Pflege im Jahr 2014.

Wenn man nicht unmittelbar mit Personen, die in einem Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung arbeiten, zusammen kommt, kann man sich nur bedingt was unter „Pflege“ vorstellen. So individuell jeder einzelne von uns ist, so individuell sind die Vorstellungen und Erwartungen von Pflege.

Wir, die Krankenschwestern- und pfleger, beziehungsweise die Gesundheits- und Krankenpfleger/innen (wie es nun nach 3 jähriger Ausbildung und Bestehen einer anspruchsvollen Prüfung in Theorie und Praxis in der Examensurkunde steht) sind tagtäglich auf ein Neues den Vorstellungen, Erwartungen und Wünschen von Patienten, Angehörigen, Ärzten und anderen Berufsgruppen ausgesetzt und befinden uns immer wieder in einem intrapersonellen Konflikt, diesen gerecht zu werden.

Aber was ist mit unseren Erwartungen? Mit unseren Vorstellungen und vorallendingen: Was ist mit unseren Wünschen?

Jemand sagte mal:

„Krankenpflege ist kein Beruf, sondern Berufung.“

Wenn es Berufung ist, seinen Dienst um 13 Uhr anzutreten, alleine mit einem Praktikanten, der- man kann es ihm nicht übel nehmen, da er nur Praktikant ist- nicht einmal in der Lage ist, den aktuellen Gesundheitszustand eines Menschen rein objektiv zu beurteilen, und man um 18 Uhr immernoch nicht alle Patienten wenigstens einmal ansehen und eben dieses Beurteilen machen konnte, dann möchte ich es nicht als Berufung bezeichnen. Das ist nicht das, was ich je machen wollte. Hoffen, dass nach diesen 5 Stunden noch jeder atmet und nicht inzwischen schon kalt im Bett liegt.

Jemand, der sich nichts unter Pflege vorstellen kann, fragt sich nun sicher, wieso ich nicht „mal eben kurz“ in die Zimmer reinsehen kann.

Wenn der Arzt bei 5 Patienten Medikamente schrifllich umgestellt hat, die ich als Pflegekraft wiederrum dann ändern muss, sprich, aus den gestellten Tabletten Medikamente raussuchen und neue reinstellen muss, nebenbei Angehörige mit dem Arzt, der nach der verursachten Arbeit wieder in den OP musste, sprechen möchten und ich Ihnen, oftmals mehrfach, erklären muss, dass es mir Leid täte, der Arzt aber derzeit leider nicht zu sprechen ist, dann kann ich nicht „mal eben reingucken.“

Wenn zeitgleich zu oben genanntem 2 weitere Patienten vom Aufwachraum zurückkommen, weil sie operiert wurden und ihre künstlichen Gelenke erhielten, der eine die Vollnarkose nicht vertrug und von oben bis unten mit Erbrochenem bedeckt ist, der andere aufgrund der „Spritze im Rückenmark“ und der damit einhergehenden Betäubung der unterem Extremitäten auch keine Kontrolle mehr über seine Blase hat, von den Schultern bis zu den Kniekehlen eingenässt hat, dann kann ich „nicht mal eben reingucken.“

Wenn derweilen aus der Notfallambulanz ein junges Mädchen zu mir kommt, die vom Pferd gefallen ist und jetzt einen Bruch in der Wirbelsäule, vielleicht in einem oder mehreren Brust- oder Lendenwirbelkörpern, hat und bitterlich weint, weil es wehtut und weil sie noch nie im Krankenhaus war, weil ihre Oma hier starb und sie einfach Angst hat nie wieder reiten geschweige denn laufen zu können, dann kann ich „nicht mal eben reingucken.“

Wenn unterdessen ein älterer Patient aus der internistischen Abteilung, weil er dort gestürzt ist und nun einen Bruch im Oberschenkel hat, zu mir verlegt wird, er aufgrund seiner demenziellen Vorerkrankung aber nicht in der Lage ist, seine Verletzung zu verstehen und immer versucht aufzustehen, dann kann ich „nicht mal eben reingucken.“

Diese Liste lässt sich mit vielen weiteren Beispielen fortsetzen. Man kann nicht einfach reingucken, weil man Menschen von ihrem Erbrochenen befreien muss- und will. Weil man ihnen das Bett beziehen muss- und will, damit sie nicht in ihrem eigenen Urin liegen, weil man selber das auch nicht wollen würde. Weil man zumindest 3 aufmunternde, beruhigende Worte und eine nette Berührung an der Schulter an jemanden richten möchte, der Angst hat, nie wieder laufen zu können.

Und während man dann seine ganzen Kräfte, physisch wie auch psychisch, mobilisiert, geht man dem sehnlichsten Wunsch und dem notwenigsten Grundbedürfniss, einfach mal kurz auf Toilette zu gehen und einen Schluck zu trinken, nicht nach und sagt derweilen dem nächsten Patienten, dass er immer schön viel trinken soll.

Und hofft einfach nur, das am Ende des Dienstes, gegen 21 Uhr, noch jeder atmet.

3 Gedanken zu „Pflege im Jahr 2014.

  1. Gabi.H.

    Diese Situationen kenne ich nur zu gut!!! Sie sprechen mir damit voll und ganz aus dem Herzen!!!!!

    Liebe Grüße aus Österreich
    Gabi

    Antworten
  2. Silke Glöckler

    Habe den Bericht über die turbulente Spätschicht eben sehr interessiert gelesen und kann dem nur zustimmen. Ich arbeite in einer geriatrischen Abteilung und kenne solche Dienste auch nur zu gut.. vorallem wenn man von allen Seiten beansprucht wird und seiner eigentlichen Pflicht und Arbeit …nämlich für den Patienten da zusein und für ihn in seiner hilflosen Situation Verantwortung zu übernehmen …nicht nachkomkommen kann weil 1000 andere Dinge einen davon abhalten.wie oft geht man nach der schicht völlig erschöpft nach Hause…mit einem schlechten gewissen …für die Patienten als solche nicht wirklich Zeit gehabt zu haben.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.