Manchmal kann ich einfach nicht einschlafen.

Mir gehen Gedanken durch den Kopf, z.B. wie kann man es schaffen jemand völlig Dementen in seiner Angst alleine gelassen zu sein, zur Ruhe kommen zu lassen, wenn alle medikamentösen Mittel nichts bewirken?
Ist die Alternative wirklich das komplette sedieren,
damit der Mensch und seine Umgebung in Ruhe sein kann?
Hat man alle therapeutische und soziale, medizinische Mittel ausgeschöpft?
Wie gehe ich mit meiner totalen Genervtheit um und wie gehe ich mit den anderen Bewohnern um, die sich darüber beschweren, dass Frau Maier (frei erfundener Name) die ganze Zeit nach einer Schwester schreit, selbst wenn sie neben ihr steht und sie betreut?

Ich rase schwitzend den Kaffeewagen schiebend durch die Flure,
daran denkend, welche rationelle Arbeitsteilung heute am geeignetsten wäre,
um alles zu bewältigen und höre doch nur die ganze Zeit Frau Maier schreien.
Meine einzige Kollegin bis zum Abendessen, muss die Medikamente stellen und sich nach mehreren Wochen Abwesenheit durch Akten wühlen.

Es ist Nachmittag und ich bin mit 30 Bewohnern mehr oder weniger alleine. Meine Kollegin streut sich zwischen Medikamentennamen und Verordnungen in die Gruppe und kann 3 Bewohner aus der Mittagsruhe zum Kaffee trinken holen.Kaffee verteilen, anreichen, lagern, Inkontinenzversorgung, an Toilettengänge denkend, haste ich im Eiltempo durch die Station. Ich habe den Kaffeewagen mit dem Pflegewagen getauscht. Zwischendurch wird ein Scherz abgelassen und sehr freundlich gegrüßt. Die Bewohner können ja nicht dafür, dass uns Personal abgezogen wird, weil 5 Betten nicht belegt sind.

Frau Maier ist überall zu hören und mittlerweile einige andere Bewohner auch. Einige gehen wütend vor sich her schimpfend wieder auf ihr Zimmer, weil Frau Maier mittlerweile beleidigend geworden ist, weil sich keiner um sie kümmert. Sie haben jetzt ihr ‚Opfer‘ gefunden und fühlen sich wahrscheinlich selbst ziemlich gut dabei nicht so blöd zu sein, wie Frau Maier.
Tausend Fragen schieben sich immer wieder durch mein auf Hochtouren tickendes Hirn. Diese Fragen können jetzt nicht beantwortet werden. Erst müssen Bewohner versorgt werden, Kaffee verteilt werden, Kaffeetisch abgeräumt werden, Kaffeegeschirr zur Küche gefahren werden, Toilettengänge gemacht werden, gelagert werden, was- kann- Frau- Maier- gut- tun? geklärt werden.

Nach 2 Stunden Dauerlauf: Ich brauch einen Schluck Kaffee mit einem Glas Wasser auf ex. Schnell eine draußen rauchen, dann geht’s weiter im Galopp. Kurzgespräch mit Kollegin, die sich durch die Akten und Bewohnerlisten wühlt. Steno-Update der neue Bewohner. Ich rattere ihr in meiner Wut runter, warum ich sehr gerne 10 Minuten auf der Straße liege beim nächsten Flashmob und ich drohe ihr in meiner Wut, demnächst, wenn ich mich beruhigt habe, mich beim Chef zu beschweren, dass wir heute nur so wenig Personal sind. Und dass auch sie an dieser Misere Schuld ist als PFK, weil sie dazu nichts sagt, nur devot abnickt. Und ich sage ihr, dass der neue Kollege Unterstützung braucht und nicht auf ihm Rumgehacke.

Zum Abendessen kommt der verkürzte Spätdienst zur ‘Pflege‘. Jetzt zu dritt werden die Bewohner in die Betten gebracht und wir haben es mal wieder geschafft(?).

Ein letzter Blick auf den Dienstplan für nächsten Monat prophezeit, dass sich meine vertraglich vereinbarte garantierte Arbeitszeit fast verdoppelt hat, von 60 Stunden auf 110 Stunden, mal eben. Es ist Urlaubszeit für die kinderlosen Kollegen.

Hirn leer, das einzige was mir zu diesem Tag einfällt ist: Irrsinn.

Die unbeantworteten Fragen, die sich über den Nachmittag, während der Arbeitszeit aufgetürmt haben, sind leider noch da und drängen sich in meine Einschlafphase. Eine Frage ist: Wieviel bezahlt ein Bewohner und wieviel bleibt für die Pflege davon übrig? Eine weitere ist: Es sind 5 Betten leer, es fehlt für die Nachmittagsversorgung ein Pflegekraft. Wir haben 30 Bewohner, davon müssen (x)- Bewohner gelagert, (z)- Bewohner Essen angereicht bekommen. Wieviel Minuten (y) hat jeder Bewohner? Frage 3: Wieso gibt es keine Überlastungsanzeige, wenn Ausnahme Dauerzustand ist? Generell gibt es zu wenig Personal, weil 1 Pflegekraft für 12 Bewohner mit zeitintensiver Pflege nicht zu schaffen ist. Wie Gewissenlos ist eigentlich die Personal-Stundenkürzung wenn Betten frei sind? Kann ich es vertreten, wenn in Doku steht „mit 2 Pflegepersonen gelagert“, wenn Kollege gar nicht da ist zum Lagern? … Dann fällt mir ein, dass Frau Maier ja vielleicht mal Kartoffeln schälen könnte. Oder Handtücher sortieren, da sie ja fühlen kann, auch wenn sie wenig sieht. Mir fällt ein, dass man auf ihre Fragen generell mit kleinen Ablenkungen reagieren kann um sie aus ihrem ‚Loch‘ zu holen.

Deshalb kann ich manchmal nicht einschlafen.

2 Gedanken zu „Manchmal kann ich einfach nicht einschlafen.

  1. Pingback: Linktipps der Woche: Uniklinika mit Rekorddefiziten, mehr Bewegung durch Kinect, Gender Gesundheit & digitale Spielformen im Gesundheitswesen | Zukunft Gesundheitswesen

  2. RR

    Ich hatte auch so ein erlebnis, bin zwar Schüler, und das noch nicht lange, jedoch hat mich jenes schon etwas aufgeregt. Wir hatten einen Patienten, Demenz, Parkinson etc. pp. bei uns auf der Station, und ich habe mich meine ganze Schicht um ihn gekümmert, er sah morgens nach der Pflege aus wie geleckt und ich habe mich darum bemüht dass er genug isst, ihn Essen angereicht und seine Tabletten zur richtigen Zeit einnimmt. Und plötzlich rennt seine Mutter zur PDL und beschwerst sich, meint aber zur gleichen Zeit auf einer anderen Station dass er lange nicht mehr so gut gepflegt aussah. Das Problem ist in meinen Augen, dass die Tochter uns was vorwirft und wie haben nicht mal die Chance das vor ihr zu erklären, weil sie feige, wie sie ist, zur PDL gerannt ist. Der Mann hatte Laborwerte wie ein
    30-jähriger, und das mit fast 90. Finde ich schade dass sich da beschwert wird, und wir einfach so stehen gelassen werden, vor allem fühle ich mich angegriffen weil ich mich in der Frühschicht fast alleine drum gekümmert habe. Ich kann der Tochter auch mit guten Gewissen in die Augen sehen und sagen ich habe 120% gegeben.

    Ende vom Lied war auf jeden Fall, ich lag die ganze Nacht wach und habe darüber nachgedacht, am nächsten Tag war ich krank.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *