Fängst du vorne an kommt es hinten wieder raus.

Dienstplansituationen heutzutage sind doch so:
es fallen 1-3 Personen aus und schon herrscht Chaos.
Was passiert?
Das ganze Szenario wird selbst kompensiert, meist durch Überstunden oder einspringen.
Das Team freut sich weil man selbst die Scheisssituation gewuppt hat,
klopft sich gegenseitig -wenn auch ausgelaugt-
bewundernd auf die Schulter und die Obrigkeit denkt:
Cool, geht also auch mit 2 Personen am Tag weniger.
Also planen wir doch absehbar noch 4 weitere Stellen zu streichen.
In Zukunft sitzt man dann am Ende dann alleine in der Nachtschicht auf einer IMC-Station -der Arzt in Bereitschaft, also schlafend im Bereitschaftszimmer- im schlimmsten Fall hat man eine oder 2 Beatmungen und 6 andere Patienten vermutlich mit Zustand nach grossen Eingriffen, multimorbide internistisch vorbelastet, wegen einem Keim isoliert oder alles zusammen. Offizielle Pause gibts schon lange keine mehr, ist auch rechtlich gar nicht machbar selbst wenn du zu 2t bist, aber wie geht man denn wenn man alleine Nachts in solch einem o. g. Fall aufs Klo am komplett anderen Ende der Einheit samt der Unmöglichkeit auch nur einen Monitoralarm zu hören. Ganz zu schweigen von Diensten bei denen man sich selbst mit viel mehr Kollegen das aufs Klo gehen verdrücken muss, was ja aber eh gleichgültig ist wenn man gar keine Zeit zum Trinken hat. Kommt oben nichts rein kommt unten nichts raus,
ganz einfache Regel des Lebens.
Menschen/Patienten sind keine Robotor, nicht einschätzbar und nur weil eine Nacht mit vielen Patienten entspannt sein kann ist es nicht Usus dass es in einer Nacht mit viel weniger Belegung genau so ist. Meist im Gegenteil.
Mittlerweile glaube ich diese Legende von wir finden kein Personal bzw haben keine Bewerbungen eine hohle Phrase ist, angeblicher Fachkräftemangel relativiert sich ganz schnell wenn man sich mal ausrechnet wie viele der Kollegen überhaupt noch in einer 100% Stelle arbeiten können/wollen/schaffen. Wir haben keinen Fachkräftemangel, sondern nur zunehmend Kollegen die so nicht mehr arbeiten wollen und reduzieren oder komplett andere Berufsfelder abwandern. Verständlich.

Und dann komme ich zum Rattenschwanz der Unverständnis:
Warum zum Beispiel gehen Kollegen nach dem halben Frühdienst wieder nach Hause und kommen Abends zum Nachtdienst erneut? Oder noch extremer man wird nach dem Frühdienst gegen Spätnachmittag angerufen und soll zum Nachtdienst erscheinen? Auf die Frage ob es dafür wenigstens die (viel zu selten vorhandene) Einspringsonderzahlung gäbe, bekommt man gesagt, man hätte an diesem Tag ja bereits gearbeitet und würde nicht aus dem Frei kommen und somit sei das hinfällig. Oder bei Patienten die einen beschimpfen und sich dann beschweren noch ernsthaft mit einem Blumenstrauss entschuldigen?
Wie wenig Rückgrat und Selbstüberzeugung kann man eigentlich haben?

Ganz oft in letzter Zeit merke ich wie unantastbar abgestumpft man gemacht wird, etwa im Sinne zu gleichem Anteil wie die Hornhaut an den Füssen die man sich im Laufe der Zeit auf Station angerannt hat.
Ausreichende Pflege würde reichen sagt man oft von oberer Stelle. Vielleicht sind eigene Einstellungswerte auch zu hoch, einen Patienten moralisch, physisch und mir selbst gerecht werdend zu versorgen (also so wie es sich jeder wünscht wenn ein Angehöriger im Krankenhaus versorgt wird) aber ich will eine Firma in der freien Marktwirtschaft erleben welches dich mit offenen Armen empfängt wenn du beim Bewerbungsgespräch erwähnst deine Arbeitsmoral sei ausreichend. Ausreichend, also knapp vor einem mangelhaft.
Ist das wirklich absehbar die Zukunft der Pflege?
Wenn ja, wer übernimmt die Lücke der Haftungspflicht die entsteht, weil immer mehr verlangt wird? Dein Chef sicherlich nicht. Dokumentation, Verfahrensanweisungen, Standards etc, es sind ja nicht nur die 30 Patienten auf Station (oder schlimmer noch teils mehr als 60 Patienten im Pflegeheim) die mit ausreichender -weil gestrichener- Personalbemessung betreut werden sollen sondern es geht zunehmend auch um die eigene Haftung.
Keine Geschäftsführung würde schwarz auf weiss angeben was ausreichende Pflege bedeuten soll. Was also wenn ein Patient ein Dekubitalgeschwür entwickelt und seine Angehörigen klagen? Ausreichend (satt, sauber, trocken) gepflegt wurde ja, aber wer steht denn in jenem Fall hinter einem?
Pflege wird immer dann überall erwähnt wenn es um Negativbeispiele geht, nie aber wird das erwähnt was wir tagtäglich positives leisten.
Jeder hat immer mehr Anspruch, Patienten werden aufgrund eingezahlter Leistungen anspruchsvoller, Angehörige verständlich immer skeptischer.
Die Pflege ist Schuld an der Hygienelücke weil sie sich nicht ordentlich die Hände desinfizieren (auch unmöglich wenn man sich die Zeit ausrechnet die dazu benötigt wird wenn man alleine mehr als 20 Patienten betreut) aber absehens dessen sollte man sich mal fragen wie effizient 10 Reinigungskräfte für ein komplettes(!) Krankenhaus sind.
Oder warum haben die Niederlanden eine MRSA-Rate von 1% und bei uns springt sie von Tag zu Tag in die Höhe?
Nicht weil die Pflege sich damit sich nicht auskennt, sondern weil der Aufwand einer Isolation einem nicht mehr ermöglicht wird, anders ist nicht erklärbar warum Standards zunehmend (auch auf unsere eigene Gesundheit) auf ein Minimum reduziert wird.
Und dieser Satz einen resistenten Keim könne man sich auch in der U-Bahn einfangen, stösst mir so dermassen auf, denn sich aktiv mit etwas aussetzen zu müssen ist immer noch ein anderes Blatt Papier als hätte hätte Fahradkettenzufall. Oder würde man z. B. ohne Handschuhe einen Hepatitispatienten operieren weil schliesslich könnte man sich das privat auch ungeschützt beim Geschlechtverkehr einfangen?!

Früher hatte man Arbeitgeber die waren loyal und bekamen selbiges zurück.
Zumeist konnte man sich mit seinem Arbeitgerben in einer Art identifizieren, zumindest ist dies ein Idealzustand den ich lange Jahre erleben durfte. Heute kennt man kaum noch einen Kollegen, egal aus welchem Fachbereich, der sich im Minimalsten verbunden fühlt.
Heute wird einfach alles eingespart sei es Material, Hilfskräfte oder Essen, in gleichem Zuge alles verboten und mit Strafandrohung belegt.
Dass alte Zeiten vorbei sind da ist man sich einig, allerdings nur bei den Positiven, denn die schlechten alten Zeiten (Teildienste o.ä) sind wieder auf dem Vormarsch. Fehlt eigentlich auch nur noch dass man wieder anfängt die Steckbecken zu putzen weil die Reparatur einer defekten Fäkalspüle zu teuer wäre.

Wir sollten alle viel mehr auf uns selbst hören. Nein sagen. Und uns nicht alles gefallen lassen nur weil wir durch unsere soziale Ader scheinbar zu leicht emotional erpressbar sind.
Mittlerweile macht es mich nicht mal mehr ungläubig sondern lässt mich einfach kopfschüttelnd zurück. Und ja zumeist wegen der Kollegen die es immer gut meinen und damit niemandem einen Gefallen tun.
Hinter vorgehaltener Hand jammern, den Mund nicht aufmachen wenn es nötig wäre und sich selbst der eigenen Überforderung wegen gegeneinander ausspielen.

Krankenhäuser zu privatisieren und wirtschaftlich fungieren zu lassen war der grösste Fehler der je gemacht wurde. Die sich abwärts drehende Spirale ist so unaufhaltbar und ich wüsste nicht wie sich das so schnell ändern sollte ohne das noch zu viele (gute) Kollegen freiwillig kündigen.
Aber vielleicht ist es auch nicht relevant, denn wenn man so vergleicht wie man vor einiger Zeit darüber dachte -Verzweifeln, Dinge verändern wollen, Motivation geben, Lösungsansätze vermitteln- so sollte man heute nur noch darüber nachdenken sich selbst zu retten und welche beruflichen Alternativmöglichkeiten es für sich und die Zukunft gibt.

4 Gedanken zu „Fängst du vorne an kommt es hinten wieder raus.

  1. Einer_von_zu_wenigen_die_versuchen_konsequent_zu_leben

    unterschreib ich . hab vor einem Jahr genau aus diesem Grund gekündigt und bin froh drum.
    Ich bin Berufsanfänger und hab 3 Jahre Krankenpflege gelernt und nicht Märtyrertum.
    Ein halbes Jahr hab ich mir das angeschaut und hab dann, meiner eigenen Gesundheit den Vortritt gebend, freiwillig noch während der Probezeit gekündigt.

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  2. pflegepuls

    Flucht, Verweigerung oder Selbstschutz. Man kann dem Kind viele Namen geben. Fakt ist: Pflegekräfte verabschieden sich seit Jahren wegen der Rahmenbedingungen ganz oder teilweise aus der Pflege. Möglichkeiten nutzen sie dabei meherere. Reduktion des Stellenvolumens. Also Arbeit in Teilzeit. Mit allen für sie nachteiligen Konsequenzen. Ja, klar. Die üblichen Werturteile kennen wir. Aber: Nein! Pflegekräfte sind kein arbeitsscheues Gesindel. Irgendwo ist für viele Menschen eben einfach Schluss.

    Nicht wenige wechseln geleich ganz den Beruf und finden in einer anderen Branche eine neue Heimat. Aber wer „Pflege“ schafft, der schafft auch alles andere. Vielleicht finden sich jedoch auch innerhalb der Pflege Wege Veränderungen voranzutreiben. Einen Gedanken dazu:

    Freiwillige Selbstverpflichtung als Alternative zu Streik + Demo
    Auch ganz ohne Streik könnte die “Pflege” im Zeitalter der Kommunikation erheblichen politischen Druck aufbauen.
    Beispiel öffentlichkeitswirksame freiwillige Selbstverpflichtung:
    Oft flüchten Pflegekräfte früher oder später aus den unbefriedigenden Rahmenbedingungen. Mal ist das Ziel ein anderes Land, mal ein anderer Beruf. Die latente Fluchtbereitschaft vieler ließe sich vielleicht auch koordinieren und politisch verwerten.
    Unterzeichner/Innen verpflichten sich ihren bestehenden Arbeitsvertrag regelrecht zu einem bestimmten Termin (Bsp. 31.12.2015) zu kündigen. Begleitet von Website mit Zähler etc., Onlinepetition und weiteren Aktivitäten. Sollten die persönliche Arbeitssituation bis dahin gravierende (das weiß dann wohl jede/r selbst am besten) Verbesserungen erfahren haben kann formlos bzw. konkludent (man kündigt halt nicht) von der Selbstverpflichtung zurückgetreten werden.
    Einige erhoffte Wirkungen:
    Pflegekräfte reflektieren und können persönlich geschützt jedoch öffentlich wirksam Position beziehen. Die Gefahr von koordinierten zehntausendfachen Kündigungen (wer weiß, vielleicht kann so etwas ja sogar sechstellig werden) könnte in Politik und Wirtschaft durchaus Wirkung zeigen. Ein weiter in der Zukunft liegender Zeitpunkt gibt Raum zur Gewinnung von Mitzeichner/innen und der Entfaltung von politischer Wirkung.
    Wie es ist:
    Ständig kündigt irgenwo eine Pflegekraft und eine andere übernimmt die freie Stelle nachdem sie selbst einen anderen Arbeitsplatz verlassen hat.
    Wie es sein könnte:
    Alle kündigen gleichzeitig.
    Arbeitslosigkeit ist wohl für keine Pflegefachkraft eine ernstliche Sorge.
    Arbeitgebern und Politik bliebe Zeit zu reagieren und die Versorgung Pflegebedürftiger zu sichern. Besonders die Politik braucht leider auch viel Zeit. Das Thema “Pflegenotstand” gärt nun bereits seit 30 Jahren von einer Belastungsspitze zur nächsten. All zuviel Bewegung ließ sich noch nicht erkennen. Vielleicht sollten wir auch hier einmal Kontraktur- oder Dekubitusrisiko erheben.

    Liebe Grüße
    Euer @pflegepuls

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    1. Anja

      Bevor ich als Altenpflegerin noch Jahre so weiter mache bringe ich mich eher um. Wer auf Dauer in der Pflege arbeitet verliert eh mit der Zeit sein eigene Leben. Jeder der in dieser Branche arbeitet weiß was ich meine.Ich bin nicht auf dieser Erde um zu Leiden und das Leid der anderen mit zutragen. Weder das meiner Kollegen,der Patienten noch der Angehörigen weil sie wissen wie unterversorgt ihre Lieben sind. Wer unter diesen Bedingungen noch in der Pflege arbeiten will ist selber Schuld. Nach ein paar Jahren sieht man selber aus wie Tod auf Latschen und hat alle Interessen und Kontakte verloren. Und hat man ein Pflegeberuf braucht man eh keine Familie (hättest je sowieso keine Zeit für sie). Ausserdem bist du ja schon verheiratet-mit deinem Arbeitgeber.

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