Notausgang hinten links.

Wenn ich in einer ruhigen Nacht am Schreibtisch sitze
und all die Papiere runterarbeite frage ich mich manchmal:
Wie wird das alles weitergehen?
Wie weit wird man das System noch auf unsere Kosten herunterfahren?
Wie möchte und will ich meinen Beruf zukünftig weiterhin moralisch und zu meiner Zufriedenheit vertreten ohne dass es mich ausbrennen wird?
Mir schmerzt mein Rücken und ich strecke mich kurz.
Das jahrelange heben, ziehen und zerren an
Patienten macht sich so zunehmend körperlich bemerkbar.
Mehr und mehr, denn Kollegen sind zwar im Dienst, jedoch meist selbst so beschäftigt, dass man es lieber ’schnell‘ selbst versucht, bevor man andere aufhält und dann am Ende sein verlangtes Pensum nicht erreicht. Unklug, aber Realität. Immer mehr Dokumentation, kränkere Patienten, weniger Kollegen, das dies zunehmend -wenn auch nicht offensichtlich sondern schleichend- auf dem Rücken unserer eigenen Gesundheit-
landet ist nur eine absehbare Frage der Zeit.
Was wenn plötzlich noch mehr Kollegen ausfallen?
Mehr als bereits jetzt schon die zwischen 2-5 die man wegen Krankheit ‚abfangen muss‘.
Was wenn ich plötzlich körperlich selbst nicht mehr in der Lage bin meinen Beruf auszuüben ,
ich krank auf der Strasse stehe und nichts anderes kann ausser ‚pflegen‘?
Unser Berufsbild ist in der breiten ‚Wirtschaft der Welt‘ leider überwiegend nicht wirklich anerkannt, weder das was wir können noch die Tatsachen die wir leisten.
Fragt mal Menschen die keinerlei Bezug zu Pflege haben was sie denken was wir den ganzen Tag tun! Die Antworten sind teilweise unterirdisch und erschreckend.
Kaffeetratschen ist noch der lustigste Begriff,
klingt wie anno dazumal und herrscht leider noch in zu vielen Köpfen.
‚Leute mit Köpfchen steigen aus.‘ hab ich schon öfter zu hören bekommen.
Studieren! ruft es aus der anderen Ecke. Aber unter uns, wenn wir jetzt alle studieren wo finden wir uns -abgesehen der handvoll die eine höhere Position abgreifen konnten- in 5 Jahren wieder? Genau, noch immer auf Station. Im 3, 6 oder 9 Schichtrhythmus.
Profession oder Berufung ist gewollt aber Professionalität nicht zu zahlen wert.
Was überhaupt wenn man eine Familie hat, ein Kind ernähren muss?
Und wenn nicht, wieviel Zeit bleibt mir dann noch um die Kurve zu kriegen?
Um vielleicht noch die Chance zu haben einen ’normalen‘ Job zu ergattern?
Einen, der auch in 20 Jahren psychisch wie physisch ausführbar sein wird?

Mein Beruf ist mein täglich kleines hart verdientes Brot.
Gern sogar, wenn man es mir nicht immer schwerer machen würde.
Ich mache mir zunehmend Sorgen. Weitsichtig. Nicht nur über meine eigene Zukunft oder Renten bzw Lebensabend, sondern auch darüber, was passieren wird wenn eines meiner Elternteile zum Pflegefall wird?
Ich sehe mit eigenen Augen jeden Tag den Verfall dieses Systems. Nichtmal auszumalen wie es mit den bereits jetzt herrschenden Zuständen in 10 Jahren sein soll.

Ich habe Angst. Zukunftsangst. Jeden Tag mehr.
Ich bin 29 Jahre alt und habe keinen Notausgang, noch nicht mal in Gedanken.

Ich schüttel kurz mit dem Kopf als wolle ich mich der unliebsamen Gedanken befreien.
Es ist 04:00 Uhr morgens. Noch 3 Stunden bis Feierabend.

Aussagen wie: Pfleger sind die stillen Helden des Alltags. helfen mir nicht mehr.
Sie mir zahlen weder Miete, schon die aufs knappste reduzierte Vorsorge,
meine zukünftige Rente oder gar Nahrungsmittel.
Geschweige denn bin ich weiter dazu bereit zu diesen Bedingungen und auf eigene (gesundheitliche) Kosten ein stiller Held zu bleiben.

6 Gedanken zu „Notausgang hinten links.

  1. Jeanskäfer

    …sehr schön geschrieben und es spricht mir aus der Seele. Nur das ich „schon“ 45 Jahre alt bin und ein paar Jahre länger diesen Terror des deutschen Gesundheitssystems mitmache. Wenn ich daran denke, daß wir Anfang der 90er Jahre schon rumjammerten, wenn von den 6 vorgeplanten MA mal einer arbeitsunfähig war, und wir nicht wußten, wie wir 32 Patienten versorgen sollen…..Ein müdes Lächeln entgeht mir da…und heute muß ich mich für diese Ansprüche „aus der guten alten Zeit“ echt schon fast schämen.
    So sitze ich hier und überlege nun schon, wie ich den morgigen Frühdienst über die Bühne kriege, mit einer 42-Betten-Station (Wochenendbelegung = Voll) und drei MA, von denen einer den 2. Tag auf Station ist und die andere seit einem Vierteljahr (und auch noch nicht voll eingearbeitet,“ im Sinne des Einarbeitungskonzeptes“).
    Unsere FSJ´lerin wird sich wahrscheinlich beim Nachtdienst wieder krankmelden…so wie häufig am Dienst-WE ; weil man als junger Mensch eben am Samstagabend etwas mit seinen Freunden machen will und da ein Frühdienst am Sonntag, doch so gar nicht in den Plan passt…
    Es wird sicher ein ganz „toller Dienst“, wenn dann am Sonntag ein noch unerfahrener Jungarzt der AVD ist. Und sich ständig telefonisch bei seiner OÄ rückversichern muß. Es wird sicherlich den ganzen Tag Visitenanordnungen hageln, die am Montag dann wieder revidiert werden. So viel unsinnige Arbeit habe ich auch erst in den letzten Jahren machen müssen, wenn unerfahrenes akademisches Personal auf schwerstkranke Patienten losgelassen wird….und die dann auch nicht die Meinung und Erfahrung von erfahrenen Pflegepersonal annehmen wollen.
    Oft denke ich, was hätte ich damals anders machen können, als ich vom Zivildienst geleitet in die Krankenpflege ging. Was wäre ich heute, wenn ich nicht soviel Gefallen am Steckbeckenschleppen und Essenverteilen gefunden hätte… :-)
    Eigentlich wollte ich was Kreatives machen, Grafikdesign oder Kunst studieren. Kreativ bin ich jetzt auch, eigentlich immer kreativer geworden. Nämlich im Ummodeln und Umstellen von Dienstplänen, mit immer weniger Personal mehr Arbeit zu schaffen; und streichen und reduzieren von pflegerischen Leistungen, im Rahmen des Möglichen und ohne beim Qualitätsmanagement anzuecken.
    Und doch macht mir dieser Beruf immer noch viel Spaß, wenn ich und mein Team die Dankbarkeit, gerade von onkologischen Patienten und deren Angehörigen spüren. Wir haben dann doch etwas bewegt (obwohl man in unserer Vorstellung und in dem, was wir mal gelernt haben, noch viel mehr hätte machen wollen – aber den betreuten Menschen reicht es oftmals aus; wenn die wüßten, was eigentlcih noch möglich wäre….) Daran sollten wir uns trotzdem festhalten und uns immer wieder selbst und gegenseitig motivieren.
    Aber natürlich auch weiterkämpfen für unsere Rechte und Forderungen an ein „erkranktes“ Gesundheitssystem und uns nicht immer wieder einlullen lassen von Sprüchen und hochgestochenen Reden, bzgl. „Stille Helden des Alltags“ und so fort und so weiter. Man hat mich / uns nicht dazu gezwungen, diesen Beruf zu ergreifen. Ich bin kein Märtyrer.
    Auch ich stehe morgen Früh um 4.45 Uhr wieder auf, um pünktlich um 6.00 Uhr am Tisch zur Übergabe zu sitzen (in der Hoffnung, daß die beiden Nachtdienstler eine gute Nacht hatten) und werde heute Nacht sicher wieder schlecht schlafen, weil ich mir Gedanken um den morgigen Tag mache….
    Ich mag diesen Beruf – eigentlich……

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  2. Windvilla

    Guten Morgen,

    so wie das hier bei Euch klingt, wird es höchste Zeit Euch selbst mal zu therapieren, da klingen ganz stark Symptome einer Depression durch. Habt ihr alle House of God nicht gelesen? Der Satz „im Notfall zuerst den eigenen Puls messen“ ?
    Ich dachte mir damals übrigens auch im Zividienst – lernste was Sinnvolles, etwas wovon andere Menschen etwas haben. Mein erster Beruf, den ich nur gelernt habe und nicht praktiziert – schien da so sinnlos. Und für mich ist er es auch immer noch.
    Zu pflegen macht schon Sinn, vielleicht nicht so, wie es sich mancheiner mal vorgestellt hat. Aber doch..
    Wir sind keine Heiler, genausowenig wie Ärzte Heiler sind. Wenn jemand erkrankt ist, können wir ihm die Gesundung nicht abnehmen. Wir können lediglich versuchen es im Rahmen unserer Möglichkeiten ein wenig zu unterstützen. Die Zeit ist knapp – Quatsch! – Wenn – dann ist höchstens die Zeit dafür knapp für all das was wir uns vorgenommen haben. Dann müssen wir eben Abstriche machen! Prioritäten setzen. Improvisieren. Das ist es doch, was jeder von uns sowieso den ganzen Dienst über macht. Und wenn ich hoffnungslos unterbesetzt bin, dann lass ich halt das, was am meisten Zeit frisst – dann wasche ich halt nicht! – Dann gebe ich denen die es selbst können die Möglichkeit dazu und beschränke mich sonst vielleicht besser drauf, dass die andren nicht aus dem Bett fallen. Und diejenigen die nicht alleine essen können, die bekommen ihr Essen dann halt mal erst um 11 – so ist das dann – verhungern tut deshalb keiner. Und wer es nicht will, der wird froh darüber sein, wenn er damit mal nicht genervt wird. Und am Ende des Dienstes leben trotzdem alle noch, und wenn nicht – dann sicher nicht wegen ausgebliebenem Waschens oder Essens.
    Das wichtigste ist, dass es auch dokumentiert ist. „Aus personellen Gründen, trotz intensivster Bemühungen keine Körperpflege/Hautinspektion möglich.“
    Wir sind Superhelden, wir haben Superkräfte – nur zaubern können wir nicht. Wer es versucht, scheitert und schreibt Texte wie obige.

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    1. Jeanskäfer

      Danke für Deinen Hinweis mit MEINER Depression einen Therapeuten aufzusuchen..da war ich übrigens schon, der empfahl mir, einen anderen Beruf zu erlernen…
      Gescheitert bin ich nicht…ich bin grundsätzlich eine optimistischer Mensch und habe mit viel Ehrgeiz alles geschafft, was ich wollte und als Zauberer habe ich mich noch nie angesehen, denn dann würde ich in Vegas auf der Bühne stehen und etwas mehr Geld scheffeln :-)
      Auch ich stehe nicht (mehr) unter dem mir auferlegten Zwang tagtäglich den Menschen von oben bis unten abzufeudeln. Gerade Menschen, die es mit der Körperhygiene ihr ganzes Leben lang nicht so ernst nehmen, werde ich im Krankenhaus bestimmt nicht belehren, sich großartig anders zu verhalten.
      Auf meiner Station ist auch tatsächlich noch keiner verhungert und aus dem Bett fallen Patienten auch bei adäquater Besetzung…Schicksal, ist halt so.
      Nur finde ich nicht, daß Du uns hier massive psychische Störung einzureden versuchst, denn eine kleine „Schacke“ hat jeder von uns…
      Gruß
      Jeanskäfer

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      1. Windvilla

        Seltsamer Therapeut, der Vermeidung als größere Hilfe ansieht, als Dir zu helfen das Problem zu lösen. Nicht grade weiter zu empfehlen.
        Letztlich ist es doch eigentlich egal, was man macht – man wird überall massive Probleme finden. Und da sind wir ja gerne mal plötzlich ziemlich gestört in unserer Wahrnehmung. Soll bedeuten, wir sehen irgendwann nur noch was alles im argen liegt ohne noch wahrzunehmen, dass ein paar Dinge eigentlich noch ganz gut sind.
        Weißt Du, seit ich diesen Beruf kenne, begegnen mir immer wieder einige wenige die einfach versuchen ihren Job so gut wie möglich zu tun – und ganz viele – die sind immer nur am meckern.. Unzufrieden von vorne bis hinten. Kein Wunder, wenn der ganze Mist nach der Arbeit noch unbedingt mit nach Hause muss.
        Ich sage nicht jemand soll in Therapie gehen. – Wenn man eine gesunde Beziehung zu seiner Arbeit entwickelt, kann man das im Zweifel selbst viel besser hinbekommen … als irgendein „Pseudotherapeut“ der einem vollkommen realitätsfern zur Umschulung rät. Das verschiebt das Problem nämlich nur nach hinten. Den Traumjob, an dem niemand was auszusetzen hat, gibts nämlich nicht. Aber es gibt Menschen, die an keinem Job etwas auszusetzen hätten ;-) – ein feiner Unterschied!
        Und vielleicht ist das schon ein guter Anfang einfach zu sagen – „Es ist halt nen Job, ich kann das gut – es fällt mir leicht Menschen zu helfen“ oder?

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  3. Margot Schierling

    Man studiert nicht nur wegen einer besseren Position bw. einer besseren Vergütung. Auch nicht, um nie mehr wieder am Bett zu stehen.
    Ich plane ein Studium um sowohl mein Leben, als auch die Pflege zu verändern. Pflege lässt sich gewiss auch so organisieren, dass die Mitarbeiter nicht durch Stress aufgezehrt und über Jahrzehnte hinweg aufgearbeitet werden, keinen Ausgleich haben, weil sehr viel Freizeit und Sozialleben in diesem Beruf draufgehen.
    Ich bin froh, dass immer mehr Angehörige dieses Berufes aufwachen und ihre Stimme erheben.

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