Kategorie-Archiv: Realität im Krankenhaus

Pflegestreik und die Bewegung in Deutschland.

Was soll ich dazu sagen,
was 2015 als Online-Idee angefangen hat, ist wie es schön heißt: viral gegangen.

Pflegestreik – ein Idee geht durch Deutschland!

Viele Pflegekräfte halten es immer noch für undenkbar, zu streiken. Also die Arbeit niederzulegen, den Arbeitsplatz zu verlassen, um für die eigenen Arbeitsbedingungen auf die Straße zu gehen. Dieselben Pflegekräfte, die die Station nicht verlassen möchten, um eine echte Pause haben zu können.
Viele, viele gute Kolleginnen und Kollegen sind in den letzten Jahren aus dem Arbeitsplatz Krankenhaus und Pflegeheim gegangen. Nachgekommen sind nur wenige.

Die, die geblieben sind, bemühen sich seit Jahren, dass was sie als gute Pflege gelernt haben, weiter umzusetzen und durchzuführen.
Der ganze Prozess des Personalabbaus und der Arbeitsverdichtung ging in den letzten Jahren so schleichend, dass erst vor wenigen Jahren die Pflegekräfte gemerkt haben, wie es wirklich um sie steht.
Die Arbeitsbedingungen sind mittlerweile in vielen Bereichen so bescheiden, dass viele dadurch krank geworden sind. Viele stehen mittlerweile kurz vor dem Aufgeben. Den geliebten Beruf aufgeben und sich einfach etwas anderes suchen, etwas Geregeltes, etwas mit freien Wochenenden, etwas mit planbaren Arbeits- UND Freizeiten, ohne ständig angerufen zu werden und bebettelt werden einzuspringen.
Der Pflegestreik an der Charité 2015 hatte alles ins Rollen gebracht. Auch wenn die Ursprungsbedingungen und das Tarifergebnis an der Charité vielleicht nicht für alle Kliniken übertragbar sind, dachte sich ver.di im kleinen Saarland: was die können, können wir auch.
Im Saarland gibt es sowieso zu viele Krankenhäuser, die viel zu wenig zusammen arbeiten, also lasst uns mal den Pflegestreik hier versuchen. Und Mitglieder haben wir auch zuwenig und insgesamt bräuchten wir mal wieder eine positive Lobby.
Die Grundidee im Saarland war, Beschäftigte von mindestens 11 der 21 Krankenhäuser dazu zu bringen, streikbereit zu sein. Nun war das Problem, dass Friedenspflicht herrscht und nur für etwas gestreikt werden darf, was noch nicht in einem Tarifvertrag geregelt ist. Also wurde die Idee geboren, einen sogenannten „Tarifvertrag Entlastung“ zu fordern und gegebenenfalls dafür zu streiken.
Aber oha: die Arbeitgeber wollen nicht verhandeln. Ver.di Berlin und die unterschiedlichen Arbeitgebervereinigungen seien zuständig. Verdi TrierSaar behauptet das Gegenteil.
Wer jetzt Recht hat, ist im Grunde genommen immer noch nicht geklärt.
Aber die ganze Streikdiskussion hatte 2016 auch die Landesregierung aufgeschreckt, denn schließlich stehen im März 2017 Landtagswahlen an. Eine positive Lobby für das Gesundheitsministerium kann da auch nicht schaden.
Gemeinsam mit dem Landespflegerat wurde ein „Pflegepakt“ ins Leben gerufen, um die Situation der Pflegekräfte partei- und institutionenübergreifend durch Maßnahmen zu verbessern. Hier wurden viele gute Ideen entwickelt.
Auch wurde von der zuständigen Ministerin ein Entschließungsantrag in den Bundesrat geschickt, um für eine bessere Pflegepersonalbesetzung in den Krankenhäusern zu sorgen.
Kurz vorm Internationalen Frauentag hat dann sogar zufällig zeitgleich die Expertenkommission der Bundesregierung ihr Ergebnis für eine Personalbemessung im Krankenhaus vorgestellt.
Aus einem Pflegestreik am 8. März 2017 wurde vorerst eine gemeinsame Demonstration von Saarländischer Krankenhausgesellschaft, Gesundheitsministerium und ver.di.
4000 Menschen gingen auf die Straße, trotz Regen und Kälte ließ sich niemand von dem knapp 6 km langen Marsch abhalten.
Die Idee eines Pflegestreiks hat sogar bis jetzt schon bei so vielen saarländischen Pflegekräften und Sympathisanten Anklang gefunden, dass es in Saarbrücken am 20.03.2017 einen weiteren Warnstreik für eine bessere Pflege geben wird.
Alles in allem beachtliche Bewegungen in kurzer Zeit. Insgesamt gehe ich davon aus, dass die gemeinsame Arbeit aller Berufsverbände und Partner im Gesundheitswesen dazu beigetragen haben, dass sich die Bundesregierung jetzt (kurz vor der Bundestagswahl) endlich bewegt. Zwar langsam, viel zu langsam, aber sie bewegt sich.

Danke an Heide Helga für diesen Beitrag.

Pflege geht uns alle an!

Des Öfteren wurde ja schon in verschiedenen Zeitungen, Medien etc. über den „Pflegenotstand“, diverse Bedingungen im Krankenhaus aus Sicht der Beschäftigten, Patienten und Angehöriger berichtet. Dass Pflegenotstand in Deutschland herrscht ist somit nichts Neues. Er ist real und nah wie nie.
Es ändert sich aber einfach nichts…im Gegenteil…es wird immer schlimmer. Viele haben beide Ohren und Augen verschlossen oder wollen es nicht sehen. „Es geht einen ja nichts an“ -denken evtl. viele.
Ich möchte hier nun über die Missstände am Universitätsklinikum in Homburg und allgemein in der Pflege aus Sicht einer Krankenschwester berichten.
Ich habe nun schon über 15 Jahre mein Examen und arbeite schon weit über 15 Jahre am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg als Kinderkrankenschwester. Genau in welcher Abteilung/Klinik und meinen richtigen Namen möchte ich nun hier nicht nennen, da ich Angst um meine Stelle habe.
Ich habe meinen Beruf immer geliebt. Es war schon seit ich denken kann mein Traumberuf, aber was momentan hier für Zustände herrschen, kann sich wirklich niemand vorstellen, der es nicht selbst erlebt hat. Es ist unfassbar und wird bestimmt kein Einzelfall sein.
Es ist unglaublich, dass in einem so reichen Land wie Deutschland kein Geld für die Pflege da sein soll.
Aber der Vorstand des Universitätklinikums in Homburg ist ja der Meinung, dass es zu viele Pflegekräfte hier gibt. Deshalb müssen zum wiederholten Mal und pünktlich zur Urlaubszeit, mehrere Betten- zum Teil sogar ganze Stationen auf Zeit geschlossen werden. Kaum sind ein paar Pflegekräfte in Urlaub und 1-2 fallen durch Krankenschein oder Schwangerschaft aus (und damit muss man als Arbeitgeber immer rechnen und planen) bricht Alles zusammen und Dienste/Stationen können nicht besetzt werden….ABER wir haben ja zu viel Pflegepersonal. Deshalb werden Stellen auch nicht neu besetzt, wenn Pflegekräfte wegen Elternzeit/Mutterschutz pausieren. Ahja…So sieht es also aus, wenn zu viele da sind. Soll mir außerdem mal jmd. von den Herren erklären, warum wir hunderte an Überstunden anhäufen und dann ständig an unseren freien Tagen angerufen werden um einzuspringen!
Uns als Pflegekräfte wird dann entweder von heute auf morgen zugemutet, auf eine völlig fremde Station zu wechseln, auf der wir weder Krankheitsbilder noch die Örtlichkeiten noch den Ablauf und die Pflegestandards kennen. Oder wir dürfen zum Teil komplett ALLEINE mit Sitzwache/Praktikanten/Schülern auf unserer Station arbeiten. Wir müssen ALLEINE(!!) frisch operierte und zum teil schwerstkranke Patienten und auf manchen Stationen darunter auch Kinder betreuen. Denkt da mal jemand nach wie wir so unsere Pause machen können (die uns ja rechtlich zusteht)? Geschweige denn darf man nicht darüber nachdenken was wäre, sollte es einem nicht gut gehen oder ein Notfall würde auftreten…vor allem nachts…nicht auszudenken.
Man kommt mit Bauchschmerzen zur Arbeit und hofft nur, dass irgendwie Alles gut geht. Ausserdem wird versucht mit größter Sorgfalt und mit aller Mühe die Patienten adäquat und professionell zu versorgen, doch meistens verzweifelt man, da man noch so viel tun kann, aber es einfach unter diesem Druck und dieser Belastung nicht mehr schafft.
Man nimmt den Arbeitsalltag mit nach Hause und überlegt noch lange nach der Arbeit, ob man in der Hektik an Alles gedacht und alles richtig gemacht hat.
Wir- die kranke Menschen in ihren zum Teil schwersten Stunden betreuen, unterstützen und begleiten- werden mit Füßen getreten. Wir sollen Menschen in Sachen Gesunderhaltung beraten und was ist mit unserer Gesundheit? Hier zählen nur Fallzahlen und wo man am Ende noch mehr sparen kann, aber der Mensch zählt hier schon lange nicht mehr. In der Pflege wird immer mehr gekürzt und gespart, um die Gehälter der Führungsetagen zu finanzieren.
Man wird verheizt bis es nicht mehr geht…aber irgendwann ist niemand mehr da und dann werden unqualifizierte und Billigkräfte eingestellt.
Stellen Sie sich nur die Frage…Möchten Sie, dass Sie oder ihre Kinder bzw. Angehörigen nach einer OP oder während einer Therapie/Krankheitsphase von unqualifiziertem Personal betreut werden, oder auf einer Station Patient sein, auf der nur eine Krankenschwester für ALLE ist?
Sie denken heute vielleicht noch :“Ich bin nicht krank, ich muss nicht ins Krankenhaus.“
Dies kann Morgen aber schon anderes aussehen.

PFLEGE GEHT UNS ALLE AN!

Quelle: Facebookpost an uns.

Wie man Auszubildende in den #Pflexit treiben kann.

Dieser Bericht dreht sich um eine Auszubildende in unserem Klinikum. Die Schülerin, nennen wir sie mal Anna, ist frisch im Oberkurs und bereitet sich fleißig für ihr Examen im Sommer vor. Ich selbst arbeite als Springer für die Normal-, und bedingt Intensivstationen, in unserem Haus und hatte über die Weihnachtsfeiertage den Bereitschaftsdienst übernommen. Besagte Schülerin, ich kannte sie damals noch nicht, rief mich aus lauter Verzweiflung am 1. Weihnachtsfeiertag auf meinem Bereitschaftstelefon an: Der Spätdienst hätte sich vor ein paar Stunden komplett krank gemeldet, von den Kollegen des Frühdienstes wolle keiner länger bleiben und drohten sogar damit, sie alleine auf der Station stehen zu lassen.
Sofort eilte ich zu ihr auf Station und wir hörten erst einmal gemeinsam die Patientenübergabe an, bevor wir einen Notfallplan schmiedeten. Der Bereitschaftsarzt Markus, ein guter Freund, der zeitliche Kapazitäten hatte, stand uns zur Seite. Wir bestritten also tatsächlich zu dritt diesen Dienst: Doc Markus kümmerte sich um Organisatorisches, verteilte das Essen, richtete Infusionen und quetschte zwischendurch noch ein paar Untersuchungen auf anderen Stationen dazwischen. Währenddessen „schmissen“ wir beiden die restliche Station. Die ersten Stunden begleitete ich die Schülerin, um sie, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse kennenzulernen. Und ganz ehrlich: Anna machte sich top! Sie achtete penibel auf Hygiene, kannte sich in der Krankheitslehre und Pflege in der Viszeralchirurgie aus und hatte auch die richtigen Handgriffe parat. Auch die Tages-Herausforderung meisterte sie mit Bravour: Während der Versorgung eines Patienten erkannte sie, dass es dem Zimmernachbarn zunehmend schlechter ging und löste Alarm aus. Als ich im Zimmer eintraf, hatte sie bereits mit den Thoraxkompressionen begonnen. Ich holte unterdessen den Notfallwagen, alarmierte Markus und unser Reanimationsteam. Nach kurzer Reanimation unsererseits hatte der Patient wieder einen Sinusrhythmus entwickelt, als das Team übernahm. Wir waren stolz auf Anna, die das alles noch nicht realisieren konnte.
Am nächsten Tag die gleiche Situation: Anna stand mit Markus und mir alleine auf der Station. Aber auch diesen Dienst hatten wir mit gemeinsamer Anstrengung gut, und vor allem zufriedenstellend, hinter uns gebracht.

In diesen zwei Tagen habe ich Anna sehr gut kennen und schätzen gelernt. In einigen Gesprächen ließ sie durchsickern, dass sie sich auf der Station nicht so wohl fühle. Im Nachhinein war das wohl bereits der erste Hilferuf, denn auch unter uns Springern ist die Station, ich nennen sie liebevoll Chaos-Station, verrufen: Kollegen, die sich untereinander nicht leiden können und dies offen zur Schau tragen, gar gegeneinander arbeiten und, wie könnte es anders sein, jeden „Externen“ ausnutzen und fertig machen. Und zu diesen Externen zählte nicht nur ich als Springer (Die ja eh alle faul sind und nix können), sondern auch Schülerin Anna (als kostenlose Hilfskraft). Kurzum: Das Personal konnte nicht miteinander arbeiten, sei es Pflege, als auch Ärzte, zusätzlich gab es dort einige Kollegen der „alten Schule“ und auch viele Patienten waren mit der Betreuung nicht zufrieden. Eigentlich lief dort so alles schief, was nur schief laufen kann. Und genau diese Situation auf der Station war schon länger in der Verwaltung und auch Schule bekannt, doch geändert hatte sich bisher nichts.

Das nächste Mal traf ich Anna zum Schichtwechsel Anfang des Monats. Wir besprachen, dass wir beim nächsten gemeinsamen Dienst eine kleine Prüfung simulieren, da sie auf der Station nur schlecht betreut und vorbereitet fühlte. Zwar bin ich kein Praxisanleiter, dennoch arbeite ich sehr gerne mit Schülern zusammen. Und scheinbar gehörte ich zu den wenigen Personen, die Anna ihr Schülerleben ausleben ließen, das heißt: Die Versorgung von eigenen Patienten zu übernehmen, frisch gelernte Techniken unter Aufsicht durchzuführen und eben auch mal das Ruder zu übernehmen.
Also bereitete ich mich entsprechend vor, ging selbst nochmals einige Standards der Klinik durch und schrieb mir einen Masterplan, was ich gerne alles mit Anna machen wollte.

Schließlich hatte ich wieder Dienst auf oben benannter Station, Anna war ebenfalls da, welche überglücklich schien, als sie mich sah. Bereits bei der Patientenübergabe gab es Unstimmigkeiten unter den Kollegen, da alle Bereiche so aufwendig wären. Mein Vorschlag, dass Anna und ich die pflegeaufwändigen Patienten übernehmen würden, stieß daher auf große Zustimmung und wir beide hatten unsere „Ruhe“ sicher. Dennoch, erlebte ich mehrmals, wie meine Kollegen Anna schikanierten, beleidigten und beschimpften. Begriffe und Aussagen wie „dumm“, „faul“, „Machst eh alles falsch“ oder „Die Prüfung kannste knicken“, waren dabei tatsächlich nur die Harmlosesten. Ich musste die Schülerin mehrmals in Schutz nehmen und die Kollegen zurechtweisen. Eine Schülerin ist zum Lernen hier, Pflegekräfte zum Lehren! Während der ganzen Schicht versuchte ich also weiterhin Anna von den restlichen Kollegen auf Station fern zu halten und ließ sie keinen Augenblick alleine, damit ich rechtzeitig einschreiten konnte.
Bereits an diesem Abend war mein persönliches Limit erreicht. Doch es kam noch schlimmer…

Am nächsten Tag hatten wir wieder gemeinsam Dienst auf Station. So wie der letzte Tag geendet hatte, so begann der Neue: Wieder musste ich Anna mehrmals in Schutz nehmen. Ich behaupte mal, dass ich sie nach den Weihnachtsdiensten sehr gut kennen gelernt habe und ihre Fähigkeiten einschätzen kann! So nahm die erste Stunde des Dienstes ihren Lauf, bis Anna mich letztendlich am Arm packte und in den Nebenraum führte. Die junge, wissbegierige, fleißige und stets freundliche Schülerin zitterte im ganzen Körper und fiel mir weinend in die Arme.
Glücklicherweise konnte ich einen anderen Springer organisierte, damit ich mit Anna von Station konnte und wir tatsächlich unsere Ruhe hatten. Wir redeten viel, wir schwiegen aber auch viel. Sie erzählte, wie sie die vergangene Zeit auf der Station erlebt hatte, was alles vorgefallen war, welche Anschuldigungen man ihr an den Kopf warf, sogar welche Vorwürfe sie sich inzwischen selbst machte. Und da saßen wir beide und nun machte ich mir Vorwürfe. Vorwürfe, warum ich nicht früher Alarm geschlagen habe?
Nachdem sich Anna endlich mal richtig auskotzen konnte, sorgte ich dafür, dass der Betriebsarzt sie für einige Tage krankschrieb, gab sofort in der Verwaltung Bescheid und brachte sie nach Hause, wo ich mit ihr wartete, bis die Mitbewohnerin aus der Vorlesung kam.

In den folgenden Tagen fanden Gespräche mit der Stationsleitung, der Pflegedienstleitung und der Pflegeschule statt. Ich selbst verfasste eine Stellungnahme und meldete den ganzen Vorfall zusätzlich unserem Betriebsrat, sowie der Auszubildendenvertretung. Meiner PDL teilte ich freundlich mit, dass ich nicht mehr auf dieser Station eingesetzt werden möchte und man doch davon absehen soll, dort weiterhin Auszubildende und Praktikanten einzusetzen.
Zu Anna: Mein Eindruck bestätigte sich nach einem Gespräch mit ihrer Lehrerin, die mir zudem versicherte, dass Anna zunächst für zwei Wochen freigestellt wird und später ihre Ausbildung auf einer anderen Station fortsetzen darf.
Allerdings bin ich immer noch schockiert und bekomme den Moment, indem Anna sich an mich klammerte, nicht mehr aus dem Kopf. Vermutlich habe ich in meiner Ausbildung selbst sehr viel Glück gehabt, obwohl auch dort viel schief gelaufen ist. Dass manche Kollegen uns Springern gegenüber unfreundlich sind, daran habe ich mich längst gewöhnt und bin zudem ein großer Freund des Meldeformulars (wenn es um Patientengefährdung geht) geworden. Aber ein Team, das sich nicht nur untereinander anfeindet, sondern diesen Frust an völlig Unbeteiligten auslässt, hat mich völlig vom Hocker gehauen. Hier ist etwas ziemlich schief gelaufen! Und nicht nur das, die eigentlichen Gründe für dieses Verhalten, das die Grenze dermaßen überschritten hat, sind tief im Team begraben und liegen sicherlich nicht nur in Überforderung, Unterbesetzung und Unzufriedenheit.

Liebe Anna,
gib nicht auf! Deine Lehrer, der Betriebsrat, die Auszubildendenvertretung und ganz besonders Markus und ich stehen vollkommen hinter dir. Lass dich nicht unterkriegen oder hole dir Hilfe bei Kollegen, Lehrer und Mitschülern. Du bist nicht alleine und musst das auch nicht alleine durchstehen. Was auch immer geschieht, du kannst dich auf uns verlassen und wir würden uns sehr freuen, wenn wir dir im Sommer zu deinem Examen gratulieren dürfen. Denn das, was du machst, machst du gut und gewissenhaft. Ich habe ehrlich gesagt, keinerlei Zweifel, dass du die Prüfungen glänzend bestehst und ich dich bald als examinierte Kollegin begrüßen darf. Spätestens dann bekommst du die zweite Torte, dieses Mal selbst gebacken. Versprochen! ;)

Beitrag von Knegb

#pflegestreik

In der letzten Woche erschien der Hashtag „Pflegestreik“ gehäuft auf Twitter. Leider nur dort. In den Medien wurde nicht darüber berichtet, was ich nicht nachvollziehen kann. Denn es ist ein wichtiges Thema, das uns ALLE betrifft. Den einen früher, den anderen später.
Auch wenn man diesem Thema aus dem Weg gehen will – wird es nicht funktionieren. Denn wenn es so weiter geht wird unser ganzes Gesundheitssystem, so wie wir es jetzt kennen, nicht mehr lange überleben.
Und ich erkläre euch auch, warum.

Es herrscht Fachkräftemangel in der Pflege. Nichts neues, hat jeder schon mal gehört. Doch nur die Wenigsten verstehen wirklich, was das bedeutet. Nur chronisch Kranke, Angehörige oder Menschen, die in der Pflege arbeiten, bekommen dieses Problem hautnah mit. Die anderen Menschen denken sich, dass es sie nicht betrifft. Falsch gedacht. Denn es geht nicht nur um ein paar Fachkräfte, die fehlen. Nein. Es fehlen ÜBER 16.000 Pflegende. 16.000.
Und mit jedem Tag werden es mehr. Die Fachkräfte, die wir aktuell noch haben, gehen entweder bald in Rente oder hören auf, weil sie ausgebrannt sind. Die restlichen Fachkräfte wandern in andere Länder aus, wie z.B. in die Schweiz, weil dort die Bedingungen besser sind.
An Auszubildenden fehlt es eigentlich nicht. Theoretisch. Praktisch arbeiten nur wenige nach der Ausbildung weiterhin in der Pflege. Wenn in einer Klasse 25 Auszubildende sind, arbeiten vielleicht maximal 5 Auszubildende nach der Ausbildung weiter in der Pflege. Die anderen suchen sich etwas anderes, weil die Bedingungen so schlecht sind. Wir bilden zwar genug Fachkräfte aus – können diese aber nicht halten. Und das nicht ohne Grund.

In diesem System läuft gehörig etwas schief. Das aber schon seit Jahrzehnten.
Es wird nur schlimmer, nicht besser.
Die Medizin macht immer größere Fortschritte, die Pflege wird immer schlechter.
Und das liegt nicht an den Pflegenden.
Sondern am System.

Warum das so ist?
Wie bereits erwähnt, fehlen immer mehr Fachkräfte. Oft muss eine examinierte Fachkraft tagsüber bis zu 25 Patienten/Bewohner alleine versorgen. Höchstens ein paar Praktikanten oder Schüler sind noch dabei, aber diese ersetzen keine vollwertige Fachkraft. Nachts ist eine examinierte Fachkraft oft alleine für bis zu 80 Patienten/Bewohner zuständig. Wir reden hier natürlich nicht von fitten, gesunden Menschen. Nein, natürlich nicht. Diese Patienten/Bewohner sind meistens Vollpflegefälle, die alle zwei Stunden umgelagert werden müssen, weil sie dies nicht mehr alleine können. Die Pflegekraft muss Infusionen fertig machen, Tabletten stellen, nach den Patienten/Bewohnern sehen und zur Klingel gehen. Besonders im geriatrischen Bereich ist nachts besonders viel los. Demente Menschen sind häufig nachtaktiv und laufen herum. Dann muss die Pflegekraft aufpassen, dass diese Patienten/Bewohner nicht weglaufen oder andere Dinge tun, die ihnen schaden könnten. Wir rekonstruieren – diese Pflegekraft ist alleine. Sie muss alle ihre Aufgaben erledigen und sich zeitgleich noch um die aktuellen Belange ihrer Schützlinge kümmern. Doch dadurch, dass sie alleine ist, kann sie dies nicht. Sie hat nicht genug Zeit. Und dadurch bleiben die Patienten/Bewohner auf der Strecke. Diese werden dann eben nicht alle zwei Stunden gelagert, weil dies nicht möglich ist. Somit entwickeln sie häufig Drückgeschwüre (Dekubitus), die nur schwer wieder weggehen. Viele Patienten/Bewohner liegen stundenlang eingenässt in ihren Betten. Erst zum Frühdienst werden sie wieder sauber gemacht.
Ich übertreibe nicht. Dies ist Alltag in Deutschland. In allen Krankenhäusern und Pflegeheimen. Es gibt nur wenige Ausnahmen.
Tagsüber ist es nicht besser. Oft werden ungelernte Kräfte auf die Schwerstpflegebedürftigen losgelassen. Meistens sind es Schüler oder Praktikanten, die nicht genug Fachwissen haben, um die Patienten/Bewohner fachgerecht zu pflegen. Woher auch? Richtig angeleitet wird schon lange nicht mehr, denn die Fachkräfte haben selbst genug um die Ohren. Da wird den Praktikanten oder Schülern meistens nichts erklärt, sondern nur gesagt „Du machst das schon“. Das darf so nicht sein. Wie sollen wir denn Fachkräfte ausbilden, wenn ihnen niemand etwas erklärt? Oder sie bekommen Dinge mit den Worten „In der Prüfung darfst du das aber nicht machen, das ist eigentlich falsch“ erklärt. Ja, super. Hilft einem enorm weiter.
Ich selbst arbeite erst seit zwei Jahren in der Pflege und habe schon so viele Dinge erlebt, die eigentlich nicht sein dürften. Aber meistens geht es nicht anders. Auf dem Papier gibt es beispielsweise die 1:1-Betreuung. In der Praxis ist dies nicht umsetzbar, da betreut dann eine Pflegekraft 20 Patienten auf einmal und dann sind da zwei Patienten dabei, die theoretisch eine 1:1-Betreuung hätten. Es ist einfach nicht umsetzbar.

Der Fachkräftemangel ist nicht das einzige Problem, aber der Grundstein für die weiteren Probleme. Durch den Fachkräftemangel herrscht ein gewaltiger Druck auf den Pflegekräften, die dadurch anfällig für Krankheiten werden. Damit beginnt der Teufelskreis: Durch Krankheitsausfälle gibt es noch weniger Personal und der Druck wird noch größer, dann fallen noch mehr Pflegekräfte aus und so weiter. Aus diesem Teufelskreis kommt man nicht raus. In anderen Berufen würde man die ausgefallenen Mitarbeiter ersetzen. In der Pflege geht das nicht so einfach, denn es gibt nicht genug Menschen, die diesen Beruf machen wollen.
Im Endeffekt leiden vorallem die Patienten darunter. Damit das endlich aufhört, haben Mitarbeiter der Berliner Charité zum Pflegestreik aufgerufen: „Menschen werden nicht unterversorgt, weil Pflegende streiken, sondern Pflegende streiken, weil Menschen unterversorgt werden.“

Und damit haben sie verdammt Recht. Eigentlich müsste es ganz Deutschland nachmachen, damit sich endlich etwas ändert. Geht bloß nicht, denn in vielen (vorallem) katholischen Krankenhäusern sind Streiks verboten.

Für die Medien ist dieses Problem quasi nicht existent. Liegt wahrscheinlich daran, dass es den Streikenden nicht um mehr Geld geht, sondern um bessere Bedinungen und mehr Personal. Ist wahrscheinlich nicht spektakulär genug. Natürlich ist es für uns wichtiger, dass die Bahn oder die Post streikt – denn davon sind wir unmittelbar betroffen. Dass es in der Pflege ein gewaltiges Problem gibt, wird der Durchschnittsmensch erst dann bereifen, wenn er selbst auf Pflege angewiesen ist und dann ist es zu spät.

Einer unserer Lehrer meinte zu uns: „Wenn ihr nicht anfangt zu kämpfen, bricht das gesamte System zusammen.“ Er hat verdammt Recht. Es muss sich endlich etwas ändern. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Es geht schließlich um Menschenleben!

Ich wünschte, ich selbst könnte mehr tun, damit sich etwas ändert. Denn ich arbeite gerne in der Pflege, es macht mir Spaß. Aber ich möchte auch, dass das so bleibt. Ich würde gerne bis zur Rente in der Pflege arbeiten, aber unter den aktuellen Bedingungen ist dies utopisch.

Es muss sich etwas ändern. Lieber heute als morgen,
denn morgen könnte es schon zu spät sein.

Quelle: Graustufenregenbogen

Gedanken zum „Pflegestreik“

Pflegekräfte „haken“ ab. Täglich. Am Ende jedes Dienstes.
Sie unterschreiben, welche Prophylaxen sie an einem Patienten durchgeführt haben.
Dass sie mit ihm/ihr Atemübungen gemacht, die Haut auf Druckstellen untersucht und eingecremt, demjenigen Bewegungsübungen gegen Thrombosen gezeigt hätten.
Sie unterschreiben, dass sie bei einem liegenden Blasendauerkatheter mindestens
einmal pro Schicht eine Intimpflege vorgenommen haben, um Harnwegsinfekte zu vermeiden.
Sie unterschreiben, dass ein Patient alle zwei Stunden umpositioniert wurde, da er sich selbst nicht bewegen kann. Dass er bei jeder dieser Gelegenheiten etwas zu Trinken und evtl. eine
Zwischenmahlzeit erhalten hat. Dass zwei Mal in der Schicht eine spezielle Mundpflege durchgeführt wurde, da der Patient nicht richtig schlucken kann und um einer Lungenentzündung vorzubeugen.
Sie unterschreiben die Gabe von Inhalationen und Medikamenten, die der Patient erhalten soll.
Das Alles haben sie nicht gemacht. Sie hatten keine Zeit dafür.
Ich verstehe, dass viele Kollegen mit der Zeit abstumpfen.
Nie mit der Arbeit fertig zu werden und abends nicht Aktenberge, sondern kranke und bedürftige Menschen liegen zu lassen, ist psychisch schwer zu verkraften.
Man will sein Bestes geben, man sieht seine Arbeit vielleicht sogar als die oft
genannte „Berufung“, wird aber kontinuierlich von den Arbeitgebern, der Politik und der Struktur des Gesundheitssystems daran gehindert, dies zu tun.
Es sind zu viele Aufgaben für zu wenige Menschen.
In anderen Ländern fühlen sich Pflegekräfte gestresst, wenn sie mehr als sechs oder sieben Patientenversorgen. In Deutschland kommt es regelmäßig vor, dass eine Pflegekraft alleine im Dienst ist und für 20 oder mehr Personen verantwortlich ist. Sie bekommt dabei aber keine Unterstützung von Bürokräften, die die Akten vorbereiten, von Hilfskräften, die Getränke verteilen und Betten beziehen, von Pflegehelfern, die dafür ausgebildet sind, die Körperpflege bei bedürftigen Patienten zu übernehmen oder sie auf die Toilette zu begleiten, wie es in vielen Ländern die Regel ist. Unterstützung bekommt sie lediglich durch einen „Schüler“ oder Praktikanten. Nachts gerne auch von niemandem.
Ich habe schon oft Beschwerden gehört, es könne nicht sein, dass ein Mensch unbemerkt stundenlang tot in seinem Bett liegt, bevor jemand es bemerkt. Meine Frage ist: wer soll es denn bemerken? Wenn ich auf einer Seite der Station mit meinem Rundgang beginne, dauert es mindestens zwei Stunden, bis ich das nächste Mal nach den Patienten dort sehen kann – falls in der Zwischenzeit kein Notfall ist, der mich eine zusätzliche halbe Stunde in Anspruch nimmt.

Wenn Sie Ihren Angehörigen im Krankenhaus besuchen und nach einer „Schwester“ klingeln (die offizielle Berufsbezeichnung lautet Gesundheits- und Krankenpfleger/in), damit sie die Person von der Bettschüssel befreit, und diese nach einer halben Stunde immer noch nicht da ist, muss das kein böser Wille sein. Es ist unwahrscheinlich, dass sie gerade Pause macht. Vermutlich haben mittlerweile fünf weitere Patienten geklingelt, sie hat einen Patienten in den Operationssaal gefahren und das Abendessen musste ausgeteilt werden.
Sie hat es einfach vergessen.
Beschweren Sie sich also nicht bei der betreffenden Pflegekraft, beschweren Sie sich bei den Menschen, die festlegen, wie viel Personal auf einer Station eingesetzt wird.

In den drei Jahren, in denen ich in vier Krankenhäusern auf 14 Stationen und in einem Pflegedienst gearbeitet habe, hatte ich bei genau drei Einsätzen eine Pause. Arbeitspausen sind im Arbeitszeitgesetz §4 wie folgt definiert: „Die Arbeit ist durch die im Voraus feststehenden Ruhepausen von mindestens 30 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs bis zu neun
Stunden und 45 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden insgesamt zu unterbrechen. Die Ruhepausen können in Zeitabschnitte von jeweils mindestens 15 Minuten aufgeteilt werden. Länger als sechs Stunden dürfen Arbeitnehmer nicht ohne Ruhepausen beschäftigt werden.“

Ich werde von Patienten oft gefragt, ob es in der Kantine dasselbe Essen gäbe.
Ob ich jetzt in die Mittagspause gehe.
Ob es schlimm wäre, wenn sie mich im Nachtdienst beim Schlafen störten.
Ich kann nicht in die Kantine gehen.
Meine „Pausen“ gestalten sich so, dass ich mich zum Frühstück/Abendessen hinsetze.
Ich schneide eine Semmel auf, öffne die Butterpackung und schmiere die eine Hälfte.
Es klingelt.
Ich bringe einem Patienten die Bettschüssel.
Ich schmiere das Brot fertig und beiße zweimal ab.
Es klingelt wieder.
Ich bringe einem gehfähigen Patienten einen Krug Wasser.
Ich esse die eine Hälfte fertig.
Es klingelt.
Ich helfe dem ersten Patienten von der Bettschüssel und säubere sein mit Stuhlgang verschmiertes Gesäß.
Ich esse mein Brot fertig.
Meine Pause ist beendet.

Ich lese und höre oft Kommentare von verschiedensten Personen, „Schwestern“ würden die ganze Zeit nur Kaffee „saufen“ und Kuchen essen. Ich frage mich dann, in welchem Krankenhaus das sein soll.
Vermutlich verwechseln diese Menschen unsere Dienstübergaben, während derer zugegebenermaßen aufgrund des Schichtdienstes extrem viel Kaffee getrunken wird, mit Pausen. Übergaben sind wichtig, damit die nächste Schicht die Diagnosen aller Patienten kennt und über Pflegeprobleme Bescheid weiß. Wir arbeiten in diesen 20 Minuten genauso, wie andere bei einem Meeting, für das sie zwei Stunden an einem Tisch sitzen. Von außen betrachtet sieht auch eine Ihrer Besprechungen nicht sonderlich produktiv aus.
Sehr selten sitzen wir tatsächlich auch mal eine dreiviertel Stunde Kuchen essend da. Wenn es
ausnahmsweise extrem ruhig ist, versucht man die Pausen der letzten Monate nachzuholen. Generell werde ich es aber nie für eine wirkliche Ruhepause nach dem Arbeitszeitgesetz halten, wenn ich die Station währenddessen nicht verlassen darf, damit ich auf die Patientenglocken reagieren kann. Möchte ich tatsächlich einmal für fünf Minuten in die Umkleide verschwinden, um ein verdrecktes Oberteil zu wechseln, muss ich hoffen auf keinen Vorgesetzten zu treffen, vor dem ich mich dann rechtfertigen müsste. Dabei fände ich es andersherum interessant, einmal die Begründungen der Geschäftsleitung dafür zu hören, weshalb regelmäßig die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten zwischen zwei Diensten von elf Stunden beziehungsweise zehn Stunden im Krankenhaus nicht eingehalten werden.
Bei einem der häufigen „Spät-Früh-Wechsel“ bin ich bis 21.15 Uhr auf Station, verlasse das Haus nach dem Umziehen um ca. 21.30 Uhr und bin am nächsten Morgen spätestens um 5.45 Uhr wieder in der Umkleide.
Das macht eine Ruhezeit von 8 Stunden und 15 Minuten, sowie abzüglich der Anfahrt usw. eine Schlafenszeit von ca. 5,5 Stunden. Nach dieser „Ruhezeit“ bin ich immer in einem derartig desolatem Zustand, dass ich im Bad vergesse, was ich tun wollte und unterwegs fast einschlafe.
Es heißt oft, dass Schlafmangel ähnliche Auswirkungen hat, wie Alkoholkonsum, was ich bestätigen kann.
In diesem Zustand verabreiche ich dann Ihren Angehörigen Medikamente.
Medikamente sind die wahrscheinlich wichtigste Therapieform im Krankenhaus. Schmerzen werden behandelt, der Blutdruck gesenkt, der Puls wieder in geregelte Bahnen gebracht. Voraussetzung dafür ist, dass sie richtig verabreicht werden.
Der „5-R-Regel“ nach müssen Pflegekräfte auf den
richtigen Patienten, das richtige Medikament in der richtigen Dosierung
und Applikationsform und zum richtigen Zeitpunkt achten.
In der Realität sieht das meistens wie folgt aus:
die Pflegekraft im Nachtdienst stellt irgendwann zwischen 0 und 3 Uhr die Medikamente für alle 24 Patienten. Derjenige wird hierbei regelmäßig durch die Patientenglocken unterbrochen. Je nach Fachgebiet kann ein Patient weit über zehn verschiedene Tabletten benötigen. Beim letzten Rundgang morgens um 4-5 Uhr werden die Tablettenschachteln verteilt.
Offiziell überprüft die verabreichende Pflegekraft im Tagdienst die Medikamente noch einmal. Dies findet in der Realität nicht statt, da wir keine Zeit haben.
Ich möchte nicht darüber nachdenken, wie viele Fehler deswegen passieren.
Manche Medikamente sollten nüchtern eingenommen werden. In der Realität nehmen die Patienten aber alle Tabletten zum Essen ein.
Theoretisch dürfen viele Tabletten nicht geteilt werden, da sie
eine Schutzschicht haben und zum Beispiel über 24 Stunden verteilt wirken sollen. In der Realität werden sie regelmäßig gemörsert, damit sie einem Patienten mit Schluckstörung schnell mit Joghurt verabreicht werden können oder durch die Magensonde passen. Dadurch kommt es zu Überdosierungen. Eigentlich dürfen Medikamente nur durch examinierte Pflegekräfte oder Auszubildende im zweiten oder dritten Lehrjahr verabreicht werden. In der Realität übernehmen dies oft Praktikanten ohne jegliche medizinische Vorbildung, die Patienten im Liegen Essen eingeben, Tabletten oder Tropfen vergessen oder falsch verabreichen und verständlicherweise nicht fähig sind, im Falle einer Aspiration von Nahrungsmitteln angemessen zu reagieren. Das Argument, dass jeder „füttern“ kann mag nicht völlig falsch sein, aber nur solange ein Patient nicht schwer pflegebedürftig ist und Schluckbeschwerden hat, die im schlimmsten Fall zum Ersticken führen können.

Natürlich ist nicht jede Pflegekraft ein Engel und gibt sich Mühe. In jedem Berufsfeld gibt es schwarze Schafe. Im Allgemeinen aber sind wir gut ausgebildet und wollen kompetent und einfühlsam für unsere Patienten sorgen.
Die Ausbildung, die gerne sehr geringgeschätzt wird, beinhaltet viele Theoriestunden nicht nur zum Bettenmachen, sondern auch zu Anatomie, Physiologie, Pharmakologie, Krankheitslehre, Psychologie und zu rechtlichen Aspekten. Dazu kommen die zahlreichen pflegeeigenen Themen zur Prophylaxe von Krankheiten, richtiger Ernährung, Pflege im Rahmen von Operationen, der Mobilisation von Patienten, dem richtigen Umgang mit schwerkranken oder sterbenden Menschen u.v.m., die teilweise nur in unserer Ausbildung gelehrt werden und beispielsweise Ärzten gar nicht bekannt sind. Ich habe mittlerweile über 40 Fachbücher angesammelt. Dieses Wissen würde ich sehr gerne anwenden, wenn die Zeit dafür da wäre. Im Moment wird das allernötigste an Pflege getan, damit sich der Zustand der Patienten wenigstens nicht verschlechtert. Wenn es mehr Personal gäbe und wir nicht fachfremde Aufgaben übernehmen müssten, wie Tee kochen, Müllsäcke leeren, Verwaltungsaufgaben erledigen, putzen und Essenstabletts verteilen, könnten wir unsere Kompetenz dazu verwenden, den Gesundheitszustand der Patienten tatsächlich zu verbessern und weiteren Krankheiten vorzubeugen. Oder einem schwerkranken Menschen einfach mal die Hand zu halten.
Wir sind im Krankenhaus die Personen, die immer da sind. Die Ansprechpartner für die Kranken, und die Menschen, die bei alleinstehenden Patienten die Angehörigen ersetzen müssen. Jeder braucht Ansprache und Gesellschaft.
Und wenn ich einen Todkranken, der unvorstellbare Schmerzen hat, auch weil er aus Zeitdruck seine Schmerzmedikamente nicht rechtzeitig erhalten hat, der mich anfleht, ihn umzubringen, alleine lassen muss, dann tut mir das unglaublich weh und dann werde ich das auch nie wieder vergessen.

Wenn nun also endlich Pflegekräfte anfangen zu streiken, und zwar nicht einmal für das höhere Gehalt, das sie bei ihrer extrem hohen Verantwortung und Arbeitsbelastung definitiv verdient hätten, sondern für mehr Personal, damit Sterbende nicht stundenlang in ihren eigenen Exkrementen liegen müssen und rechtzeitig Schmerzmittel erhalten, dann kann ich das nur begrüßen.

Dass ein so reiches Land sein Gesundheitssystem so verkommen lässt und so wenig Respekt vor Alten und Kranken hat, ist peinlich. Und dass die Bevölkerung und vor allem aber die Medien dieses Thema weitgehend ignorieren, dass die größte deutsche Tageszeitung in mehr als zehn Tagen kein einziges Wort über diesen Streik verliert, obwohl über alle anderen Streiks immer ausführlichst berichtet wird, dazu fehlen mir die Worte.
Ich kann nur hoffen, dass sich etwas ändert, bevor es niemanden mehr gibt,
der diesen Beruf ausüben möchte, und das bei stetig steigenden Zahlen von Pflegebedürftigen.
Die wenigsten arbeiten länger als ein paar Jahre in der Pflege.
Ich werde ab Oktober examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin sein und habe nicht vor, jemals auf einer „Normalstation“ unterdiesen Bedingungen zu arbeiten. Ich könnte es auch nicht, da ich schon jetzt starke Rückenprobleme habe.
Von den anfangs 25 Auszubildenden in meinem Kurs werden weniger als zehn in der Pflege bleiben, und die meisten davon planen nicht mit mehr als ein paar Jahren.
Ein eigentlich schöner und anspruchsvoller Beruf ist zu einer Bürde verkommen, wegen der man Bauchschmerzen bekommt, und sich dann nicht einmal krank melden kann, da der Kollege dann alleine im Dienst ist und irgendwer aus dem „Frei“ einspringen muss.
Wie schade!

Quelle: Anonym.

‚Mehr von uns ist besser für alle!‘

Seit über einer Woche wird an der Charité gestreikt.

Stille.
Stille.
Kein Rauschen im Schmierblätterwald.
Keine Nachrichtensendung.
Stille.

Man könnte glatt meinen wenn es noch stiller wird kann jeder die Trillerpfeifen und die Demozüge aus Berlin auch bald so durchs ganze Land hören.

GDL immenser Aufschrei in der Gesellschaft,
ebenso in Bezug auf den Kitastreik, und herrje, und sag bloss die Lufthansa hat auch nur angekündigt erneut zu streiken, da werden schon Spekulationen und Thesen aus dem Hut gezaubert was dann wohl passieren könnte: Urlaubszeit! Streik! Panik!
Sogar die Post bekommt nach 4 Wochen Streikdauer noch hier und da eine faule Tomate in Form von einem Zeitungsbericht an den Kopf geknallt.

Und in Sachen Pflegestreik?
‚In Berlin streiken seit letzter Woche die Pflegekräfte der Charité.‘
‚Echt?! Hab ich gar nicht mitbekommen.‘

Man sollte eigentlich meinen das Thema Pflege wäre bei zunehmendem Generationswandel umso wichtiger und erhaltungswerter, denn wer von uns wird denn in naher Zukunft noch Zeit oder Möglichkeit haben Grosseltern oder andere Familienmitglieder im Alter oder bei Gebrechen zu unterstützen? Vermutlich kaum einer. Wird professionelle Pflege für Menschen die nicht mit diesem Fachbereich in Zusammenhang geraten erst ’sichtbar‘ wenn man es erst kurz vor knapp am eigenen Körper erfährt?

Aber warum ist die mediale Resonanz so unglaublich gering.
Ist es gar von ganz oben -mit welchen Mitteln auch immer- gewollt
dass dieses Thema kaum spürbar in Massenmedien gelangt?
Beschäftigt sich der allgemeine Teil der Bevölkerung nicht damit
oder will sich sogar gar nicht damit auseinander setzten, da es sie offensichtlich nichts angeht? Ist dieses Verhalten nicht sehr blindäugig?
Oder darf man es sogar respektlos nennen, wenn Menschen wie jene an der Charité ihre Arbeit niederlegen und dafür kämpfen, damit jeder -auch alle Ignoranten- in Zukunft ein Maß an Pflege erhalten können. Und dabei ist es unrelevant ob es sich dabei um einen jungen Menschen handelt der nach einem Beinbruch nicht mehr ohne Hilfe auf die Toilette gehen kann, ein Mensch nach einem schweren Unfall im Koma liegt und ebenso in seinen Exkrementen, stundenlang, weil keiner von uns für ihn Zeit hat oder gar im schlimmsten Fall einfach sterben zu müssen, weil es nicht möglich ist sich auf einer unterbesetzten Station (Arzt wie Pflege) parallel um 2 Notfälle kümmern zu können.
Wie lange glauben Sie wohl dauert es bis einer Pflegekraft auffällt dass es einer Person schlecht geht oder diese sogar verstorben ist wenn sie Nachts mit einem(!) weiteren Kollegen die Verantwortung für über 60 Akutpatienten trägt?
Das sind nur ein paar Beispiele die darlegen was Pflegenot wirklich bedeutet.
Sie denken jetzt vielleicht: Das sind doch nur Einzelfälle.
Nein, es sind keine Einzelfälle sondern wir haben das Jahr 2015
und dieser Druck ist zum Leidwesen aller zu unserem Berufsalltag geworden.
Nach dem Dienst nach Hause gehen und sich schlecht fühlen oder gar unter der Arbeitsbelastung einfach körperlich oder psychisch zusammenzuklappen, kein Ausnahmezustand mehr. Im Gegenteil.

‚Macht alles nichts, ich bin privat versichert, mir passiert das nicht.‘
Ja es gibt Menschen die so etwas behaupten und denken.
An dem Punkt fange ich dann meist an zu lachen.
Tatsächlich, privat versichert?
Na dann müssen Sie sich keine Sorge um resistente Keime machen, denn gegen die sind Sie ja immun und ja, ihr Beinbruch heilt auch sicher schneller weil der Chefarzt Ihnen jeden Tag die Hand schüttelt.
Ich verdiene nicht an dem System Privat, weder bekomme ich am Ende des Monats Provision, noch komme ich schneller in den Himmel weil ich mehr Privatpatienten betreut habe, unterm Strich ist es mir pupenwurst, denn von mir (und ich schliesse alle meine Kollegen hier mal ganz frei ein) bekommt jeder Patient die Hilfe die er notwendig braucht, egal ob er eine AOK- oder in der VIP-Businessclass-Versicherungskarte in der Tasche hat. Ganz zu schweigen davon dass die Menschen zumeist nicht bekleidet vor uns liegen und wir wissen ja alle:
nackt sind wir irgendwie alle gleich.

Das Beispiel ‚Privat‘ ist nur eines von vielen, welches scheinbar zu dem Schluss kommen lässt, dass viele Personen sich dem Ausmaß Pflegenotstand oder dem jetzigen Streik gar nicht bewusst sind. Geschweige denn darüber im Bilde, was es eigentlich heisst Kranken- oder Altenpfleger zu sein und beruflich jeden Tag einen halben Marathon zu laufen um anderer Leute Lebensqualität zu erhalten.
Scheinbar müssen wir noch viel mehr Vorurteile aus der Welt schaffen und mehr Rückgrat aufbauen um endlich dafür Anerkennung zu bekommen was wir tatsächlich jeden Tag leisten und dass unser Berufsbereich nicht aus den Tätigkeiten ‚Handlanger‘ ‚Kaffeetrinker‘ ‚Servicekraft‘ besteht.

Wir sollten stolz sein. Auf uns,
auf die Menschen an der Charité die für uns alle mitkämpfen,
auf jeden der durch einen Eintrag hier etwas mehr Transparenz entstehen lässt,
auf jeden einzelnen von uns für das was wir täglich leisten
und auf jeden der sich endlich erhebt und sagt: Nein, so nicht!