Ein offener Brief an das System (12/03/2012)

Die
nachfolgenden Worte richten sich an mich persönlich,
sie sollen mich bei Gelegenheit erinnern.
Vermutlich wird kaum einer den beschriebenen Umstand
nachvollziehen können und ich bin mir sicher,
dass mancher dies auch gar nicht kann
und sich demzufolge auch nicht damit auseinandersetzen möchte.

Wenn man in jungen Jahren einen Beruf erlernt hat das meist einen
oder vielleicht sogar mehrere Hintergedanken,
vermutlich keine wirklich weit in die Zukunft gedachten,
aber immerhin hat man den ein oder anderen Anhaltspunkt
an dem man sich orientiert.
Interessen, vielleicht Talente
oder einfach Bedürfnisse, die man versucht zu verwirklichen.
Nachdem man mir damals, im zarten Alter von knapp 17 Jahren,
im örtlichen Arbeitsamt, in einem kleinen stickigen Büro 2. OG,
unter 4 Augen ans Herz legte,
ich solle den Gedanken einer Maler- und Lackiererkarriere
brustbedingt geschlechtsbedingt zügig verwerfen,
war relativ schnell klar, dass ich dann Krankenschwester werde.
Man frage jetzt bitte nicht nach einem Zusammenhang dieser 2 komplett unterschiedlichen Interessenzweige, ich könnte es selbst nicht erklären.
Ich weiß nicht mal mehr genau welche Intention mich dazu verleitet hat,
vermutlich ist der Gedanke des allseits,
immer wieder erwähnten Helfen wollens ebenso unabwägig,
wie einfach das Interesse am medizinischen Fachbereich.
Seither sind knapp 12 Jahre vergangen.

Die Vorstellung des Berufsbilds Krankenpflege
ist in unserer Gesellschaft leider
-und noch immer- mehr als statisch verankert.
In erster Linie trinken wir scheinbar Kaffee,
gleich danach legen wir unsere Hände auf Menschen
und erlösen sie wie durch Zauberhand von allem Schmerz und Leid,
wir sind ein -stets freundliches- auf 2 Beinen stehendes Lexikon,
das nebenher auch noch Teller schwingt und Hände beim Sterben halten kann.
Stets im kurzen Rock und alles zu gleicher Zeit, selbstverständlich.
Und jeder der einen sogennanten sozialen Beruf ausübt
hat den Satz: ‘Ich bewundere dich, ich könnte das nicht!’
schon mehr als im Überdruss zu hören bekommen.
Zu recht wie ich finde, denn wirklich nicht jeder ist dafür gemacht.
Wie auch?
Aber was würde passieren wenn plötzlich jeder behauptet er könne das nicht?!
Es mag verwundern,
wenn ich trotz der momentanen Lage noch immer fest behaupte,
ich mag meine Arbeit. Sehr sogar.
Auch wenn es kaum nachvollziehbar klingt,
aber kein Geld dieser Welt kann dir einen Dank oder ein Lächeln ersetzen.
Ich wage sogar die These, dass 95% meiner Kollegen es auch gerne tun,
denn keiner bleibt über Jahre in diesem Beruf, wenn er schon weit früher feststellt,
dieses oben genannte Bild entspricht gar nicht der tatsächlichen Wahrheit.
Denn die Wahrheit sieht anders aus.
Man erwarte jetzt nicht,
dass ich nachfolgenden anfange ekelige Körperflüssigkeiten aufzuzählen
oder mich über schrecklich belastende Unfallgeschichten auslasse,
das ist nicht das Problem.
Die Ursache liegt nicht im direkten Zusammenhang mit dem,
was ich tatsächlich täglich ausübe,
sondern an dem, was das System um uns herum macht.
Den Druck den es ausübt.
Menschen investieren zunehmend mehr in ihre Gesundheit,
zahlen höherer Beiträge an die Krankenkassen,
schliessen im Zusatz Privatversicherungen ab
und wollen dementsprechend behandelt werden. Zu Recht.
Im Gegensatz dazu streicht man gleichzeitig ersatzlos Stellen,
und verlangt ein gleichbleibendes Qualitätsniveau
trotz konsequent steigendem Arbeitsaufkommen.
Wie ein Zahnrad das unaufhörlich ineinander greift.
Dazwischen wir.
Wir sind der Puffer zwischen dem Druck von oben
und den Erwartungen von unten.

Das festgesetzte Bild der Menschheit
auf die Rollen Schwester/Arzt ist längst überholt.
Zumindest dann, wenn man realistisch ans Alltagsgeschehen denkt,
fernab des Chefarztniveaus.
Ein Arzt überwacht auf einer Intensivstation zwischen 10-16 Menschen
-und keiner dieser Patienten wäre dort,
wenn er nicht ernsthaft krank wäre oder sogar um sein Leben ringt-
es wäre unmöglich wenn er alles selber macht,
also delegiert den überwiegend meisten Teil weiter,
an die Personen die direkt am Bett stehen, also uns.
Wir wiederum überwachen Vitalfunktionen, geben Medikamente,
können Risiken sowie Körperreaktionen einschätzen
und bilden das Bindeglied zwischen Arzt, Patient, den Angehörigen
und dem interdisziplinärem Team.
Die Zusammenarbeit ist gut vergleichbar
mit einem Team um ein Flugzeug.
Kein Pilot könnte und würde fliegen,
wenn er nicht all die anderen Menschen um sich hätte.
Seit mehr als 20 Minuten überlege ich,
wie ich diesen Absatz fortführe,
denn es ist ein mehr als heikles Thema
und kaum tippe ich 2 Worte muss ich sie wieder löschen,
weil mich das schlechte Gewissen überkommt,
man dürfte nicht offen über diese Problematik sprechen.

Ältere Kollegen sagen,
man müsse nunmal Abstand gewinnen
und seinen eigenen Idealismus runterschrauben.
Muss man scheinbar auch, wenn man überleben will.
Wenn allerdings dieser ausgedünnte Idealismus bedeutet,
dass Menschen die auf meine Hilfe angewiesen sind,
deshalb 3 Stunden in ihren eigenen Exkrementen liegen müssen,
dann verzichte ich gerne.
Wenn man das die zukünftig Professionalität nennt,
dann möchte ich nicht professionell sein.
Und das ist nur der greifbare Gipfel.
Ich möchte keine einzige Nacht mehr alleine
auf einer Station mit 25 Patienten verbringen
und mit jeder Sekunde Angst haben,
dass ich die Situation verkenne oder nicht handeln kann.
Ich möchte keine 12 Tage mehr am Stück arbeiten,
nicht meine eigenen Bedürfnisse zurückstellen,
für den Lohn dieser schlechten Rahmenbedingungen,
eigene Sozialkontakte schleifen lassen müssen, weil man keine Zeit hat.
Ich möchte keine unendlichen Schleifen mehr an Nachtschichten,
die meinen Biorhythmus zerstören
und mich gleichzeitig von der Aussenwelt isolieren.
Ich möchte Nachts keinen diensthabenden Arzt aus dem Bett klingeln,
der einen Patienten mit Sturz auf den Kopf eine Lapalie nennt
und mir für sein Wecken mit persönliche Konsequenzen droht.
Ich möchte mich nicht unter Druck gesetzt fühlen,
ein Kind in die Welt zu setzen nur um flüchten zu können.
Ich möchte nicht inmitten einer Nachtschicht
und am Punkt der geringsten Konzentrationsfähigkeit,
alle Tabletten sämtlicher anwesenden Patienten
für den folgenden Tagdienst vorbereiten,
immerzu in der Hoffnung,
dass am Ende des nächsten Tags noch alle am Leben sind
und ich niemanden aufgrund einer falschen Dosierung vergiftet hab.
Ich möchte nicht mehr angespuckt, getreten oder gebissen werden
und schon gar nicht möchte ich Menschen aufgrund dessen ihrer Freiheit berauben und sie ans Bett fesseln müssen.
Ich möchte nicht die Schwester sein,
die nicht mal mehr die Zeit für ein 5minütiges Gespräch hat,
um sich sorgende Angehörige zu beruhigen.
Ich möchte nicht mehr die Person sein,
die man darauf reduziert Menschen zu füttern und zu waschen,
obgleich ich nebenbei Beatmungsgeräte steuere
und lebenserhaltende Medikamente spritze.
Ich möchte ohne Bedenken und ohne Herzrasen auf die Toilette gehen können,
ohne dem Gedanken es könnte just in den 2 Minuten ein Notfallalarm eintreten.
Ich möchte schlafen können,
ohne dass ich Tabletten nehmen oder Alkohol trinken muss um zu vergessen.
Ich möchte keine letzten Stundes eines gleichaltrigen Körpers betreuen,
dem der Tod sicher ist,
weil bereits die Gehirnmasse aus dem gesprungenen Schädel quillt.
Ich möchte nicht mehr sehen, dass Menschen sich in ihren Tod quälen,
nur weil irgendjemand Angst hat,
er könnte -unsinniger Weise- an einer Überdosierung Schmerzmittel sterben.
Ich möchte generell keinen Menschen mehr beobachten müssen,
wenn er mit einem offenen Bauch oder Kopf im Bett liegt
und sich vor Schmerzen krümmt,
nebst im Gleichschritt mit dem Gedanken,
es könnte sich anbei auch um eines deiner Familienmitglieder
oder eine Person handeln, die du liebst.
Ich möchte nicht mehr neben Ärzten stehen,
die 2/3 weniger Berufserfahrung haben als ich
und mich in Gefahrensituationen
aus ihrer unwissenden Not heraus anschreien ich solle was tun!
Ich möchte nicht eines Tages mit der Schuld leben müssen,
dass ein Mensch -im besseren Fall- stirbt
und -im schlimmsten Fall- sein restliches Leben lang behindert bleibt,
ganz unabhängig davon,
wie oft mir jemand der in Gesetzesangelegenheiten vertraut ist versichert,
dass sich in erster Linie immer der Arzt zu verantworten hat.

Egal wie man es dreht und wendet, man wird keine Lösung finden.
Recht hin oder her.
Man ist immer anwesend,
der Kopf muss stets richtig denken,
man muss stets für alles Empathie aufbringen,
egal ob um 22.00 Uhr, um 03:00 Uhr oder um 11:00 Uhr,
es ist unrelevant wie lange du dir schon den Toilettengang verkneifst,
es dir gerade nicht gut geht, weil dich dein Freund verlassen hat,
du eine Erkältung ausbrütest oder
du an diesem Tag überhaupt schon etwas gegessen hast.
Ich zitiere einen -gern wiederholten Satz- eines ehemaligen Chefs:
‘Es ist vollkommen unrelevant wie es Ihnen geht.’

Vielleicht wäre das Ganze ertragbarer,
wenn man monatlich mit einen Lohn nach Hause ginge der entlohnen würde.
Vermutlich aber nicht,
denn ein Menschenleben lässt sich -dem Himmel sei Dank, noch-
nicht mit Geld aufwerten.
Und nur für einen groben Anhaltspunkt:
eine Bekannte meinerseits arbeitet in einem Büro,
38,5 Stunden Woche, kein Wochenend-, kein Feiertag-, kein Schichtdienst
und sie verdient exakt das Gleiche wie ich.
Ich wiederum habe nach meiner regulären Lehrzeit
nochmals weitere 2 1/2 Jahre in eine Fachweiterbildung investiert,
habe nebenberuflich Prüfungen geschrieben sowie eine Facharbeit abgelegt, wurde praktisch geprüft
und insgesamt mit einer der besten Noten des Jahrgangs abgeschlossen.
Tatsache ist:
ich verdiene dadurch weder mehr Geld,
noch wird dieses Ausbildung vom Staat anerkannt.
Und für einen Laien bleibt Pflege nunmal Pflege,
egal ob du 3, 6 oder 9 Jahre an deinem Fachwissen feilst oder nicht.
Auch vollkommen unrelevant, denn du wäschst oder fütterst deshalb nicht besser.

Es wäre falsch zu denken,
dass ich hiermit eine Lanze für mich und mein Versagen
ein persönliches Problem brechen möchte,
dass ich anbei nur all das Negative aufzähle,
um mir selbst eine Rechtfertigung zu basteln.
Einer Statistik nach,
in der rein rechnerisch bereits 2020
jeder 2te Schulabgänger einen Pflegeberuf lernen müsste,
um den vorhandenen Bedarf zu decken, sagt mehr als alles andere.

Diese Zeilen sind sehr privat und aber auch mehr als wichtig,
nicht um der Tatsache meine Vorgesetzten, meinen Arbeitgeber
oder Kollegen an den Pranger zu stellen,
sondern alleine das System in dem jeder einzelne von uns
-im wahrsten Sinne des Wortes- schwimmt.

Warum ich ausgerechnet am heutigen Tage dem Bedürfnis nachgehe
und offen über das rede,
obwohl ich hier immer verschwiegen habe was ich beruflich mache?
Weil ich am Nachmittag eine 2te Absage für eine pflegefremde PC-Arbeitstelle erhielt, für die ich scheinbar
-trotz nicht geforderter Schul- oder Berufsabschlüsse-
nicht qualifiziert genug bin,
dafür jedoch einen Einladung zu einem Vorstellungstermin in einer anderen Klinik.
Weil ich in der letzten Nacht endlich mehr als 3 Stunden am Stück schlief,
dafür aber von einem platzenden Menschen träumte,
einen Chef habe, der mir gegenüber sehr loyal agierte,
als er mir die Möglichkeit eines offenen Gesprächs bot
und weil mir Personen aus meinem direkten Arbeitsumfeld
überraschend, direkt und offen zusprechen,
dass ich mit diesem Problem nicht alleine bin.

Ein Gedanke zu „Ein offener Brief an das System (12/03/2012)

  1. Irgendeine

    Hallo
    Ich finde deinen Text super. Ich bin noch in der Ausbildung, aber auch jetzt schon kann ich dir in so vielen Dingen zustimmen.
    Mein Freund arbeitet in einem Chemiewerk, Gleitzeit, 38,5h Woche, jedes WE frei, Urlaub auch kurzfristig möglich. Berufsanfänger.
    Ich werde weniger verdienen wenn ich 2015 anfange zu arbeiten. Dafür dass ich manchmal >14 Tage am Stück arbeite, Überstunden mache, Urlaub weit im Voraus geplant werden muss.
    Die Hälfte der Arbeitskräfte auf Station besteht aus irgendwelchem nicht ausgebildeten Hilfspersonal, ja die machen auch alleine Nachtdienst.

    Manchmal frage ich mich warum man sich das alles gefallen lässt? Wie es sein kann, dass dieses System immer noch funktioniert, trotz all diesen unmöglichen Tatsachen?

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