K wie Kollegin oder: Das Problem bin ich

K ist eine beeindruckende Frau. Mit ein paar Worten könnte sie einer ganzen Armee befehlen, in den sicheren Tod zu ziehen, und alle, alle würden folgen.
K hat aber keine Armee. Sie hat nur uns: Ein ganz normales Altenpflege-Team. Paar Schwestern, Helfer, ein Azubi, ab und an Praktikanten. Menschen unterschiedlichsten Charakters, von ruhig bis aufbrausend, von abwägend bis forsch, von ehrlich bis hinterfotzig – alles vertreten.
Wir hören auf K wie Soldaten auf einen General, und zwar ohne Ausnahme. Dabei ist sie nicht etwa unsere PDL oder WBL. Sie ist noch nicht einmal examiniert. Sie ist nur alt, viel älter als das Haus, in dem wir arbeiten, und von Anfang an dabei. Jahrzehnte also. Daraus scheint sie ein paar Rechte abzuleiten, bei denen ich im Zweifel bin, ob sie ihr zustehen. Ich werde gleich konkreter. Voranstellen möchte ich, dass K organisiert arbeitet wie sonst kaum jemand. Fachlich hat sie schon fast alles gesehen und mitgemacht. Für jedes Problem, das sich eventuell andeutet, hat sie eine Lösung parat. Absolut einwandfrei – wäre da nicht ihr Umgang mit den Kollegen.
Es mag aus ihrer Sicht ein wenig so aussehen, als hätten wir alle weniger Ahnung, seien weniger geschickt oder fachlich nicht so versiert wie sie. Das lässt sie jeden spüren – erneut ohne Ausnahme.
„Wo WARST du denn?“ werde ich angebrüllt, der Dienst hat vor kaum einer Stunde begonnen. „Das fängt ja gut an.“, denke ich, aber ich sage es nicht. Anstelle dessen erwidere ich ruhig: „Mit Schwester G bei Frau F.“ Unschlagbar, und stimmt auch noch. Denn Frau F liegt nicht nur in einem der abgelegeneren Bewohnerzimmer, sie liegt zudem im Sterben.
K ist ruhig, vorerst.
„HÖRST du denn nicht, dass es KLINGELT!!!“, werde ich angebrüllt, der Dienst ist noch keine zwei Stunden alt. Ich bin im Wäscheraum bei geschlossener Tür. „MUSS ich denn extra von oben RUNTER kommen!“ – „JA BEWEGSTE DICH HALT AUCH MAL!“, möchte ich antworten, aber ich beherrsche mich. „Nein, habe ich nicht gehört, weil die Tür —“ K ist schon weg. „Du blöde…“ liegt mir auf der Zunge, doch ich beherrsche mich. Ich beherrsche mich. Noch.
Meine Bewegungen aber werden fahriger, die Handtücher sind nun nicht unbedingt superordentlich zusammengelegt, eigentlich sind sie gar nicht zusammengelegt, sondern geworfen, na, auch egal. Noch sechs Stunden. Prima.
Stunden später laufe ich auf dem Zahnfleisch. Wenn K die anderen ebenso oft rund gemacht hat wie mich, dann hat sie mehr gebrüllt als gearbeitet.
Vermutlich meint sie, wir seien alle unfähig. Vielleicht sind wir tatsächlich schlechter bei der Arbeit als sie. Aber wie sollte das anders sein, meine mickrigen sieben Jahre Pflege-Erfahrung zum Beispiel können mit ihren Jahrzehnten nicht mithalten. Sie kann das also gerne meinen, das ist mir egal. Ich muss sie auch nicht mögen, denn heiraten werde ich sie bestimmt nicht, ich bin schon vergeben. Aber ich möchte gut mit ihr zusammenarbeiten.
Es geht in unserem Beruf nämlich nicht darum, der oder die Beste zu sein. Es geht darum, dass wir einen sehr schweren Job zum Wohle der Bewohner ausüben. Es geht um Menschenleben. Und dafür brauchen wir alle Kraft, die wir haben.
Wie oft haben wir mit ihr geredet. Wie oft haben wir, weil wir uns nicht zu helfen wissen, hinterm Rücken über sie abgelästert. Wie oft hat jeder einzelne von uns daran gedacht, einfach sich umzuziehen und nach Hause zu gehen – und es dann doch nicht getan. Denn wir dachten an unsere Kollegen, die dann unsere Arbeit mitmachen müssen, an die Bewohner, die nicht adäquat versorgt werden können, an den Job, den wir eigentlich mögen, weil er einer der tollsten ist, den man sich vorstellen kann. Warum fällt es uns nur so schwer, vernünftig zusammenzuarbeiten?
Das Problem bin wohl ich. Denn ich denke, egal, wohin ich gehe, in jedem Team wird es so eine K geben. Der es irgendwie Befriedigung verschaffen muss, eine Machtposition nicht nur inne zu haben, sondern auch auszuleben. Auf Kosten der Gesamtheit, auf Kosten der guten Arbeit, denn so zu arbeiten macht außer ihr niemandem Spaß, stumpft ab, frustriert, führt zu Fehlern. Besonders in unserem Beruf ist das nicht nur stressig, sondern geradezu gefährlich. Und warum nun bin ich ein Problem? Weil ich immer, immer erst an die Kollegen denke, die Bewohner, das Haus, nicht an mich. Sondern daran, dass ich ein Teil von etwas bin.
Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum bei uns weder ein Betriebsrat existiert, noch überhaupt mal das Wort Streik in den Mund genommen wird. Das liegt nämlich auch nicht an K. Vielleicht hätte sie noch nicht einmal etwas dagegen. Es liegt einzig und allein an uns – also an mir.
Es ist kurz vor Feierabend. Ich entspanne mich ein bisschen, denn ein Ende ist abzusehen. Eigentlich lief ja alles super, kein Notfall, kein Sturz, jeder Bew wurde gut versorgt, wir hatten sogar vergleichsweise viel Zeit dabei – nicht selbstverständlich.
„NEIIIIN, meinGOTT!“ Zu früh gefreut, ich habe nicht aufgepasst. Wäsche in die falsche Maschine sortiert… Zwar ist das in zwei Sekunden behoben, aber es wird gestöhnt und Augen verdreht, ganz klar, die K hatte einen anstrengenden Tag, wir Kollegen müssen ein Kreuz sein für sie. Ohne weiteren Kommentar geht sie nach draußen und ich – allein – fluche.
„OK, du blöde Kuh, du A…, du F… jetzt reichts! Denk mal über deinen Tonfall nach!“
Nein, ich übertreibe. Es liegt mir auf der Zunge, aber ich beherrsche mich.
Ich beherrsche mich.
Finde den Fehler.

3 Gedanken zu „K wie Kollegin oder: Das Problem bin ich

  1. Sandra Leurs

    Lustig, bei mir war es auch eine K, ohne Examen, aber schon 15 Jahre im Haus. Erster Dienst, erster Satz: “ Dein Examen kannst du in der Kitteltasche lassen, hier wird geschufftet“. :(

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  2. l.t.m.

    Der Mensch ist den Menschen Wolf – hier bestätigt es sich wieder mal.
    Aber nicht jeder Bereich hat ein K.
    Eine K. dieser Couleur im Betrieb zu haben spricht für strukturelle Führungsschwäche – denn solche Menschen füllen ein Macht-Vakuum das von den Leitungskräften offensichtlich nicht gefüllt wird und in manchen Fällen sogar bewußt solchen K.s überlassen wird – traurig.

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  3. hafensonne

    „Finde den Fehler“ Gefunden. Klappe aufmachen ist das eine, Streik das andere. Dass man Streik scheut, wenn man Demente betreut (Hut ab vor Ihrer Arbeit und Ihren Einstellungen), ist klar; gegenüner Unverschämtheiten auch mal Stellung beziehen etwas anderes. Und wenn viele unter einer Einzelnen leiden, sollte es doch eigentlich kein Problem sein, dagegen anzugehen?

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