#pflegestreik

In der letzten Woche erschien der Hashtag „Pflegestreik“ gehäuft auf Twitter. Leider nur dort. In den Medien wurde nicht darüber berichtet, was ich nicht nachvollziehen kann. Denn es ist ein wichtiges Thema, das uns ALLE betrifft. Den einen früher, den anderen später.
Auch wenn man diesem Thema aus dem Weg gehen will – wird es nicht funktionieren. Denn wenn es so weiter geht wird unser ganzes Gesundheitssystem, so wie wir es jetzt kennen, nicht mehr lange überleben.
Und ich erkläre euch auch, warum.

Es herrscht Fachkräftemangel in der Pflege. Nichts neues, hat jeder schon mal gehört. Doch nur die Wenigsten verstehen wirklich, was das bedeutet. Nur chronisch Kranke, Angehörige oder Menschen, die in der Pflege arbeiten, bekommen dieses Problem hautnah mit. Die anderen Menschen denken sich, dass es sie nicht betrifft. Falsch gedacht. Denn es geht nicht nur um ein paar Fachkräfte, die fehlen. Nein. Es fehlen ÜBER 16.000 Pflegende. 16.000.
Und mit jedem Tag werden es mehr. Die Fachkräfte, die wir aktuell noch haben, gehen entweder bald in Rente oder hören auf, weil sie ausgebrannt sind. Die restlichen Fachkräfte wandern in andere Länder aus, wie z.B. in die Schweiz, weil dort die Bedingungen besser sind.
An Auszubildenden fehlt es eigentlich nicht. Theoretisch. Praktisch arbeiten nur wenige nach der Ausbildung weiterhin in der Pflege. Wenn in einer Klasse 25 Auszubildende sind, arbeiten vielleicht maximal 5 Auszubildende nach der Ausbildung weiter in der Pflege. Die anderen suchen sich etwas anderes, weil die Bedingungen so schlecht sind. Wir bilden zwar genug Fachkräfte aus – können diese aber nicht halten. Und das nicht ohne Grund.

In diesem System läuft gehörig etwas schief. Das aber schon seit Jahrzehnten.
Es wird nur schlimmer, nicht besser.
Die Medizin macht immer größere Fortschritte, die Pflege wird immer schlechter.
Und das liegt nicht an den Pflegenden.
Sondern am System.

Warum das so ist?
Wie bereits erwähnt, fehlen immer mehr Fachkräfte. Oft muss eine examinierte Fachkraft tagsüber bis zu 25 Patienten/Bewohner alleine versorgen. Höchstens ein paar Praktikanten oder Schüler sind noch dabei, aber diese ersetzen keine vollwertige Fachkraft. Nachts ist eine examinierte Fachkraft oft alleine für bis zu 80 Patienten/Bewohner zuständig. Wir reden hier natürlich nicht von fitten, gesunden Menschen. Nein, natürlich nicht. Diese Patienten/Bewohner sind meistens Vollpflegefälle, die alle zwei Stunden umgelagert werden müssen, weil sie dies nicht mehr alleine können. Die Pflegekraft muss Infusionen fertig machen, Tabletten stellen, nach den Patienten/Bewohnern sehen und zur Klingel gehen. Besonders im geriatrischen Bereich ist nachts besonders viel los. Demente Menschen sind häufig nachtaktiv und laufen herum. Dann muss die Pflegekraft aufpassen, dass diese Patienten/Bewohner nicht weglaufen oder andere Dinge tun, die ihnen schaden könnten. Wir rekonstruieren – diese Pflegekraft ist alleine. Sie muss alle ihre Aufgaben erledigen und sich zeitgleich noch um die aktuellen Belange ihrer Schützlinge kümmern. Doch dadurch, dass sie alleine ist, kann sie dies nicht. Sie hat nicht genug Zeit. Und dadurch bleiben die Patienten/Bewohner auf der Strecke. Diese werden dann eben nicht alle zwei Stunden gelagert, weil dies nicht möglich ist. Somit entwickeln sie häufig Drückgeschwüre (Dekubitus), die nur schwer wieder weggehen. Viele Patienten/Bewohner liegen stundenlang eingenässt in ihren Betten. Erst zum Frühdienst werden sie wieder sauber gemacht.
Ich übertreibe nicht. Dies ist Alltag in Deutschland. In allen Krankenhäusern und Pflegeheimen. Es gibt nur wenige Ausnahmen.
Tagsüber ist es nicht besser. Oft werden ungelernte Kräfte auf die Schwerstpflegebedürftigen losgelassen. Meistens sind es Schüler oder Praktikanten, die nicht genug Fachwissen haben, um die Patienten/Bewohner fachgerecht zu pflegen. Woher auch? Richtig angeleitet wird schon lange nicht mehr, denn die Fachkräfte haben selbst genug um die Ohren. Da wird den Praktikanten oder Schülern meistens nichts erklärt, sondern nur gesagt „Du machst das schon“. Das darf so nicht sein. Wie sollen wir denn Fachkräfte ausbilden, wenn ihnen niemand etwas erklärt? Oder sie bekommen Dinge mit den Worten „In der Prüfung darfst du das aber nicht machen, das ist eigentlich falsch“ erklärt. Ja, super. Hilft einem enorm weiter.
Ich selbst arbeite erst seit zwei Jahren in der Pflege und habe schon so viele Dinge erlebt, die eigentlich nicht sein dürften. Aber meistens geht es nicht anders. Auf dem Papier gibt es beispielsweise die 1:1-Betreuung. In der Praxis ist dies nicht umsetzbar, da betreut dann eine Pflegekraft 20 Patienten auf einmal und dann sind da zwei Patienten dabei, die theoretisch eine 1:1-Betreuung hätten. Es ist einfach nicht umsetzbar.

Der Fachkräftemangel ist nicht das einzige Problem, aber der Grundstein für die weiteren Probleme. Durch den Fachkräftemangel herrscht ein gewaltiger Druck auf den Pflegekräften, die dadurch anfällig für Krankheiten werden. Damit beginnt der Teufelskreis: Durch Krankheitsausfälle gibt es noch weniger Personal und der Druck wird noch größer, dann fallen noch mehr Pflegekräfte aus und so weiter. Aus diesem Teufelskreis kommt man nicht raus. In anderen Berufen würde man die ausgefallenen Mitarbeiter ersetzen. In der Pflege geht das nicht so einfach, denn es gibt nicht genug Menschen, die diesen Beruf machen wollen.
Im Endeffekt leiden vorallem die Patienten darunter. Damit das endlich aufhört, haben Mitarbeiter der Berliner Charité zum Pflegestreik aufgerufen: „Menschen werden nicht unterversorgt, weil Pflegende streiken, sondern Pflegende streiken, weil Menschen unterversorgt werden.“

Und damit haben sie verdammt Recht. Eigentlich müsste es ganz Deutschland nachmachen, damit sich endlich etwas ändert. Geht bloß nicht, denn in vielen (vorallem) katholischen Krankenhäusern sind Streiks verboten.

Für die Medien ist dieses Problem quasi nicht existent. Liegt wahrscheinlich daran, dass es den Streikenden nicht um mehr Geld geht, sondern um bessere Bedinungen und mehr Personal. Ist wahrscheinlich nicht spektakulär genug. Natürlich ist es für uns wichtiger, dass die Bahn oder die Post streikt – denn davon sind wir unmittelbar betroffen. Dass es in der Pflege ein gewaltiges Problem gibt, wird der Durchschnittsmensch erst dann bereifen, wenn er selbst auf Pflege angewiesen ist und dann ist es zu spät.

Einer unserer Lehrer meinte zu uns: „Wenn ihr nicht anfangt zu kämpfen, bricht das gesamte System zusammen.“ Er hat verdammt Recht. Es muss sich endlich etwas ändern. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Es geht schließlich um Menschenleben!

Ich wünschte, ich selbst könnte mehr tun, damit sich etwas ändert. Denn ich arbeite gerne in der Pflege, es macht mir Spaß. Aber ich möchte auch, dass das so bleibt. Ich würde gerne bis zur Rente in der Pflege arbeiten, aber unter den aktuellen Bedingungen ist dies utopisch.

Es muss sich etwas ändern. Lieber heute als morgen,
denn morgen könnte es schon zu spät sein.

Quelle: Graustufenregenbogen

2 Gedanken zu „#pflegestreik

  1. fsmilla

    Ein guter Artikel, den du dir da vom Herzen geschrieben hast….ich bin auch in der Pflege und will da auch bleiben…..aber es wird täglich schwerer und unwürdiger.
    Was zu dem allem noch kommt, dass Angehörige und manche Patienten mittlerweilen eine Anspruchshaltung an den Tag legen, dass es unsäglich ist.
    Obwohl in den Medien und überall die Pflege auf ihre Not aufmerksam macht, kommt von den Betroffenen
    (Patienten und Angehörige) sehr wenig….Sie lassen ihre Unzufriedenheit an uns aus…..dabei wäre es sinnvoller die verantwortliche Regierung, die Träger usw. anzusprechen und daraus Konsequenzen zu ziehen.
    Aber die Arme, die gerade am Bett steht, wird als Ventil benutzt. Das kann man schon mal aushalten, aber der Spagat wird immer gewagter, den man täglich vollbringen muss.
    Ich wünsche mir, dass die Bevölkerung endlich mal aufwacht und nicht nur jammert, wenn die Bahn oder Post streikt…..wenn es an die Versorgung und Pflege geht, das wird noch ein ganz anderes Thema für die Menschen in unserem Land. Aber das wird noch verdrängt, ignoriert…..Keiner hat eine gescheite Lösung.
    Warum wird hier gespart? Und warum ignorieren wir Pflegenden das selber schon so lange? Vor wem oder was haben wir denn Angst?

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  2. Heinz Günter Niehus

    Ihr habt mit jedem Wort Recht. Das höre ich mir schon seit 1970 an. Es wird sich nichts öndern, wenn wir es nicht selber tun. Da reicht allerdings streiken überhaupt nicht, sondern wir müssen +
    1. politisch denken und werden, dazu brauchen wir
    2. eine Berufsstandvertretung für alle Pflegenden und das wäre
    3. eine Pflegekammer.
    Diese wäre vom Gesetzgeber legitimiert und hätte den notwendigen Einfluss und nicht nur ab und zu, sondern ständg, jeden Tag, mit den anderen Mitwirkenden im Gesundheitssystem, die pflegerischen Interssen zu vertreten. ´Nur dann haben wir eeine Chance, etwas zu verändern.
    Heinz Günter Niehus

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