondern für mehr Personal, damit Sterbende nicht stundenlang in ihren eigenen Exkrementen liegen müssen und rechtzeitig Schmerzmittel erhalten, dann kann ich das nur begrüßen.

Dass ein so reiches Land sein Gesundheitssystem so verkommen lässt und so wenig Respekt vor Alten und Kranken hat, ist peinlich. Und dass die Bevölkerung und vor allem aber die Medien dieses Thema weitgehend ignorieren, dass die größte deutsche Tageszeitung in mehr als zehn Tagen kein einziges Wort über diesen Streik verliert, obwohl über alle anderen Streiks immer ausführlichst berichtet wird, dazu fehlen mir die Worte.
Ich kann nur hoffen, dass sich etwas ändert, bevor es niemanden mehr gibt,
der diesen Beruf ausüben möchte, und das bei stetig steigenden Zahlen von Pflegebedürftigen.
Die wenigsten arbeiten länger als ein paar Jahre in der Pflege.
Ich werde ab Oktober examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin sein und habe nicht vor, jemals auf einer „Normalstation“ unterdiesen Bedingungen zu arbeiten. Ich könnte es auch nicht, da ich schon jetzt starke Rückenprobleme habe.
Von den anfangs 25 Auszubildenden in meinem Kurs werden weniger als zehn in der Pflege bleiben, und die meisten davon planen nicht mit mehr als ein paar Jahren.
Ein eigentlich schöner und anspruchsvoller Beruf ist zu einer Bürde verkommen, wegen der man Bauchschmerzen bekommt, und sich dann nicht einmal krank melden kann, da der Kollege dann alleine im Dienst ist und irgendwer aus dem „Frei“ einspringen muss.
Wie schade!

Quelle: Anonym.

Menschliche Fehler.

Ich habe heute vor lauter Stress einem Patienten ein falsches Medikament gegeben.
Fragt nicht wie ich mich fühle.

Ich bin wirklich überrascht,
dass mir das in den letzten 15 Jahren nicht einmal wissentlich passiert ist.
Was mich irgendwie etwas stolz macht, aber auch in gleichem Zuge zeigt was mein persönliches Problem in dem System ist.
Fehler macht jeder! Menschlich! Kann jedem mal passieren!
Ja, dem ist so, aber es wäre ein Fehler gewesen der vermeidbar gewesen wäre, wenn wir nicht Op Zahlen durchdrücken würden die man nicht ableisten kann, Kollegen einspart und immer alles Höher! Schneller! Weiter! sein muss.
Sich selbst einen Fehler einzugestehen ist schon schwer genug.
Es war kein komplett falsches Medikament, es war lediglich ‘nur’ die Dosierung.
Das was mir wirklich Sorgen macht, ist dass es mir gar nicht aufgefallen wäre, wenn es nicht eine Tablette gewesen wäre die unters Betäubungsmittelgesetz fällt, dokumentiert werden muss und am Ende der Schicht nochmals der Bestand kontrolliert wird.
Leute machen da Witze drüber wie Hoffentlich hatte der Patient einen guten Trip…etc.
Aber wenn man überlegt wie viele Medikament ich am Tag in der Hand habe oder vorbereite, egal ob per os oder zur intravenösen Verabreichung, kann das halt auch ganz schnell nicht mehr lustig sein.
Gäbe es diese ständige Überlastungsspitzen nicht und könnte ich meinen Job mit der Zeit ausführen die ich brauche und die dafür notwendig ist, würde mir das nicht passieren.
Und ich möchte auch nicht dass sowas mit meinen Angehörigen passiert.
Punkt.

Wenn man sich selbst reflektiert, so wie ich heute, einen Tag später, und sich selbst fragt was man ändern muss damit einem so etwas nicht wieder passiert, gibt es exakt nur eine Antwort: kündigen und versuchen dem System zu entfliehen.
Ich habe diesen Job nicht gelernt um mich ständig selbst in Frage zu stellen oder anderen Menschen Leid zuzufügen, weil man mir durch immer mehr Arbeitsdruck die Möglichkeiten nimmt und mich dazu zwingt meine eigene Ethik über den Haufen zu werfen.
Ich mag meinen Job und es ist sogar der richtige für mich, weil ich ihn gerne mache und weil mir Patienten -so wie im gestrigen Dienst trotz allem Stress- aufzeigen -mit Worten oder Gesten- dass wir wichtig sind.
Vor einiger Zeit dachte ich es sei der Druck von oben der mich einknicken lässt, der Zeitmangel, das ewige über 8 Stunden auf 180% Prozent zu laufen um auch ja alles zu schaffen, aber mittlerweile und das kommuniziere ich auch offen gegenüber Kollegen, ist es mehr das Problem dass ich das alles nicht mehr moralisch vertreten kann was passiert.
Mit mir selbst krieg ich das nicht auf die Kette, Fehler zu machen ist menschlich, ja, aber ständig Fehler zu sehen die mit einfachsten Mitteln vermeidbar wären und den Berufskodex in Frage stellen nicht!
Ja, Fehler sind menschlich, aber wo in diesem System werde ich oder der Patient noch als Mensch angesehen?

Das ist alles so lange Mach dir keinen Kopf drum, bis wirklich mal etwas richtig schlimmes passiert. Und da würde ich gerne sehen ob Menschen die larifari so etwas sagen -und sich nicht im entferntesten vorstellen können was es bedeutet so einen 8 Stunden Dienst im Krankenhaus abzuleisten- Nachts noch schlafen könnten wenn sie in der Lage wären und einem anderen Menschen (wissentlich) Schaden zugefügt haben.
Das System ist so, gewöhn dich dran. Besser wirds nicht.
Ich habe meinen Job sicher nicht ergriffen um tagtäglich russisch Roulette zu spielen und schon gar nicht auf der Grundlage dass es rentabel ist jeden Patienten auf den Op Tisch zu ziehen wenn er nicht rechtzeitig bei 3 auf dem Baum ist. Und schon gar nicht, weil irgendwelche Chirurgen Provision pro Op bekommen, während die Pflege weinend in der Ecke zusammenbricht und eine weisse Fahne schwingt. Nein, nein, nein!
Denn am Ende ist es mein Fehler und das kann man sich nicht schön reden wie man will.

Der Hass auf so manches.

Es gibt ein paar Dinge in Bezug auf die aktuelle Gesundheits- und Krankenhauspolitik, die mich und meine Kollegen in letzter Zeit immer mehr negativ betreffen und wütend machen, so dass ich einiges davon mal loswerden muss, auch wenn es nichts ändern wird.

Ich bin von meinen Eltern zu einem einigermaßen ehrlichen, charakterstarken Menschen erzogen worden, der ein gewisses Mindestmaß an ethischen Anforderungen an sich und auch an andere stellt, so dass meine Erziehung es mir eben nicht verbietet, sondern mich geradezu zwingt, gewisse Dinge mal anzuprangern. Auch wenn mich das Folgende wahrscheinlich in die Nähe einer Abmahnung, wenn nicht sogar Kündigung bringen würde, hätte ich denn die Möglichkeit, gewissen Leuten das alles mal gefahrlos und ungeschont ins Gesicht zu sagen.
Wie von manchen wahrscheinlich schon bemerkt, arbeite ich im Krankenhaus.

Der negative Einfluss der Verwaltung in unserer und auch vielen anderen Kliniken hat mittlerweile groteske Ausmaße angenommen.
Es geht nur noch um Geld und Fallzahlen. Schlimm genug. Das ist sicherlich ein Problem, welches nicht nur auf dem Mist unserer Klinikverwaltung gewachsen ist, aber sie ist das blühende Pflänzchen auf dem riesigen Misthaufen, den die Politik der letzten Jahre zu verschulden hat.
Aber es ist ein Unding, dass Menschen eine Klinik leiten, an denen jegliches medizinisches und pflegerisches Fachwissen nicht mal in weitester Entfernung vorbeikommen ist. Dass dieser Auswuchs an Kompetenzmangel zudem auch keiner weiteren Kontrollinstanz mehr unterliegt als dem sich permanent selbst reproduzierenden Wasserkopf an ähnlich begabten Hoffnungsträgern aus Management und Parteifreunden, ist an Unverschämtheit nicht zu überbieten. Dass sogar selbst die Chefärzte aus Angst über ihre Ersetzbarkeit sowie aus Prämiengeilheit ihre medizinische Ethik vergessen und für einen kleinen Hundekeks vor diesen Soziopathen noch Männchen machen, ist erschreckend.
Wie konnte das so weit kommen?
Wenn ich durch die Klinik gehe, hängen überall bunte Rahmen mit “Zertifizierungsurkunden”, schon in der Eingangshalle wird sich selbst ausgiebig geweihräuchert mit den angeblich unfassbar guten Kompetenzen, dass es mich jedesmal schüttelt, wenn ich mal einen ungeschonten Realitatsabgleich mit dem mache, was manchmal hinter den Kulissen passiert.
Es gibt überall lustige Heftchen mit dem tollen Klinikleitbild und dem Schmalzgesicht vom Geschäftsführer drin, welche sich in blumigen Schilderungen über die ach so ethisch wertvolle Patientenversorgung überschlagen, doch diese Propaganda, die sowieso kein Schwein liest, ist das reinste Satireblatt.
Als die Kliniken vor 10, 15 Jahren noch keine Pamphlete namens “Leitbilder” hatten, um eigentlich Selbstverständliches verbalrhetorisch klangvoll zu formulieren, waren die Patienten ironischerweise besser versorgt als heute. Obwohl die meisten Mitarbeiter den Ausdruck “Leitbild” damals nicht mal groß mit irgendwas in Verbindung bringen konnten.
Damals gab es auch noch keine 50 teilweise sinnlose Zwischenstufen wie Bereichsleitungen oder die heutigen 98 verschiedenen Managementebenen oder Projektgruppen und es lief trotzdem. Auch besser als heute.
Uns Ärzten und den Pflegern und allen anderen vom Handwerker bis zur Reinigungsfachkraft werden parallel permanent die Anforderungen hochgeschraubt, während man uns von Seiten der Verwaltung, Politik und Rechtssprechung gleichzeitig Knüppel zwischen die Beine wirft und uns die Arbeit erschwert, wo es nur geht.
Es ist auf Dauer nicht nur ärgerlich, sondern auch nervenaufreibend und frustran und führt erwiesenermaßen langfristig zum Burn out, wenn man jeden Tag das Gefühl hat, egal, wie man sich bemüht, man hat keine Chance, den Patienten noch irgendwie gerecht zu werden.
Das macht nicht nur die Patienten krank, sondern auch das Personal. Ich verstehe nicht, wie man als Verwaltung diese für jeden Idioten offensichtlichen Zusammenhänge so ignorieren kann. Diese haben ja nun auch gesamtwirtschaftliche Folgen, von den Auswirkungen auf die einzelne Klinik mal ganz abgesehen.
Man dürfte eigentlich selbst bei “Zahlenmenschen” davon ausgehen, dass sie zu dieser schon durch normalen Menschenverstand möglich gemachten intellektuellen Transferleistung irgendwie fähig sein sollten.
Wir werden mittlerweile zunehmend über kleine fiese Umwege gezwungen, medizinische Entscheidungen entgegen menschlicher und medizinischer Verantwortung und Moral dem Willen der Verwaltung unterzuordnen, es ergeben sich oft Situationen, die weder medizinisch noch ethisch tragbar für die Patienten sind. Zum Glück für die Verwaltung stehen ja erstmal WIR an vorderster Front, wenn es Fehler, Klagen oder Ärger gibt. Dummerweise bin ich ja auch für meine Entscheidungen primär haftbar, denn meine Unterschrift steht ja unter dem Verlegungsbericht, wenn ich jemanden verlegen muss, obwohl er schlecht und wir eigentlich voll sind, nur weil die Verwaltung beschlossen hat, dass wir jedem immer aufnehmen müssen.
Den Patienten bei fehlender Kapazität anzubehandeln und dann weiterzuverlegen, in eine Klinik, die ihn momentan besser oder schneller versorgen kann, wird von der Verwaltung ausdrücklich nicht gewünscht. Das wird nicht direkt, aber mittels subtiler Drohungen an die Chefärzte anhand zu erfüllender Quoten kommuniziert.
Der Klinik generell ein Organisationsverschulden nachzuweisen, ist quasi ein Ding der Unmöglichkeit, da diese Anweisungen nirgendwo schriftlich fixiert sind.
Es wird außerdem immer argumentiert, “in anderen Ländern gibt es viel weniger Klinikbetten”.
Ja, dafür ist die restliche außerklinische Versorgung oft besser organisiert.
Oder das Lieblingsargument: “in anderen Ländern gibt es viel weniger Intensivbetten!”
Auch das, ihr Verwaltungs-Vollspaten, dafür gibt es da aber auch mehr Intermediate Care-Stationen mit besser ausgebildetem Personal, entsprechend mehr Kompetenzen und mehr Hilfskräften.
Mag sein, dass es in Schweden nur einen Bruchteil an Intensivkapazität gibt. Aber da haben nicht nur zwei Schwestern die Verantwortung für 36 Patienten, sondern sie teilen sich die Arbeit eher mal zu viert oder zu sechst. Auch sind sie oft besser qualifiziert und das Berufsbild der Pflege ist ein angesehener Job, erfordert einen Studienabschluss und entspricht nicht wie bei uns dem volkstümlichen Negativbild aus “Arschabwischer und Saftschubse”.
Die Patienten können dort schneller von der Intensivstation verlegt werden, weil sich auf den normalen Stationen besser gekümmert werden kann und man keine Angst haben muss, dass der Patient da erst versehentlich fast umgebracht und dann notfallmäßig als halbtote Reklamation auf die Intensivstation zurückgefleddert wird, weil es unseren Stationsärzten und Schwestern an Zeit fehlt, Probleme frühzeitig zu erkennen, darüber nachzudenken und gar nicht erst eskalieren zu lassen.
Auch gibt es Studien, die beweisen, dass nächtliche Operationen, Rund- um-die-Uhr-operieren im Schichtdienst sowie permanente Vollbelegung der Stationen das Risiko für Qualitätsmängel, Fehler und ein schlechteres Outcome der Patienten steigern, aber am liebsten hätte man es aus dem bequemen Leder der Bürosessel so, dass der OP nie stillsteht und alle Betten immer voll sind.
Personalkosten sind sicherlich der größte Kostenfaktor in Kliniken.
Aber gutes, zufriedenes Personal, das noch Zeit hat, während der Arbeit auch mal innezuhalten und zu denken, macht bessere Arbeit und erspart der Klinik eine Menge Geld durch Verhinderung von Katastrophen, seien es Hygienemängel oder Behandlungsfehler.
Wie man so kurzsichtig und knapp planen kann wie in Deutschland, ist mir ein Rätsel.
Aber ich kann es mir damit erklären, dass den Verantwortlichen das Bewusstsein für Ethik augenscheinlich völlig abgeht und man den Job in der Krankenhausverwaltung nur übergangsweise zum Aufhübschen des eigenen Portfolios macht.
Ich würde mir wünschen, der ganze BWL-Abschaum zöge sich bis auf ein erforderliches Mindestmaß in andere Sparten zurück, die weit, weit entfernt von der Arbeit am Menschen sind und ließe die Leute in Ruhe, die in den Kliniken die EIGENTLICHE Arbeit machen: die Schwestern, die Ärzte, die Handwerker, die Küche, der Steri und die Putzfrauen.
Ich habe mal irgendwo gehört, dass ein Betrieb, der mehr als 10-15% seines Geldes in die Selbstverwaltung investiert, unwirtschaftlich ist. Dann gehen Sie mal in die Krankenhäuser und auch Krankenkassen und zählen Sie mal durch.
Surprise! Wie unerwartet.
Während der Geschäftsführer weitere Manager einstellt, streitet er sich mit uns schamlos über Gelder, Überstundenbezahlung oder Dienstmodelle, so dass es nur noch unverschämt ist. Oder man wird monatelang hingehalten.
Es gibt massenhaft Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz, die der Klinikleitung wohlbekannt sind, aber nie zu Konsequenzen führen.
Zwischendurch wird von der Verwaltung immer mal wieder signalkräftig ein essentieller Mitarbeiter bauerngeopfert, bei dem man sowas nie für möglich gehalten hätte, so dass alle anderen sich kaum noch trauen, was zu sagen.
Man spart an allen Ecken, hat neuerdings am Wochenende die Personalcafeteria geschlossen, wir Angestellten sollen nun auf kostenpflichtigen Parkplätzen parken und demnächst kommt vielleicht die elektronische Zeiterfassung, bei der z.B. täglich automatisch die Pause abgezogen wird. Ob man eine hatte oder nicht. Kein Wunder, dass bei uns kaum noch wer arbeiten will.
Ich habe jedenfalls Angst vor der Zukunft, wenn wir alle mal alt sind.
Das Gesundheitssystem schafft sich momentan ab, die Qualitätsstandards existieren nur noch auf dem Papier. Und Papier gibt es viel in jeder Klinik.
“Wer schreibt, der bleibt” heißt es oft. Vor lauter Dokumentation, die zum Teil nur der Befriedigung irgendwelcher Verwaltungsangestellten dient und nichts mehr mit realitatsbezogener Patientenversorgung zu tun hat, schafft man oft nicht mal mehr seine reguläre Pause und bleibt ständig länger.
Aber wenigstens halten wir Fußvolkangehörige untereinander einigermaßen zusammen, den glücklicherweise wissen wir, dass ein inhomogenes, zerstrittenes Team leichter zu kontrollieren ist. Und den Gefallen tun wir denen da oben nicht.
Denn wir sind zwar leider ausnutzbar, weil wir aufgrund unserer Moral erpressbar sind, aber wir sind immerhin nicht dumm.
Denn ein gemeinsames Feindbild schafft Zusammenhalt…

Quelle: Beuteltier