Personalmangel auf einer Intensivstation.

21:00 Uhr, Nachtschicht auf einer 12 Betten Intensivstation in einer grossen Klinik.
Eine Pflegeperson hat sich kurzfristig krank gemeldet wir sind also nur noch zu viert.
Zu knapp wie möglich besetzt und nun die Rechnung:
2 Pflegepersonen müssen somit in dieser Schicht 3 Patienten betreuen.
Ich bin eine davon, gerade 2 Wochen aus der ‚Einarbeitung‘ raus,
zuvor habe ich 5 Jahre seit meinem Examen auf einer Normalstation gearbeitet
und dachte bisher ich könne mich und meinen Ablauf gut strukturieren.

Ich betreue 2 beatmete Patienten die katecholaminpflichtige
-sprich lebenserhaltende- Medikamente bekommen
und einen Patienten mit einem geplatzten Aortenaneurysma welches zwar nötig in einer OP versorgt wurde der Patient jedoch weiterhin instabil ist.
Was ich die folgenden 10 Stunden im Nachtdienst mache?
Keine Pause, kein kurz aufs Klo gehen, ich wechsel lediglich Infusionen die mit Hochdruck in seinen schwachen Körper gepumpt werden damit sie seinen Blutverlust ausgleichen.
Ich spritze Medikamente damit sein Blutdruck nicht fällt und steuere das Adrenalin damit er nicht vollkommen einbricht oder gar noch unter meinen Händen stirbt.
Der Dienstarzt ist bei einem Notfall im Nachbarzimmer beschäftigt,
die Kollegen mit ihren eigenen Patienten.
Ich tue das nicht eine Stunde lang sondern ununterbrochen 10 Stunden lang.
Insgesamt bekommt dieser Patient 15 Liter Infusionen in einer Nacht.
Ich wechsele im Minutentakt Perfusoren mit wichtigen Medikamenten,
nehme alle 20 Minuten Blut ab um zu Überwachen dass genug Sauerstoff ankommt,
Elektrolyte nicht entgleisen oder andere Parameter aus dem Ruder laufen.
Die anderen Patienten versorge ich nur zwischenzeitlich damit dass ich stündlich die Vitalzeichen dokumentiere und notwendig Infusionen erneuere.
Morgens als endlich mein Kollege eintrifft fange ich hemmungslos an zu weinen.
Im Patientenzimmer sieht es aus als hätte eine Bombe eingeschlagen und ich ‚gestehen‘ dass ich an den anderen 3 Patienten nichts ‚geschafft‘ habe.
Keine Lagerung und auch sonst keine von mir laut Standard verlangte Maßnahme.
Ich wurde den anderen Patienten nicht gerecht bzw habe sie nicht nach optimalen Gewissen überwacht.

Am nächsten Abend erzählte man mir der Patient sei eine Stunde nach Dienstende verstorben. Nur eine Situation von zu vielen.

Monate später sitze ich auf einem Sofa.
Mir gegenüber ein Psychiater. Ich sehe ihn an und fange an zu weinen.

Ich habe schon viele Kollegen kommen und gehen sehen,
noch mehr macht mich traurig, dass Kollegen sich auf unbestimmte Zeit krankschreiben lassen müssen oder gar in eine Klinik begeben weil sie Fehler auf sich nehmen die durch mehr Personal verhinderbar gewesen wären.

11 Gedanken zu „Personalmangel auf einer Intensivstation.

  1. Dave

    5 Pflegekräfte in der Nachtschicht auf 12 Patienten? Arbeitest du in der Schweiz? Ich Uniklinik, Herzchirurgie arbeite regelhaft zu 4. (wenn alle Gesund sind!)

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    1. mr morbo

      klar… alltag, allen jungen Kollegen wird es so gehen, bis sie durchdrehen, oder sie das mit dem Sterben ganz normal finden. Ich dachte zu viert im Spätdienst? Nachtdienst bei uns auch nur zu viert. Das ist politisch so gewollt, man muss in der Arbeit darauf drängen das deutlich zu machen, auch Angehörigen gegenüber und die Ärzte darauf drängen nicht Erfolg versprechende Therapien frühzeitig abzubrechen. Schreibt Überlastungsanzeigen wann immer es geht.

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      1. l.t.m.

        ist es nicht furchtbar?
        Man kann keine 3-4 Patienten betreuen, die den oben beschriebenen Arbeitsaufwand haben. Man kann davon vielleicht zwei betreuen – bei mehr wird das Risiko der Patientenschädigung billigend in Kauf genommen.

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  2. l.t.m.

    Ist es nicht traurig zum Erbrechen, dass man heute schon überlegt ob fünf Pflegepersonen für 12 Patienten nicht schon eine gute Ausstattung ist?
    Nein ist es nicht!
    Ich habe auch schon 16 Intensivpatienten mit vier Leuten versorgt – sie haben auch überlebt – aber mit Pflege hat dies nichts mehr zu tun, sondern nur noch mit möglichst Überleben sichern. Schon ein Patient bei dem interveniert werden muss bindet mindestens zwei Pflegekräfte und den Arzt. Für die anderen zwei gilt es dann nur noch zu kompensieren und 15 andere Patienten irgendwie über die Zeit zu retten.

    Pflege egal ob auf Intensivstation oder auf Normalstation – oder ob Bewohner im Altenheim – können ihren Bedarf an unserer Zeit nicht planen. Eine Besetzung zu planen, die gerade so die Arbeit abdeckt, wenn alles glatt geht, kommt potentieller grob fahrlässiger Körperverletzung nahe.
    Notfälle, Interventionen, Gleichzeigitkeit dringlicher unvorhergesehener Probleme sind nicht planbar – für die MUSS Reserve vorgehalten werden.

    Eine Planung am Durchschnittsarbeitsaufkommen an den unteren Rand der Machbarkeit durchzuführen, beutet Personal aus – die Folgen liest man oben. Es tut mir leid, dass von den alten Hasen auf dieser Station keiner in der Lage war dich zu unterstützen. Es ist eine Folge der permanenten Überbelastung – es gibt keine Kapazitäten mehr für anderes – nicht für Patienten, nicht für neue Kollegen, nicht fürs Team. Es gibt ein Hauen und Stechen… kein Wunder gibt es kein Intensivpersonal.

    Ich hoffe dir geht es wieder besser – es war nicht deine Schuld. Einen solchen Patienten halbwegs vernünftig zu versorgen ist für einen Mitarbeiter kurz nach der Einarbeitung quasi unmöglich. Ich übertrage einem Schüler im 2. Jahr auch nicht die Gesamtverantwortung für eine halbe Station inclusive allem.

    Deshalb: Mindestpersonalbesetzung im Krankenhaus – Petition unterschreiben. https://www.openpetition.de/petition/online/mindestpflegepersonalbesetzung-in-deutschen-krankenhaeusern

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  3. mr morbo

    so ist das! Ist das alles was wir machen können? Überlastungsanzeigen, Petitionen? Kann man nicht klagen dagegen?

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  4. eschi

    1 Nachtwache für 6 pat. Durchschnittlich 1Beatmung oder auch mal 3 Beatmungen +Notarzt mit Intensivpflichtigen Patienten also eine Reanimation noch dazu. 4Jahre durch gezogen Überlastungsanzeigen
    brachten nichts.Da gegen Gesetze verstoßen wurde was tolleriert wurde und ich schriftlich in Dokumentationen die Verantwortung abgelehnt hatte wurde ich fast bis in den Tot gemobt .Resultat schwere Depressionen mit Burn out .Nun nach Über 30 Jahre Pflege mich verabschiedete. Nun Verfahrenspfleger und Betreueung und mir geht es gut trotz weniger Geld.

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  5. roxane

    Ich merke schon, daß es überall das Gleiche ist. Wir waren auch schon mit 16 Pat zu fünft im ND. Dabei waren Pat mit Ecmo, IABP, Hämofiltration und fadt alle beatmet und eine Lungentransplantation, der es schlecht ging mit HF und.Ecmo. Wie soll es noch werden? Überladtungsanzeigen, Meldung an den Betriebsrat…..alles ohne eine Anderung der Situation.

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  6. Mandy Neumann

    Und nicht nur das es drei bis vier Patienten sind Nein sie werden älter kränker und schwerer . Wenn es vor 5 Jahren noch hieß erst Op wenn unter 100kg sind die heutigen schon weit darüber. Jedes drehen jedes lagern ist schwerst Arbeit. Mein schwerster 175 kg große Herzoperation. Ein Alptraum und ich bin nicht die zarteste Pflegekraft. Nun versorgt mal so einen bei so ner Besetzung. Über lastungs anzeigen schreiben wir schon nicht mehr nur für die Klinik nein eigentlich hauptsächlich das wenn in 1 bis 2 Jahren
    ein Verfahren kommen würde wir nachweisen können daß es nicht die Schuld der Pflege IST. Patienten werden älter mit nem ellenlangen Register an vor Erkrankungen. Echt wenn wundert es noch das ne 91 jährige mit diversen Infarkten Nierenprobleme
    und Diabetes zum lang lieger wird. Denn Angehörigen und Oberärzten schon uns nicht wieso? Alles operieren bringt Geld nur wer zahlt wenn es schief geht.Aber so lange wie sich in der Politik nicht ein radikaler Wandel vollzieht ist Quantität mehr wert als Qualität.

    Antworten
  7. Mandy Neumann

    Und nicht nur das es drei bis vier Patienten sind Nein sie werden älter kränker und schwerer . Wenn es vor 5 Jahren noch hieß erst Op wenn unter 100kg sind die heutigen schon weit darüber. Jedes drehen jedes lagern ist schwerst Arbeit. Mein schwerster 175 kg große Herzoperation. Ein Alptraum und ich bin nicht die zarteste Pflegekraft. Nun versorgt mal so einen bei so ner Besetzung. Über lastungs anzeigen schreiben wir schon nicht mehr nur für die Klinik nein eigentlich hauptsächlich das wenn in 1 bis 2 Jahren
    ein Verfahren kommen würde wir nachweisen können daß es nicht die Schuld der Pflege IST. Patienten werden älter mit nem ellenlangen Register an vor Erkrankungen. Echt wenn wundert es noch das ne 91 jährige mit diversen Infarkten Nierenprobleme
    und Diabetes zum lang lieger wird. Denn Angehörigen und Oberärzten schon uns nicht wieso? Alles operieren bringt Geld nur wer zahlt wenn es schief geht.Aber so lange wie sich in der Politik nicht ein radikaler Wandel vollzieht ist Quantität mehr wert als Qualität.

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