„Danke, dass ihr nicht streikt“


„Liebe Pflegekräfte, danke dass ihr nicht streikt,
obwohl ihr wirklichen Grund dazu hättet.“

Dieser Spruch wird mittlerweile sehr zuverlässig geteilt, wenn die Lokführergewerkschaft mal wieder zum Streik aufruft. Nicht selten auch von Pflegekräften selbst, klingt ja auch nett, wenn die Bevölkerung anerkennt, dass wir „wirklichen Grund“ für einen Streik hätten und dann kriegen wir doch auch mal ein Dankeschön.
Ich finde diesen Spruch allerdings in vielerlei Hinsicht problematisch.

Zum Einen (und hier bin ich froh, dass immer mehr Pflegekräfte dies auch so äußern) ist dieser Satz eine ordentliche Ohrfeige gegen einen Berufsstand, der bisher nicht in der Lage ist, sich zu organisieren und so für seine Belange einzustehen und zu kämpfen. Es wird geschimpft und gejammert, sämtliche Handlungsmöglichkeiten (Gewerkschaften, Pflegekammern, Berufsverbände, Betriebsräte) sind doof und bringen eh nichts. Mittlerweile wird sogar über das ewige Schimpfen und Jammern geschimpft und gejammert.
Nicht zuletzt lässt sich der Satz auch wunderbar umdeuten: „Schön doof von euch.“

Zum Anderen, wer garantiert uns denn, dass die Bevölkerung uns Arbeitskampfmaßnahmen wie den Streik noch zugesteht, wenn es denn mal soweit ist? Der Rückhalt der Bevölkerung lässt sich sehr schön beobachten, wenn Teile des Öffentlichen Dienstes streiken; aktuell die Erzieher_innen in diversen Kindertagesstätten – die tragen nämlich ihren Tarifstreit auch „auf den Rücken der Gesellschaft“ aus, zwingen Eltern dazu, sich um andere Betreuungsmöglichkeiten zu kümmern oder gar Urlaubstage dafür zu verbraten. Rückhalt und Verständnis für diesen Streik? Eher mäßig.
Wann immer öffentliche Verkehrsbetriebe bestreikt werden, werden laut Vorwürfe darüber geäußert, was denn der Bevölkerung damit alles angetan wird.
Und sollte es je zu einem flächendeckenden Streik in der Pflege kommen? Was werden arme wehrlose Pflegebedürftige alles erdulden müssen? Und deren Angehörigen erst? Werden diejenigen, die dieses Sprüchlein so munter teilen, auch dann noch hinter uns stehen?

Und dann ist da noch so ein Punkt, der natürlich auch kontrovers diskutiert wird. Wenn man an den Kontext denkt, in dem dieser Spruch gepostet wird, nämlich Streik der Lokführergewerkschaft GdL, klingt er für mich wahnsinnig perfide. Er unterstellt nämlich nicht nur, dass wir Pflegekräfte im Gegensatz zu Lokführern „wirklichen Grund“ hätten, sondern umgekehrt, dass die GdL keinen wirklichen Grund hätte. Er unterstellt, dass der Streik nicht gerechtfertigt ist und somit lediglich Schikane für alle anderen Arbeitnehmer ist – und somit auch für uns, die wir nicht streiken und die Bevölkerung schonen. Sprich: er spielt Arbeitnehmer gegeneinander aus.
Natürlich kann man über die Positionen und Beweggründe der GdL unterschiedlicher Meinung sein, ich finde es allerdings erschreckend, wie ein ganzes Land gegen eine Gewerkschaft aufgebracht werden kann, ohne dass dabei auch nur einmal die Positionen und Beweggründe der Deutschen Bahn hinterfragt werden, die Tarifforderungen abzulehnen.

Machen wir uns nichts vor, jeder Streik in der Daseinsvorsorge wird leider nicht spurlos an der Bevölkerung vorbei gehen. Wir leben leider auch in einer Zeit, in der Dienstleistungen für so selbstverständlich gehalten werden, dass man die Menschen hinter diesen Dienstleistungen vergisst, seien es Pflegekräfte, Bus- und Bahnfahrer_innen oder Supermarktangestellte. Aber genau deswegen sind Streikmaßnahmen hier von großer Bedeutung: um sichtbar zu werden, um trotz der Verpflichtung für die Allgemeinheit auch die eigenen Belange nicht zu vergessen. Denn wir sind für die Allgemeinheit da, damit sind unsere Belange auch Belange der Allgemeinheit.

5 Gedanken zu „„Danke, dass ihr nicht streikt“

  1. Ulrich Welzel

    Nicht reden! Machen! Jetzt! Sofort!

    Wenn schon der Betriebsrat des bayrischen Roten Kreuz im November 2014 beim Pflegestammtisch in Trostberg die anwesenden 70 Pflegekräfte zum Streik aufruft, hat sogar die anwesende Ministerin Verständnis dafür. Die 60 anwesenden pflegenden Angehörigen hätten auch Verständnis. 100%!
    Jede Aktion fängt mit dem ersten Schritt an.
    Ich bin der festen Überzeugung, dass streikendes Pflegepersonal dann oft den Satz zu hören bekommen: „Danke, dass ihr streikt!“

    In diesem Sinne: Nicht reden! Machen! Jetzt! Sofort!

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  2. AED

    Schon vor Wochen hat mich das gewurmt, weil es für mich wie eine Ohrfeige wirkt. Dieser Spruch!
    – die sind zu blöd dazu!
    – die arbeiten auch für ein vergelts Gott!
    – meckern, gottseidank, nur machen sonst nix! Wie es mich zu sehr geärgert hat, da habe ich zurückgegiftet!!!!

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    1. Ulrich Welzel

      „Zum Anderen, wer garantiert uns denn, dass die Bevölkerung uns Arbeitskampfmaßnahmen wie den Streik noch zugesteht, wenn es denn mal soweit ist?“
      Selbstverständlich steht die Bevölkerung dazu. Wenn Sie morgen Abend die Nachtschicht verweigern, weil der Betreuungsschlüssel wieder bei 40, 50 oder 60 zu 1 liegt, und eine menschenwürdige Betreuung nicht gewährleistet werden kann, will ich den Angehörigen sehen, der kein Verständnis für Verbesserungen hat.
      Selbst ein Claus Fussek, resigniert nach fast 40 Jahren, weil kaum Rückhalt aus den eigenen Reihen vorhanden ist. Von der Politik kommt nichts, solang alles so weiter geht.
      Selbst als Bahnfahrer (70.000 km pro Jahr) habe ich immer noch vollstes Verständnis für die Lokführer.
      Für Pflegepersonal hätte ich schon lange Verständnis.

      In diesen Sinne viel Erfolg!

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  3. Anna

    Danke für diese Worte. Mir ist dieser Spruch schon auf den Magen geschlagen, als ich ihn das erste Mal gesehen habe, denn ich seh das genauso wie du. Ich frage mich allerdings, wo für viele Pflegekräfte das Problem liegt in einer Gewerkschaft aktiv zu werden oder eben dieser beizutreten? Ich habe das getan, ich muss diesen Beruf nämlich noch mindestens 30 Jahre machen und mache diesen sicherlich nicht mehr unter diesen Bedingungen. Da kann ich auf ein geheucheltes „Dankeschön“ von irgendwelchen gefrusteten Idioten einfach gepflegt pfeifen. Dieses Dankeschön hilft mir nämlich bei der nächsten Krankheitswelle genauso wenig, wie dieses Dankeschön anhalten würde, wenn wir wirklich mal die Arbeit niederlegen. Dann wird sich vermutlich bei der Aldi Kassiererin bedankt oder bei der Friseuse, die nicht streikt, obwohl sie allen Grund dazu hätte. Ich finde es erschreckend, dass mittlerweile die Bevölkerung eher aufeinander losgeht (aus Neid, weil sie selbst nicht den Mut haben?) anstatt sich zu solidarisieren und die Streikenden zu unterstützen, da sieht man mal, wie weit es schon gekommen ist.

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    1. Ulrich Welzel

      Liebe Anna,
      unterstützen kann die Bevölkerung euch nur, wenn ihr (Pflegekräfte) den ersten Schritt macht.

      Beste Grüße und viel Erfolg bei der Umsetzung
      Ulrich Welzel

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