(M)ein Frühdienst auf Station XY

4:45 Uhr mein Wecker piept, ich war schon ein paar Minuten vorher wach – eigentlich brauche ich gar keinen Wecker, auch an meinen freienTagen werde ich automatisch wach. Aber heute habe ich nicht frei.
Die frühmorgendliche Lektüre der Tageszeitung verheisst nichts Gutes.
Detailveränderungen bei der Rente mit 67 – ich habe noch keine Krankenschwester gesehen, die mit über 60 Jahren auf Station arbeitet – zumindest nicht in der heutigen Zeit.
Meine Ex-Kollegin Sr. E. hat´s bis 61 geschafft – sozusagen „zwangsstillgelegt“ nach einem Schlaganfall und diversen Bandscheibenvorfällen, in einem arbeitsreichen Leben.
Bundesgesundheitsminister Rösler beschließt neue Reformen und Kürzungen im Gesundheitswesen und will die Berufe im Gesundheitssystem attraktiver machen – ein System, in dem auch ich nachher als kleines Rädchen agieren werde.
Ich bin schon etwas früher als 6.00 Uhr auf Station, man könnte die Nachtwache noch etwas unterstützen, wenn die Lage angespannt ist.
Glücklicherweise habe ich nur 5 Minuten Anreise zur Klinik – das spart Zeit und Kosten.
Die Nachtwache ist gut gestimmt, es war eine relativ ruhige Nacht – keine Patientenaufnahme, kein Sterbender, keine anderen Zwischenfälle, die einem die 9,5 Stunden Anwesenheit außer Plan bringen.
Wohlgemerkt, Nachtwache ist dies schon lange nicht mehr, mittlerweile ist dies Nachtarbeit und die beginnt um 21.00 Uhr und endet Morgens um 6.30 Uhr.
Die Zeiten, wo eine strümpfestrickende Nachtschwester nach 2 Stunden Arbeit fertig war, sind schon lange vorbei. Selbst der Nachtdienst ist minutiös verplant – und man glaubt kaum, wie schnell 9,5 Stunden zu Ende sein können.
Die Übergabe geht zügig voran und liegt im Zeitrahmen – kurz nach halb sieben fertig. Noch ein bißchen Zeit zu reden. Viertel vor sieben geht es los.
3 Mitarbeiter teilen sich die Station in 3 Bereiche. Diese Bereichspflege, welche seit mehren Jahren der traditionellen Funktionspflege vorgezogen wird, schafft durchaus Vorteile – mehr Verantwortung des einzelen Mitarbeiters für seine Patienten und allumfassende Informationen.
Einer muß jetzt die Blutzucker abnehmen – heute sind es 6 Patienten- für mich sind diese Blutabnahmen immer eine lästige Tätigkeit; die Menschen so früh aus dem Schlaf reissen, in den Finger pieksen und daran rumquetschen, um die Kapillarröhrchen zu befüllen.
Das Ergebnis kommt sowieso erst eine Stunde später -früher haben wird das mit dem Accuchek direkt auf Station gemacht – so wie es jeder Diabetiker zu hause auch tut.
Aufgrund einer seitenlangen Arbeitsanweisung müssen wir es nun so machen – dem Qualitätsmanagement sei Dank.
Gut – das ist ist fertig, die ganzen Proben ins Labor bringen.
Jeder beginnt nun in seinem Bereich mit der Routine. Vitalzeichenkontrollen, Medikamentenverteilungen, vorbereite Infusionen anhängen. Patienten, die einen Hilfebedarf bei der Körperpflege benötigen, unterstützen oder deren Grundpflege komplett übernehmen.
Das sind die sogenannten A3er-Patienten; Menschen mit erhöhtem pflegerischem Aufwand, die seit April diesen Jahres mit der PKMS, dem sogenannten Pflegekomplexmaßnahmen-Score, initiiert vom Deutschen Pflegerat, extra einkategorisiert werden sollen.
Dies solch zusätzliches Entgeld bei den Krankenkassen einforderbar machen – für mich bedeutet dies allerdings einen erhöhtenVerwaltungsaufwand, da ich dies auch extra dokumentieren muß, sowohl schriftlich, als auch im PC.
Ich habe heute in meinem Bereich zwei A3er-Patienten, also diejenigen, die überwiegende bzw. komplette Hilfe oder Übernahme der Grundpflege benötigen.
Die eine von ihnen ist hochgradig dement und lebt in ihrer eigenen Welt, zu allen Widrigkeiten ist sie auch noch isolationspflichtig, wegen einem resistenten Keim. Diese Isolation versteht die Frau, die sonst in einem Alten-und Pflegeheim lebt, natürlich nicht.
Ihre häufigen und ungeschützten Ausflüge auf den Stationsflur haben ihren Keim mit Sicherheit an jede Türklinke und Handlauf übertragen…
Auch liebt sie es, das Pflegepersonal oft zu berühren und zu streicheln, mit einem „Du, ich mag Dich!“ — halt ihre Art, Zuneigung zu zeigen.
Sie ist nun, aufgrund des langen Krankenhausaufenthaltes in das Stadium gekommen, wo der ungehemmte Umgang mit Fäkalien zu einer immer wiederkehrenden Beschäftigung wird – mit Entsetzen betrete ich an diesem Morgen um 7:05 Uhr ihr Zimmer, um sie tief schlafend, aber mit Kot beschmiert in ihrem Bett vorzufinden. Der Toilettenstul neben dem Bett ist ebenso beschmiert, wie Bett und Nachtschrank.
Ich bin viel gewohnt aus meiner früheren Zeit im Altenheim, das ist jetzt 23 Jahre her, aber sowas habe ich auch dort nicht oft gesehen.
Also gut, ich muß da durch, meine Schutzausrüstung habe ich an. Notdürftig säubere ich das Gröbste, wecke die Patientin, die eigentlich noch schlafen möchte, und überhaupt nicht weiß, wie das Malheur passiert ist. Ich führe eine Ganzkörperwäsche am Waschbecken durch, währenddessen höre ich das Rufsignal aus anderen Zimmern, glücklicherweise nicht in meinem Bereich – ich kann jetzt hier nicht weg!
Meine Patientin findet meine Hilfe bei der Körperreinigung sehr schön – „Du ich mag Dich, wie heißt´n Du?“. Sie möchte mich berühren, mit den Fingern unter deren Nägeln so viel….na ja, ich weiß, was es ist.
Wieder ein Klingeln, diesmal ist es das Telefon, welches ich unter meiner Schutzausrüstung in der Kasaktasche mit mir rumtrage.
Ja, dieses Stationstelefon, seit einigen Jahren als praktisches Handy – einer von uns dreien muß es bei sich haben.
Ich erinnere mich an die vergangenen Zeiten, wo es nur ein Telefon im Schwesternzimmer gab – das wurde tagsüber von einer Stationsassistentin bedient, die dem Pflegepersonal quasi damit den Rücken freihielt und Anrufe und Wünsche gezielt weiterleiten konnte. Ich muß mir jetzt schnell die kontaminierten Handschuhe abstreifen und dieses sicherlich wichtige Telefonat annehmen.
Es ist die MRT-Abteilung; Patient XY soll zur Untersuchung runterkommen. Ich sage zu der RTA, daß dies nur mit Transport möglich wäre. Sie darauf:“Das ist aber in der Anmeldung nicht angegeben!“ und sie rufe jetzt keinen Transport; wir müssen uns selbst kümmern, weil es sonst nicht läuft. Ich bedanke mich für ihre „Freundlichkeit“ und lege auf.
Toll — wer jetzt den Transportvermerk nicht gemacht hat, Arzt oder Schwester ist auch egal; wenn es heute nicht läuft, dann verzögert sich die Diagnostik weiter und dies hat zur Folge, daß die Liegezeit länger wir und die Kosten steigen und so weiter und so fort…
Okay, ich war mit meiner Fäkalienbeseitigung und Grundreinigung der Patientin fertig und verlasse den Schauplatz.
In ihrer monoton debilen Art ruft sie mir hinterher: „Danke – ich mag Dich!“
Jetzt zu meiner Kollegin, ihr sagen, daß ihr Patient zum MRT- und sie einen Transport organisieren muß. Gut macht sie.
Wieder zurück in meinem Bereich, neues Zimmer betreten. Alles von vorne. Hier wohnen Selbstversorger und eine Patientin, die nur etwas Hilfe am Waschbecken braucht; ich setze sie davor und weise sie an, daß sie das, was sie selbst kann, auch selbst machen soll.
Eigene Ressourcen fördern, Selbstpflegefähigkeiten erhalten und dies alles. Währenddessen immer wieder Klingelrufe anderer Patienten, ich muß das Zimmer mehrfach verlassen – das stört meine Arbeitsabläufe. Jetzt ist es kurz vor 8 Uhr.
Meine zweite Vollpflegepatientin schaffe ich jetzt nicht zu versorgen, der Zeitaufwand würde mit dem auszuteilenden Frühstück kollidieren.
Also werde ich sie nach dem Frühstück und meiner Pause versorgen. Kurz nach 8 Uhr – ich habe jetzt noch etwas Zeit, meine bisherigen Tätigkeiten zu dokumentieren und Leistungen abzuhaken.
Der Essenwagen kommt, meine Kolleginnen und ich sind „soweit auf Reihe“. Das heißt die Grundversorgung unserer Pflegebereiche, und der darin befindlichen Patienten ist abgeschlossen.
8:20 Uhr: Raum 36 klingelt. Hier findet die morgendliche Besprechung statt, in der es hauptsächlich um die Verteilung der Betten für die Neuaufnahme-Patienten geht. Dieses Treffen wird auch „Hauen und Stechen“ genannt, weil nämlich , beide Fachdisziplinen, um oftmals nicht vorhandene Bettplätze kämpfen. Es immer sehr interessant, wer als Gewinner hervorgeht. Auch heute sind wieder Patienten überzählig. Diese Planungen oder Fehlplanungen gibt es schon seit Jahren. In der Regel endet dies damit, daß die Gyn-Patienten auf Station XY ausweichen müssen.
Besonders beliebt beim Pflegepersonal sind die „Umschiebeaktionen“, wenn Patienten in andere Zimmer umziehen müssen. Man nennt es auch „Patientenroulette“. Dies ist mit hohem Arbeitsaufwand verbunden. Überbringer der Nachricht an den Patienten ist meistens der pflegerische Mitarbeiter. Man macht sich nicht unbedingt beliebt bei allen Patienten, gerade wenn diese im Laufe ihres Aufenthaltes schon mal am Roulette teilgenommen haben.
Wenn die Stimmung zwischen den ärztlichen Vertretern in der Frühbesprechung schon schlecht ist, zieht sich das oft den ganzen Tag über hin, dies merken sowohl alle Mitarbeiter, als auch Patienten. Onkologische Patienten sind sehr feinfühlig und immer gut informiert.
Zurück zur Essenverteilung.Wir machen das zu dritt, so geht es schneller. Früher gab es eine Kollegin, die arbeitete nur von 8-12 Uhr und verteilte das Frühstück; sogar eine Zwischenmahlzeit wurde gereicht. Diese Kollegin gibt es schon lange nicht mehr – sie hat studiert und ist jetzt Studienrätin, und erzählt jetzt sicher ihren Grundschülern von der aufegenden Arbeit als Krankenschwester in ihrem ersten Berufsleben.
Frühstück ist verteilt, ich muß meinen A3-Patienten das Essen anreichen, weil dies nicht eigenständig möglich ist.
Zwischendurch klingelt immer wiede das Telefon. Glücklicherweise habe ich´s nicht bei mir; man könnte es doch mal ignorieren, so wie es andere Abteilungen auch machen…
Überhaupt dieses Telefon; von 10 Anrufen sind mindestens 5 für den ärztlichen Bereich bestimmt. Ich denke dann immer: komisch, die haben alle ein eigenes Zimmer mit Telefon und Pieperanlage; warum muß eigentlich das Pflegepersonal ständig nach den Ärzten suchen? Habe ich deswegen vor 20 Jahren meine Krankenpflegeausbildung an einer Uniklinik absolviert, wo meine Ausbildungsstätte „Schule für medizinische Hilfsberufe“ hieß? Also bin ich der Helfer vom Arzt, in diesem Fall der Telefonboy vom Dienst.
Für mich hat noch nie ein Arzt ein Telefonat angenommen oder an mich vermittelt. Im privaten Bereich habe ich mittlerweile schon gar keine Lust mehr zu telefonieren und ich schätze die Ruhe zuhause — ohne Klingelei.
Nach dem Abräumen der Frühstückstabletts, ist unsere eigene Pause an der Reihe, nach 3 – 3,5 Stunden körperlicher Arbeit ist dies wichtig, um neue Energien zu tanken. Gestört wird diese Pause durch Klingelrufe der Patienten oder das Telefon; das ist normal und auch unabänderlich, kollegial geht jeder reihum zur Klingel.
Information von einer Ärztin, daß sie heute Morgen unbedingt eine Pleurapunktion bei einer Patientin in meinem Bereich durchführen muß.
Okay, denke ich mir, daß wird 90 % sowieso nichts heute Morgen, eher wohl gegen Abend, dann sofort und schnell und im bekannten Befehlston — der Spätdienst wird das Erbe dieser Tätigkeit antreten, mit Sicherheit dann , wenn es nicht in den Arbeitsablauf passt. Nach der Pause geht jeder Mitarbeiter in seinen Bereich und beginnt mit der Behandlungspflege; Verbände und Verordnungen am Patienten durchführen, dabei auch etwas Smalltalk führen. Onkologische Patienten haben soviel Redebedarf….
Ich habe noch die Ganzkörperwaschung meiner einen Patientin vor mir. Ich packe mein benötigtes Pflegematerial, da auch sie in einem Isozimmer liegt.
Vorher schaue ich noch zu meiner dementen Patientin, die in ihrem Zimmer steht, sich den Pflasterverband von der recht frischen Port-OP-Wunde abgezogen hat und mit bloßen Fingern auf der Naht rumfummelt, mit den Fingern, die schon wieder ganz braun sind….
Hier ist rasches Handeln angesagt. Wunde schnell desinfzieren und steril abdecken und irgendwie so verkleben, daß jegliche Versuche, den Verband eigenmächtig zu entfernen, scheitern.
Die Patientin findet mein Engagement toll:“ Du ich mag Dich!“ – „Ja, ich sie auch, aber nicht wenn sie hier so ´ne Faxen machen.“ – „Da kann ich mich dran erinnern“.
Ich überlege, ob diese Patientin nicht ein Fall für die geriatrische Abteilung wäre…
Jetzt aber zu der Patientin mit der Ganzkörperwäsche; es ist viertel vor 11, die Zeit sitzt mir jetzt im Nacken…bei der Punktion soll ich auch noch assistieren…
Telefon – für mich!
Eine sichtlich betroffene Kollegin teilt mir mit, daß sie erkrankt ist und morgen nicht zum Frühdienst erscheinen kann und darüberhinaus für 4 Tage ausfällt. Auch das noch! Früher konnte man solche Personalausfälle leichter kompensieren, heute ist mit spitzem Stift geplant.
Wieder jemand krank, das wird unsere Krankheitsstatistik weiter nach oben treiben. Vor ein paar Tagen hat mir mein Pflegedienstleiter eine Aufstellung gezeigt, die mich sehr beunruhigt hat.
Im Jahre 2007 lag die Krankheitsrate bei knapp 6 %, also 1,5 %-Punkte unter Krankenhausdurchschnitt. Im Jahre 2010 liegt die Krankheitsrate bei 16,5 %.Wir haben Ursachenforschung betrieben, aber eine klare Antwort gibt es nicht.
Nachdem ich nun meine Patientin im „Schnellwaschverfahren“ grundgepflegt habe, und die anderen Patienten mit Behandlungspflege versorgt sind, ist es kurz vor 12 Uhr – gleich kommt schon wieder das Mittagessen. Ich muß mich jetzt um eine Aushilfe kümmern, für Morgen.
Bei der PDL brauche ich gar nicht nachfragen, die sucht schon für andere Stationen nach Ersatz. Also muß ich aus den eigenen Reihen rekrutieren.
Das ist immer eine unangenehme Aufgabe.
Vor Jahren gab es mal eine Verdi-Kampagne: „Mein FREI gehört mir!“
Morgen wird das Frei einer Mitrabeiterin dem Betrieb gehören, sofern ich jemanden finde, der einspringt. – Da kann ich mich aber immer auf meine Mitarbeiterinnen verlassen, der Einsatzwille ist enorm. Es hat geklappt, der Dienst für Morgen ist abgedeckt.
Ich habe jetzt etwas Zeit; bitte meine beiden Kolleginnen mit der Verteilung des Mittagessens zu zweit, um etwas Organisatorisches abzuarbeiten.
An die PC´s kann ich momentan nicht ran, der eine wird von einer ärztlichen Vertreterin benutzt und der andere von der Psychoonkologin in Beschlag genommen.
Demnächst gehe ich in das Arztzimmer, da gibt es auf 12 qm gleich 3 PC´s, von denen 2 bestimmt nicht in Benutzung sind.
Ich könnte jetzt ein bißchen am Dienstplan für den nächsten Monat feilen. Die Hauptplanung mache ich sowieso immer zu Hause (wie so viele meiner Stationsleitungskollegen), weil ich dort mehr Zeit und Ruhe habe. Ich ergattere einen PC und verschiebe die Dienstplanung auf einen anderen Tag, weil ich die besagte Zeit und Ruhe hier nicht habe, und dann mache ich Fehler.
Ich checke die eingegangenen Stations-E-Mails.
Neben dem erneuten Aufruf zur alljährlichen gemeinsamen Weihnachtsfeier, u.a. wieder drei neue Arbeitsanweisungen, so wie fast täglich. Mich beschleicht der Verdacht, daß die in der Abteilung Qualitätsmanagement für jede neue Arbeitsanweisung eine Prämie bekommen. Sind die echt der Meinung, das sich das jeder Mitarbeiter durchliest? Besonders spannend und sinnreich finde ich die „AA-UP-601-INFO-010-„Befüllung und Leerung des Patiententelefon-Automaten“. Ich glaube es gibt demnächst noch eine Arbeitsanweisung „Verhaltensmaßnahmen und hygienische Nachbereitung der Mitarbeiter beim persönlichen Toilettengang“
So, jetzt den beiden Kolleginnen beim Einsammmeln der Essenstabletts helfen und dann haben wir bis zur Übergabe an den Spätdienst noch etwas Zeit zum Dokumentieren unserer Maßnahmen und Versorgungen und die Vorbereitung des Nachmittagskaffees, sowie der 15-Uhr-Gabe für den Spätdienst….und dann war da noch die dringend notwendige Pleurapunktion meiner Patientin…
Zwischendurch noch ein Anruf in der Werkstatt, die Fernsehanlage in Zimmer 03 funktioniert mal wieder nicht – wie mindestens 1 x wöchentlich.
„Ob es sehr dringend wäre?“ – der zuständige TV-Mensch ist jetzt im Klinikum-Neubau.“ wird uns gesagt.
Ich sage ketzerisch: „Offensichtlich baut er dort die gleiche insuffiziente Anlage ein; und wir versorgen die Patienten immer noch im Altbau und hier haut die Technik jetzt nicht hin!“
Ich werde nicht versuchen, die Fernseher in Gang zu setzen. Ich bin von Beruf Krankenpfleger und kein Monteur – ich habe schon damals- weil Gefahr im Verzug war- blank liegende Stromkabel in Patientenzimmern abisoliert…
Kurz vor halb 2 trifft die Spätdienstmannschaft ein.
Ich dränge auf pünktlichen Übergabebeginn, denn drei Bereiche sollen von drei Mitarbeitern in einer halben Stunde erzählt sein.
Das bedeutet, man hat für jeden seiner 8 Patienten nur knapp über eine Minute Berichtzeit, wenn alles zum Dienstschluß
um 14.00 Uhr fertig sein soll.
Da uns immer wieder schlechte Informationsübermittlung vorgeworfen wird, muß man sich anstrengen, um allen und jedem gerecht zu werden.
Die Zeit hat nicht gereicht bis 14.00 Uhr. Ende der Übergabe ist 14.10 Uhr, schon wieder 10 Minuten länger; aufs Jahr gerechnet kommen da nochmals ein paar Tage Überstunden zusammen.
Mit dem Gefühl, bestimmt 5 wichtige Dinge vergessen zu haben, die ich noch hätte machen wollen, beende ich meinen Dienst.
Jetzt muß ich mich beeilen, denn um halb 3 muß ich selbst zum Arzt, der freut sich immer mich zusehen, weil er selbst mal Oberarzt in diesem Krankenhaus war.
Ich gehe zu ihm, wegen der ab und an auftretenden Stiche in meiner linken Brustseite – es beunruhigt mich dann doch schon mal – aber- das ist sicherlich nur eine intercostale Neuralgie.
Ansonsten wiege ich mich auf meiner Arbeitsstelle in Sicherheit; bin ja immer direkt vor Ort – wenn mir mal passieren sollte!

Ich liebe meinen Beruf – eigentlich!

FAZIT:
Ich sehe meinen Beruf als Berufung an. nicht als Job – wie vielleicht andere.
Ich engagiere mich, manchmal über meinen Wirkungskreis hinaus, für dieses und jenes.
Ich versuche Desorganisation zu vermeiden und Fehlerquellen aufzudecken, auch wenn ich manchmal von anderen Stellen als unbequemer Querulant und Nörgler angesehen werde.
Ich habe in den 17 Jahren Betriebszugehörigkeit gelernt, mit vielen Missständen leben zu müssen und manchmal auch besser den Mund zu halten.
Ich kämpfe gegen Ungerechtigkeiten, schlechte Stimmungsmache und den schalen Beigeschmack , den die Arbeit in der Onkologie mit sich bringt.
Meine Kolleginnen und ich möchten für unsere Pflegearbeit hier kein Mitleid oder Bedauern, daß wir hier tätig sind – wird könnten auch woanders arbeiten.
Niemand wird gezwungen hierzubleiben
Wir sind ein gutes Team – denn wir lieben unseren Beruf!

Obigen Tatsachenbericht habe ich im Jahre 2010 verfasst
und im Rahmen einer Supervision vorgetragen.
Mittlerweile arbeiten wir in einem modernen Neubau. Die Station ist von ehemals 24 Betten auf 42 angewachsen- die werden jetzt (im Idealfall) von 4 MA versorgt. Die Arbeit hat sich verdichtet und die Krankheitsrate ist weiterhin hoch. Die MA geben offen zu, sich „Auszeiten“ in Form von AU-Bescheinigungen zu nehmen.
Dies ist auch dem Betriebsarzt bekannt.

„Ich liebe meinen Beruf – eigentlich!“

2 Gedanken zu „(M)ein Frühdienst auf Station XY

  1. l.t.m.

    Das erschreckende ist, dass man bei solchen Beschreibungen immer denkt, schlimmer geht nimmer… und es geht doch – wie im Fazit beschrieben, kann man die Frequenz des Telefonklingenls noch locker verdoppeln in dem man zwei Bereiche zusammenlegt… man spart dann eine Leitungskraft, die in den meisten Fällen nicht mehr ist als jemand der das Chaos verwaltet und im Zweifelsfall der Schuldige ist.

    Wir müssen aufhören zu kompensieren- denn wir schaden den Patienten dadurch mehr, wenn wir dauerhaft noch mehr Mangel verwalten – mehr als wenn wir zuhause bleiben und frei im frei haben und dadurch endlich erreichen, dass sich etwas ändert, weil die potentielle Patientengefärhdung durch die systematische Vorenthaltung von Pflege für andere offensichtlich und unleugbar wird.

    Eigentlich muss man dafür nur die Verantwortung für die Menschen zurückgeben, dann wenn man sie nicht hat (im Frei) – sich die Verantwortung für sich selbst wieder nehmen und sich im Frei erholen und dadurch selbst gesünder bleiben und weniger krank werden. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Pflege dich selbst so wie du deinen nächsten pflegen würdest im übertragenen Sinne.

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  2. mvs

    So ähnlich kenne ich es auch nur zu gut. Ich habe aus dem Text heraus gelesen, dass es sich um eine onkologische Station handelt. Ich selbst arbeite ebenfalls auf einer pädiatrischen Onkologie – zusammengelegt mit der Neuropädiatire. Weg möchte ich da auch auf keinen Fall, ich liebe meinen Beruf, die Arbeit mit den Kindern. Aber die Bedingungen werden uns immer mehr erschwert…
    Im FD sind wir oft nur noch zu dritt, manchmal gibt es noch eine 4. Schwester für die Technik, d.h. Blutabnahmen, Punktionen u.ä. Die Bereichspflege gibt es aber bei uns genauso. Allerdings sind die aufwändigeren Patienten dann eher die jüngsten. ;) Platz haben wir für ca. 23 Patienten. Um manche Kinder muss man sich aber auch etwas mehr kümmern muss, da kein Besuch kommt, Babys gefüttert werden müssen und Kinder nicht wie Erwachsene viele i.v. Medikamente gespritzt sondern als Kurzinfusion erhalten und man eine Spritze nach der anderen anhängt… Dann das ewige Telefonklingeln, viele Direktzugänge über den Tag verteilt, viele Ärzte, die die Suppe versalzen und manchmal selber nicht wissen, was sie wollen. Von Chemotherapie und Transfusionen fange ich gar nicht erst an. Und über Dienstärzte, die erst seit ein paar Wochen am Haus sind und noch nicht einmal alle Stationen abgegrast haben, kann man auch noch eigene Romane erzählen… Ich habe momentan eigentlich große Hoffnung auf die Initiative, dass Krankenhäuser mit mehr Persona auch mehr Geld bekommen sollen. Find ich ne super Lösung!

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