Drei Stationen.

Drei Stationen, in denen so wenig Personal vorhanden ist, dass sich das Pflegepersonal aufreibt, damit keine Fehler passieren. Ich weiß, dass viele Mitarbeiter eine Stunde später gehen, damit Visiten ausgearbeitet werden, damit die Dokumentation stimmt, damit ein sterbender Mensch Zuwendung bekommt.
Der Preis ist zu hoch – auf einer Station ist die Krankheitsrate schon auf 12 % gestiegen.
12 % ist eine Zahl, in der Realität ist jeder Mitarbeiter 25 Tage krank. Und obwohl bekannt ist, dass der Krankenstand in der Pflege hoch ist gibt die Personalabteilung die Vorgaben der Krankenkassen ungefiltert weiter: Man rechnet mit ca. 4 %. Nur noch zwei Stationen arbeiten unter akzeptablen Rahmenbedingungen – weil es Personalvorschriften für die Stroke Units gibt.
Fünf unbearbeitete Beschwerden: einmal wegen einer kritischen Pflegesituation, zweimal wegen zu wenig Zuwendung, eine wegen fehlender Service und zuletzt wegen einer „unhöflich, weil gestressten“ Pflegekraft liegen auf meinem Schreibtisch. Den Beschwerden stehen genau so viele Überlastungsanzeigen gegenüber – Pflegekräfte die mir schreiben, dass Patienten wegen Arbeitsüberlastung gefährdet werden. Allein muss ich diese beantworten, alleine soll ich Abhilfe schaffen.
Drei Vorstellungsgespräche hatte ich am Freitag; ich könnte sofort 12 Personen einstellen. Eine Bewerberin ohne Deutschkenntnisse, eine Bewerberin die nur zu einem fairen Lohn kommen will und eine Person, die nur zwischen 8.00 Uhr und 12.00 Uhr arbeiten kann, weil der Kindergarten nicht anders öffnet.
Ein Gespräch mit meinen Geschäftsführer und meinen Kollegen steht für Montag an. Wir werden wieder erfahren, dass wir den Stellenplan überzogen haben und dass wir die Strukturen verbessern müssen. Aber selbst wenn wir Strukturen verändern wollten – wir bräuchten alle Chefärzte auf unserer Seite und diese haben individuelle Ziele. Aber selbst wenn wir Strukturen ändern könnten –wir sind nur noch zu Viert und waren mal zu Neunt (und hatten damals noch ein arbeitsfähiges Sekretariat); unsere arbeitsvertragliche Aufgabe Pflegequalität zu sichern und weiter zu entwickeln ist durch Krisenmanagement im Personal abgelöst worden.
Wenn ich über die Stationen gehe, wird mir vorgeworfen, dass ich keine Ahnung habe, was wirklich abläuft. Ich weiß es, ich trage die Verantwortung – doch wo sind die Chefärzte, wo die Geschäftsführer, wo die Krankenkassenmanager, wo die Politiker?
Diese Gedanken rasen durch meinen Kopf. Ich taste nach meinem Telefon und rufe eine Freundin aus Süddeutschland an – auch sie ist Pflegedienstleiterin in einem Krankenhaus. Und auch sie wird noch wach sein: der Wecker zeigt zwei Uhr Nachts.

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