‚Mehr von uns ist besser für alle!‘

Seit über einer Woche wird an der Charité gestreikt.

Stille.
Stille.
Kein Rauschen im Schmierblätterwald.
Keine Nachrichtensendung.
Stille.

Man könnte glatt meinen wenn es noch stiller wird kann jeder die Trillerpfeifen und die Demozüge aus Berlin auch bald so durchs ganze Land hören.

GDL immenser Aufschrei in der Gesellschaft,
ebenso in Bezug auf den Kitastreik, und herrje, und sag bloss die Lufthansa hat auch nur angekündigt erneut zu streiken, da werden schon Spekulationen und Thesen aus dem Hut gezaubert was dann wohl passieren könnte: Urlaubszeit! Streik! Panik!
Sogar die Post bekommt nach 4 Wochen Streikdauer noch hier und da eine faule Tomate in Form von einem Zeitungsbericht an den Kopf geknallt.

Und in Sachen Pflegestreik?
‚In Berlin streiken seit letzter Woche die Pflegekräfte der Charité.‘
‚Echt?! Hab ich gar nicht mitbekommen.‘

Man sollte eigentlich meinen das Thema Pflege wäre bei zunehmendem Generationswandel umso wichtiger und erhaltungswerter, denn wer von uns wird denn in naher Zukunft noch Zeit oder Möglichkeit haben Grosseltern oder andere Familienmitglieder im Alter oder bei Gebrechen zu unterstützen? Vermutlich kaum einer. Wird professionelle Pflege für Menschen die nicht mit diesem Fachbereich in Zusammenhang geraten erst ’sichtbar‘ wenn man es erst kurz vor knapp am eigenen Körper erfährt?

Aber warum ist die mediale Resonanz so unglaublich gering.
Ist es gar von ganz oben -mit welchen Mitteln auch immer- gewollt
dass dieses Thema kaum spürbar in Massenmedien gelangt?
Beschäftigt sich der allgemeine Teil der Bevölkerung nicht damit
oder will sich sogar gar nicht damit auseinander setzten, da es sie offensichtlich nichts angeht? Ist dieses Verhalten nicht sehr blindäugig?
Oder darf man es sogar respektlos nennen, wenn Menschen wie jene an der Charité ihre Arbeit niederlegen und dafür kämpfen, damit jeder -auch alle Ignoranten- in Zukunft ein Maß an Pflege erhalten können. Und dabei ist es unrelevant ob es sich dabei um einen jungen Menschen handelt der nach einem Beinbruch nicht mehr ohne Hilfe auf die Toilette gehen kann, ein Mensch nach einem schweren Unfall im Koma liegt und ebenso in seinen Exkrementen, stundenlang, weil keiner von uns für ihn Zeit hat oder gar im schlimmsten Fall einfach sterben zu müssen, weil es nicht möglich ist sich auf einer unterbesetzten Station (Arzt wie Pflege) parallel um 2 Notfälle kümmern zu können.
Wie lange glauben Sie wohl dauert es bis einer Pflegekraft auffällt dass es einer Person schlecht geht oder diese sogar verstorben ist wenn sie Nachts mit einem(!) weiteren Kollegen die Verantwortung für über 60 Akutpatienten trägt?
Das sind nur ein paar Beispiele die darlegen was Pflegenot wirklich bedeutet.
Sie denken jetzt vielleicht: Das sind doch nur Einzelfälle.
Nein, es sind keine Einzelfälle sondern wir haben das Jahr 2015
und dieser Druck ist zum Leidwesen aller zu unserem Berufsalltag geworden.
Nach dem Dienst nach Hause gehen und sich schlecht fühlen oder gar unter der Arbeitsbelastung einfach körperlich oder psychisch zusammenzuklappen, kein Ausnahmezustand mehr. Im Gegenteil.

‚Macht alles nichts, ich bin privat versichert, mir passiert das nicht.‘
Ja es gibt Menschen die so etwas behaupten und denken.
An dem Punkt fange ich dann meist an zu lachen.
Tatsächlich, privat versichert?
Na dann müssen Sie sich keine Sorge um resistente Keime machen, denn gegen die sind Sie ja immun und ja, ihr Beinbruch heilt auch sicher schneller weil der Chefarzt Ihnen jeden Tag die Hand schüttelt.
Ich verdiene nicht an dem System Privat, weder bekomme ich am Ende des Monats Provision, noch komme ich schneller in den Himmel weil ich mehr Privatpatienten betreut habe, unterm Strich ist es mir pupenwurst, denn von mir (und ich schliesse alle meine Kollegen hier mal ganz frei ein) bekommt jeder Patient die Hilfe die er notwendig braucht, egal ob er eine AOK- oder in der VIP-Businessclass-Versicherungskarte in der Tasche hat. Ganz zu schweigen davon dass die Menschen zumeist nicht bekleidet vor uns liegen und wir wissen ja alle:
nackt sind wir irgendwie alle gleich.

Das Beispiel ‚Privat‘ ist nur eines von vielen, welches scheinbar zu dem Schluss kommen lässt, dass viele Personen sich dem Ausmaß Pflegenotstand oder dem jetzigen Streik gar nicht bewusst sind. Geschweige denn darüber im Bilde, was es eigentlich heisst Kranken- oder Altenpfleger zu sein und beruflich jeden Tag einen halben Marathon zu laufen um anderer Leute Lebensqualität zu erhalten.
Scheinbar müssen wir noch viel mehr Vorurteile aus der Welt schaffen und mehr Rückgrat aufbauen um endlich dafür Anerkennung zu bekommen was wir tatsächlich jeden Tag leisten und dass unser Berufsbereich nicht aus den Tätigkeiten ‚Handlanger‘ ‚Kaffeetrinker‘ ‚Servicekraft‘ besteht.

Wir sollten stolz sein. Auf uns,
auf die Menschen an der Charité die für uns alle mitkämpfen,
auf jeden der durch einen Eintrag hier etwas mehr Transparenz entstehen lässt,
auf jeden einzelnen von uns für das was wir täglich leisten
und auf jeden der sich endlich erhebt und sagt: Nein, so nicht!

2 Gedanken zu „‚Mehr von uns ist besser für alle!‘

  1. l.t.m

    „Ich bin aber privat versichert!“ Ja den Spruch habe ich auch gehört. Meine Antwort darauf: Deshalb kommt ja auch der Chefarzt täglich und schüttelt Ihnen die Hand, sie bekommen einen Bademantel gestellt und einen Obstteller, haben ein Zweibettzimmer mit WLAN und dürfen aus fünf statt aus drei Menüs auswählen.
    Das alles zahlt ihre private Krankenkasse – für bessere oder gar bevorzugte Pflege hingegen zahlt sie nicht.

    Ich versichere Ihnen aber, dass ich meine Arbeit nach Dringlichkeit sortiere – sollten sie also dringlich Hilfe brauchen werde ich Ihnen selbstverständlich auch unmittelbar zur Seite stehen, so wie jedem anderen Patienten auch (sofern ich es mitbekomme, denn wir sind verdammt noch mal zu wenige)

    Ganz so habe ich das nicht gesagt, aber gesagt habe ich es auch. So mancher Privatpatient ist da aus allen Wolken gefallen

    Antworten
  2. Pingback: Der #Pflegestreik. Mein Alltag und meine Lieblingstweets | Gedankensalat...

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