Der Bösewicht.

Bis vor kurzem habe ich in der ambulanten 24 Stunden Pflege gearbeitet.
7 Jahre, von insgesamt 40 Berufsjahren, war ich bei einem privatem Pflegedienst angestellt,
doch so verachtend bin ich bisher noch nie behandelt worden !
Verachtend weil Engagement nicht geduldet wird.
Das ich solange dabei war, lag ausschließlich an meinen tollen Kollegen –
die jedoch schon lange fort sind – sowie an einigen Patienten, die ich ins Herz
geschlossen hatte.

Ich liebe meinen Beruf, bin ein richtiges „Pflegetier“ – lege viel Wert
auf Menschlichkeit und Wertschätzung und nicht zuletzt auf sorgfältige
fachlich richtige Behandlungspflege – die sich meiner Meinung nach nicht nur stur
an Standarts orientiert, sondern auch individuelle Maßnahmen berücksichtigt –
wie z.B. eine extreme Hautreizung aufgrund von Octenisept.

Im Laufe der Zeit hat sich jedoch der Kommerz in den Vordergrund gedrängt –
mehr und mehr wurden Pflegerinnen eingestellt, deren Wissen und Erfahrung
weit unter dem Niveau der Intensivpflege lag und die sich alleine schon vom Alter
her nichts mehr sagen ließen (sie waren 1 – 3 Jahre älter als ich )

Zu diesem Zeitpunkt war ich Teamleiterin bei einem Patienten der im Wachkoma liegt,
zusätzlich allerdings auch noch bei einer anderen Patientin.
Es „passierten“ die unglaublichsten Dinge, von denen die Chefin durchaus wußte.
Bei verminderter Ausscheidung wurde literweise Wasser über die PEG zugeführt –
ich erkannte den Patienten kaum wieder als ich dazu kam – aufgeschwemmt
und mit Atemnot, kurz vorm Lungenödem.
Da es für manche Kollegen angenehmer ist, ihre Arbeitszeit lesend oder mit Laptop
zu verbringen, blieben „Kleinigkeiten“ oft liegen –
sei es der VW von der PEG – oder zu beachten, dass der Urinbeutel nach Lagerungen
nicht abgeklemmt ist.

So entwickelte als erstes eine erhebliche Entzündung an der Eintrittsstelle der PEG.
Mündliche Bitten, doch bitte darauf zu achten, verflogen im Wind.
Zunächst zaghafte schriftliche Anweisungen > es hat sich als sinnvoll ergeben, dass … < bis hin zur detaillierten Anweisung, brachten die Gemüter zum Wallen - man beschwerte sich über mich. Im Weiterem ließ ich die Anweisung von der zuständigen Ärztin unterschreiben - doch da war bei allen schon die Klappe gefallen - es tat sich nichts. Eines Tages kam ich dorthin - die entzündete Stelle blühte förmlich, es hatte sich mittlerweile "wildes Fleisch" gebildet - und ... der Patient hatte eine heftige Windeldermatitis - trotz SPK. Ich hätte weinen mögen - stattdessen brüllte ich wie ein Tier - total unzensiert - los. Ich, der Bösewicht - der die Kollegen nicht in RUHE arbeiten lässt sondern angreift ich der Störenfried - für Mitarbeiter, Angehörige, Patient und "oberste Etage" wurde von nun an wie Luft behandelt - keine Kommunikation mehr - man legte mir nahe dort nicht mehr zu arbeiten > damit wieder Ruhe einkehrt < man sagte mir, ich müsse lernen, das hinzunehmen, was nicht zu ändern ist !!! .... und Schluss Ja, ich hätte kündigen sollen - sofort doch hatte ich gerade auch private Dinge, die mich belasteten - unter anderem auch der Auszug meines letzten Kindes. Doch dann - Sylvester 2014 - ich kam zur 12 Stunden - Nachtwache bei einem anderen Patienten - die PDL übergab mir einen neuen Arbeitsvertrag - da ich ja nun keine Teamleiterin mehr war, mit den Worten : > ich würde ja nun keine Verantwortung mehr übernehmen < Diese Unverschämtheit machte mich sprachlos - aber nicht tatenlos ... auf der Rückseite des Vertrages schrieb ich meine Kündigung, die ich ihr am Neujahrmorgen um 6.30 Uhr wortlos gab. Ich danke Euch fürs "Zuhören"

4 Gedanken zu „Der Bösewicht.

  1. Ilona

    Habe im stationären Bereich fast das gleiche durch. Mobbing steht an erster Stelle. Kollegen kündigen weil sie sich den Stress nicht mehr antun wollen. Ich wurde gedemütigt weil ich mir nichts gefallen lassen wollte. Dann einfach Versetzung und Abmahnungen. War jetzt fast ein halbes Jahr in psychiatrischer Behandlung, einfach alles zum kotzen. Das es in der Pflege schwer ist wissen wir, aber was sich die Arbeitgeber manchmal raus nehmen ist Menschen unwürdig.

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  2. irene grober

    Habe auch Schlimmes erlebt, zuletzt in der amb. Altenpflege. Weil ich ohne Krankheit u bei einer sehr guten Arbeitsleistung nicht 21 Tage am Stück arbeiten wollte u eine Ûbrlastungsanzeige geschrieben habe, wurde dann der Vertrag nicht verlängert. Unter diesen Bedingungen kann ich nach 26 Jahren Pflege nicht mehr arbeiten. Burn-out

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  3. Beatrice

    Mich entsetzt ein wenig, dass in Zeiten des Pflegenotstandes Arbeitgeber so agieren können. Gibt es denn die Möglichkeit, solche Missstände anzuzeigen (eine solche schlechte Pflege werte ich ja persönlich als Körperverletzung, von Vertragsbruch mit dem Kostenträger ganz zu schweigen) oder in Bezug auf den 21-Tage-Dienstmarathon das Gewerbeaufsichtsamt einzuschalten? Ernstgemeinte Frage, man muss doch dagegen vorgehen können!

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  4. Sonja

    Leider bleibt bei solchen Zuständen (die gerade in der 24h Pflege definitiv nicht vorkommen dürfen!) und den offensichtlich tauben Ohren der Kollegen und Vorgesetzten nur der Gang zum MDK, um dem Einhalt zu Gebieten – denn ja, man kann auch eine Überprüfung seines Arbeitsgebers aufgrund von Mängeln fordern.

    Zum Arbeitszeitgesetz folgendes: https://rechtsanwaltarbeitsrechtberlin.wordpress.com/tag/was-kann-der-arbeitnehmer-bei-verstosen-gegen-des-arbeitszeitgesetzes-machen/

    Ich habe noch nie eingesehen, mich ausnutzen zu lassen und bin deswegen auch in der Ausbildung schon angeeckt, habe jedoch bisher grundsätzlich zufriedener gearbeitet. Nicht dass ihr mich falsch versteht, auch ich springe ein und schaue, dass ich meinem Arbeitgeber bei entsprechendem Entgegenkommen helfen kann, wo es möglich ist. Aber eben: Entgegenkommen.

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