Kategorie-Archiv: Sorgen und Ängste im Nachtdienst

Notausgang hinten links.

Wenn ich in einer ruhigen Nacht am Schreibtisch sitze
und all die Papiere runterarbeite frage ich mich manchmal:
Wie wird das alles weitergehen?
Wie weit wird man das System noch auf unsere Kosten herunterfahren?
Wie möchte und will ich meinen Beruf zukünftig weiterhin moralisch und zu meiner Zufriedenheit vertreten ohne dass es mich ausbrennen wird?
Mir schmerzt mein Rücken und ich strecke mich kurz.
Das jahrelange heben, ziehen und zerren an
Patienten macht sich so zunehmend körperlich bemerkbar.
Mehr und mehr, denn Kollegen sind zwar im Dienst, jedoch meist selbst so beschäftigt, dass man es lieber ’schnell‘ selbst versucht, bevor man andere aufhält und dann am Ende sein verlangtes Pensum nicht erreicht. Unklug, aber Realität. Immer mehr Dokumentation, kränkere Patienten, weniger Kollegen, das dies zunehmend -wenn auch nicht offensichtlich sondern schleichend- auf dem Rücken unserer eigenen Gesundheit-
landet ist nur eine absehbare Frage der Zeit.
Was wenn plötzlich noch mehr Kollegen ausfallen?
Mehr als bereits jetzt schon die zwischen 2-5 die man wegen Krankheit ‚abfangen muss‘.
Was wenn ich plötzlich körperlich selbst nicht mehr in der Lage bin meinen Beruf auszuüben ,
ich krank auf der Strasse stehe und nichts anderes kann ausser ‚pflegen‘?
Unser Berufsbild ist in der breiten ‚Wirtschaft der Welt‘ leider überwiegend nicht wirklich anerkannt, weder das was wir können noch die Tatsachen die wir leisten.
Fragt mal Menschen die keinerlei Bezug zu Pflege haben was sie denken was wir den ganzen Tag tun! Die Antworten sind teilweise unterirdisch und erschreckend.
Kaffeetratschen ist noch der lustigste Begriff,
klingt wie anno dazumal und herrscht leider noch in zu vielen Köpfen.
‚Leute mit Köpfchen steigen aus.‘ hab ich schon öfter zu hören bekommen.
Studieren! ruft es aus der anderen Ecke. Aber unter uns, wenn wir jetzt alle studieren wo finden wir uns -abgesehen der handvoll die eine höhere Position abgreifen konnten- in 5 Jahren wieder? Genau, noch immer auf Station. Im 3, 6 oder 9 Schichtrhythmus.
Profession oder Berufung ist gewollt aber Professionalität nicht zu zahlen wert.
Was überhaupt wenn man eine Familie hat, ein Kind ernähren muss?
Und wenn nicht, wieviel Zeit bleibt mir dann noch um die Kurve zu kriegen?
Um vielleicht noch die Chance zu haben einen ’normalen‘ Job zu ergattern?
Einen, der auch in 20 Jahren psychisch wie physisch ausführbar sein wird?

Mein Beruf ist mein täglich kleines hart verdientes Brot.
Gern sogar, wenn man es mir nicht immer schwerer machen würde.
Ich mache mir zunehmend Sorgen. Weitsichtig. Nicht nur über meine eigene Zukunft oder Renten bzw Lebensabend, sondern auch darüber, was passieren wird wenn eines meiner Elternteile zum Pflegefall wird?
Ich sehe mit eigenen Augen jeden Tag den Verfall dieses Systems. Nichtmal auszumalen wie es mit den bereits jetzt herrschenden Zuständen in 10 Jahren sein soll.

Ich habe Angst. Zukunftsangst. Jeden Tag mehr.
Ich bin 29 Jahre alt und habe keinen Notausgang, noch nicht mal in Gedanken.

Ich schüttel kurz mit dem Kopf als wolle ich mich der unliebsamen Gedanken befreien.
Es ist 04:00 Uhr morgens. Noch 3 Stunden bis Feierabend.

Aussagen wie: Pfleger sind die stillen Helden des Alltags. helfen mir nicht mehr.
Sie mir zahlen weder Miete, schon die aufs knappste reduzierte Vorsorge,
meine zukünftige Rente oder gar Nahrungsmittel.
Geschweige denn bin ich weiter dazu bereit zu diesen Bedingungen und auf eigene (gesundheitliche) Kosten ein stiller Held zu bleiben.

4 von 4.

Ich trete aus der Umkleide, klopfe beim Hinuntergehen der Treppe die Dachschräge ab, so wie ich es immer mache, um mir nicht den Kopf zu stoßen
und sage dabei leise „4 von 4“ vor mich hin.
Denn mit dem Öffnen der letzten Türe betrete ich auch eine andere Welt und starte meinen 1 von 4 Nachtdiensten.
Ich setze den Fuß auf den Stationsflur und sauge sofort das Gefühl von Stress in mich ein. Meine Kollegen sind noch beim Abendrundgang. Es ist kurz nach halb 9 und mir schwant zu Dienstbeginn bereits nichts Gutes.
Ich sehe auf Anhieb viele rote Lichter, meinen beiden Kollegen sieht man die Arbeit und den Stress an, dennoch lächeln sie mir aufmunternd zu. Aus Freundlichkeit, aber sich auch, weil sie wissen, dass der Feierabend jetzt nicht mehr all zu fern ist.
Dass die Übergabe heute, mal wieder, später statt findet wird klar
und somit beginne ich die Antibiosen vorzubereiten, suche die Nachtmedikamente zusammen, befülle Fächer, räume auf.
Nach der Übergabe und ein paar kurzen, persönlichen Worten rufen die Beiden mir noch ein „Ruhige Nacht“ und „Bis morgen“ über ihre Schultern zu. Bei „Ruhige Nacht“ muss ich schmunzeln und weiß nicht, ob ich lachen oder doch „Danke“ sagen soll.
Jetzt habe ich die Station für mich.
28 Patienten, 28 Leben, 28 Seelen.
Meine Verantwortung, meine Entscheidungen, mein Handeln.
Die Klingelanlage habe ich bereits mit meiner Nebenstation zusammengestellt, so dass wir, falls es bei dem Einen zu lange klingelt, „mal eben“ rüber gehen können, um zu helfen.
Das heißt, 2 Stationen, 2 Pflegekräfte, bis zu 70 Patienten.
Mal eben helfen gehen……
Ich hänge Antibiosen an, verteile Schlaf,- und Schmerzmittel, messe Vitalzeichen, nehme Lagerungswechsel vor, begleite Patienten auf die Toilette, helfe auf den Nachtstuhl oder die Bettpfanne. Ich halte Hände und rede einem Patienten gut zu, der dement und davon überzeugt ist, ich hätte ihn zum Sterben in den Keller verbannt.
In der Nacht kommen die Geister raus.
Auf einem Zimmer werde ich mit „Hallo, mein Sternchen“ begrüßt. Eine nette, ältere Dauer-Patienten, die Gefallen an meiner Sternen-Strickjacke gefunden hat. Das treibt uns Beiden ein Lächeln ins Gesicht und gibt mir das Gefühl, dass auch ich manchmal gesehen werde.
Im nächsten Zimmer ist ein Port nicht mehr durchgängig, egal womit ich mein Glück versuche. Am Telefon diskutiere ich mit dem Arzt, warum ICH es für sinnvoll halte, dass ER sich Patientin und Port einmal ansieht. Leider teilt er meine Meinung erst, nachdem ich ihm drohe, dem Chefarzt mitzuteilen, dass er mir die Hilfe verweigert.
Traurig, aber wahr.
Nachdem auch dieses Problem gelöst ist, gehe ich zur nächsten Klingel und finde einen Patienten auf dem Boden liegend vor. Er kann nicht mehr sprechen, signalisiert mir aber mit erhobenem Daumen, dass ihm nichts passiert sei.
Glück gehabt. Alleine schaffe ich es nicht ihn wieder ins Bett zu mobilisieren, also muss ich meine Kollegin von der Nebenstation rufen, die „mal eben helfen kommt“.
Das Telefonat mit dem Arzt ist ernüchternd.
Ich muss ihm mitteilen, dass der Patient gestürzt ist, da es ihm aber gut geht, fühlt sich der „Diensthabende“ mehr gestört als alles andere.
Ich hingegen versuche nur meinen Anforderungen gerecht zu werden.
Danach will das Alles noch dokumentiert werde.
Schließlich ist Dokumentation die neue Pflege.

In der Zeit, in der ich eigentlich meine Pause abhalten sollte, entscheide ich mich dafür, die Tabletten für den nächsten Tag zu richten, damit der Frühdienst nicht bis zum Nachmittag bleiben muss..
Als ich um viertel vor 6 die ersten, müden Gesichter meiner Kollegen entdecke macht sich auch in mir langsam ein Feierabendgefühl breit.
In der Übergabe wird dann viel gegähnt aber auch viel gelacht und ich weiß wieder, warum ich immer noch hier arbeite.
In dieser Nacht habe ich mal wieder keine Pause gemacht, kaum gesessen, zu wenig getrunken und immer wieder das Gefühl, dass ich meinen Patienten und auch mir selber nicht gerecht werde.
Nachtwachen sind schon lange keine Wachen mehr, sondern lange, harte Dienste.
Auf dem Weg aus der Umkleide, schlage ich erneut gegen die Dachschräge, atme einmal tief aus und sage leise „3 von 4“ vor mich hin.

Personalmangel auf einer Intensivstation.

21:00 Uhr, Nachtschicht auf einer 12 Betten Intensivstation in einer grossen Klinik.
Eine Pflegeperson hat sich kurzfristig krank gemeldet wir sind also nur noch zu viert.
Zu knapp wie möglich besetzt und nun die Rechnung:
2 Pflegepersonen müssen somit in dieser Schicht 3 Patienten betreuen.
Ich bin eine davon, gerade 2 Wochen aus der ‚Einarbeitung‘ raus,
zuvor habe ich 5 Jahre seit meinem Examen auf einer Normalstation gearbeitet
und dachte bisher ich könne mich und meinen Ablauf gut strukturieren.

Ich betreue 2 beatmete Patienten die katecholaminpflichtige
-sprich lebenserhaltende- Medikamente bekommen
und einen Patienten mit einem geplatzten Aortenaneurysma welches zwar nötig in einer OP versorgt wurde der Patient jedoch weiterhin instabil ist.
Was ich die folgenden 10 Stunden im Nachtdienst mache?
Keine Pause, kein kurz aufs Klo gehen, ich wechsel lediglich Infusionen die mit Hochdruck in seinen schwachen Körper gepumpt werden damit sie seinen Blutverlust ausgleichen.
Ich spritze Medikamente damit sein Blutdruck nicht fällt und steuere das Adrenalin damit er nicht vollkommen einbricht oder gar noch unter meinen Händen stirbt.
Der Dienstarzt ist bei einem Notfall im Nachbarzimmer beschäftigt,
die Kollegen mit ihren eigenen Patienten.
Ich tue das nicht eine Stunde lang sondern ununterbrochen 10 Stunden lang.
Insgesamt bekommt dieser Patient 15 Liter Infusionen in einer Nacht.
Ich wechsele im Minutentakt Perfusoren mit wichtigen Medikamenten,
nehme alle 20 Minuten Blut ab um zu Überwachen dass genug Sauerstoff ankommt,
Elektrolyte nicht entgleisen oder andere Parameter aus dem Ruder laufen.
Die anderen Patienten versorge ich nur zwischenzeitlich damit dass ich stündlich die Vitalzeichen dokumentiere und notwendig Infusionen erneuere.
Morgens als endlich mein Kollege eintrifft fange ich hemmungslos an zu weinen.
Im Patientenzimmer sieht es aus als hätte eine Bombe eingeschlagen und ich ‚gestehen‘ dass ich an den anderen 3 Patienten nichts ‚geschafft‘ habe.
Keine Lagerung und auch sonst keine von mir laut Standard verlangte Maßnahme.
Ich wurde den anderen Patienten nicht gerecht bzw habe sie nicht nach optimalen Gewissen überwacht.

Am nächsten Abend erzählte man mir der Patient sei eine Stunde nach Dienstende verstorben. Nur eine Situation von zu vielen.

Monate später sitze ich auf einem Sofa.
Mir gegenüber ein Psychiater. Ich sehe ihn an und fange an zu weinen.

Ich habe schon viele Kollegen kommen und gehen sehen,
noch mehr macht mich traurig, dass Kollegen sich auf unbestimmte Zeit krankschreiben lassen müssen oder gar in eine Klinik begeben weil sie Fehler auf sich nehmen die durch mehr Personal verhinderbar gewesen wären.

Nachtdienst und (m)ein gesundheitlicher Aspekt.

Zur Winterzeit setzt mir das besonders zu. Stets habe ich das Gefühl ich lebe nur in der Dunkelheit. Die Dunkelheit macht mich mürbe. Körperlich und kopftechnisch.
Ich stehe auf wenn andere gerade Richtung Feierabend hinarbeiten, beginne dann
meine Arbeit wenn andere abschalten und läute den Feierabend ein
wenn andere sich gerade aus dem Bett quälen.
Ich habe überwiegend mit weniger Menschen außer meinen Kollegen Kontakt.
Seltener sogar mit meinem Partner, da er meist erst dann heimkommt, wenn ich schon auf dem Weg zur Arbeitsstelle bin.

In der Dunkelheit bekommt mein Körper das natürliche, hormonelle Signal zu schlafen und ich muss das Gegenteil tun und dagegen ankämpfen. Ich esse spätestens Nachts um 01:00 Uhr da mir alles danach gewiss Bauchschmerzen bereitet.
Ich nehme nach 04:00 Uhr kaum noch Flüssigkeit zu mir, da ich mir sonst sicher sein kann spätestens nach einer Stunde Schlaf am Vormittag von einer vollen Blase geweckt zu werden.
Generell ist Tagesschlaf nicht vergleichbar erholsam mit dem zur Nachtzeit, egal ob es im Winter düster bleibt oder noch schlimmer im Sommer die Sonne scheint. Ich fühle mich nach 8 Stunden Tagesschlaf nicht selten wie nach 4 zu kurzen Stunden die ich Nachts schlief. Der ganze Biorhythmus stellt sich um. Plötzlich muss der Magen Nachts um 02:00 Uhr Mahlzeiten verdauen, mein Gehirn welches nach Schlaf schreit muss sich noch konzentrieren. Nur weil Nachts scheinbar alles schläft laufen Beatmungsmaschinen weiter, Medikamente in korrekter Dosis müssen verabreicht werden und man muss jede Sekunde bereit sein in einer Notfallsituation adäquat zu handeln.
Das erste was wir in der Ausbildung lernen sind die ‚Aktivitäten des Lebens‘,
sprich kurz, die Dinge die uns Gesunderhalten und unsere Menschlichkeit verwirklichen.
Nachtdienst hebelt alles aus: Nahrungsaufnahme, gesunde Erholungszeit und nicht zu vernachlässigen Darmtätigkeiten.
Früher während der Ausbildungszeit, sowie noch einige Zeit danach, habe ich im Monat zwischen 5 und 7 Nachtschichten am Stück gemacht. Heute frage ich mich wie das überhaupt geschafft habe. Nach 6 Jahren weiss ich bereits nach 3 Diensten nicht mehr wo mir der Kopf steht. Ich mache 4 Nächte im Monat habe 3 Tage frei und muss dann wieder um 04:30 Uhr aufstehen. Wenn ich schon so oft durcheinander komme, kann ich meinen Darm verstehen, der manchmal nicht mehr weiss wann er sich zuletzt entleert hat geschweige denn wenn er noch weiss wann die richtige Uhrzeit dafür ist.
Gefühlt wird das mit zunehmender Zeit immer schlimmer. Mittlerweile bin ich im Sommer neidisch weil andere Abends grillen gehen und im Winter fühle ich mich niedergeschlagen weil ich gefühlt nie Tageslicht mitbekomme.

Letztens fragte mich ein Bekannter, der beruflich weit abseits der Pflege sein Geld verdient ob ich in dieser Woche Zeit für einen Kaffee Mittags mit ihm hätte, ich antwortete mit:
‚Geht leider nicht, habe Nachtdienst.‘
Seine Antwort war: ‚Cool dann haste ja den ganzen Tag Zeit.‘

Mein Körper benötigt mindestens einen Tag um sich auf normale, menschliche Zeiten zurückzustellen. Ich zwinge ihn ab und an dazu in dem ich einfach 24 Stunden wach bleibe oder ihn mit nur 2 Stunden Schlaf quäle.
Der Tag nach dem Nachtdienst der offiziell als frei im Dienstplan steht verbringe ich meist damit wie ein Zombie durch die Welt zu wanken.
Und dann geht alles wieder von vorne los: Dienst bis 22:00 Uhr, morgen Dienst ab 06:00 Uhr Morgens und den folgenden Tag wieder die Nacht zum Tage machen.
Zu oft wache ich in letzte Zeit Nachts um 03:00 Uhr auf weil mein Körper scheinbar plötzlich wissen will in welcher Zeitzone wir uns gerade befinden.
Nachtdienst ist ein bisschen vergleichbar mit:
ich habe das Gefühl ich fliege einmal im Monat nach Amerika und
und weiss nichtmal an welchem Wochentag ich es tue.

Gesundheit ist das was wir für andere erreichen wollen während wir die eigene aufgeben.

Warum ich gerne Nachtschichten mache.

Die Nachtschicht beginnt um 20:30 mit der Übergabe. Um 21:00 Uhr verlässt der Spätdienst die Station und ich mag das, denn wenn die Stationstür sich das letzte mal hinter den Kollegen schließt, hält eine andere Atmosphäre auf Station Einzug. Die Ruhe, die es hoffentlich zwischendurch gibt wirft schon ihre Schatten voraus. Das Licht im Flur ist auf die Hälfte reduziert.

Der Dienst beginnt mit den Bettplatzchecks der Patienten, wie jeder Dienst. Dann werden die Medikamente für den restlichen Abend vorbereitet und verabreicht. Patienten nochmal gelagert, vielleicht eine Mundpflege durchgeführt. Bei drei bis vier Patienten kann es dann schon mal zwischen Mitternacht und 1 Uhr sein, bis ich damit fertig bin.
In dieser Zeit, wenn keine Notfälle dazwischen kommen, wird es ruhiger, der Takt der Arbeit ist anders als tagsüber. Das Telefon hat zum letzten Mal um 22:30 geklingelt. Ein Angehöriger wollte sich nach dem Befinden eines Patienten erkundigen.
Wenn es ganz gut läuft ist nicht nur das Licht gedimmt und nach und nach wird es in den Patientenzimmern dunkel – sondern auch die Alarme werden weniger, weil die Patienten im besten Falle schlafen, keine Elektroden sich lösen und die Fingerclips auf den Fingern bleiben. Was bleibt ist ein Hintergrundrauschen von der Klimaanlage. Wenn man die Klimaanlage hört ist Ruhe eingekehrt.

Jetzt bleibt in guten Nächten die Möglichkeit mit den Kollegen Pause zu machen. Mancher bestellt etwas vom Lieferservice, andere haben Brote oder Vorgekochtes dabei, das sie nur aufwärmen müssen. Der Duft des Krankenhauses mischt sich mit Essensgerüchen und mit dem Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee. Die Pause ist öfter eine Pause die man auch so nennen kann.

Auf dem Zentralmonitor gibt es den einen oder anderen Alarm, der nur als Hinweis dient und von selbst wieder erlischt, oder wegen einer kurzfristigen Überschreitung einer Alarmgrenze. Eines der Beatmungsgeräte gibt in unregelmäßigen Abständen einen kurzen Alarm weil der Patient ab und zu zu tiefe Atemzüge macht – auch hier verschwindet der Lärm von ganz alleine.

Der diensthabende Arzt setzt sich dazu, wenn er Zeit hat. Man spricht über privates und über geschäftliches, man kommt sich näher als im Tagdienst. Man ist ein Stück zusammengeschweißt und aufeinander angewiesen in den Inseln des Lichtes am Stützpunkt und im Aufenthaltsraum – während sonst nur die Schilder der Hinweisschilder für Fluchtwege den Flur in diffuses Licht tauchen. In den Zimmern ziehen auf abgedunkelten Monitoren Lichtpunkte ihre hoffentlich regelmäßigen Kurven und die Ladeleuchten der Infusionspumpen blinken im Takt.

Wenn in guten Nächten eine solche Pause mit wenigen Störungen möglich war, gehe ich durch meine Zimmer und trage Vitalwerte ein. Ich habe mir dazu eine Taschenlampe zugelegt, damit ich kein Licht anmachen muss. Nebenher räume ich auf – all das was der Tagdienst nicht geschafft hat. Mit leisen Sohlen und ohne hektische Bewegungen fülle ich Schränke auf. Ich nehme die Kurven mit aus dem Zimmer um draußen am Schreibtisch die neue Kurve für den Tagdienst zu schreiben. Ich mag diese neuen Kurven, die noch jungfräulich ordentlich aussehen und an einem guten Tag gleichmäßig und sortiert geführt werden können. Man sieht es den Kurven an, wie ein Tag war, ganz ohne Einzelheiten zu lesen.

In guten Nächten bleibt Zeit auch mal ein Gespräch zu führen, jemandem ein paar Minuten die Hand zu halten. Ich mag es meine Patienten nachts so vorsichtig zu lagern, dass sie vielleicht gar nicht dabei wach werden, mit Ruhe und Umsicht und langsamen Bewegungen und ohne Hau-Ruck.
Ich mag es die Routinetätigkeiten in einem geplanten Ablauf auch so vornehmen zu können. Die tägliche Wechsel von Leitungen, Filtern und Schläuchen vorzubereiten und dann mit einem routinierten Ablauf in meine letzte Morgenrunde einzubauen. Ich möchte aufgeräumte Bettplätze und aufgefüllte Schubladen für den Frühdienst übergeben können. Gerne bereite ich ein paar Dinge vor, stelle die Medikamente für die erste Tagesmedikation schon mit allem Drum und Dran ins Zimmer. Ich versuche die letzte Lagerung meiner Patienten so spät wie möglich zu machen, damit der Frühdienst erst mal Zeit hat sich zu strukturieren.

Ab fünf Uhr wird es wieder lauter… die ruhigste leiseste Zeit zwischen zwei und vier Uhr ist um. Der Biorhythmus der Patienten fährt wieder nach oben. Der eine oder andere wird wach, muss auf Toilette, hat Schmerzen oder kann nicht mehr schlafen. Die Alarme nehmen wieder zu und das eine oder andere Licht geht an. Das Ende eines guten Nachtdienstes steht bevor.

In guten Nächten bin ich um viertel vor sechs fertig mit meinen Arbeiten. Im Treppenhaus hört man die ersten Menschen, sie reden laut, lauter als wir im Nachtdienst. Es sind die Tagmenschen, die Aktivität und Helligkeit mitbringen. Es ist gut, wenn der erste vom Frühdienst zur Tür hereinkommt. Manch einer fröhlich und mit einem hellwachen Guten Morgen, andere noch mit verschlafenen Gesichtern erstmal der Kaffeemaschine entgegenschlurfend.

Mein Dienst ist fast vorbei. Es folgt noch die Übergabe und dann habe ich frei. Oft trinke ich noch einen Kaffee, um für die Heimfahrt wach zu sein. Mitunter wird noch ein Gespräch aus der Nacht zu ende geführt. Auf Station sind die Lichter angegangen, außer dem Pflegekräften und dem Arzt treffen weitere Menschen, die für das Gelingen, wichtig sind ein: Reinigungskräfte schieben ihre Wägen über Station, Assistenten und die Sekretärin bereiten ihre Aufgaben vor. Das Telefon klingelt. Im Arbeitsraum herrscht emsiges Treiben der Kollegen beim Vorbereiten der ersten Tagesmedikation, als ich mich verabschiede.

Ich darf jetzt nach Hause – ich freue mich auf mein Bett. Aber heute sind meine Beine nicht bleischwer wie sonst oft, heute bin ich nur ganz normal nachtdienstmüde. Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit… im Nachtdienst öfter als im Tagdienst.
Auch dann wenn es keine Pause gibt, auch dann, wenn das Licht nicht ausgeht und um 4:00 Uhr noch ein Notfall zur Aufnahme kommt.
Im Nachtdienst schaffe ich es häufiger meinen Patienten gerecht zu werden als dies im Tagdienst möglich ist, deshalb mache ich gerne Nachtdienst.

Waschstraße – Nachtschicht

Ich habe es schon immer gehasst, in der Ausbildung wie auch mit dem Examen in der Tasche. Schon in der Ausbildung musste ich in den Nächten Patienten waschen.

Also ab 2 Uhr in die Zimmer, Licht an und die armen Menschen aus den Träumen reißen.

In die müden Augen der Patienten blicken, den Waschlappen zücken und den Marathon eröffnen.

Als Schüler habe ich versucht mich zu wehren, dass Waschen verweigert da man mir in der Schule beigebracht hatte, dass Nachtwaschen eine gefährliche Störung des Schlafrhythmus darstellt.

Gegenüber der mit mir Dienst schiebenden Schwester verweigerte ich diese Arbeit, dass führte zu wenig Begeisterung. Am Morgen beim Eintreffen des Frühdienstes, waren anstelle von 10 Patienten nur 4 gewaschen. Viele böse Blicke die ich ertragen musste, denn der Fürhdienst musste nun die gesamte Arbeit tragen. Dies in einer Unterbesetzung, auf einer Station mit rund 25 Vollpflegefällen und anderen widrigen Umständen.

Es folgten Gespräche mit der Stationsleitung, Abteilungsleitung und Pflegedienstleitung. Alle erklärten mir, dass die Arbeit zu leisten ist und ich sie nicht verweigern darf.

So habe ich mich gebeugt, habe gewaschen und den Betrieb der Waschstraße aufgenommen. Habe demente Patienten aus ihrem Schlaf gerissen „Bei denen ist dat ja nicht so schlimm, die beschweren sich nicht“, konnte ich mir dann anhören. Orientierte Patienten, wurden fast nie angefasst. Die Demenzsammelzimmer ermöglichten das waschen von drei Patienten in einen Schwung, ohne das andere Patienten etwas mitbekommen haben. Auch Patienten nach OP mit einem „Überhang“ mussten dran glauben. Selten fühlte ich mich so schlecht in der Ausbildung, wie in diesen Nächten.

Natürlich gab es offiziell ein Verbot gegen das nächtliche Waschen, auf dem Papier für den Aufsichtsrat und die Presse. Es wurde jedoch erwartet diese Arbeit zu leisten, um gewährleisten zu können das einmal in 24 Stunden jeder Patient gewaschen wird. Der Personalmangel macht es nötig, sicher richtig und doch unwürdig.

Mit dem Examen haben sich diese Ansprüche nicht sehr verändert, ich habe es mir gewünscht aber die Realität sah anders aus.

Nachts Patienten zu waschen ist eine alte Arbeitstradition in vielen Krankenhäusern und Heimen.

Eine schlechte Tradition wie ich finde und ich nenne es hier bewusst waschen, mit pflege am Patienten hat dies nicht viel zu tun. Es gibt unterschiedliche Intentionen warum Kolleginnen und Kollegen diesen Weg der Arbeit wählen:

  1. Der solidarische Weg

Die solidarische Schwester wäscht ihren Patienten in der Nacht, um den Tagdienst zu entlasten. Der arme Patient würde sonst ja nie gewaschen werden.

2.  Weil sie sonst nix zu tun hat

Es gibt die Kolleginnen und Kollegen, die Patienten waschen um nicht selbst einzuschlafen, also als persönliche Beschäftigungstherapie

3. Weil sie es muss

Man wäscht weil es erwartet wird und sonst dem kollegialen Fegefeuer ausgesetzt wird.

 

Erschreckend ist es, dass so viele Pflegende glauben dem Patienten auch noch etwas gutes zu tun. Das man den Patienten damit schadet, ne das kann nicht sein.

Mein beruflicher Weg hat mich auf eine recht große Intensivstation geführt, mit deutlich mehr als 10 Betten. Auch hier habe ich den Vorgang des nächtlichen waschen kennen gelernt und mache es zum Teil noch selbst.

Zum Teil ist hier der wichtige Satz, denn meine Fachlichkeit erlaubt es mir mittlerweile gut zu begründen warum ich viele Patienten nicht wasche. Ich wasche keine dementen oder deliranten Patienten mehr, da ich weiß das es ein verstärkenden negativen Effekt hat. Die Studienlage ist eindeutig und gibt mir die Werkzeuge in die Hand die ich benötige. Patienten zu waschen, also Lärm im Zimmer aus zu üben und den Schlafrhythmus zu stören, verstärkt die vorhandene Delirzustände und hat direkte Auswirkungen auf Überlebensraten nach der stationären Entlassung.

Nächtliches waschen ist aber auch Auslöser für solche Zustände, ist also Ausgangspunkt für „Durchgangssyndrome“ die nichts anderes sind als ein Delir.

Nun aber auch auf der Intensivstation herrscht Personalmangel, oft werden Patienten vom Frühdienst erst in der Übergabe zum Spätdienst gewaschen oder halt gar nicht.

Aus diesem Grund greifen auch hier viele zum Waschlappen, etwas ausgewählter und nicht so breit wie auf den peripheren Stationen auf denen ich gearbeitet habe.

Wir waschen die beatmenten Patienten, hin und wieder auch wenn neben diesen ein wacher Patient liegt…aber ganz leise natürlich.

Wir waschen psychiatrische Patienten hin und wieder oder auch man geriatrische Patienten. Diese Gruppe aber deutlich weniger, da das Verständnis für die negative Verstärkung bei uns doch relativ gut verbreitet ist.

Patienten mit Schlafstörung, können auch schon mal dran glauben müssen.

Das nächtliches Waschen auch auf beatmete Patienten eine negative Wirkung hat, ist laut einigen Studien wahrscheinlich, also im Grundsatz schädlich für die Patienten.

Ich mache es ungern, ich fühle mich unwohl dabei. Ich bin nicht faul weil ich es nicht machen will, ich denke an meine Patienten. Ich weiß das nicht gewaschen werden nicht so schlimm ist, wie ein Delir oder eine verstärkte Demenz. Ich schätze ab, was meinem Patienten mehr Benefit bietet.

Ich will mit dem nächtlichen Waschstraßen nicht weiter einen chronischen Personalmangel decken, der mich und meine Kolleginnen und Kollegen ausbrennt und den Patienten schadet.