Macht uns die Sprache sprachlos?

Ich habe mir in letzter Zeit oft Gedanken gemacht warum die Pflege den Problemen oft sprachlos gegenübersteht.
Ich habe einen, völlig subjektiven, Erklärungsansatz gefunden und möchte ihn auf diesem Wege mit euch teilen.

Mir ist auf gefallen, dass meine Kollegen und ich auch oft unsere Probleme, die in unserer Arbeit entstehen verklausulieren.
Kaum jemand sagt ganz offen wenn es so weitergeht fahren wir die Karre mit 180 vor die Wand.
Oft hört sich unsere Kritik an wie eine Pflegeplanung.
Eine Minimale Beschreibung des Problems, eine endlose Aufzählung von Ressourcen, und dann eine Maßname quasi als Lösungsangebot. Außerdem nehmen wir dabei auch oft noch die Rolle des Gegenübers an um Dinge die uns „wehtun“ für andere zu begründen.

Ich versuche das mal an einem Beispiel deutlich zu machen.

Wir sind alle ständig von Personalnot bedroht.
Aber wie äußern wir das?
Was schlagen wir vor?

Die Feststellung, wir haben zu wenig Personal ist noch schnell gemacht.
Dann aber verfallen wir oft schon in die Erklärung was wir aber dennoch alles für die Patienten tun können obwohl wir zu wenig Zeit haben, dass es den Patienten ja eigentlich gut geht, es aber natürlich besser gehen könnte.
Um dann die Lösung nach zu schieben wir wären ja Zufrieden wenn wir etwas mehr Personal hätten.

Klingt fast wie Pflegeplanung, oder?

Dann, so geht es oft weiter, wird das Verhalten des Arbeitgebers erklärt.
Es würde ja sicher Personal eingestellt, wenn es welches am Markt gäbe.
Außerdem müsse man ja mit dem Geld haushalten, das wäre ja eine wichtige Aufgabe des Arbeitgebers.

Da fange ich oft schon an zu zweifeln ob meine Kollegen sich ihrer Rolle noch bewusst sind.

Oft wird dann noch nachgeschoben, man wäre sogar bereit auf Lohnerhöhung zu verzichten nur um mehr Personal zu bekommen.

Da  verlassen wir nun vollständig den Pfad des gesunden Menschenverstandes.

Warum aber ist das so, warum verfallen viele in dieses Muster der Erklärung?

Meine Antwort ist, weil wir es so gelernt haben.
Es ist die Sprache der Pflege die wir hier hören.
Wir sind es gewohnt, zu jedem Problem zuerst die Ressourcen zu sehen.
Wir sind es gewohnt dem gegenüber nicht die Schuld an der Situation zu geben, sondern sie als eine Folge von Ereignissen zu sehen, auf die unser Gegenüber keinen Einfluss hat, oder so nicht wollte.
Wir wagen es nicht jemanden bloß zu stellen.
Wir verklausulieren üble Dinge in positiver Sprache.
Und wir sind es gewohnt für andere mitzudenken.

Daher kommt unsere Kritik, bei anderen die diese Art der Kommunikation nicht gelernt haben immer ein wenig rüber wie: eigentlich geht es doch noch grade eben so.

Ganz Ähnlich wie in Pflegeplanungen, wo man selbst bei schwerstkranken dem Tode geweihten Patienten schreibt was ihre Ressourcen sind.

Das verstehen normale Menschen nicht! Die lesen was der Mensch noch alles kann und denken: Och, so mies geht es ihm ja dann doch noch nicht.

Ich glaube diese Sprache lässt uns mehr und mehr in einer Blase verschwinden.
Untereinander verstehen wir uns, aber darüber hinaus?

Nur wenige sind in der Lage Dinge so zu formulieren, dass es ankommt und auch weh tut.

Zum Beispiel so:

Da wir zu wenig Personal haben müssen bei Patienten eigentlich notwendige Pflegehandlungen unterbleiben.
Das führt automatisch zu Pflegefehlern oder gefährlicher Pflege durch Unterlassung.
Für die Personalsituation ist der Arbeitgeber verantwortlich und nicht wir.
Wir tragen nicht das Unternehmerrisiko für unsere Arbeitgeber.
Und lieber Arbeitgeber, erzähl mir nicht wir müssen uns am Markt positionieren, während du mir erzählst das Marktgesetze bei der Lohnfindung nicht gelten.
Willst du Leute bekommen oder halten musst du Zahlen, das Spiel von Angebot und Nachfrage!

Eigentlich ist es doch das was wir meinen.

Aber wir verbieten uns aggressiv aufzutreten, das gestehen wir nur anderen zu, ja wir versuchen es bei anderen sogar zu erklären.Wir versuchen das System zu gesund zu pflegen ohne es vor den Kopf zu stoßen. Die Maximalforderung ist der Pflege fremd, die Pflege verhandelt nicht gerne, sie versucht zu lenken, mit Überzeugung, mit Beratung und Anleitung…
Wir drohen nicht mit Konsequenzen, wir hoffen das unser Gegenüber diese selbst erkennt und aus freien Stücken unserem Rat folgt, weil es für ihn persönlich klüger ist und es für ihn so nicht weitergeht.
Das alles findet sich in unserer Fachsprache wieder, in unseren Dokumentationen und Planungen.

Ich glaube, dass unsere Art sich auszudrücken uns sprachlos macht, in einer Zeit wo Nachrichten, Meldungen und Kommentare nicht hart genug Formuliert sein können um ihre Wirkung zu entfalten.
Wir Pflegen unsere Sprachlosigkeit sogar in unseren Protesten, wie bei Pflege am Boden.
Kollegen, wer heute nicht laut ist, er wird nicht gehört!

Wir wollen würdige Bedingungen für unsere Patienten und für uns, wann fangen wir an zu fordern?
Die anderen Akteure in diesem Spiel tun es auch, Patienten Arbeitgeber, Regierungen, Versicherte Krankenkassen Pharmafirmen, und was weiß ich wer noch alles Interessen in diesem Bereich hat.
Die Pflege beschränkt sich weiterhin auf eine Beschreibung des Problems, das Ansprechen von Ressourcen und wartet auf die Compliance der anderen Akteure, weil es ja ohne uns nicht geht, das müssen die anderen eben langsam mal verstehen!
Sie werden es nicht Verstehen, sie halten Pflege am Boden für eine lustige Pantomiementruppe.
Die Schwester und den Pfleger für hingebungsvolle Wesen.
Und glauben fest, das Geiz geil ist und Gesundheit ein Markt mit Wachstums- und Gewinn aussichten.

Stellt euch nur mal vor, ein ganz bisschen, ohne gleich an die armen Patienten zu denken und zu sagen das geht doch nicht, wir würden Aufstehen laut sein, gradeaus unsere Forderungen stellen, und 24h streiken, ohne Notbesetzung ohne Backup.
Sagt nicht das geht nicht, sonder überlegt mal warum es nicht geht…

Dann versteht ihr warum ich denke wir sollten uns nicht hinter unserer Fachsprache verschanzen und im Kleinen versuchen Grosses zu bewirken.
Wir sollten ganz klar formulieren ohne wenn und aber:

Sind wir nicht da seid ihr tot, so einfach ist die Sache!


Ich fände es gut von Euch dazu Meinungen zu hören.

 

Quelle: Garcon de Piss

Ein Gedanke zu „Macht uns die Sprache sprachlos?

  1. Guy Hofmann

    Ja – danke – ich bin sehr einverstanden.
    Leider endet das Einverständnis Vieler beim Klick, beim nächsten „Gefällt mir“ so schnell, wie es geklickt ist.
    SO WIRD SICH NICHTS ÄNDERN. – Solange die politische Auseinandersetzung nicht immer wieder den Weg aus dem virtuellen Raum auf den öffentlichen Platz nimmt, bleibt es beim Alten. Und die positiven Möglichkeiten der digitalen Vernetzung verkommen zur virtuellen Spielwiese.
    Also klicken und „liken“ und dann raus in die Öffentlichkeit.
    Ob Demo oder Flashmob,
    ob Gewerkschaft oder Berufsverband,
    ob Stammtisch oder geordnete Parteiveranstaltung – aber raus aus der Schweigsamkeit und sich, der Pflege eine Stimme geben. Dazu braucht es kein Studium. JEDER und JEDE ist Experte, für das was er in der Pflege tut. Man muss sein Licht nicht unter den Scheffel stellen und man kann jederzeit auch ohne akademische Grade seinen Beitrag äussern.

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