Muss einfach mal raus.

6.00 Uhr:
Der Tag fängt schon gut an. Ein Kollege hat sich krank gemeldet.
Bin jetzt mit einer Kollegin und einer Schülerin allein auf Station.
Ich frage nach Ersatz..hätte ich mir auch sparen könne. Originalzitat : „ habe Niemanden..muss auch so gehen..das schafft ihr schon…“
Und das heute…sieben OP`s, sechs Neuaufnahmen, sechs Entlassungen und die übliche Stationsarbeit. Wir legen los.

8.00 Uhr:
Die erste Aufnahme trudelt ein. Herr K…sein Zimmer ist noch nicht fertig. Ich schicke ihn in die Sitzecke. Im Weggehen schimpft er leise vor sich hin…höre was von „scheiß Organisation – hatte doch einen Termin- Unverschämtheit“. Wenn er wüsste, dass sein Zimmer erst gegen 12.00 Uhr fertig werden wird..oh je.

9.00 Uhr:
Habe Hunger, aber keine Zeit zu Essen. Ein Apfel auf die Schnelle muss es heute auch tun. Und immer das Telefon…kannste mal eben…machste mal eben..bringste mal eben…
Wo ist nur die Zeit geblieben ? Ist noch so viel zu erledigen. Vieles wird heute einfach liegen bleiben..geht heute nicht anders.

9.30 Uhr:
Der Hit und Satz des Tages.
Hole Herrn M. aus dem OP. Kleiner Eingriff. Vollnarkose..Circumcision nach Phimose. (Vorhautverengung/Entfernung der Vorhaut)
Herr M. hat kaum die Augen auf und WILL sofort was zu trinken haben, versuche ihm zu erklären, dass das so kurz nach der Narkose noch nicht möglich sei, wegen der Gefahr des Erbrechens..Aspiration u.s.w … Herr M. ist uneinsichtig und schimpft.
Gehe aus dem Zimmer. Dieses Spiel wiederholt sich in der nächste halben Stunde im fünf Minuten Takt. Habe die Schnauze voll..bringe ihm einen Becher Tee und gleichzeitig eine Nierenschale ans Bett. Bitte ihn um kleine Schlucke, in der Hoffnung, dass er nicht erbricht.
Na, hätte ich mir auch denken können. Herr M. trinkt den Tee auf Ex…
Fünf Minuten später klingelt er.. hat das halbe Zimmer vollgekotzt.
Ich frage ihn, warum er die Nierenschale nicht benutzt habe ?
Die Antwort …“war mir zu weit weg. Das können sie doch auch wegmachen. Dafür werden sie ja auch bezahlt“…und lacht dabei.
Mir fehlen in diesem Moment einfach die Worte. Beim Verlassen des Zimmers denke ich nur noch „ Was für ein Oberarschloch“.

12.00 Uhr:
Die letzten Patienten kommen zu Aufnahme…und immer das Telefon ! Und immer den Satz von Herrn M. im Kopf…
Gehe an der Sitzecke vorbei…finde dort eine Sexzeitung und mir kommt ein „böser Gedanke“ in den Sinn.
Kannste doch mal Herrn M. aufs Zimmer bringen, in der Hoffnung, das er durch das Anschauen der Bilder ein „Mords-Erektion“ bekommen würde…käme sicher gut nach dieser OP. Na ja…halt nur ein Gedanke..der hat aber gut getan.

15.00 Uhr:
Bin endlich daheim. Frust…könnte mal ein Raummeter Holz hacken, um runter zu kommen. Habe aber weder einen Ofen noch das entsprechende Holz, also leg ich mich aufs Ohr, stelle das Telefon ab und denke noch an Herrn M. und die Erektion… muss lachen.. das erste Mal an diesem Tag.

Sie fragen sich sicher, warum macht der das, warum sucht er sich nicht einen anderen Job??
Die Frage habe ich mir auch oft gestellt, aber ich mache es:
….weil ich die Arbeit -trotz aller Widrigkeiten u. trotz Menschen wie Herrn M.- liebe.
….wei die meisten Patienten die Worte DANK und BITTE noch nicht vergessen haben und meine Arbeit wertschätzen.
….weil die meisten Patienten Dankbar für meine geleistete Arbeit sind.
….weil ich die Hoffnung nicht aufgeben und auch nicht aufgeben werde, dass sich im Gesundheitswesen auch mal was zum Besseren wendet.
….weil ich tolle Kollegen/innen habe.
P.S. Die Schülerin im 2.Ausbildungsjahr war übrigens super. Hut ab für die tolle Hilfe !!!

Wie gesagt, musste einfach mal raus.

2 Gedanken zu „Muss einfach mal raus.

  1. a.nurse

    Der ganz normale Wahnsinn auf einer operativen Station und leider kein Einzelfall…
    Für diese ganzen Herr M.`s habe ich mir mittlerweile zwei Ohren angeschafft, denn das Klischee der Pflege = Putzkraft ist aus vielen Köpfen nicht rauszubekommen… Dazu braucht es noch viel Zeit, denn zur Zeit der Florence Nightingale war Der Beruf der Krankenschwester eher verrufen und die Verlierer der Gesellschaft haben diesen ausgeführt…

    Nichtsdestotrotz hast du recht, wir tun es für jedes einzelne Danke, für jedes Lächeln, für jede Geste in der wir spüren einem Menschen etwas Gutes getan zu haben…

    Und die Politik sollte diese Pflegekräfte schätzen, die ihren Beruf als Berufung sehen… Denn ohne sie wären einige Krankenhäuser, Pflegeheime und auch Pflegedienste dem Untergang geweiht und man könnte sich die Pflegeversicherung in die Haare schmieren….

    Danke, dass es unsere Berufung ist und durch uns das System funktioniert….

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  2. Krankenschwester

    Genau….und sowas gibt es überall….Überstunden, Doppeldienste, miserable Bezahlung, Beruf ohne Würde….und alle schauen einfach nur weg….die Tatsache, dass wir jeden Tag mit einem Fuss im Gefängnis stehen….interessiert niemanden….für Empathie bleibt uns leider keine Zeit in diesem Wahnsinn…im nächsten Leben möchte ich mit 100% Sicherheit keine Krankenschwester sein….nach 30 Jahren im Beruf frage ich mich, ob ich auch mit 60 Jahren das Tempo und die Verantwortung noch schaffe….und ich liebte diesen Beruf! Als mein Sohn diesen Beruf ergreifen wollte, redete ich ihm das aus mit Worten: „Mit diesem diesem Beruf gibst du sehr viel von dir, kennst keine Regelmäßigkeit, dein Schlaf rhytmus wird mit den Jahren komplett kaputt, kein Feiertag, kein Ansehen, du brennst früher oder später aus…und…von deinem Lohn kannst du definitif keine Familie als Mann ernähren“….Ich gib mein Kind diesem Wahnsinn nicht frei!

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