Ein kleines Realitätsmärchen.

In einem Land vor nicht allzu ferner Zeit, begab es sich dass ein Königspaar namens Konzern und Gewinnoptimierung die Regierung des Staates übernahmen. Doch eine Gruppe unerschrockener, mutiger Untertanen liess sich dies nicht bieten und tat fortan dem Unmut kund…

Man möchte meinen so ein Märchen liesse sich nicht in die heutige Zeit übertragen, doch wir schreiben das Jahr 2016 und schlittern immer schneller in eine der humanitärsten Krisen unseres „Sozialstaats“, dem Pflegenotstand.

Warum fragt man sich?!
Die Pflege Kranker, Alter & Hilfsbedürftiger ist doch so ein ehrenwerter, dankbarer Job.
Ja ist es und ein sehr schöner noch dazu, wie aber soll man sein Fachwissen und seine Arbeitskraft einsetzen wenn ein Krankenhaus, ein Altenheim oder eine Pflegeeinrichtung sich nur noch auf Kosten der Gesundheit aller reich spart, es einem die Kraft aus den Knochen saugt und Wertschätzung schon zu lange ein Fremdwort ist?!
Deshalb kursiert seit nunmehr über sechs Monaten (wieder) das Schlagwort #Pflegestreik in den sozialen Medien. Unter dem Hashtag Pflegestreik lassen sich bei Twitter mittlerweile einige tausend Tweets finden, die genau darauf aufmerksam machen möchten. Man möchte erklären warum diese Tätigkeit so wichtig ist und gleichzeitig die Folgen aus einem nahezu kaputten System darlegen. Wir möchten aufklären warum dieses System so nicht weitergehen darf, Kapitalismus nicht über dem Menschen und dessen Gesundheit stehen darf, über fahrlässige Situationen die verhinderbar gewesen wären wenn man uns nicht die letzten Jahre systematisch die Besetzung gestrichen weggespart hätte und zuletzt leider auch über Todesfälle die eine Folge dieser Tatsache sind.

Ganzheitliche Pflege endet dort wo der Patient zum Kunden und die Mitarbeiter zum Fliessbandpersonal werden, sie verfällt an jenem Zeitpunkt wenn ich mich selbst opfere und meine eigene Grenze überschreite, tagtäglich.
Kaum noch jemand der eine solche Ausbildung machen möchte, es fehlt an Attraktivität, Bezahlung und der Zukunftsaussicht. Es vergeht kaum ein Tag an dem man nicht von einem Pflexit hört, also dem (baldig geplantem) Ausstieg von mehr als gut ausgebildeten Fachkräften aus dem Pflegebereich. Wenn das weiterhin in jenem Tempo weitergeht steht die Versorgung in Zukunft ganz schön duster da.
Irgendwann werdet ihr euch an uns erinnern, denn jeder braucht Pflege, irgendwann oder irgendwie, egal ob im Alter, bei einem Beinbruch oder nach einem Unfall.
Wir schreiben diese Dinge nicht für unser Ego, sondern weil wir unseren Job mit Empathie und Professionalität für den Gepflegten ausführen möchten, auch in der Zukunft, denn am Ende seid ihr auf uns angewiesen und kann es jeden schon morgen treffen, eure Grosseltern, Eltern, Geschwister oder Kinder.

Wir sagen Nein zu unprofessioneller Pflege auf Kosten des Personals und zu Lasten Gepflegter.
Hört endlich auf uns politisch zu ignorieren, uns für eure Aktionäre zu missbrauchen
und unsere Arbeitsleistung kategorisch zu unterdrücken und auszumürben.
Nein! sagen, nicht mehr kuschen und sich schon gar nicht für einen Arschtritt bedanken, Rücken gerade machen und sich dessen bewusst werden was wir alle leisten und auch können, das wäre mal der allererste Anfang.

Es reicht.
Es ist nicht 5 vor 12 sondern schon mehr als 10 nach!

Und wenn sie nicht gestorben sind dann twittern sie noch heute…und morgen…und übermorgen, und zwar so lange bis es auch endlich der Letzte verstanden hat.

Weitere Informationen zum #Pflegestreik finden du auf twitter und auf www.pflegestreik.org

@einFraeulein / @RainerRogge

Wie man Auszubildende in den #Pflexit treiben kann.

Dieser Bericht dreht sich um eine Auszubildende in unserem Klinikum. Die Schülerin, nennen wir sie mal Anna, ist frisch im Oberkurs und bereitet sich fleißig für ihr Examen im Sommer vor. Ich selbst arbeite als Springer für die Normal-, und bedingt Intensivstationen, in unserem Haus und hatte über die Weihnachtsfeiertage den Bereitschaftsdienst übernommen. Besagte Schülerin, ich kannte sie damals noch nicht, rief mich aus lauter Verzweiflung am 1. Weihnachtsfeiertag auf meinem Bereitschaftstelefon an: Der Spätdienst hätte sich vor ein paar Stunden komplett krank gemeldet, von den Kollegen des Frühdienstes wolle keiner länger bleiben und drohten sogar damit, sie alleine auf der Station stehen zu lassen.
Sofort eilte ich zu ihr auf Station und wir hörten erst einmal gemeinsam die Patientenübergabe an, bevor wir einen Notfallplan schmiedeten. Der Bereitschaftsarzt Markus, ein guter Freund, der zeitliche Kapazitäten hatte, stand uns zur Seite. Wir bestritten also tatsächlich zu dritt diesen Dienst: Doc Markus kümmerte sich um Organisatorisches, verteilte das Essen, richtete Infusionen und quetschte zwischendurch noch ein paar Untersuchungen auf anderen Stationen dazwischen. Währenddessen „schmissen“ wir beiden die restliche Station. Die ersten Stunden begleitete ich die Schülerin, um sie, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse kennenzulernen. Und ganz ehrlich: Anna machte sich top! Sie achtete penibel auf Hygiene, kannte sich in der Krankheitslehre und Pflege in der Viszeralchirurgie aus und hatte auch die richtigen Handgriffe parat. Auch die Tages-Herausforderung meisterte sie mit Bravour: Während der Versorgung eines Patienten erkannte sie, dass es dem Zimmernachbarn zunehmend schlechter ging und löste Alarm aus. Als ich im Zimmer eintraf, hatte sie bereits mit den Thoraxkompressionen begonnen. Ich holte unterdessen den Notfallwagen, alarmierte Markus und unser Reanimationsteam. Nach kurzer Reanimation unsererseits hatte der Patient wieder einen Sinusrhythmus entwickelt, als das Team übernahm. Wir waren stolz auf Anna, die das alles noch nicht realisieren konnte.
Am nächsten Tag die gleiche Situation: Anna stand mit Markus und mir alleine auf der Station. Aber auch diesen Dienst hatten wir mit gemeinsamer Anstrengung gut, und vor allem zufriedenstellend, hinter uns gebracht.

In diesen zwei Tagen habe ich Anna sehr gut kennen und schätzen gelernt. In einigen Gesprächen ließ sie durchsickern, dass sie sich auf der Station nicht so wohl fühle. Im Nachhinein war das wohl bereits der erste Hilferuf, denn auch unter uns Springern ist die Station, ich nennen sie liebevoll Chaos-Station, verrufen: Kollegen, die sich untereinander nicht leiden können und dies offen zur Schau tragen, gar gegeneinander arbeiten und, wie könnte es anders sein, jeden „Externen“ ausnutzen und fertig machen. Und zu diesen Externen zählte nicht nur ich als Springer (Die ja eh alle faul sind und nix können), sondern auch Schülerin Anna (als kostenlose Hilfskraft). Kurzum: Das Personal konnte nicht miteinander arbeiten, sei es Pflege, als auch Ärzte, zusätzlich gab es dort einige Kollegen der „alten Schule“ und auch viele Patienten waren mit der Betreuung nicht zufrieden. Eigentlich lief dort so alles schief, was nur schief laufen kann. Und genau diese Situation auf der Station war schon länger in der Verwaltung und auch Schule bekannt, doch geändert hatte sich bisher nichts.

Das nächste Mal traf ich Anna zum Schichtwechsel Anfang des Monats. Wir besprachen, dass wir beim nächsten gemeinsamen Dienst eine kleine Prüfung simulieren, da sie auf der Station nur schlecht betreut und vorbereitet fühlte. Zwar bin ich kein Praxisanleiter, dennoch arbeite ich sehr gerne mit Schülern zusammen. Und scheinbar gehörte ich zu den wenigen Personen, die Anna ihr Schülerleben ausleben ließen, das heißt: Die Versorgung von eigenen Patienten zu übernehmen, frisch gelernte Techniken unter Aufsicht durchzuführen und eben auch mal das Ruder zu übernehmen.
Also bereitete ich mich entsprechend vor, ging selbst nochmals einige Standards der Klinik durch und schrieb mir einen Masterplan, was ich gerne alles mit Anna machen wollte.

Schließlich hatte ich wieder Dienst auf oben benannter Station, Anna war ebenfalls da, welche überglücklich schien, als sie mich sah. Bereits bei der Patientenübergabe gab es Unstimmigkeiten unter den Kollegen, da alle Bereiche so aufwendig wären. Mein Vorschlag, dass Anna und ich die pflegeaufwändigen Patienten übernehmen würden, stieß daher auf große Zustimmung und wir beide hatten unsere „Ruhe“ sicher. Dennoch, erlebte ich mehrmals, wie meine Kollegen Anna schikanierten, beleidigten und beschimpften. Begriffe und Aussagen wie „dumm“, „faul“, „Machst eh alles falsch“ oder „Die Prüfung kannste knicken“, waren dabei tatsächlich nur die Harmlosesten. Ich musste die Schülerin mehrmals in Schutz nehmen und die Kollegen zurechtweisen. Eine Schülerin ist zum Lernen hier, Pflegekräfte zum Lehren! Während der ganzen Schicht versuchte ich also weiterhin Anna von den restlichen Kollegen auf Station fern zu halten und ließ sie keinen Augenblick alleine, damit ich rechtzeitig einschreiten konnte.
Bereits an diesem Abend war mein persönliches Limit erreicht. Doch es kam noch schlimmer…

Am nächsten Tag hatten wir wieder gemeinsam Dienst auf Station. So wie der letzte Tag geendet hatte, so begann der Neue: Wieder musste ich Anna mehrmals in Schutz nehmen. Ich behaupte mal, dass ich sie nach den Weihnachtsdiensten sehr gut kennen gelernt habe und ihre Fähigkeiten einschätzen kann! So nahm die erste Stunde des Dienstes ihren Lauf, bis Anna mich letztendlich am Arm packte und in den Nebenraum führte. Die junge, wissbegierige, fleißige und stets freundliche Schülerin zitterte im ganzen Körper und fiel mir weinend in die Arme.
Glücklicherweise konnte ich einen anderen Springer organisierte, damit ich mit Anna von Station konnte und wir tatsächlich unsere Ruhe hatten. Wir redeten viel, wir schwiegen aber auch viel. Sie erzählte, wie sie die vergangene Zeit auf der Station erlebt hatte, was alles vorgefallen war, welche Anschuldigungen man ihr an den Kopf warf, sogar welche Vorwürfe sie sich inzwischen selbst machte. Und da saßen wir beide und nun machte ich mir Vorwürfe. Vorwürfe, warum ich nicht früher Alarm geschlagen habe?
Nachdem sich Anna endlich mal richtig auskotzen konnte, sorgte ich dafür, dass der Betriebsarzt sie für einige Tage krankschrieb, gab sofort in der Verwaltung Bescheid und brachte sie nach Hause, wo ich mit ihr wartete, bis die Mitbewohnerin aus der Vorlesung kam.

In den folgenden Tagen fanden Gespräche mit der Stationsleitung, der Pflegedienstleitung und der Pflegeschule statt. Ich selbst verfasste eine Stellungnahme und meldete den ganzen Vorfall zusätzlich unserem Betriebsrat, sowie der Auszubildendenvertretung. Meiner PDL teilte ich freundlich mit, dass ich nicht mehr auf dieser Station eingesetzt werden möchte und man doch davon absehen soll, dort weiterhin Auszubildende und Praktikanten einzusetzen.
Zu Anna: Mein Eindruck bestätigte sich nach einem Gespräch mit ihrer Lehrerin, die mir zudem versicherte, dass Anna zunächst für zwei Wochen freigestellt wird und später ihre Ausbildung auf einer anderen Station fortsetzen darf.
Allerdings bin ich immer noch schockiert und bekomme den Moment, indem Anna sich an mich klammerte, nicht mehr aus dem Kopf. Vermutlich habe ich in meiner Ausbildung selbst sehr viel Glück gehabt, obwohl auch dort viel schief gelaufen ist. Dass manche Kollegen uns Springern gegenüber unfreundlich sind, daran habe ich mich längst gewöhnt und bin zudem ein großer Freund des Meldeformulars (wenn es um Patientengefährdung geht) geworden. Aber ein Team, das sich nicht nur untereinander anfeindet, sondern diesen Frust an völlig Unbeteiligten auslässt, hat mich völlig vom Hocker gehauen. Hier ist etwas ziemlich schief gelaufen! Und nicht nur das, die eigentlichen Gründe für dieses Verhalten, das die Grenze dermaßen überschritten hat, sind tief im Team begraben und liegen sicherlich nicht nur in Überforderung, Unterbesetzung und Unzufriedenheit.

Liebe Anna,
gib nicht auf! Deine Lehrer, der Betriebsrat, die Auszubildendenvertretung und ganz besonders Markus und ich stehen vollkommen hinter dir. Lass dich nicht unterkriegen oder hole dir Hilfe bei Kollegen, Lehrer und Mitschülern. Du bist nicht alleine und musst das auch nicht alleine durchstehen. Was auch immer geschieht, du kannst dich auf uns verlassen und wir würden uns sehr freuen, wenn wir dir im Sommer zu deinem Examen gratulieren dürfen. Denn das, was du machst, machst du gut und gewissenhaft. Ich habe ehrlich gesagt, keinerlei Zweifel, dass du die Prüfungen glänzend bestehst und ich dich bald als examinierte Kollegin begrüßen darf. Spätestens dann bekommst du die zweite Torte, dieses Mal selbst gebacken. Versprochen! ;)

Beitrag von Knegb

Die Generalistik – Unnötige Reform der #Pflege?

Wir haben es geschafft! Immer deutlicher und öfter wird davon berichtet, dass es uns als beruflich Pflegende extrem schlecht geht. Immer wieder sind unsere Belange in der Presse wieder zu finden, nur ein richtiges Standing haben wir immer noch nicht.

Um das Ansehen der Pflege zu verbessern und dem Druck der EU entgegen zu kommen, plant man eine Reform der Pflegeausbildung. Sie scheint greifbar nah zu sein und doch könnte sie nun scheitern. Scheitern an der Blockade der Union und ich kann das nicht einmal kritisieren.

Die generalistische Ausbildung soll kommen. Altenpflege, Kinderkrankenpflege und die „normale“ Gesundheits- und Krankenpflege, sollen in einer Ausbildung zusammen gefasst werden. Kein Jahr der Spezialisierung mehr, wie wir es im dritten Jahr zwischen der Kinder- und der Erwachsenenpflege kennen.

Nun diese, noch einmal deutlich mehr der Theorie zugewandte Ausbildung, hat viele Unterstützer in den Verbänden der Pflege und nicht zuletzt in den Universitäten. Erhofft man sich doch eine starke Annäherung an die Partnerländer in der EU. Erhofft man sich doch, dass vor allem der Bereich Altenpflege ein besseres Ansehen erlangt. Der Wegfall des Titel Altenpflege, soll ein in der Öffentlichkeit negativ geprägtes Bild unserer Berufswelt verschwinden lassen.

Es mag sein, dass die Generalistik rein wissenschaftlich betrachtet eine sinnvolle Novellierung unserer Berufsausbildungen darstellt. Der Widerstand der Union zeigt nun aber, vielleicht war dieser extrem große Sprung zu weit gefasst und aus diesem Grund zum Scheitern verurteilt. 

Wir sprechen mit der nun anstehenden Novellierung, von der zweiten Gesetzesänderung in knapp zehn Jahren. Das ist reichlich sportlich und schnell. Den Zugang zum Pflegeberuf nun weiter einzuschränken, die Spezialisierung auf einen der drei Hauptbereiche raus zu nehmen und die Hochschulausbildung zu fokussieren ist vielleicht einfach zu viel.

Ein Schritt hätte aus meiner Sicht sein können, die Altenpflege zunächst in die bestehende Struktur der Gesundheits- und Krankenpflege als auch Gesundheits- und Kinderkrankenpflege einzugliedern. Eine gemeinsame Ausbildung über zwei Jahre, mit einem dritten Jahr in dem eine Vertiefung in die Bereiche Kinderklinik, Klinik und Pflege im Alter hätte statt finden können.

Ein sinnvoller kleinschrittiger Ansatz, der bei der konservativen Politik, wie auch bei Arbeitgeberverbänden deutlich weniger Angst ausgelöst hätte. 

Sehr ausführlich wurde untersucht ob die generalistisch ausgebildeten Kräfte, das spezifische Wissen für die Stationen schnell aufholen können. Dies wurde soweit es mir an der Uni Witten vermittelt wurde, positiv bescheinigt. Ja die Schülerinnen und Schüler, können nach ihrem Examen trotz fehlender Spezifikation sehr schnell das für den Bereich nötige Wissen nacharbeiten. 

Dies mag an Modellschulen und Krankenhäusern klappen.

In der Breite teile ich da die Befürchtungen der unterschiedlichen Verbände wie den BPA (Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e. V.), deren Meinung ich tatsächlich nur sehr ungern stärke. Allerdings sind die Mitglieder des BPA mitverantwortlich für meine Sicht der Dinge. Die Pflegedienste, Pflegeheime und Krankenhäuser sind in der Masse strukturell so unterbesetzt, dass bis auf wenige Modellbetriebe, eine sinnvolle Einbindung der generalistisch ausgebildeten Pflegekräfte zum Zwecke der Kompetenz steigernden Einarbeitung nicht möglich sein wird.

Ein Scheitern der Berufsreform Pflege, wird tragische Folgen vor allem für die Altenpflege haben. Kleinere Ziele und die Einbindung der Altenpflege in das jetzt gültige Ausbildungsgesetz der Gesundheits- und Krankenpflege, hätten aus meiner Sicht mehr Sinn gemacht.

Eine realistische Formulierung der Ziele der Pflegeberufsreform, hätte mehr Energie für andere „Schlachtfelder“ der Pflege übrig gelassen. Vielleicht hätten wir dann auch mehr Mut der Verbände erleben können, mit progressiven Protestformen und nicht nur mit Luftballonen und Trillerpfeifen.

Bevor nun eine Reform der Pflegeberufe gänzlich scheitern sollte, ist ja vielleicht doch noch Zeit für den hier angerissenen Plan B.

 

T.Weijers

(Herzlichen Dank an @Nanunana249)

Pflegestreik und was nun?

Ich beteilige mich nun von Anfang an an der Mittwochsmahnwache unter dem Hashtag #pflegestreik. Deshalb versuche ich jetzt mal für mich Bilanz zu ziehen und zu analysieren, was da vorgeht.

Bei der Bilanz ist es recht einfach. Das ganze bringt uns nicht weiter!
Einige wenige „Externe“ beteiligen sich,
aber mediale oder gar politische Resonanz geht gegen Null.
#Pflegestreik ist als Thema nicht sexy, aber warum?
Betrifft Pflege nicht früher oder später jeden?
Ich denke schon!

Am Anfang dachte ich es liegt daran, dass das Thema irgendwie schlecht ankommt weil man zugeben müsse, dass man am falschen Ende gespart hat. Doch dann kam die aktuelle Meldung, dass die Krankenkassenbeiträge steigen sollen. Kein Aufschrei. Kein großes Gezeter.
Das ließ mich verwundert zurück. Es ist also offensichtlich, dass Gesundheit den Menschen in diesem Lande doch etwas wert ist.
Da bleibt ja nur der Schluß: Nur Pflege ist nichts wert.

Das ganze irritiert mich.
Aber wenn man genau hinschaut merkt man plötzlich warum.
Dafür muss man allerdings genau hinschauen.
Ein Beispiel kam aus dem WDR.
Es ging darum weniger gebildete Menschen, in diesem Falle Zuwanderer in Pflegeberufe zu bringen.
Jo, so hab ich auch geguckt.
Aber als ich, sagen wir es freundlich, beim WDR rumgerantet habe, kam folgendes heraus:
Es waren Betreuungskräfte gemeint, nicht die Pflegefachkräfte.
Da wurde mir plötzlich einiges klar. Selbst gut gebildete Menschen haben keine Ahnung, dass Betreuung und Pflege zwei verschiedene paar Schuhe sind!
Wenn das aber schon bei Journalisten so ist,
wie soll denn dann das Bild in der Öffentlichkeit sein?

Ich denke wir „Professionellen“ wissen es!

Pflege kann jeder, man muss sich nur überwinden.

Ja, ich glaube viele nehmen ernsthaft an, sie könnten jederzeit unseren Job machen wenn sie denn nur wollten. Schließlich muss man in der Pflege ja nur seinen Ekel vor Ausscheidungen und dergleichen ablegen und fertig.
Ich glaube, dass man uns für nette Hilfsarbeiter der Ärzte hält.
Deswegen nimmt uns keiner Ernst! Man glaubt es gibt genug arme Schlucker da draußen, die nur darauf warten unseren Job zu machen, weil es ja irgendwie jeder kann. Man glaubt, dass man im Notfall nur das Heer der Mütter und Bildungsverlierer in den Beruf drängen muss und schwupp läuft es wieder. Ob nun ein Baby wickeln oder die pflegbedürftige alte Dame, wo ist da der Unterschied? Da muss man doch nichts für gelernt haben.

Und genau das kotzt mich an! Und wie mich das ankotzt! Ich habe jeden Tag die Verantwortung, dass Menschen nicht vor ihrer Zeit abtreten müssen oder wenn es nicht mehr abwendbar ist, in Würde und schmerzfrei sterben können. Ich muss nachts mit Ärzten diskutieren, die genauso müde und scheiße drauf sind wie ich, weil sie auch am Anschlag arbeiten. Ständig muss ich wichtiges von unwichtigem trennen damit alles läuft, ja auch dann wenn ich „Kaffee saufe“. Ausserdem muss ich noch jede Menge berufsfremden Mist erledigen weil irgendwer irgendwann beschlossen hat, dass Hilfskräfte nur Geld kosten. Irgendwo zwischen Frühstück austeilen, Tischchen putzen und Exkremente entsorgen, sorge ich für Medikamente, Infusionen, Untersuchungstermine und dafür, dass die Patienten wenigstens das Gefühl haben ich wäre für sie da. Pflege ist viel mehr als Hintern wischen und Patienten betüddeln. Ich bin der, der dem Oberarzt kackendreist Desinfektionsmittel über seine Griffel schüttet damit die Keime im Nachbarbett bleiben. Aber dafür muss ich wissen was ich da tue und vor allem die Zeit dafür haben!!

Es kommt nicht primär auf Hände an! Pflege ist ein Ausbildungsberuf mit staatlichem Examen und klar geregelten Zugangsvoraussetzungen. Das müssen alle wissen. Jeder sollte sich im Klaren darüber sein, warum das so ist! Wir brauchen Hände, ja, aber mit hellen Köpfen.
Es wird Zeit die Menschen aufzuklären was Pflege bedeutet und uns von der ebenso wichtigen aber eben eine völlig andere Baustelle betreffenden Betreuung abzugrenzen. Das geht jedoch offensichtlich nur mit Medienpräsenz.
Wir als Berufsgruppe müssen aufhören am Boden zu liegen. Wir müssen laut, sichtbar und unüberhörbar werden! Der Patient Pflege muss mit einem Arschtritt mobilisiert werden. Das haben wir doch drauf werte Kolleginnen und Kollegen, oder?

Wir müssen auf die Straße, aber nicht vor Kliniken.
Wir müssen vor Landtage und den Bundestag.
Die schüchterne, zurückhaltende Pflege muss ins Rampenlicht!
Nur dann können wir ausnutzen, was wir können weil wir es tagtäglich machen. Menschen erklären was los ist.
Dann können wir erklären, was unsern Beruf ausmacht und warum es auf uns und unser Fachwissen ankommt.

Die Pflege muss zum gesunden Menschen kommen und nicht warten bis der kranke Mensch zur Pflege kommt!
Die meisten begreifen dann zwar schnell, aber zu spät.
Deshalb liebe Kolleginnen und Kollegen, steht auf seid laut!
Es ist unser Beruf lasst ihn uns retten bevor alles den Bach runter geht!

Mit freundlicher Genehmnigung übernommen von: Garcon de Piss

Pflegestreik.

Die Pflege in Deutschland ist krank. Erkrankt an Arbeitsüberlastung, geringer Wertschätzung, Unterbesetzung und zu geringem Gehalt. Das haben sicher die meisten Menschen bereits mitbekommen. Wer Pflegende in der Familie oder im Freundeskreis hat kennt ihre Geschichten aus dem Alltag in deutschen Krankenhäusern, den Pflegeeinrichtungen und den ambulanten Diensten. Überall ähneln sie sich.

Vor ein paar Wochen gab es nun aber einen Streik an der Berliner Charité. Die Pflegenden haben ihre Arbeit niedergelegt. “Großartig” und “das wurde auch Zeit” haben sicher einige gedacht. Und das wurde es auch. Ich persönlich habe gehofft, dass in den Medien endlich über die Zustände in der Pflege berichtet wird. Dass Pflegende wach gerüttelt werden, sich für ihren Beruf und damit auch für die Menschen die sie versorgen einzusetzen.

Medial berichtet wurde aber kaum. Hier und da mal ein kurzer Bericht, der aber in den meisten Fällen nicht die tatsächliche Problematik in der Pflege angesprochen hat.
Auf Twitter tauchte der Hashtag #Pflegestreik auf. Pflegende aus allen Bereichen erzählen von ihren Problemen, von erlebtem. Viele reden davon unter diesen Umständen nicht mehr lange in diesem Beruf bleiben zu können, den sie eigentlich lieben. Jeden Mittwoch ab 13:45 wird eine sogenannte Mittwochsdemonstration gestartet, mit dem Ziel in den Twittertrends zu erscheinen und so die Menschen und die Medien auf das Thema aufmerksam zu machen. Politiker werden angeschrieben, sich doch bitte des Themas anzunehmen. Die Resonanz ist in den meisten Fällen, dass wir gar nicht erst eine Antwort bekommen.
Die Solidarität in den sozialen Medien ist relativ hoch. Viele sind erschrocken über die Zustände. “Ich wusste das es schlimm aussieht. Aber so schlimm hatte ich nicht erwartet” war zum Beispiel einer davon.

Die große Hoffnung, die ich zu Beginn des #Pflegestreiks hatte, weicht allerdings so allmählich einer gewissen Nachdenklichkeit. Ich denke darüber nach, wie es jetzt weiter geht. Twittern ist die eine Sache, aber das allein ändert nichts. “Streikt doch endlich mal im großen Stil” sagen viele. “Ja, geht bald los” würde ich gerne antworten. Kann ich aber nicht.
Auf meiner Station haben viele nichts davon mitbekommen, dass die Pflege der Charité streikt. Als ich davon erzählte wurde es mit einem “ändert ja eh nix” abgetan. Ich war ernüchtert. Und zwar so richtig. Diesen Satz habe ich schon so oft von Pflegenden gehört. Er wird als Ausrede benutzt um nichts tun zu müssen. Man könnte meinen, dass der Leidensdruck dann halt noch nicht groß genug ist. Aber das verrückte ist ja, dass er das ist. Er ist so hoch, dass viele ihre Stelle kürzen, weil es Vollzeit nicht mehr geht, werden krank oder verlassen gleich ganz die Pflege.

Warum das so ist, darüber kann ich nur spekulieren und die Gründe werden vermutlich vielschichtig sein. Pflege hat es nie gelernt für sich selbst zu kämpfen. Wir haben keine Lobby wie zum Beispiel die Ärzte, man sieht sich selbst als schwächstes Glied der Kette und man weiß nicht, was man denn überhaupt tun könnte. Er herrscht Uneinigkeit, über welchen Weg denn am besten die Ziele erreicht werden können. Streik, Pflegekammer, Politik, Berufsverbände? Wo soll man sich engagieren? Welcher Weg führt uns zum Ziel?
Über all das kann man hervorragend streiten.

Die Frage, die mich aber am meisten beschäftigt, ist wie wir es endlich schaffen können, die Pflege dazu zu bewegen nicht mehr länger alles über sich ergehen zu lassen. Sich endlich zu wehren. Und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie das gelingen soll.

Deshalb wünsche ich mir eine Gewerkschaft, die sich für Pflegende einsetzt. Aktiver um Pflegende Mitglieder wirbt. Ihnen zeigt, welche Möglichkeiten sich durch eine Mitgliedschaft bieten.

Ich wünsche mir eine Pflegekammer um der Pflege eine Lobby zu geben. Die die Interessen der Pflege vor Politik und anderen Kammern wie zum Beispiel der Bundesärztekammer vertritt.

Ich wünsche mir, dass die Politik endlich begreift, dass wir eine Reform benötigen, die ihren Namen verdient. Es geht hier immerhin darum, wie unser Land mit pflegebedürftigen Menschen umgehen will.

Und ich wünsche mir Berufsverbände die lauter sind als jetzt. Mit gezielten Aktionen medienwirksam auf die Probleme in der Pflege aufmerksam machen.

Und von euch liebe Pflegende wünsche ich mir, dass ihr euch endlich für euren Beruf engagiert, den ihr so liebt. Euch informiert über die Möglichkeiten die ihr habt und über eure Rechte als Arbeitnehmer. Lernt endlich Nein zu sagen.

Mit freundlicher Genehmigung übernommen von Nanunana