Demenz.

Früher war es die Tüddeligkeit der Nachbarin, die sich mal im Jahr vertat. Kann ja passieren. Im Alter von 86 ist ein Jahr mehr oder weniger nicht mehr wichtig. Sie vergehen einfach, die Jahre, niemand interessiert ’ne doofe Zahl. Und solange die Gute mit ihrem Rollator den Einkauf erledigt und stets adrett gekleidet ist, geht es ihr gut, kommt sie klar, verbessert man sie nicht. Aus Höflichkeit oder weil sie nur etwas wie „Achja, stimmt. Wissen Sie, in meinem Alter…“ entgegenbringt. Sie verbringt ihren Lebensabend daheim und die Welt ist in Ordnung. Nicht gut, weil man seine eigenen Problemchen hat, aber in Ordnung, weil die Nachbarin soviel mehr im Leben durchgemacht hat und immer noch bei Sinnen ist.

So ist es im Optimalfall. Menschen, die demenziell erkrankt sind, kommen bis zu einem gewissen Zeitpunkt zurecht. Sie leben in ihren 4 Wänden, haben ihre Kniffe, ihre Abläufe, eigene Strukturen. Und auch wenn sie nicht genau darüber nachdenken was sie tun, so tun sie es einfach, weil sie es seit Jahr und Tag so machen.

Aber dann passiert was. Sie fallen vielleicht, brechen sich etwas oder haben einen Herzinfarkt. Sie kommen ins Krankenhaus und jegliche Struktur ist weg. Die Krankenschwester merkt schon bei Aufnahme: „So hundertprozentig orientiert ist Frau Meier nicht.“ Frau Meier kann nämlich nicht sagen, welchen Tag wir haben oder welchen Monat. Ihr Alter weiß sie auch nicht so genau. Sie ist zwar 1932 geboren, aber doch erst 64 Jahre alt! Den Namen der Straße in der sie wohnt, weiß sie auch nicht. Aber das ist doch nicht wichtig, sie lebt da nun einmal und was soll sie eigentlich hier! Ihr geht es gut! Ihr tut nur etwas das Bein/ die Brust/ das Herz weh und „meine Mutter ist auch schon auf dem Weg!“

Im Verlauf merkt man, dass Frau Meier gar nicht weiß, was sie mit dem Waschlappen morgens machen soll. Ihr muss gesagt werden, was man damit macht, sie anleiten und unterstützen. Sie hat auch schon die Zahnbürste mit einer Haarbürste verwechselt. Jetzt lacht sie kurz drüber, aber sie überspielt ihre Traurigkeit, denn in klaren Momenten wird ihr bewusst, dass sie vergesslich wird und sie weint. Manchmal wird sie aggressiv, schlägt die Pflegekraft, bespuckt den Arzt oder schmeißt ihre Wasserflasche zu der Patientin, die direkt neben ihr liegt.

Manchmal müssen wir, um die Patienten (vor sich selber), uns und andere Leute zu schützen, sie ans Bett fesseln. Sie fixieren. Das passiert natürlich nicht ohne weiteres, dazu gehören einige rechtliche Dinge, aber das ist nicht der springende Punkt. Der Punkt ist, dass ich Menschen ihrer Freiheit, ihrer Würde beraube. Das ist oft das einzige, was der Patient im Krankenhaus noch hat und ich nehme es ihm. Es ist schwer vorstellbar aber eine 82- jährige, zierliche Frau kann Kräfte wie ein Bär entwickeln, ähnlich wie eine Mutter, die um ihr Kind kämpft. Das sagt man doch so: Mütter können unsagbare Kräfte entwickeln.

Bei einer guten Fixierung wirken 9 Personen mit. Für jede Extremität zwei- einer, der festhält und einer, der anschnallt. Eine Person hält den Kopf hinunter. Ich hasse fixieren. Ich mache das nicht gerne und wenn ich es nicht müsste, wenn ich die Patientin anders vor sich selber schützen könnte, so würde ich es tun. Und wenn ich so darüber schreibe, erhascht mich ein gewisses Gefühl von Scham, weil ich irgendwie glaube, man könnte ein falsches und schlechtes Bild von mir bekommen.

Ich bin schon mit Verletzungen nachhause gegangen. Ich hatte Biss- und Kratzwunden und Hämatome unterschiedlichen Ausmaßes. Ich wurde mit Brotmessern bedroht, von Menschen, die meine Großeltern sein konnten. Und wer noch nie aus einem faltigen, wutverzerrten Gesicht die heftigsten, unter die Gürtellinie gehenden Beleidigungen gehört hat, kann sich nicht vorstellen, dass auch das Verletzungen mit sich bringt.

2 Gedanken zu „Demenz.

  1. pueppo

    Hallo =)
    Ich bin selbst Krankenschwester und ich wollte dir mal sagen, dass ich deine Beträge allesamt genau so unterschreiben würde. Denk daran, dass es ansich ein toller Beruf ist. Ich sage lieber WÄRE, wenn die Rahmenbedingungen stimmen würden.
    Darf ich fragen, ob das alles was du hier schreibst auch wirklich so erlebt hast und du von dir persönlich schreibst?
    Wie gesagt, ich finde alles wirklich toll geschrieben und mehr Leute aus diesem Beruf sollten so offen demgegenüber sein.

    Liebe Grüße und danke für die offenen Worte =)

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  2. andyrage

    Guter Artikel ,aber das geht nicht nur alten Menschen so. Ich arbeite auf einer „geschützten „(geschlossenen) Station mit Suchtkranken ,die meisten Alkokoliker , die mit Folgeerkrankungen wie Korsakow zu kämpfen haben . Der Gerichtsbeschluss , der sie zu dieser Therapie verbannt , greift in heftigster Weise in das Selbstbestimmungsrecht der Menschen ein. Und doch würden sie ohne Unterbringung wahrscheinlich elendig vor die Hunde gehen. Was ist richtig ? Was ist falsch ?

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