Nachtdienst und (m)ein gesundheitlicher Aspekt.

Zur Winterzeit setzt mir das besonders zu. Stets habe ich das Gefühl ich lebe nur in der Dunkelheit. Die Dunkelheit macht mich mürbe. Körperlich und kopftechnisch.
Ich stehe auf wenn andere gerade Richtung Feierabend hinarbeiten, beginne dann
meine Arbeit wenn andere abschalten und läute den Feierabend ein
wenn andere sich gerade aus dem Bett quälen.
Ich habe überwiegend mit weniger Menschen außer meinen Kollegen Kontakt.
Seltener sogar mit meinem Partner, da er meist erst dann heimkommt, wenn ich schon auf dem Weg zur Arbeitsstelle bin.

In der Dunkelheit bekommt mein Körper das natürliche, hormonelle Signal zu schlafen und ich muss das Gegenteil tun und dagegen ankämpfen. Ich esse spätestens Nachts um 01:00 Uhr da mir alles danach gewiss Bauchschmerzen bereitet.
Ich nehme nach 04:00 Uhr kaum noch Flüssigkeit zu mir, da ich mir sonst sicher sein kann spätestens nach einer Stunde Schlaf am Vormittag von einer vollen Blase geweckt zu werden.
Generell ist Tagesschlaf nicht vergleichbar erholsam mit dem zur Nachtzeit, egal ob es im Winter düster bleibt oder noch schlimmer im Sommer die Sonne scheint. Ich fühle mich nach 8 Stunden Tagesschlaf nicht selten wie nach 4 zu kurzen Stunden die ich Nachts schlief. Der ganze Biorhythmus stellt sich um. Plötzlich muss der Magen Nachts um 02:00 Uhr Mahlzeiten verdauen, mein Gehirn welches nach Schlaf schreit muss sich noch konzentrieren. Nur weil Nachts scheinbar alles schläft laufen Beatmungsmaschinen weiter, Medikamente in korrekter Dosis müssen verabreicht werden und man muss jede Sekunde bereit sein in einer Notfallsituation adäquat zu handeln.
Das erste was wir in der Ausbildung lernen sind die ‚Aktivitäten des Lebens‘,
sprich kurz, die Dinge die uns Gesunderhalten und unsere Menschlichkeit verwirklichen.
Nachtdienst hebelt alles aus: Nahrungsaufnahme, gesunde Erholungszeit und nicht zu vernachlässigen Darmtätigkeiten.
Früher während der Ausbildungszeit, sowie noch einige Zeit danach, habe ich im Monat zwischen 5 und 7 Nachtschichten am Stück gemacht. Heute frage ich mich wie das überhaupt geschafft habe. Nach 6 Jahren weiss ich bereits nach 3 Diensten nicht mehr wo mir der Kopf steht. Ich mache 4 Nächte im Monat habe 3 Tage frei und muss dann wieder um 04:30 Uhr aufstehen. Wenn ich schon so oft durcheinander komme, kann ich meinen Darm verstehen, der manchmal nicht mehr weiss wann er sich zuletzt entleert hat geschweige denn wenn er noch weiss wann die richtige Uhrzeit dafür ist.
Gefühlt wird das mit zunehmender Zeit immer schlimmer. Mittlerweile bin ich im Sommer neidisch weil andere Abends grillen gehen und im Winter fühle ich mich niedergeschlagen weil ich gefühlt nie Tageslicht mitbekomme.

Letztens fragte mich ein Bekannter, der beruflich weit abseits der Pflege sein Geld verdient ob ich in dieser Woche Zeit für einen Kaffee Mittags mit ihm hätte, ich antwortete mit:
‚Geht leider nicht, habe Nachtdienst.‘
Seine Antwort war: ‚Cool dann haste ja den ganzen Tag Zeit.‘

Mein Körper benötigt mindestens einen Tag um sich auf normale, menschliche Zeiten zurückzustellen. Ich zwinge ihn ab und an dazu in dem ich einfach 24 Stunden wach bleibe oder ihn mit nur 2 Stunden Schlaf quäle.
Der Tag nach dem Nachtdienst der offiziell als frei im Dienstplan steht verbringe ich meist damit wie ein Zombie durch die Welt zu wanken.
Und dann geht alles wieder von vorne los: Dienst bis 22:00 Uhr, morgen Dienst ab 06:00 Uhr Morgens und den folgenden Tag wieder die Nacht zum Tage machen.
Zu oft wache ich in letzte Zeit Nachts um 03:00 Uhr auf weil mein Körper scheinbar plötzlich wissen will in welcher Zeitzone wir uns gerade befinden.
Nachtdienst ist ein bisschen vergleichbar mit:
ich habe das Gefühl ich fliege einmal im Monat nach Amerika und
und weiss nichtmal an welchem Wochentag ich es tue.

Gesundheit ist das was wir für andere erreichen wollen während wir die eigene aufgeben.

2 Gedanken zu „Nachtdienst und (m)ein gesundheitlicher Aspekt.

  1. Jeanskäfer

    …kann ich gut nachempfinden. Ich mache als Stationsleitung nur noch sehr selten Nachtdienst, etwa in der Urlaubszeit, wenn es knapp wird oder im Krankheitsfall, wenn ein Nachtdienstler ausfällt und ich kann andrs keinen Ersatz kompensieren.
    Früher haben wir sieben Nächte am Stück gewacht und dann eine „Freiwoche“ gehabt. Ich habe mich dann immer wie in einer anderen Welt gefühlt. In den dunklen Monaten war es am schlimmsten. Im Dunkeln hin zum Dienst, im Dunkeln zurück nach Hause. Nachmittags nach dem Aufstehen war es meist auch schon wieder dämmerig. Jüngeren KollegInnen scheint dies weniger auszumachen, aber je älter man wird, desto anstrengender wird das. Zumal die frühere „Nachtwache“ über die Jahre mittlerweile zu richtigem Nachtdienst mutiert ist. Viele Arbeiten, die im Tagdienst nicht geschafft werden, hat der Nachtdienst dann zu erledigen. Ich kann mich in der jüngsten Vergangenheit an keinen Nachtdienst erinnern, der so ruhig ablief, daß man mal ein bißchen Luft hatte.
    Ja, und es ist schon sehr seltsam, daß man für Menschen sorgt und diese pflegt, aber mit seiner eigenen Gesundheit so oft Raubbau betreibt….

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  2. Ralf

    Bin seit 1987 im Nachtdienst mit 7 Nächten von 20:15-7:00 Uhr, dann 7 Tage frei und wieder 7 Nächte Dienst. Freiwoche, ja das hört sich immer toll an, aber die Zeit brauch der Körper auch um sich wenigstens etwas zu erholen, bevor es wieder mit der Schicht anfängt- und so älter man wird, so schwer wird es, ich bin auch dafür das jeder, der in der Pflege arbeitet, egal ob Tag oder Nachtdienst mit 60 ! Jahren abschlagsfrei in Rente gehen kann…

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