Hommage an ‚Franz‘.

Ich möchte hiermit eine Hommage schreiben
–eine an Franz und an alle Franzens in der Pflege egal wie sie heißen.

Franz habe ich vor über einem Jahr kennengelernt und ein paar Tage mit ihm zusammengearbeitet.

Dazu muss man sagen, ich habe mich nicht sonderlich gefreut, als ich hörte, dass jetzt Franz da ist, ein Krankenpflegehelfer von einer Zeitarbeitsfirma, und dass ich das Glück habe ihn zu gewinnen für den heutigen Dienst.
Die Übergabe lies einen Dienst erahnen, denn alle mal wieder nur überleben werden – also die Patienten bestenfalls und die Pflege sowieso. Ein Dienst in dem es drunter und drüber gehen würde und man der Arbeit und den Prioritäten den ganzen Tag hinterherläuft, sie aber nie einholt. Ein Dienst, bei dem man sich den ersten Seufzer der Erleichterung dann gönnt, wenn der Kollege der nächsten Schicht zur Übergabe kommt.

Ich habe also Franz bekommen, zur Unterstützung. Unterstützung ist ja prinzipiell gut, ich liebe Unterstützung, aber ich habe auch Erfahrung mit Unterstützung, die mehr Arbeit macht als das sie nutzt. Ich habe schon andere zur Unterstützung gewonnen und dabei meinen Glauben an die Unterstützung verloren. Ich halte mich nur noch an Fakten, wir werden sehen ob Franz eine Unterstützung ist.

Franz ist ein untersetzter Mann Mitte Fünfzig, mit schütterem grauen Haar. Es sagt mir, dass er schon mal auf Intensivstationen gearbeitet hat. Mir schrillen das erste Mal die Alarmglocken, was nicht an Franz liegt, sondern an meinen Erfahrungen in den letzten Wochen und Monaten.
Ich nehme Franz also mit zu den Übergaben meiner Patienten, danach nehme ich ihn mit, als ich den Zimmercheck mache, ich sage ihm, dass ich nicht möchte, dass er auf irgendwelchen Geräten herumdrückt. Franz sagt: „Das mache ich nie, ich schreibe auch nichts in die Kurve, ich möchte nur pflegen“. Soweit so gut, wir werden sehen. Ich erzähle Franz ein bißchen was zu unseren vier Patienten und was so ansteht und was geplant ist und auf was man achten muss (also auf was er auch achten kann). Ich sage ihm wie oft wir lagern, welche grundpflegerischen Tätigkeiten bei welchem Patienten wie und wann anstehen und vor allen Dingen sage ich ihm was er auf keinen Fall tun darf. Ich glaube ich wirke ein bißchen genervt und vielleicht auch arrogant. Franz ist ja kein Kind mehr.

Franz nimmt das alles sehr gelassen und stellt ein paar Fragen, so möchte er wissen, wer mobilisiert werden kann und wie und wie gelagert wird und ob er das bei einer Patienten selbst machen kann. Er darf, denn die Patientin ist nicht beatmet und stabil und braucht nur etwas Unterstützung.

Ich gehe ziehe also los, um Medikamente vorzubereiten und mache mir nebenher so meine Gedanken. Ich muss darauf vertrauen, dass Franz nicht meint, er müsse jetzt doch mal schnell absaugen und zusammen mit dem geschlossenen Absaugsystem auch die Trachealkanüle entfernt. Ich gehe mal davon aus, dass Franz kein Blutgas abnimmt und die arterielle Kanüle hinterher verstopft ist, weil er das Spülen vergessen hat, und ich hoffe sehr, dass Franz sich dran hält nicht auf Geräten herumzudrücken um Alarme stumm zu schalten.
Noch bevor ich mir weitere Horrorszenarien ausmalen kann, die alle die Steigerungen von Erfahrungen der letzten Wochen sind, steht Franz schon in der Tür und sagt mir, dass der Perfusor mit dem Medikament „Midazolam“ in Zimmer drei Alarm gebe und die Restlaufzeit noch mit 3 Minuten angegeben sei. Das ist eine präzise Angabe – als ich in ähnlicher Situation einmal informiert wurde, dass die Spritze mit dem Atrovent leer sei (ein Mittel zum Inhalieren) bin ich vorsichtshalber mal in Schweinsgalopp verfallen, es handelte sich nämlich um Arterenol – ein Medikament zur Kreislaufstabilisierung, das per Perfusor verabreicht wird.

Ich atme einmal erleichtert aus. Gehe mit Franz zusammen ins Zimmer, stelle den Alarm stumm und wechsle die Spritze. Mit Erstaunen sehe ich, dass Franz es geschafft hat, das vom Frühdienst wegen Überlastung hinterlassene Chaos in eine wundervolle Ordnung zu verwandeln. Mir scheint es wären sogar einige Kissen frisch bezogen. Die Patientin in Zimmer vier ist auch schon gelagert und lächelt mich an. Jetzt darf sie an die Sprechkanüle und später wird sie unter Aufsicht etwas essen dürfen.
Ich lagere mit Franz zusammen die anderen Patienten. Franz ist umsichtig und Franz ist routiniert, schon beim dritten Patienten sind wir ein eingespieltes Team. Franz erzählt mir: „ Ich bin Krankenpflegehelfer aus tiefstem Herzen“

Im Laufe des weiteren Spätdienstes erweist sich die Zusammenarbeit mit Franz als der Glücksfall des Jahres. Franz sieht was zu tun ist, Franz hat die Zeit für die Patienten, die ich nicht habe. Und als ich bei einer Intervention über eine Stunde an einem Bett gebunden bin, ist Franz die beste Unterstützung die ich hätte bekommen können. Franz informiert mich, Franz fragt nach, Franz erledigt was er erledigen kann selbstständig, koordiniert und fachlich von hoher Qualität.

Selten sind meine Patienten so gut versorgt gewesen wie an diesen drei Spätdiensten, an denen ich Franz gewonnen habe. Wenn ich eine Stunde vor Dienstende in Stress gerate weil noch so viel zu tun ist, hat Franz schon die Zähne geputzt, gelagert, das Bein einmal abgewickelt, mir dir rote Ferse gezeigt, damit ich sie beurteilen kann, die Zimmer sind aufgeräumt und die Müllsäcke gewechselt.
Und ich bin ein bißchen neidisch auf Franz, weil er unseren Patienten so viel Gutes tun konnte, während ich nur die unangenehmen Dinge tat (Absaugen, Blut abnehmen ….).

Den Franz wollte ich am liebsten gleich einpacken und mitnehmen.
Der Franz und ich haben uns am Ende des Dienstes gegenseitig auf die Schultern geklopft:
Das haben wir prima hinbekommen. Wir sind ein tolles Team.

Liebe Kranken/Altenpflegehelfer, liebe Franzens beiderlei Geschlechts: Ihr seid unverzichtbar. Eure Arbeit ist unabdingbar – tut das was ihr gelernt habt und schielt nicht nach den vermeintlich „hochwertigeren“ Aufgaben der Examinierten.
Ein erfolgreiches Team sein, heißt zusammen mit den unterschiedlichen Fähigkeiten, dem unterschiedlichen Wissen, den unterschiedlichen Aufgaben eine Herausforderung gemeinsam meistern.

Danke Franz.

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