‚Frag einfach die Schwestern.‘

Dieser Satz kam nicht etwa von einem Krankenpflegeschüler oder einem Patienten. Ein Arzt hat diesen Rat seinem Kollegen gegeben vor dessem ersten Dienst im Krankenhaus. Dieser war verunsichert, ob er wohl in seinem Dienst mit den Aufgaben auf der Intensivstation fertig werden würde.

So offen wird selten von ärztlicher Seite zugegeben, das sie ohne das Pflegepersonal an einigen Stellen nicht weiter wissen würden. Ich arbeite jetzt seit 7 Jahren auf einer Intensivstation. Seit einiger Zeit ausschließlich im Nachtdienst. Da laufen einige Dinge anders als tagsüber.

In der Nacht sind weniger Untersuchungen, kaum Angehörige und viele Patienten schlafen (naja, sollten sie zumindest). Aus diesem Grund sind nachts auch weniger Pflegekräfte auf den Stationen und von der ärztlichen Seite nur der Bereitschaftsdienst.

Nachts wird die Therapie, die tagsüber stattfindet aber fortgesetzt. Patienten werden beatmet, sind an ein Dialysegerät angeschlossen, bekommen ihre Medikamente. Es kommen Neuaufnahmen. Und die kommen sogar häufig in der Nacht, denn die Symptome, die tagsüber noch erfolgreich verdrängt werden konnten, kommen in der Nacht viel deutlicher zur Geltung.

Im Nachtdienst haben wir es also mit den gleichen Patienten zu tun wie tagsüber. Mit den gleichen Erkrankungen. Aber häufig nur mit einem Arzt, der noch dazu, oftmals unerfahren ist. Vor kurzem wurde ich erst noch gefragt, welche Medikamente wir standardmäßig bei einer Beatmung einsetzen. Oder ich bekam einen Anruf, von dem diensthabenden Arzt, der wissen wollte, ab wann die Wirkung eines bestimmten Medikaments einsetzt. Während einer anderen Nacht, bat mich ein Arzt einmal das EKG eines Patienten anzusehen und wie meine Meinung dazu ist.

Im Nachtdienst müssen wir selbstständiger arbeiten. Wir haben oftmals nicht den ärztlichen Rückhalt, den wir eigentlich benötigen würden. Also eignen wir uns das Wissen selbst an.

In meinem letzten Nachtdienst betreute ich einen Beatmungspatienten. Anfangs war alles ok, aber als später wieder ins Zimmer kam, wunderte ich mich über die Atmung. Sofort drehte ich den Mann zurück auf den Rücken (vorher lag er auf der Seite), saugte das Sekret aus seiner Lunge ab, erhöhte die Sauerstoffzufuhr und überprüfte seine Blutgaswerte. Dabei kam raus, das er einen viel zu niedrigen Sauerstoffanteil im Blut hatte. Also rief ich den Diensthabenden an. Sein Rat war, das ich den Patienten besser nicht mehr auf die Seite drehen sollte. Hilfreich oder?

Das ist nur ein Beispiel davon, wie es im Nachtdienst auf vielen Stationen, in vielen Krankenhäusern aussieht. Wir brauchen gut ausgebildetes und erfahrenes Personal. Ohne die Pflegepersonen, die mit einem Blick eine Situation einschätzen und adäquat handeln können, funktioniert kein Krankenhaus. Erst recht nicht in der Nacht.

3 Gedanken zu „‚Frag einfach die Schwestern.‘

  1. Jeremias Cornelius

    Na, schaut wohl überall gleich zu sein. Bei uns hat der leitende Oberarzt schon ängstlichen Jungärzten diesen Rat gegeben. Auf Intensivstationen sind Blutgase, Beatmung, Blutzucker, Elektrolyte doch schon lange nur noch formal ärztliche Aufgaben.

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  2. Lutz Hecht

    Es wird sich ändern, aber wir haben noch eine Menge zu tun. Ich kenne eine Kollegin, die Coacht Schwestern in „Resilienz“. Das werden starke Schwestern. Ich hoffe, das es mir gelingt einmal Personalleiter zu bewegen dies im Interesse der Kliniken zu beauftragen. Augenhöhe in der Klinikkommunikation zu erreichen ist möglich. Vielleicht kennt hier schon jemand eine Klinik , die hier neue Wege geht und statt Pflege- Arztkosten spart? Wo man den Kollegen die Kompetenzen eben 24 Stunden zugesteht. Na ja vielleicht meldet sich ja jemand.

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  3. Windvilla

    Woher sollen sie es auch wissen? Die lieben Assistenzärzte werden nach ihrem Studium ins kalte Wasser geschubst, halten sich an festen Behandlungsschematas fest, die sie ihren Herolden entnehmen und leben in ständiger Angst in ihrer Überforderung einen Fehler zu begehen, der Konsequenzen hat. Also fragt man die, die es wissen müssen…
    Was da bei rauskommt sehen wir jeden Tag aufs neue…

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