Ich Arzt, du Schwester.

Hierarchie im Krankenhaus ist allgegenwärtig.
Und manchmal sehr überdeutlich ausgelebt.

Nachts um 01:30 Uhr ich wähle die Nummer des diensthabenden Arztes,
überreisse kurz im Kopf die Krankengeschichte
und erzähle im meinem Kopf gespeicherte wichtigsten Fakten: Alter, Op, Anamnese.
Es muss schnell gehen, der Patient ist nicht mehr ansprechbar,
der Blutdruck sinkt immer weiter und die Herzfrequenz steigt zunehmend.
Der Dienstarzt antwortet verschlafen und knapp der Worte:
Gib ihm ein bisschen Arterenol, das wird schon wieder.
und legt eine Sekunde später auf.

Ebenso ist es Dienstanweisung jeden Sturz zu melden,
weil er schriftlich vermerkt und dokumentiert werden muss.
Auch die Information mit Uhrzeit an den Arzt.
‚Tut mir leid dass ich morgens um 04:00 Uhr anrufe,
aber mein Patient ist mit dem Kopf im Bad gegen die Fliesenwand gestürzt…‘
‚Hat er sich weh getan? Blutet er?‘
‚Nein, offensichtlich nicht.‘
‚Warum rufen Sie dann an? Wenn Sie das nochmal tun wird das Konsequenzen haben…‘

Ein Assistenzarzt auf der Intensivstation mit unter 2 Jahren Berufserfahrung
möchte Abends um 21:00 Uhr extubieren (den Beatmungsschlauch entfernen),
ich betreue 4 beatmete, Kreislauf instabile Patienten
und verweise ihn freundlich auf die nachfolgende Schicht,
weil mein Zeitplan vor lauter Chaos so weit nachhängt
dass ich noch nicht einmal all die 20:00 Uhr Medikationen verabreicht habe.
Der zu extubierende Patient war weder gestresst
noch indikationstechnisch sofort zu extubieren.
‚Ich mach das jetzt trotzdem.‘
Er beginnt mit der Vorbereitung, wird dann aber zu einem Notfall gerufen.
Eine dreiviertel Stunde später während der Übergabe stellt der Nachtdienstkollege fest:
der Assistenzarzt hat zwar richtig gehandelt und die Magensondenernährung pausiert,
nicht jedoch an den laufenden Insulinperfusor gedacht.
Ich hatte es nicht im Blick was der Assistenzarzt tat, weil ich beschäftigt war.

Rein rechtlich darf man nichts verabreichen was nicht zeitnah dokumentiert ist.
Was wenn aus der Gehirnerschütterung Komplikationen entstehen,
ist es nicht Aufgabe eines diensthabenden Arztes da zu sein wenn man ihn braucht?
Und wieviel Insulin braucht es um einen Menschen zu töten?!

Und die Frage aller, wer trägt wann die Verantwortung dafür?!

Junge Ärzte wollen oft mehr, obwohl sie nicht die Erfahrung haben. Wie auch.
Ich habe schon Sätze wie Pflege macht nur Arzthelfertätigkeit. gesagt bekommen.
Meine Antwort auf diese Erlebnisse ist mittlerweile nur noch:
Wenn der Arzt nach Hause gehen sollte, weiss ich was zu tun habe.
Wenn die Pflege nach Hause geht, kann der Arzt meist nur noch hoffen.

So negativ wie das klingt,
man sollte langsam auf allen Ebenen verstanden haben,
dass wir miteinander arbeiten sollten, nicht gegeneinander.
Vertrauen ist das oberste Gebot
und wer der Pflege nicht das Vertrauen in die Hand gibt hat eh schon verloren,
denn wir sind die Menschen die 8 Stunden neben dem Patientenbett stehen.

Pflege ist nicht dazu da dem Arzt zu dienen sondern ist Teil des Teams.

7 Gedanken zu „Ich Arzt, du Schwester.

  1. mummy2

    Großartig:) Ganz genau…ich erinnere mich an Dienstübergaben auf der Onkologie, auf der ich gearbeitet habe, in denen wir hauptsächlich besprochen haben, wer vom erfahrenen Pflegepersonal eine Patientengruppe mit dem frischen Assistenzarzt übernimmt, damit keine größeren Schäden entstehen. An von Kollegen und mir diktierte Visitenanordnungen für hilflose Arztkollegen, an Anrufe im Nachtdienst vom Diensthabenden Arzt, ob einer von uns Onkologieschwestern/Pfleger auf eine andere Station zum Chemo anhängenden (Arztaufgabe) gehen könnte da er keine Ahnung habe was das sei und wie das zu laufen hat…und gleichzeitig an arrogante Kommentare wie: das muss ich mir von einer Schwester nicht sagen lassen, sie können die Reichweite doch gar nicht einschätzen…Oh doch, nach 10 Jahren Dienst am Patienten, kann man so einiges einschätzen….Pflege bedeutet sehr oft nur volle Bettpfannen wegräumen und hinternschrubben, aber eine gute Krankenschwester kennt das Labor ihrer Patienten, die Medikamente die sie nehmen, ihre Krankheiten, ihre Sorgen, ist als erste bei der Reanimation und meist als einzige bei soviel letzten Atemzügen….Sie ist Seelsorger, Putzfrau, Übersetzer, Mülleimer, Medikamentenlexikon, Orientierungshilfe, Lebensretter, Dienstmagd, Arzthelfer und manchmal Arztersatz…

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  2. doncam1976

    hmm, dem kann ich nur halb zustimmen, ich hatte zwar auch unfähige und unfreundliche Assistenzärzte , aber es hat mir noch nie jemand mit Konsequenzen gedroht wenn ich noch mal anrufe. Da hätte ich mich umgedreht dann beschwert.
    Aber genau die Hierarchie im gesamten war für mich auch ein Grund nach Norwegen zu gehen. Sie existiert hier nahezu NICHT! Hier arbeitet man als TEAM zusammen und Pflege und Ärzte wissen das und handeln entsprechend. Und wenn ich einen Vorschlag zur Therapie mache, wird der genauso diskutiert, wie wenn er vom Chefarzt käme.
    Auch wenn viele vom Du nichts halten – in Norwegen ist die Sie-Form nahezu ungebräuchlich – ich finde sie hilft dabei ein Team zu bilden und sich als ein Team zu fühlen.

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  3. Dominik

    Im großen und ganzen passt das oft schon ganz gut. Nur der vorletzte Satz ist mir zu optimistisch.
    Müsste heißen „(…) denn wir sind die Menschen die 8 Stunden neben der Doku stehen.“
    8 Stunden neben dem Patienten kenne ich erst, seit ich in der ambulanten Intensivpflege arbeite.

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  4. Ben

    Die im Artikel geschilderten Problem gibt es überall und sind dennoch hausgemacht. Zwar ist dieses Standesdenken geschichtlich bedingt und verschwindet so langsam, von Generation zu Generation aus den Köpfen, aber stückweit liegt es auch an der Pflege den Prozess voran zu treiben.
    Die meisten Schwestern, hier sind es wirklich vordergründig das gutmütige weibliche Geschlecht, lassen sich einfach zu viel gefallen. Der Arzt ist medizinisch vorgesetzt, nicht organisatorisch. Nur muss man das manchen erstmal beibringen, ab und an mal im Regen stehen lassen und dazu mal sehr deutliche Worte finden wirkt manchmal Wunder.
    Medizin ist Teamarbeit und leider wird den Nachwuchsärztes schon im Studium schon beigebracht, dass sie was besseres sind, aber umerziehen kann man noch viele. Nur ist es nicht damit getan sich darüber zu ärgern, sondern Konsequenzen zu ziehen.

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    1. Felk

      Ich möchte hier Stellung nehmen zu den letzten Sätzen von Ben: Ich bin ein junger Mensch, der sich im Medizinstudium befindet. Ich lese mit großem Interesse diesen Blog! Durch die vorgeschriebenen Pflegepraktika und weitere lange Tätigkeit in diesem Bereich als sogenannter Springer/Aushilfe in einer Uniklinik habe ich einen ganz guten Einblick in die Pflege erhalten. Ich kann hier nur teilweise zustimmen. Es ist richtig, dass es Ärzte mit einem gewissen Dünkel gibt. Diese haben dann eben auch einen entsprechenden Umgang mit ihren Mitmenschen.Meinem Eindruck/Erfahrung nach sind das aber entweder etwas ältere Herrschaften oder jüngere Schnößel, die schnell aufsteigen (wollen), weil sie zusätzlich zur Tätigkeit sich habilitieren möchten oder aus sonstigen Gründen sich etwas einbilden und sich deshalb für Götter halten. Worin ich nicht zustimmen kann ist dass man uns im Studium beibringt, wir seien etwas besseres!!! Habe ich bisher in keinem Studienabschnitt feststellen können. Das halte ich für eine Unterstellung, die nur wider besserem Wissen gemacht werden kann. Ich wüsste auch nicht wieso man als junger Mensch denken sollte man sei kompetenter als eine routinierte Pflegekraft wenn man neu auf eine Station kommt. Im Gegenteil!!! Hier kann man von den alten Hasen so einiges lernen.Da bin zumindest ich immer dankbar. Worin ich zustimme ist die erwähnte Teamarbeit!!! Das ist zumindest meine Idealvorstellung für meine zukünftige berufliche Tätigkeit. Man darf hoffen und kann selbst etwas dazutun, dass die Hierarchien flacher werden. Man muss leider aber auch sagen, dass bei mancher Pflegekraft vorurteile gegen Ärzte/Studenten zementiert sind. So habe ich es oft erlebt, dass einem die kalte Schulter gezeigt wurde sobald man sagte man sei Student. Auch wenn man sich interessiert zeigte ins Team zu integrieren suchte (was bei wochenendlich wechselnden Stationen nicht eben einfach ist), Dinge wissen wollte (und zwar dann wenn auch die Zeit dafür war). Es wurde manches mal als lästig empfunden. Man spürte deutlich, dass manche Pflegekraft es genoss jetzt auch mal über einen (zukünftigen) Mediziner zu stehen und entscheiden zu können. Empfand ich als sehr daneben. Abschließend: Mein Anliegen ist einfach hier auf diesem Blog einmal zu sagen, dass es auch sehr viele junge Menschen im Medizinerberuf/Studium gibt, die auch über die ganzen Missstände in unserer Branche nachdenken. Denn auch für jene ist/wird es nicht besser was Dienste,etc. angeht. Viele von ihnen sind daran interessiert im Team (mit allen Beteiligten) mit einer guten Atmosphäre zu arbeiten und auch wichtige Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Von außen rauscht auf uns jeden Tag genug ein, da muss es doch wenigstens intern stimmen damit man das gemeinsam gut durchstehen kann. Beste Grüße

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      1. FK81

        Da muss ich Felk Recht geben. Es gibt Ärzte:-) und es gibt Ärzte :-(. Und dabei ist es auch vollkommen unerheblich, ob es Assistenz.- Ober.- oder Chefärzte sind. Es gibt genug schwarze Schafe, aber auch viele, die das Prinzip Team verstanden haben und es auch wünschen. Mit diesen Ärzten macht das Zusammenarbeiten auch wirklich Freude. Die unfreundlich aber zuverlässigen und fachlich korrekten Ärzte werden auch akzeptiert. Alle anderen bekommen einfach regelmäßig zu spüren, dass es so nicht geht, Denn unfreundlich und Fachidiot geht gar nicht. Aber auch die gibt es leider. Aber auch das Pflegepersonal ist da gefragt. Eine freundlichen Aufnahme von Studenten und Ärzten ist schon mal eine gute Voraussetzung. Denn wir PK sind meist jahrelang auf der selben Station. Ärzte und Studenten müssen sich oft auf neue Schwestern und Stationsregeln einlassen. Neue Patientengruppen und Abläufe. Wir müssen uns gegenseitig helfen und stützen. Ein klärendes Gespräch ist dabei sicher nicht schädlich. Was das Thema „Dienstarzt“ betrifft, bin ich mit der Organisation nicht einverstanden. Denn ich meine, dass ein Dienstarzt im Falle eines Falles präsent sein muss und nicht im OP oder in Untersuchungseinheiten wie Eindoskopie sein sollte. Aber das bestimmen Andere….

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  5. Jeanskäfer

    Sehr guter Artikel!
    ABER: Wir sind die EINZIGE Berufsgruppe, die 24 Stunden an 365 Tagen am Bett des Patieten steht!

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