Ein Gedankenspiel.

Irgendwann im Jahr 2015. Die Pflegekräfte in Deutschland haben es geschafft, sich innerhalb eines Jahres komplett zu organisieren.

Alle Pflegekräfte sind in einer Pflegekammer geeint, zahlen dafür einen kleinen Obolus, müssen (wie bei RbP) Fortbildungen nachweisen um in der Kammer zu bleiben, aber das ist vordringlich nicht das Thema.

In diesem Kraftakt, der die Kammer fast aus dem Nichts erschuf war die vordringliche Aufgabe, der Gesellschaft zu zeigen, was passiert, wenn die Pflege nicht mehr pflegt.

Eine Woche ohne Pflege: im Krankenhaus, in Altenheim, in der ambulanten Pflege, in WGs…

Angedacht war ein Tag, doch ein Tag allein reicht nicht aus, das Schreckgespenst ist viel zu schnell wieder aus den Köpfen verschwunden, auch wenn dieser eine Tag schon einen enormen Schaden anrichten würde.

2 Wochen wollten sich selbst die wütendsten Kollegen nicht ausmalen und so wurde eine Woche vereinbart, welche eine Woche vor Beginn des Streiks angesagt wurde, so dass man zumindest noch genug Material etc. bestellen konnte.

So beschloss man 1 Woche Arbeitsniederlegung, die man als Urlaub/ Überstunden abrechnen wird, denn wir verdienen nicht genug, auf 1 Woche Gehalt zu verzichten und die Kammer hat noch nicht genug Rücklagen geschaffen… In den folgenden Verhandlungen wird dieses auch ein Thema sein, er wird zurückgefordert werden.

Wie sieht es nun aus, in unserer Gesundheitslandschaft, immerhin eine der größten Arbeitgeberindustrien in Deutschland? Die Pflege bleibt eine Woche zu Hause!

Ein enormer wirtschaftlicher Schaden entsteht, als Argument für die Verhandlungen ein wichtiger Punkt: nicht nur die Pflege ist im Urlaub: unzählige Angehörige von zu Pflegenden haben Urlaub genommen um das Nötigste auszugleichen. Die Ärzte bleiben länger, machen Doppelschichten um speziell auch auf den Intensivstationen halbwegs eine Versorgung aufrecht zu erhalten.

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr wurde rekrutiert um die großen Kliniken am Laufen zu erhalten, trotzdem: es fehlt an allen Ecken und Enden. Das THW hilft zusätzlich aus, Ehrenamtliche werden eingestellt nach kurzer Prüfung der Einsatzmöglichkeiten.

Essen wird zwar weiterhin auf die Stationen geliefert, aber die Angehörigen müssen es selbst austeilen und anreichen, es gibt keine Vielfalt im Essen, es wird ja nicht mehr neu bestellt. Man befürchtet einen enormen Anstieg von Druckgeschwüren und Infektionsverschleppung, Ärzte haben nach den ersten 2 Tagen Schnellschulungen für Angehörige angeboten, damit diese in der Lage sind, kritische Situationen zu erfassen was dazu führt, dass sie noch mehr zu tun haben, denn den verängstigten Angehörigen kann man kaum zumuten zu unterscheiden, ob der Husten von einer Verkrampfung der Bronchien kommt oder von einer Erkältung oder womöglich eine Pneumonie beginnt, IKM Wechsel, waschen, Lagern , heraussetzen, Essen anreichen, auch mal für Sorgen und Nöte da sein: die Angehörigen sind am Ende ihrer Kräfte, Patienten ohne Besucher müssen auf stramm organisierte Freiwilligenhelfer warten.

Vereinzelt kommen PDLs auf die Stationen, gucken, ob Notfälle zu versorgen sind, schließlich sind sie alle ausgebildete Krankenschwestern, aber auch von ihnen haben viele verstanden, dass es so nicht weitergehen kann, auch sie streiken in der Überzahl.

Kündigungsandrohungen wurden diskutiert, aber schnell wieder verworfen, Fachkräfte in der Pflege werden gebraucht ob man das möchte oder nicht.

In den OPs werden nur noch absolute Notfälle versorgt, elektive Eingriffe ohne Terminangabe verschoben und selbst diese Notoperationen sind ohne OTA oder ausgebildete Pflegekraft nur schwierig zu bewältigen.

Auf den Intensivstationen bieten sich groteske Bilder. Der Streik war eine Woche vorher angesagt worden, man hatte noch versucht, so viele Patienten wie möglich von der Beatmung zu entwöhnen, sie zu stabilisieren, aber nun steht man da.
Viele Ärzte wissen nicht, wo die Materialien gelagert sind, die sie z.B. für einen ZVK benötigen, wie man die Infusionspumpen und Perfusoren bestückt, Dialyse aufrüsten, Beatmungsgerät… Zu mehrt stehen sie zusammen und gucken sich die Geräte und Bedienungsanleitungen an um dann doch fast zu verzweifeln. Die Geräte funktionieren, aber Unsicherheit bleibt und der Gedanke, dass etwas schiefgehen kann.

Am Ende der Woche sind alle Beteiligten auch am Ende ihrer Kräfte und am Montag wird der ganz normale Arbeitsalltag wieder aufgenommen.

Die Kolleginnen und Kollegen werden in den kommenden Wochen viel aufarbeiten müssen, doch es war es ihnen wert: eine Mindestbesetzung für Stationen wurde erkämpft, auch eine Mindestbesetzung am akademisierten Pflegekräften, das Gehalt wurde noch etwas erhöht, aber das war nicht der wichtigste Punkt : endlich haben viele erlebt, was es heißt, eine Pflegekraft zu sein, egal wo auch immer, endlich dürfte auch dem letzten klar geworden sein, dass man Arbeitslose nicht massenhaft zu Pflegekräften ausbilden kann und sollte (gerade auch, wenn diese das gar nicht möchten), Pflegende und Pflegender zu sein ist ein so umfassender Beruf, da sollte man in der Nacht nicht 35 Patienten allein versorgen müssen, Kurvenblätter schreiben und Medikamente stellen…

Dies ist nur ein Gedankenspiel, an vielen Punkten sicher nicht allzu realistisch, denkt selbst mal darüber nach, was passiert, vielleicht eben doch nur einen Tag nicht zu arbeiten, nicht mal zur Arbeit zu erscheinen: was würde auf Eurer Station geschehen, in Eurem Wohnbereich, bei Euren Klienten daheim.

Radikale Forderungen erfordern radikale Maßnahmen heißt es. Unsere Forderungen sind nicht radikal, sondern im Zweifelsfall gesundheitsfördernd für Personal und Patient, sie würden mehr Zufriedenheit generieren, die wiederum von den Patienten auch wahrgenommen wird, welche dann die Klinik weiterempfehlen…
Es lohnt sich in uns zu investieren!

Ein Gedanke zu „Ein Gedankenspiel.

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