Der Hass auf so manches.

Es gibt ein paar Dinge in Bezug auf die aktuelle Gesundheits- und Krankenhauspolitik, die mich und meine Kollegen in letzter Zeit immer mehr negativ betreffen und wütend machen, so dass ich einiges davon mal loswerden muss, auch wenn es nichts ändern wird.

Ich bin von meinen Eltern zu einem einigermaßen ehrlichen, charakterstarken Menschen erzogen worden, der ein gewisses Mindestmaß an ethischen Anforderungen an sich und auch an andere stellt, so dass meine Erziehung es mir eben nicht verbietet, sondern mich geradezu zwingt, gewisse Dinge mal anzuprangern. Auch wenn mich das Folgende wahrscheinlich in die Nähe einer Abmahnung, wenn nicht sogar Kündigung bringen würde, hätte ich denn die Möglichkeit, gewissen Leuten das alles mal gefahrlos und ungeschont ins Gesicht zu sagen.
Wie von manchen wahrscheinlich schon bemerkt, arbeite ich im Krankenhaus.

Der negative Einfluss der Verwaltung in unserer und auch vielen anderen Kliniken hat mittlerweile groteske Ausmaße angenommen.
Es geht nur noch um Geld und Fallzahlen. Schlimm genug. Das ist sicherlich ein Problem, welches nicht nur auf dem Mist unserer Klinikverwaltung gewachsen ist, aber sie ist das blühende Pflänzchen auf dem riesigen Misthaufen, den die Politik der letzten Jahre zu verschulden hat.
Aber es ist ein Unding, dass Menschen eine Klinik leiten, an denen jegliches medizinisches und pflegerisches Fachwissen nicht mal in weitester Entfernung vorbeikommen ist. Dass dieser Auswuchs an Kompetenzmangel zudem auch keiner weiteren Kontrollinstanz mehr unterliegt als dem sich permanent selbst reproduzierenden Wasserkopf an ähnlich begabten Hoffnungsträgern aus Management und Parteifreunden, ist an Unverschämtheit nicht zu überbieten. Dass sogar selbst die Chefärzte aus Angst über ihre Ersetzbarkeit sowie aus Prämiengeilheit ihre medizinische Ethik vergessen und für einen kleinen Hundekeks vor diesen Soziopathen noch Männchen machen, ist erschreckend.
Wie konnte das so weit kommen?
Wenn ich durch die Klinik gehe, hängen überall bunte Rahmen mit “Zertifizierungsurkunden”, schon in der Eingangshalle wird sich selbst ausgiebig geweihräuchert mit den angeblich unfassbar guten Kompetenzen, dass es mich jedesmal schüttelt, wenn ich mal einen ungeschonten Realitatsabgleich mit dem mache, was manchmal hinter den Kulissen passiert.
Es gibt überall lustige Heftchen mit dem tollen Klinikleitbild und dem Schmalzgesicht vom Geschäftsführer drin, welche sich in blumigen Schilderungen über die ach so ethisch wertvolle Patientenversorgung überschlagen, doch diese Propaganda, die sowieso kein Schwein liest, ist das reinste Satireblatt.
Als die Kliniken vor 10, 15 Jahren noch keine Pamphlete namens “Leitbilder” hatten, um eigentlich Selbstverständliches verbalrhetorisch klangvoll zu formulieren, waren die Patienten ironischerweise besser versorgt als heute. Obwohl die meisten Mitarbeiter den Ausdruck “Leitbild” damals nicht mal groß mit irgendwas in Verbindung bringen konnten.
Damals gab es auch noch keine 50 teilweise sinnlose Zwischenstufen wie Bereichsleitungen oder die heutigen 98 verschiedenen Managementebenen oder Projektgruppen und es lief trotzdem. Auch besser als heute.
Uns Ärzten und den Pflegern und allen anderen vom Handwerker bis zur Reinigungsfachkraft werden parallel permanent die Anforderungen hochgeschraubt, während man uns von Seiten der Verwaltung, Politik und Rechtssprechung gleichzeitig Knüppel zwischen die Beine wirft und uns die Arbeit erschwert, wo es nur geht.
Es ist auf Dauer nicht nur ärgerlich, sondern auch nervenaufreibend und frustran und führt erwiesenermaßen langfristig zum Burn out, wenn man jeden Tag das Gefühl hat, egal, wie man sich bemüht, man hat keine Chance, den Patienten noch irgendwie gerecht zu werden.
Das macht nicht nur die Patienten krank, sondern auch das Personal. Ich verstehe nicht, wie man als Verwaltung diese für jeden Idioten offensichtlichen Zusammenhänge so ignorieren kann. Diese haben ja nun auch gesamtwirtschaftliche Folgen, von den Auswirkungen auf die einzelne Klinik mal ganz abgesehen.
Man dürfte eigentlich selbst bei “Zahlenmenschen” davon ausgehen, dass sie zu dieser schon durch normalen Menschenverstand möglich gemachten intellektuellen Transferleistung irgendwie fähig sein sollten.
Wir werden mittlerweile zunehmend über kleine fiese Umwege gezwungen, medizinische Entscheidungen entgegen menschlicher und medizinischer Verantwortung und Moral dem Willen der Verwaltung unterzuordnen, es ergeben sich oft Situationen, die weder medizinisch noch ethisch tragbar für die Patienten sind. Zum Glück für die Verwaltung stehen ja erstmal WIR an vorderster Front, wenn es Fehler, Klagen oder Ärger gibt. Dummerweise bin ich ja auch für meine Entscheidungen primär haftbar, denn meine Unterschrift steht ja unter dem Verlegungsbericht, wenn ich jemanden verlegen muss, obwohl er schlecht und wir eigentlich voll sind, nur weil die Verwaltung beschlossen hat, dass wir jedem immer aufnehmen müssen.
Den Patienten bei fehlender Kapazität anzubehandeln und dann weiterzuverlegen, in eine Klinik, die ihn momentan besser oder schneller versorgen kann, wird von der Verwaltung ausdrücklich nicht gewünscht. Das wird nicht direkt, aber mittels subtiler Drohungen an die Chefärzte anhand zu erfüllender Quoten kommuniziert.
Der Klinik generell ein Organisationsverschulden nachzuweisen, ist quasi ein Ding der Unmöglichkeit, da diese Anweisungen nirgendwo schriftlich fixiert sind.
Es wird außerdem immer argumentiert, “in anderen Ländern gibt es viel weniger Klinikbetten”.
Ja, dafür ist die restliche außerklinische Versorgung oft besser organisiert.
Oder das Lieblingsargument: “in anderen Ländern gibt es viel weniger Intensivbetten!”
Auch das, ihr Verwaltungs-Vollspaten, dafür gibt es da aber auch mehr Intermediate Care-Stationen mit besser ausgebildetem Personal, entsprechend mehr Kompetenzen und mehr Hilfskräften.
Mag sein, dass es in Schweden nur einen Bruchteil an Intensivkapazität gibt. Aber da haben nicht nur zwei Schwestern die Verantwortung für 36 Patienten, sondern sie teilen sich die Arbeit eher mal zu viert oder zu sechst. Auch sind sie oft besser qualifiziert und das Berufsbild der Pflege ist ein angesehener Job, erfordert einen Studienabschluss und entspricht nicht wie bei uns dem volkstümlichen Negativbild aus “Arschabwischer und Saftschubse”.
Die Patienten können dort schneller von der Intensivstation verlegt werden, weil sich auf den normalen Stationen besser gekümmert werden kann und man keine Angst haben muss, dass der Patient da erst versehentlich fast umgebracht und dann notfallmäßig als halbtote Reklamation auf die Intensivstation zurückgefleddert wird, weil es unseren Stationsärzten und Schwestern an Zeit fehlt, Probleme frühzeitig zu erkennen, darüber nachzudenken und gar nicht erst eskalieren zu lassen.
Auch gibt es Studien, die beweisen, dass nächtliche Operationen, Rund- um-die-Uhr-operieren im Schichtdienst sowie permanente Vollbelegung der Stationen das Risiko für Qualitätsmängel, Fehler und ein schlechteres Outcome der Patienten steigern, aber am liebsten hätte man es aus dem bequemen Leder der Bürosessel so, dass der OP nie stillsteht und alle Betten immer voll sind.
Personalkosten sind sicherlich der größte Kostenfaktor in Kliniken.
Aber gutes, zufriedenes Personal, das noch Zeit hat, während der Arbeit auch mal innezuhalten und zu denken, macht bessere Arbeit und erspart der Klinik eine Menge Geld durch Verhinderung von Katastrophen, seien es Hygienemängel oder Behandlungsfehler.
Wie man so kurzsichtig und knapp planen kann wie in Deutschland, ist mir ein Rätsel.
Aber ich kann es mir damit erklären, dass den Verantwortlichen das Bewusstsein für Ethik augenscheinlich völlig abgeht und man den Job in der Krankenhausverwaltung nur übergangsweise zum Aufhübschen des eigenen Portfolios macht.
Ich würde mir wünschen, der ganze BWL-Abschaum zöge sich bis auf ein erforderliches Mindestmaß in andere Sparten zurück, die weit, weit entfernt von der Arbeit am Menschen sind und ließe die Leute in Ruhe, die in den Kliniken die EIGENTLICHE Arbeit machen: die Schwestern, die Ärzte, die Handwerker, die Küche, der Steri und die Putzfrauen.
Ich habe mal irgendwo gehört, dass ein Betrieb, der mehr als 10-15% seines Geldes in die Selbstverwaltung investiert, unwirtschaftlich ist. Dann gehen Sie mal in die Krankenhäuser und auch Krankenkassen und zählen Sie mal durch.
Surprise! Wie unerwartet.
Während der Geschäftsführer weitere Manager einstellt, streitet er sich mit uns schamlos über Gelder, Überstundenbezahlung oder Dienstmodelle, so dass es nur noch unverschämt ist. Oder man wird monatelang hingehalten.
Es gibt massenhaft Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz, die der Klinikleitung wohlbekannt sind, aber nie zu Konsequenzen führen.
Zwischendurch wird von der Verwaltung immer mal wieder signalkräftig ein essentieller Mitarbeiter bauerngeopfert, bei dem man sowas nie für möglich gehalten hätte, so dass alle anderen sich kaum noch trauen, was zu sagen.
Man spart an allen Ecken, hat neuerdings am Wochenende die Personalcafeteria geschlossen, wir Angestellten sollen nun auf kostenpflichtigen Parkplätzen parken und demnächst kommt vielleicht die elektronische Zeiterfassung, bei der z.B. täglich automatisch die Pause abgezogen wird. Ob man eine hatte oder nicht. Kein Wunder, dass bei uns kaum noch wer arbeiten will.
Ich habe jedenfalls Angst vor der Zukunft, wenn wir alle mal alt sind.
Das Gesundheitssystem schafft sich momentan ab, die Qualitätsstandards existieren nur noch auf dem Papier. Und Papier gibt es viel in jeder Klinik.
“Wer schreibt, der bleibt” heißt es oft. Vor lauter Dokumentation, die zum Teil nur der Befriedigung irgendwelcher Verwaltungsangestellten dient und nichts mehr mit realitatsbezogener Patientenversorgung zu tun hat, schafft man oft nicht mal mehr seine reguläre Pause und bleibt ständig länger.
Aber wenigstens halten wir Fußvolkangehörige untereinander einigermaßen zusammen, den glücklicherweise wissen wir, dass ein inhomogenes, zerstrittenes Team leichter zu kontrollieren ist. Und den Gefallen tun wir denen da oben nicht.
Denn wir sind zwar leider ausnutzbar, weil wir aufgrund unserer Moral erpressbar sind, aber wir sind immerhin nicht dumm.
Denn ein gemeinsames Feindbild schafft Zusammenhalt…

Quelle: Beuteltier

2 Gedanken zu „Der Hass auf so manches.

  1. Trapp

    Leider sind wir Pflegende nicht in der Lage, uns z.B. in einer Pflegekammer zu organisieren und mit einer Stimme zu sprechen. Vor 20 Jahren haben wir schon während des Stationsleitungskurses über diese Möglichkeit diskutiert. Leider, wie wir heute sehen, erfolglos. Zu viele einzelne Verbände streiten sich um die Führung und Macht, weil jeder der Boss sein will. Schade. Außerem sind wir Krankenhausbeschäftigten nicht mutig genug, nur einmal alle zusammen zu streiken und ein paar Tage mal die Krankenhäuser lahm zu legen, daß auch noch der letzte Politiker und Krankenkasse die wirkliche Notwendigkeit erkennt, unsere Arbeit wenigstens Kostenneutral zu bezahlen und nicht auf Kosten des Stellenplanes, der ja häufig auch nicht nehr existiert sondern nur ein Budget. Schließlich sind wir ja nur noch ein Kostenfaktor, und wenn die Kosten gesenkt werden, steigt der Gewinn….. hahaha.
    In diesem Sinne viel Spaß am Beruf wünscht Euch Raimund (Krankenpfleger seit 41 Jahren)

    Antworten
  2. Manu

    DER HASS AUF SO MANCHES spricht mir voll aus der Seele !!!
    Besser hätte ich es auch nicht formulieren können….
    Leider steigt der Agressionspegel, je mehr man sich mit diesem Thema befasst…
    eine total frustrierte Krankenschwester nach 25 Berufsjahren

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.