Menschliche Fehler.

Ich habe heute vor lauter Stress einem Patienten ein falsches Medikament gegeben.
Fragt nicht wie ich mich fühle.

Ich bin wirklich überrascht,
dass mir das in den letzten 15 Jahren nicht einmal wissentlich passiert ist.
Was mich irgendwie etwas stolz macht, aber auch in gleichem Zuge zeigt was mein persönliches Problem in dem System ist.
Fehler macht jeder! Menschlich! Kann jedem mal passieren!
Ja, dem ist so, aber es wäre ein Fehler gewesen der vermeidbar gewesen wäre, wenn wir nicht Op Zahlen durchdrücken würden die man nicht ableisten kann, Kollegen einspart und immer alles Höher! Schneller! Weiter! sein muss.
Sich selbst einen Fehler einzugestehen ist schon schwer genug.
Es war kein komplett falsches Medikament, es war lediglich ‘nur’ die Dosierung.
Das was mir wirklich Sorgen macht, ist dass es mir gar nicht aufgefallen wäre, wenn es nicht eine Tablette gewesen wäre die unters Betäubungsmittelgesetz fällt, dokumentiert werden muss und am Ende der Schicht nochmals der Bestand kontrolliert wird.
Leute machen da Witze drüber wie Hoffentlich hatte der Patient einen guten Trip…etc.
Aber wenn man überlegt wie viele Medikament ich am Tag in der Hand habe oder vorbereite, egal ob per os oder zur intravenösen Verabreichung, kann das halt auch ganz schnell nicht mehr lustig sein.
Gäbe es diese ständige Überlastungsspitzen nicht und könnte ich meinen Job mit der Zeit ausführen die ich brauche und die dafür notwendig ist, würde mir das nicht passieren.
Und ich möchte auch nicht dass sowas mit meinen Angehörigen passiert.
Punkt.

Wenn man sich selbst reflektiert, so wie ich heute, einen Tag später, und sich selbst fragt was man ändern muss damit einem so etwas nicht wieder passiert, gibt es exakt nur eine Antwort: kündigen und versuchen dem System zu entfliehen.
Ich habe diesen Job nicht gelernt um mich ständig selbst in Frage zu stellen oder anderen Menschen Leid zuzufügen, weil man mir durch immer mehr Arbeitsdruck die Möglichkeiten nimmt und mich dazu zwingt meine eigene Ethik über den Haufen zu werfen.
Ich mag meinen Job und es ist sogar der richtige für mich, weil ich ihn gerne mache und weil mir Patienten -so wie im gestrigen Dienst trotz allem Stress- aufzeigen -mit Worten oder Gesten- dass wir wichtig sind.
Vor einiger Zeit dachte ich es sei der Druck von oben der mich einknicken lässt, der Zeitmangel, das ewige über 8 Stunden auf 180% Prozent zu laufen um auch ja alles zu schaffen, aber mittlerweile und das kommuniziere ich auch offen gegenüber Kollegen, ist es mehr das Problem dass ich das alles nicht mehr moralisch vertreten kann was passiert.
Mit mir selbst krieg ich das nicht auf die Kette, Fehler zu machen ist menschlich, ja, aber ständig Fehler zu sehen die mit einfachsten Mitteln vermeidbar wären und den Berufskodex in Frage stellen nicht!
Ja, Fehler sind menschlich, aber wo in diesem System werde ich oder der Patient noch als Mensch angesehen?

Das ist alles so lange Mach dir keinen Kopf drum, bis wirklich mal etwas richtig schlimmes passiert. Und da würde ich gerne sehen ob Menschen die larifari so etwas sagen -und sich nicht im entferntesten vorstellen können was es bedeutet so einen 8 Stunden Dienst im Krankenhaus abzuleisten- Nachts noch schlafen könnten wenn sie in der Lage wären und einem anderen Menschen (wissentlich) Schaden zugefügt haben.
Das System ist so, gewöhn dich dran. Besser wirds nicht.
Ich habe meinen Job sicher nicht ergriffen um tagtäglich russisch Roulette zu spielen und schon gar nicht auf der Grundlage dass es rentabel ist jeden Patienten auf den Op Tisch zu ziehen wenn er nicht rechtzeitig bei 3 auf dem Baum ist. Und schon gar nicht, weil irgendwelche Chirurgen Provision pro Op bekommen, während die Pflege weinend in der Ecke zusammenbricht und eine weisse Fahne schwingt. Nein, nein, nein!
Denn am Ende ist es mein Fehler und das kann man sich nicht schön reden wie man will.

3 Gedanken zu „Menschliche Fehler.

  1. Anonymer Pfleger

    Hallo, die Folgen der Überbelastung sind auch bei uns zu spüren. Erst neulich wollte ich eine Infusion anhängen, die mir fertig von der Frühschicht auf den Wagen gestellt wurde, nur um dann beim anhängen zu bemerken, dass das System gar nicht entlüftet war. Zu dem Zeitpunkt war die Infusion schon konnektiert, aber zum Glück noch nicht geöffnet worden.
    Ich war sehr erschrocken, aber ich kann den Kollegen keinen Vorwurf machen.

    Lg
    ein anonymer Pfleger

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  2. syrabo

    Vielen Dank für den Beitrag – Medikamentenfehler können schnell passieren und bilden jährlich eine hohe Zahl an Todesopfer.

    Wenn die Arbeitsbedingungen so heftig sind, so liegt es in der Verantwortung der Pflegefachkraft auch zu prüfen, ob es andere Arbeitgeber gibt mit Arbeitsbedingungen, die ich brauche / suche. Sicherlich ist es eine Frage des Lohns den Arbeitsplatz zu wechseln, doch wenn „kritisierte“ Arbeitsplätze trotz des Pflegenotstandes besetzt bleiben ist der Lohn (=Schmerzensgeld) doch auf passender Höhe.

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  3. Noa

    Schlimm, was du da beschreibst, dieser Druck.
    Er ist nicht typisch fuer Deutschland, sondern fuer unsere Zeit. Ich lebe in Israel seit 2009 und 1. bin ich selbst schon stationaer gewesen, nach einer Herz-OP, 2. habe ich in meinem Beruf als Soz.arb.in sehr viel mit alten Menschen zu tun, ich arbeite im Altenbereich, sehe viele Altenheime und auch da straeuben sich mir die Haare, wie Menschen „abgefertigt“ werden.
    Ich weiss nicht, wie das Ganze weitergehen wird, jedenfalls, wie du schon schreibst :Besser wird es nicht.
    Das fuerchte ich auch.
    Es ist schlimm, wie wenig man daran denkt, dass jeder von uns alt / krank werden kann alt sowieso, und evtl. auch hilfebeduerftig.
    Was kann man tun?
    Noa

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