Du bist der Letzte!*

Ich bin wer?
Ich bin der der das Licht ausmacht? – denn das wird schließlich vom Letzten erwartet.
Der Letzte macht das Licht aus!

Nein mitnichten, denn der Letzte ist nicht etwa da, wo gleich die Lichter ausgehen, sondern zuhause – vielleicht mit dem liegengebliebenen Wäscheberg der letzten zwei Wochen beschäftigt, oder bei einem wohlverdienten Feierabendkaffeechen auf dem Balkon – oder hat Besuch von einer alten lieben Freundin die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat.

Der Letzte ist am Telefon und wird von der verzweifelten Kollegin im Spätdienst angerufen 17 Uhr 30. „Der Nachtdienst ist ausgefallen – du bist der Letzte den ich anrufen kann!“

Das ist wirklich das Letzte, der Letzte zu sein, denn der Letzte hat die moralische Arschkarte. Der Letzte kann nicht NEIN sagen, denn dann ist er Schuld und mit dieser Schuld muss er leben – der Schuld dass die Kollegen und die Patienten und überhaupt – der Letzte macht nicht das Licht aus, der Letzte rettet das System.

Wenn der Letzte nicht kann und sich erdreistet NEIN zu sagen ist noch niemals der Nachtdienst unbesetzt geblieben, dann gibt es irgendeinen, der noch zu hinterletzt sich erpressen lässt mit der Moral und der Verantwortung ,obwohl er schon sagte, dass er nicht kann, nicht schon wieder einspringen kann, und erklärt hat, dass die Oma die Kinder nicht schon wieder… und der Ehemann schon darüber nachdenkt ob er noch eine Frau hat oder wer da ab und zu das Bett neben ihm zerwühlt.

Der Allerletzte macht also den ausgefallenen Nachtdienst. Der macht ihn auch dann, allen Arbeitnehmerschutzgesetzen zum Trotz, wenn er schon 7 Nachtdienste gemacht hat oder um 15:30 erst in komaähnlichem Zustand den Frühdienst beendete.

Falls der Allerletzte sich der moralischen Verpflichtung die Welt zu retten (und die Pflegemisere, die Patienten und die Kollegen und die PDL) entziehen will mittels banaler vorgeschobener Entschuldigungen er könne heute wirklich nicht, wird ihm womöglich von höherer Stelle mit Dienstverpflichtung gewunken und mit Konsequenzen wegen Arbeitsverweigerung und überhaupt man habe schon bemerkt, dass er eher selten bereit sei einzuspringen… und demnächst habe man ja ein Mitarbeitergespräch.
Das ist wirklich das Allerletzte.

Man bemerkt vor allem eines: Wer der Letzte oder im schlimmeren Falle der Allerletzte ist, der hat den Joker gezogen – er darf auf Kosten seiner Gesundheit, seines Wohlbefindens, seines Familienlebens und seiner sozialen Kontakte nur mal schnell die Welt retten. Er hat die hehre Möglichkeit zum Helden der Station zu werden, damit Patienten und Bewohner nicht leiden, damit die Kollegen nicht darunter leiden, dass der Held den Pflegenotstand verursacht hat… ach nein, das war er gar nicht, das war das böse Untier das in den Höhlen der DRGs und der Pflegestufen haust und in Aktiengesellschaften des Gesundheitswesens sein Unwesen treibt und mehr als 7 böse Köpfe hat, die nichts weiter zu tun haben als feuerspeiend Kosten einzusparen und das Pflegevolk zu knechten… da geht noch mehr! Tribute die man nicht einfordert, kann man nicht eintreiben. Soll es doch vor die Hunde gehen, das Pflegevolk – da ist mehr rauszuholen – solange wir noch allerletzte Helden haben.

Also der Letzte ist ein Held – und Helden enden tragisch zum Beispiel im Burn-out.
Das ist wirklich das Allerhinterletzte.

Tut mir leid Kollegin, ich bin jetzt der Letzte und ich mach das Licht aus.
Heute Abend um 10, das von meiner Nachttischlampe.**

*dieser Beitrag enthält neben zuviel Ironie und Sarkasmus auch Spuren von Realität.

** das kann der Letzte der Kollegin nicht antun? Doch das kann er und die Kollegin soll die PDL von ihrem Abendessen holen und die soll das regeln oder am besten gleich den Nachtdienst machen. Und wenn die schon woanders den Nachtdienst macht, dann soll sie den Geschäftsführer anrufen dann soll der das regeln. Ich bin der Letzte – ich bin kein Held, ich rette nicht die Welt – ich mach das Licht aus.

8 Gedanken zu „Du bist der Letzte!*

  1. Jeanskäfer

    …genial!!!!
    (aber es gibt IMMER den Letzten oder die Letzte und wenn es die Stationsleitung him-/herself ist…. :-(

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  2. Andy

    Ja, es gibt immer die oder den letzten. Und gerade weil es den oder die letzte gibt existiert dieses marode System weiter. Derzeit ist es doch nicht wirklich möglich das fehlende Personal in Zahlen zu nennen. Alles was wir haben ist die „gefühlte Überlastung“. Solange es Kolleginnen und Kollegen gibt die immer wieder einspringen (oft unter Druck) solange können wir nicht genau sagen wie viele Stellen in der Pflege fehlen. Wer kann mir sagen wie viele Stellen im deutschen Gesundheitssystem durch Einspringen kompensiert werden?
    Vermutlich keiner.
    Und genau aus diesem Grund ist alles was uns in diesem System belastet „nur gefühlt“!!

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  3. l.t.m.

    Es gibt Stellenberechnungssschlüssel mit denen man ausrechnen kann wie man die Dienste im Schnitt rund ums Jahr besetzen kann mit den vorhandenen Mitarbeitern. Da ist dann auch der durchschnittliche Krankheitsausfall, Urlaub und Fortbildung, sowie Feiertagsausgleich und ähnliches eingerechnet.
    Das kann man ja mal für die eigene Station tun von der man auch eine Idee hat wie es wohl eigentlich geplant war sie personell zu besetzen – so mancher wird sich die Augen reiben, dass dies mit der vorhandenen Anzahl an Mitarbeitern vielleicht sogar noch nicht mal geht wenn nie einer krank würde… und plötzlich erklärt sich woher die Überstunden kommen MÜSSEN. Selbst rechnen und die fehlenden Stellen bleiben unterm Strich übrig. Benötigte Rechenarten: Plus minus geteilt und mal. Grundschulniveau und ein bißchen googlen.

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  4. a.nurse

    Toller Beitrag und spiegelt die Angst vor dem Wörtchen ,, Nein “ wider….

    Das schlechte Gewissen mit dem man schon in der Ausbildung konfrontiert wird, wird immer siegen… und einer wird verlieren! Ich, Du, Wir!

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  5. snoopylife

    Im Gegenteil kenne ich ne Menge Kolleginnen, für die das Einspringen (bei allem Gestöhne) eine Ehre zu sein scheint. Wenn ich dann immer sage, na dann mach es doch nicht, kommt das Totschlagargument, die anderen würden dann im Stich gelassen und die Arbeit sei nicht zu schaffen. Niemand, wirklich niemand denkt mal über so was wie Springerpool oder Aushilfen für den Fall der Fälle nach. Darüber also, dass mit dieser Methode des Einspringens kräftig gespart wird, wieder mal auf unsere Kosten. Traurig, dumm, gefährlich.

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  6. "Mutiger"

    Wenn ich solche Gejammer der Lemminge höre, geht`s mir schlecht. Deswegen habe ich die traurige Geschichte nicht zu Ende gelesen. Erstens In der Spätschicht würde ich nur meinen Vorgesetzten anrufen FALLS ER EINE RUFBEREITACHAFT HAT, SONST KEINEN (ANRUFEN DAS IST EINE SCHWEINEREI). Sonst seinen Vorgesetzten. Falls er nur den AB angeschaltet hat, würde ich ihm eine Nachricht hinterlassen. Nach 11 Stunden (Berücksichtigung des Tarifvertrages und §§ 3 und 7 des Arbeitszeitgesetzes) würde ich den Notarzt anrufen und ihm sagen, dass ich schon seh lange nicht geschlafen habe und handlungsunfähig bin. Dazu würde ich ihm noch berichten, dass ich …… . Der Arzt nimmt mich als Notfallpatienten mit. Am nächsten Tag wird mein Vorgesetzter schon allen Mitarbeitern sagen, was in solchen Fällen zu tun ist.

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    1. l.t.m.

      Hättest du fertig gelesen hättest du mitbekommen, dass die Geschichte gar nicht so traurig zuende geht, wie du geglaubt hast.

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