Nachts wenn alle schlafen.

20:30 Uhr, ich sitze im Stationszimmer
und nippe an einer wohlverdienten Tasse Kaffee.
Ich gähne, der Kollege fragt: ‚Unausgeschlafen?‘

Nachtdienst bedeutet, nicht wie noch immer zu oft angenommen,
Bereitschaftsdienst, sondern 10 Stunden wach sein.
Ich persönlich versuche meine Müdigkeit während dem ersten Nachtdienst
damit zu kompensieren in dem ich versuche mich zumindest
am Nachmittag vor Dienstbeginn noch 3 Stunden hinzulegen.
Oftmals klappt das nicht wie gewollt:
der Körper befindet sich im Tagesmodus.
Falls er das überhaupt irgendwie weiss,
denn die letzten 2 Diensttage klingelte um 04:30 Uhr der Wecker,
am Tag davor wiederum kam man erst kurz nach 22:00 Uhr nach Hause.
Verwirrend, schon für einen alleine genug.
An diesem Nachmittag finde ich kaum Ruhe:
der Nachbar nebenan bohrt Löcher in die Wand,
draussen im Hinterhof toben aufgeregt kleine Kinder.
Kein Wunder, ich ziehe die Gardine zurück und sehe in die Sonne.
Mein Körper hüpft vor Energie und würde jetzt lieber andere
-sinnvollere- Dinge machen als ein Nickerchen.

Nach der Übergabe um 21:00 Uhr treten die Kollegen der Spätschicht den Heimweg an
und lassen mich alleine zurück. Mich und eine volle Station mit 25 Patienten.
Zuerst beseitige ich das hinterlassene Chaos, werfe die Geschirrspülmaschine an
und ordne Laborbefunde in die Krankenakten.
Gegen halb 10 starte ich die erste Runde:
ich gehe durch jedes Patientenzimmer,
messe nochmal bei frischoperierten Patienten Vitalzeichen,
verteile Schmerz- und Schlaftabletten,
leere Urinbeutel, hänge Antibiosen oder Infusionen an
und nehme mir kurz die Zeit für ein paar vielleicht notwendige Worte.
Gegen 23:30 Uhr lasse ich mich auf den Bürostuhl fallen, atme kurz durch,
sortiere mich. ‚Herr Müller braucht später seine Parkinsontabletten.‘
Ich schreibe sicherheitshalber Haftzettel damit nichts untergeht.
Dann beginne ich damit für alle Patienten des Tages die Tablettendosis
für den kommenden Tag zu richten.
Frau Meyr bekommt Morgens und Abends je eine Schmerztablette.
Mittags die Mittel gegen ihre Arthrose, zur Nacht das Psychopharmaka.
Die Stille wird von einer Patientenklingel durchbrochen,
ich stehe auf und gehe ins Zimmer Nummer 8.
Herr Schmitt möchte eine andere Lagerung einnehmen,
obwohl ich ebenjene erst vor einer Stunde geändert hatte.
Ich bin ungefähr 15 Minuten vom Schreibtisch weg,
als ich wiederkomme bin ich kurz unsicher wo ich zuletzt aufgehört hatte
Frau Meyrs Tabletten zu stellen: Schmerztabletten hatte ich schon, oder?
Ich gucke in die Patientenakte, spreche mit mir selbst und zähle die Tabletten nach.
Es kommt nicht selten vor,
dass Tabletten von einer Schicht zur anderen Form und Farbe wechseln,
weil sie wieder gegen ein Generika getauscht wurde das vermutlich einen Cent billiger ist.
Die Unsicherheit verfolgt mich und zwingt mich letztendlich dazu,
alle bereits für Fr Meyr gerichtete Tabletten in den Müllsack zu kippen
und von vorne anzufangen.
Mein Kopf hinkt denktechnisch etwas hinterher, es ist mittlerweile nach 00:00 Uhr
und erst um 01:30 klappe ich die Akten zu
und habe alle Tabletten für jeden Patienten vorbereitet.
Ich klopfe auf Holz dass mich dabei nicht wie so oft nochmal
3 Patientenrufe aus dem Takt brachten.
Jetzt folgt ein weiterer Durchgang durch die Patientenzimmer:
Lagewechsel, nochmalige Antibiotikagaben.
Sind überhaupt noch alle in ihren Betten?
Gegen 02:15 Uhr mache ich mich an die Bürotätigkeiten:
Medikamente müssen bestellt werden, ebenso Essenswünsche sowie Verbandsmaterial.
Ich gehe über Station, mache jeden Schrank auf, kontrolliere den Bestand
und notiere alles Notwendige um es dann in den PC zu tippen.
Um 03:00 Uhr setzte ich mich kurz und prompt überollt mich die Müdigkeit,
der Schlafmangel macht sich bemerkbar:
ich kann mich kaum noch konzentrieren und kämpfe gegen mich selbst.
Ich wünsche mir sehnlichst ein Bett
und würde es gegen alle Habseligkeiten die ich besitze sofort tauschen.
Ich sitze über den Patientenkurven und fange an zu dokumentieren.
Vitalzeichen, Lagewechsel, Auffälligkeiten, verabreichte Medikamente
(hab ich an Herrn Müllers Parkinsontablette um 02:00 Uhr gedacht? Ja.)
Knapp 20 Minuten später, kaum die Hälfte der Akten sind durchgearbeitet,
höre ich Stimmen. Dann ein lauter Schrei!
Ich springe ungeahnter Kräfte vom Schreibtisch auf und renne auf den Stationsflur.
Zimmertüren stehen offen, Hilferufe aus Zimmer 10.
Als ich bereits in Richtung des Zimmers laufe sehe ich bereits das erste Übel:
der ganze Boden voller Blut.
Mich überkommt kurz Panik,
dann sehe ich Frau Mustermann vor einem Bett stehen,
-nicht ihrem Bett, schon gar nicht ihre Zimmernummer-
sie schimpft mehr als lautstark.
Die Patientin im Bett schreit laut vor Angst, zu Recht:
Frau Mustermann trägt nichts als ein hinten offenes Patientenhemd,
im ersten Moment sehe ich nichts als den baren Po,
dann dreht sie sich in meine Richtung
und ich sehe das komplette Debakel ihres komplett mit Blut überströmten Hemdes.
Scheinbar ist sie nicht nur unerlaubt aus dem Bett gestiegen sondern hat sich auch noch den Infusionszugang aus der Ellenbeuge gezogen.
Ich nehme ihre Hand und rede gut zu mit mir das Zimmer zu verlassen.
Frau Mustermann schreit mich an und weigert sich.
Nach etlichen Minuten und Beruhigung aller anwesenden Patienten
verlässt sie Hand in Hand mit mir das fremde Zimmer.
Ich atme innerlich kurz durch,
scheinbar wirkt Frau Mustermann kooperativ und lässt sich wieder in ihr Bett begleiten.
Doch kurz bevor wir vor ihrer Zimmertüre stehen
fängt sie wieder wie von allen Sinnen verlassen an zu schreien.
Ich bitte sie erst freundlich, dann mehr als bestimmt,
damit zu stoppen, da sie sonst alle anderen mitweckt.
Frau Mustermann ist das egal und der Speicher meiner Geduld ist nach mehr als einer ¾ Stunde gut zureden, morgens um kurz nach halb 4, mehr als am Rande seiner Kapazität.
Ich versuche ihr eine Beruhigungstablette zu geben die im Bedarfsfall angeordet ist.
Sie wehrt sich und schreit ‚Du willst mich nur vergiften du Sauluder!‘
Nach ein paar Minuten schiebt ein verschlafener Patient -vielleicht Anfang 30-
den Kopf aus seiner Zimmertür und fragt ob er mir helfen könne.
Ich verneine, bitte um Entschuldigung für die Störung und schicke ihn zurück in sein Bett.
Frau Mustermann will sich nicht beruhigen lassen. Sie wird zunehmend aggressiver.
Irgendwann löst sie sich aus meinen Händen und schreit erneut rennend und halbnackt über die Station.
In drei Zimmern geht die Klingel,
Patienten brauchen mich scheinbar und ich kann derzeit nicht handeln.
Ich bin gefangen: auf dem Flur mitsamt Frau Mustermann.
Meine Geduld ist verbraucht und ich bekomme plötzlich Panik weil es schon so spät ist und ich noch immer genug zu tun hätte. Auch ohne Frau Mustermanns Zwischenfall.
Ich wähle um 05.20 Uhr die Nummer des Bereitsschaftsarztes und wecke ihn mit der Bitte schnell auf Station zu erscheinen. Ich fange sie wieder ein um wenigstens zu verhindern dass sie in weitere Patientenzimmer rennt und die anderen zu Tode erschreckt.
Als ich sie harsch an den Händen halte
versucht sie mehrfach mich anzuspucken und zu treten.
Ich stöhne auf als der Dienstarzt 10 Minuten später eintrifft und übergebe sie sprichwörtlich in seine Hände.
Ich darf ablassen und lasse kurz selbst einen Schrei.
Ärger, Wut und Zorn. Und dafür dass mir noch 20 Minuten bleiben um die Arbeit der letzten 3 Stunden nachzuholen bevor die Kollegen um 06:00 Uhr eintreffen.
Ich hetze zu den Patientenklingeln und bete darum dass nichts schlimmeres eingetreten ist.
Glück gehabt: Herr Meyr hat ’nur‘ Schmerzen und Frau Müller wünscht einen Lagewechsel.
Schnell noch Kaffee für die Kollegen aufsetzten
und Frau Mustermanns Ausfall in die Patientenakte dokumentieren,
als auch schon die erste Kollegin um die Ecke kommt.
‚Keine ruhige Nacht!‘ sie fragt nicht, sondern stellt fest.
Ich mache den Kollegen schnell Übergabe und dokumentiere dann den Rest der Akten nach.
‚Aufgrund erhöhtem Arbeitsaufkommen keine Lagerung möglich.‘
notiere ich bei Herrn Meyr, ebenso bei Frau Müller muss ich den gleichen Satz schreiben.
Ein Satz der sich nach 10 Stunden ‚Zeit‘
wie ein Versagen oder ein nicht leisten von Hilfe anfühlt.
‚Ich will nur noch heim.‘ sage ich, packe meine Tasche,
meine Beine zittern, ich habe zu wenig gegessen,
meine Blase drückt und mein Körper schreit nach nicht vorhandener Flüssigkeit.
Ich verlasse die Station und sehe noch im Augenwinkel wie mein Kollege mit vollster Geduld
dem Dienstarzt Frau Mustermann abnimmt. Sie schreit noch immer.
Sobald die Sonne aufgeht verschwinden auch die Gespenster!
rufe ich ihm zu und er lacht. Noch.

Die meisten Menschen denken -ebenso wie dass wir schlafen-
dass dieser nächtliche Kraftakt sonderlich entlohnt wird.
Wird er aber nicht, nicht in Freizeit und schon gar nicht in Geldform.
Nach so einer Nacht fragt man sich nur zu gern ob man auf die 1,50€ Zuschlag nicht lieber verzichtet, wenn man dafür schlafen könnte und sich nicht dieser ‚Qual‘ aussetzen muss.
Qual körperlich als auch psychisch.

Es ist 07:15 Uhr als ich im Aufzug stehe, ich bin 15 Minuten über die Dienstzeit,
welche Dank nicht vorhandener Stempeluhr nicht ins Gewicht fallen.
Ich fühle mich als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen.
Nur der Adrenalinkick blieb aus.

‚Noch 3 Nächte!‘ denke ich, klopfe gegen die Aufzugtür
und hoffe folgend auf mehr ‚Nachtdienstglück‘ und weniger ‚Gespenster‘.

7 Gedanken zu „Nachts wenn alle schlafen.

  1. Jeanskäfer

    …ja, kenne ich auch, wenn einem was Ungeplantes in den Nachtdienst reinhaut. Und man dann voller Panik sieht, was man noch hätte machen müssen.
    Wir wachen nur zu Zweit und selbst da gibt es noch Hammernächte, wenn die Notaufanahme nämlich der Meinung ist, 5 Zugänge über die Nacht verteilt, hochzuschicken….

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    1. Babsi

      Hallo,

      wir sind zwar „nur“ Patienten/Angehörige, versuchen es aber den Schwestern und Pfleger so leicht als möglich zu machen.
      Angefangen von Waschen, Essen richten, abräumen, sich ruhig verhalten usw. was eben so geht.
      Auch sich bis zu einem gewissen Grad sich um die Mitpatienten zu kümmern, damit die nicht wegen jedem Handgriff das Pflegepersonal rufen müssen.
      Die „Belohnung“ ist eben auch das ich als Besucher über die Mittagszeit bleiben durfte und nicht um 19:30 Uhr „raus geschmissen“ wurde sondern bis 22 Uhr bleiben konnte.
      Auch durften wir zuvor in den 2 Wochen auf der „IMC“ ab 14 Uhr bis 22 Uhr bleiben, da wir eher geholfen haben als das Personal zu behindern.
      Aber, das gibt es eben sehr selten, das habe ich gesehen.
      Unsere Bekannte ist auf der Intensivstation und was Die stellenweise erzählt…..

      Es ist echt ein Armutszeugnis für Deutschland. Da stellen Krankenkassen Prachtbauten hin, horten die Gewinne und in den Krankenhäusern und in der Pflege kommt nix an.
      Im Gegenteil, da wird noch abgebaut!

      RESPEKT vor allen in Pflegeberufen!

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  2. Die Nachteule

    Hallo,
    …ich bin Nachteule in einem Pflegeheim und kann mit dir fühlen. Du hast es treffend formuliert – Nachtdienst ist hammerhart und man muss 110% geben…
    Selbst wenn man dann im Bett liegt, verfolgen einen die Gedanken, ob wirklich alles erledigt ist,alles eingetragen oder weggeräumt…ob es allen Bewohnern gut oder man etwas übersehen hat…
    Ich wünsche allen Nachteulen ruhige Nächte!
    Viele Grüße,
    Die Nachteule

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  3. Zentrodada

    Die schwierigste Phase ist zwischen zwei und vier Uhr morgens. Man ist ganz auf sich allein gestellt – eine enorme Verantwortung, die mit Geld nicht augewogen werden kann. Vielen Dank für den unkonventionellen Pflegebericht!

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  4. Renate Arzt

    guter Bericht. Der Pflegenotstand , die Behandlung u. Entlohnung von gutem Personal wird nach einer verkorksten Gesundheitsreform immer schwieriger, weil die KH unter extremer Geldnot leiden. Krankenschwestern u. pfleger wurden zwar ob ihres Idealismus schon immer ausgenuetzt, aber nun geht es auch auf Kosten der Patienten u. derer Sicherheit.Viele gute Leute verlassen diesen Knochenjob u. dem betriebswirtschaftlich orientierten Arbeitgeber ist es egal , wenn er solche Leute mit billig arbeitern jeglicher Coleur ersetzt. Das hat man in den 70 igern mit Koreanerinnen gemacht u. bald gesehen , wie schwierig das war. Mentalitaet u. Motivation muss in diesem Beruf stimmen.Das Pflegepersonal hat keine Lobby und man muss jedem jungen Menschen abraten, sich in diesem Job fuer dieses Geld verbrauchen zu lassen. Traurige, rasante Entwicklung in eine unhumanitaere Medizin.

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  5. ExPflegerIn

    … du hast vergessen, dass zwischen 4 und 6 noch die Patienten gewaschen werden „müssen“, die sich nicht wehren können… damit die Frühschicht überhaupt ein Bein auf den Boden bekommt…
    Bin ich froh, mich diesem System nicht mehr unterwerfen zu müssen. Das ist mit meinem Menschenbild nicht mehr zu vereinbaren gewesen.
    Haltet durch, haltet die Klappe und leidet, bis der Arzt kommt.
    ODER ÄNDERT ETWAS UND STEHT AUF UND GEHT DAGEGEN AN!!!
    In diesem Sinne….

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  6. Pflegekraft

    Ich kann allen Beiträgen nur zustimmen!!!!!!!
    Leider ist es immer noch unsagbar schwierig, Kollegen ( m/w ) zu motivieren, umzudenken, sich zu wehren… Und das tut mir unendlich leid.
    Immer wieder kommt es vor, dass nach solchen Diensten, wie schon beschrieben, Pflegekräfte zu Hause angerufen werden und noch zusätzlich zu ihren normalen Diensten in die Klinik beordert werden…
    D.h. Kollegen/innen werden unter Druck gesetzt, zusätzlich einzuspringen, obwohl sie ihre angeordneten Dienste schon geleistet haben.Die Meisten lassen sich unter Druck setzen und kommen!!!!!!!
    So habe ich letztens von einer Kollegin erfahren, dass sie nach einem FRÜHDIENST massivst dazu angehalten wurde, auch noch einen NACHTDIENST AM GLEICHEN ABEND anzutreten – und sie hat es gemacht…!
    Das sind auch nochmals immense Belastungen für das Pflegepersonal – zusätzlich immer noch einspringen zu müssen – ! Und das bei z.T. über 400 Überstunden ( Teilzeitkräfte!!! ).
    Hat nicht jeder auch ein Recht auf ein Privatleben? Das kommt bei den Pflegekräften in unserem
    Land sowieso viel zu kurz!
    Ich würde mir sehr wünschen, dass in diesem Beruf mehr Anerkennung von „Außen“ viele Pflegende
    dazu bewegen würde, nicht nur ihre Pflichten, sondern auch ihre Rechte ernstzunehmen….

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