#pflegestreik betrifft jeden!

In den sozialen Medien (z.B. bei Twitter) tobt seit Beginn des Streikes der Pflegenden in der Berliner Charité ein Aufschrei der Pflegenden in Deutschland. Auch viele Nicht-Pflegende beteiligen sich mittlerweile daran. Dieser Aufschrei geht auch nach dem Streikende in der Charité weiter. Er wird sogar noch größer und lauter.

Unter dem Hashtag* #pflegestreik werden kurze Texte zum bestehenden und größer werdenden Pflegenotstand in Deutschland verfasst.
*) Ein Hashtag ist wie eine Art Stichwort oder Kategorisierung.

Tweets (=“Nachrichten in 140 Zeichen“ vereinfacht gesagt) in teilweise 5stelliger Anzahl pro Tag in Deutschland (besonders gehäuft zur Zeit jeden Mittwoch ab 13:45 Uhr) in dem Pflegende und andere Personen Missstände darstellen und Änderungen fordern. Über 11.000 Tweets am ersten Mittwoch und viele viele mehr am zweiten Mittwoch sowie an allen anderen Tagen kontinuierlich geschrieben sprechen für sich. Über Trendanalysen zeigte sich, das das Thema teilweise auf Platz 1 der Trends bei Twitter in Deutschland lag. Dies spricht für ein deutliches Interesse für dieses Thema. Die Tweets zeigen den Notstand auf, teilweise sachlich, teils reisserisch, teils mit Beispielen aus dem Pflege/Klinik/Altenheim-Alltag. Jeder Schreiber nach seinem Gusto.

Ein Thema das auch ausserhalb der sog. sozialen Netzwerke des Internets behandelt werden sollte.

Pflege betrifft jeden – auch mich? Was habe ich mit einer Pflegekraft zu tun?

Pflege betrifft jeden. Früher oder später. Viele von uns werden spätestens im Alter pflegebedürftig werden. Unsere Freunde oder Eltern sind es vielleicht bald oder schon. Hat man morgen einen Unfall liegt man schneller pflegebedürftig und angewiesen auf fremde Hilfe im Krankenhaus als man denkt und es sich wünscht.

Dann werden selbst alltägliche Dinge wie der Toilettengang, das Waschen, die Möglichkeit etwas zu Trinken zu bekommen oder bequem zu liegen ohne fremde Hilfe (=Pflegekraft) unmöglich. Auch beim Überleben und Therapie hilft die Pflege teilweise sehr maßgeblich mit. Im Regelfall ist es die Pflege die den Patienten die meisten Zeit am Tag sieht und seine Bedürfnisse wahrnimmt, im Vergleich zu wenigen Minuten der ärztlichen Visite. Sie sammelt und bündelt wichtige Infos und Veränderungen für den Arzt.

Sie setzt seine Anordnungen für den Patienten um und bringt hier auch ihr Fachwissen mit ein. In vielen Dingen verlassen sich die Ärzte auch bewusst und zu Recht auf die breitgefächerte und spezialisierte Expertise der Pflege. Sie steuert nach Maßgabe des Arztes in ihrem Verantwortungsbereich eigenverantwortlich auch die Therapie (z.B. auf Intensivstation wenn es um lebenserhaltende Einstellungen wie Medikamentengaben zur Kreislaufaufrechterhaltung oder die Steuerung der Beatmung geht), da der Arzt nicht die Zeit hat 24 Stunden direkt selbst darauf zu achten (er trägt für viele Patienten die Verantwortung). Der Arzt ist auf die Pflegenden angewiesen. Diese reagieren sofort auf jede Änderung am Patienten. Dazu brauchen Sie aber die Zeit um die Änderungen wahrzunehmen um entsprechend handeln und helfen zu können.

Muss eine Pflegekraft zu viele Patienten versorgen, geht dies nicht mehr. Der Patient muss warten, Abstriche in der Versorgung sind die Folge auf Grund von zu wenig Zeit. Egal wie gut man organisiert ist oder multitasken kann. Dann „fällt waschen“ aus, dann ist keine Zeit die Fragen des Patienten zu Beantworten, seine Sorgen und Bedürfnisse wahrzunehmen, für ihn da zu sein, zu zu Hören, oder auch bei Sterbenden den letzten Lebensabschnitt würdevoll und nicht allein (Hand haltend) zu gestalten.

Sofern Zeit ist. Aber die Zeit fehlt, da Personal fehlt und die Arbeitsverdichtung zu nimmt. Durch immer aufwändigere Patienten, immer mehr Patienten, immer mehr Tätigkeiten, immer mehr nötiger Dokumentation. Das für Pflegende die eigene Pause ausfällt oder kürzer als vorgegeben stattfindet ist dabei oft Alltag. Eine Pause innerhalb von 8 Stunden, in der trotzdem auf die Klingel gegangen wird, obwohl man kurz etwas trinkt und isst, bzw. dies gerne tun würde. Viele Pflegende sagen nichts sondern meinen das geht schon, bis sie dekompensieren, sich selbst krank arbeiten. Viele Pflegende sind zu sozial und Versuchen die fehlende Zeit zu kompensieren anstatt darüber zu reden. Dies ändert sich nun. Längst überfällig und mit zwingend nötigen Änderungen seitens der Politik und des Gesundheitssystems und somit der Gesellschaft in der Folge nötig. Der Mangel ist bekannt, ja sogar statistisch offiziell erfasst. Siehe Quellen am Seitenende.

Worum geht es beim #pflegestreik?

Ein Thema das die gesamte Gesellschaft, jeden Bürger betrifft. Früher oder später.

Ein Thema das politische Kenntnisnahme und vor allem Änderungen bedarf. Ein Thema über das auch die Medien / die Presse berichten und aufklären sollte.

Beim „Pflegestreik“ geht es aktuell noch nicht um eine realen Streik wie bei der deutschen Post, der Bahn oder wie bei der Charité. Es geht um Sensibilisierung aller Bürger zum Thema Pflegepersonalnot und den zugehörigen Rahmenbedingungen. Noch ist der „Streik“ nur online, es wird auf Missstände und Änderungsbedarf hingewiesen. Ein realer Streik wie in der Charité bei dem es nicht um mehr Lohn, sondern um mehr Pflegestellen ging zeigt deutlich den Bedarf. Dieser Bedarf besteht in ganz Deutschland. Jetzt und in der Zukunft wird dieser noch steigen. Das ist seit Jahren bekannt und wird kommuniziert. Die Gewerkschaft verdi versuchte erst vor wenigen Wochen mit der Aktion 162.000 darauf aufmerksam zu machen. Die Aktionen „Pflege am Boden“ verfolgen seit Monaten ähnliche Ziele. Dieser Bedarf an mehr (gut ausgebildeten!) Pflegepersonal benötigt Änderungen im Gesundheitssystem, z.B. verbindliche Pflegepersonalschlüssel (Verhältnis Pflegekräfte pro Patientenanzahl pro Schicht), mehr und vor allem attraktivere Ausbildungsplätze für Pflegepersonal und eine auch in der Praxis gut durchgeführte Ausbildung, bessere Rahmenbedingungen für das Pflegepersonal (Kompensation der Schichtdienst-Arbeitszeiten, attraktive Stellen, Familienvereinbarkeit, Unterstützung, weniger Diensttage am Stück, attraktive Teilzeitangebote, Möglichkeiten Personalengpässen zeitnah zu begegnen ohne das Kollegen oft aus dem „Frei“ geholt werden müssen

Ein Bedarf an gut ausgebildeten Pflegepersonal,
an mehr Pflegepersonal pro Station und pro Schicht.

Meist sind nur wenige Pflegende für viele Patienten zuständig, so das Abstriche in der Patientenversorgung gemacht werden müssen. Oder auf Grund des Zeitdrucks auch Fehler entstehen können. Und das alles in der Arbeit mit / am Menschen. Der Mensch ist kein Gegenstand den man Ersetzen kann und nochmal von vorne beginnen kann, wenn man etwas falsch gemacht hat. Viele Pflegende haben hohe qualitative Ansprüche an die Umsetzung der Pflege, können dies aber selten umsetzen. Pflegende sind öfters krank oder leiden an BurnOut. Wenn man teilweise10-14 Tage am Stück im Drei-Schichtbetrieb (Früh/Spät/Nacht inkl. Wechseln) arbeiten muss, ist das auf Dauer auch nachvollziehbar.

Bessere Rahmenbedingungen nutzen allen. Den Menschen die am Menschen arbeiten und den Menschen als Patienten. Damit die Pflege nicht noch länger Patient ist, sondern sich um Patienten kümmern kann. Änderungen bei Personalbemessung und den Rahmenbedingungen.
Sicher gibt es einzelne Stationen in denen es nicht ganz so ausgeprägt ist oder scheint, aber das sind bis dato einzelne „Inseln“. Wir brauchen überall bessere Zustände. Und auch die momentanen „Inseln“ sind vor Arbeitsverdichtung und Belastung aus unterschiedlichen Richtung nicht gefeit.

Warum mehr Pflegepersonal und bessere Rahmenbedingungen? Kurz und knapp.

– für mehr ausreichend Zeit in der Patientenversorgung

– keine Abstriche in der Patientenversorgung

– Auszubildende sollen und müssen auch in der Praxis angeleitet und ausgebildet werden können und nicht fehlende examinierte Pflegekräfte ersetzen / kompensieren, dazu braucht es mehr Personal und Zeit. Diese Anleitung muss besser und auch gesetzlich sichergestellt werden. Denn nur eine qualitativ gute praktische Ausbildung, welche die theoretische Ausbildung ergänzt, kann später zu guter, hochwertiger Patientenversorgung führen. Ihren Oldtimer würden Sie doch auch nicht vom Lehrling lackieren lassen, ohne das er weiß worauf er achten muss?

– verbindliche Pflegekraft-Patienten-(Personal)Schlüssel
z.B. von 1 Pflegekraft zu max. 8 Patienten in Schichten untertags auf „Normalstationen“ und keine Nachtdienste alleine auf „Normalstationen“. In Intensivpflegebereichen einen durchgehenden Personalschlüssel von 1 Pflegekraft zu maximal 2 Patienten.

Die aktuell im Bundestag befindliche Gesetzesreform nur der Tropfen auf den heißen Stein, hier braucht es eine weitsichtige und umsichtige Regelung wie eben vorgeschlagen. Damit eine wirkliche Entlastung möglich ist und nicht später nachgebessert werden muss.

– Möglichkeiten und gesetzliche Vorgaben fehlendes Personal (z.B. wegen Krankeitsausfall) kurzfristig zu ersetzen ohne oft Kollegen aus dem „Frei“ zu holen. Ein Frei das man bräuchte um seine Akkus wieder aufzuladen.

– Möglichkeiten mehr Personal von ausserhalb der Station kurzfristig hinzuziehen bei erhöhtem Pflegebedarf, damit keine Abstriche in der Patientenversorgung gemacht werden müssen.

– attraktivere Angebote der Arbeitgeber (Lohn, flexiblere Arbeitszeitmodelle, familienfreundliche Teilzeitangebote, mehr Personal,…)

– ggf. attraktive Dienstplangestaltung, Aussenwerbung mit entsprechenden Dienstplanmodellen die die jeweilige Klinik als Arbeitgeber attraktiv werden lassen. Dies kann für langfristig vorhandenes und zufriedenes Personal sorgen, anstelle von Personal das verheizt wird und ggf. nach wenigen Jahren wieder wechselt und unzufrieden ist. Kliniken mit mehr und genügend Personal bedeuten, das sich die Schichtdienstbelastungen aufteilen und nicht so stark auf den einzelnen auswirken. Und der Schichtdienst senkt an sich schon die Lebenserwartung der ihm ausgesetzten Personen (wie z.B. der Pflege)

Im Umkehrschluss – was kann mehr Personal und bessere Rahmenbedingungen bewirken?

– ausreichend Zeit für die Patientenversorgung und die „restlichen Anforderungen“ wie QM und Dokumentation damit keine Information über die Patienten verloren gehen

– Zeit für die Fragen und Anliegen der Patienten

– Zeit für Patienten wenn sonst keiner da ist

– zeitnahe Hilfe bei Bedürfnissen der Patienten, wenn diese z.B. auf dem Topf sitzen für den Stuhlgang und dieser kann auf Dauer sehr unangenehm hart sein, oder evtl. dringend auf den Topf müssten….

– ausgeglichene Pflegekräfte die zufrieden ihren Job machen weil sie keine Abstriche in der Versorgung machen müssen. Zufriedene Arbeitnehmer arbeiten in jeder Branche besser und hochwertiger. So auch hier. Zufriedenheit = langfristige Stellenbesetzungen, weniger BurnOuts

– genug Zeit die Akkus im frei wieder aufladen zu können, da kein Anruf droht ob man einspringen könne

– weniger Krankheitstage bei Pflegenden und damit weniger Kosten für das Gesundheitssystem an sich

– mehr Pflegende durch bessere Arbeitszeit/Teilzeitmodelle nach Wunsch der Betroffenen und nicht nach Wunsch der Verwaltung

– mehr Pflegende durch bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie => Stichworte: Dienstplangestaltung, freie Tage, Arbeitstage en bloc, Arbeitszeit/Teilzeitmodelle

– mehr Pflegende durch attraktivere Ausbildung und attraktiveren anschließenden Berufsaussichten

– mehr Qualität durch mehr und gesicherte Zeit für praktische Anleitung von Auszubildenden

Was kann ich tun?

Briefe #pflegestreik

Sprechen Sie in Ihrem Freundes und Bekanntenkreis darüber. Darüber reden ändert etwas. Stillschweigen nichts. Darüber reden sorgt für Unterstützung in der Bevölkerung damit sich etwas ändern kann und ein Bewusstsein für Änderungsbedarf und Personalnot entsteht. Unterstützung und Rückhalt damit sich mehr Pflegende trauen (die dies sonst aus Angst oder sozialen Pflichtgefühl gegenüber dem Patienten) Misstände nicht mehr still oder stationsintern zu kompensieren, sondern dies anzusprechen und Änderungen zu fordern. Beim Arbeitgeber wie auch in der Gesellschaft. Und darüber hinaus auch die nötige Anerkennung erfahren.

Machen Sie die Medien und die Presse auf das Thema aufmerksam. Egal ob lokale Presse oder überregional. Per Post, E-Mail oder in den sozialen Netzwerken.

Wenden Sie sich an ihren Bundestagsabgeordneten (egal ob Sie diesen gewählt haben oder nicht, da er alle Wähler eines Wahlkreises vertritt) oder Parteien im Bundestag Ihrer Wahl.

Schreiben Sie der Bundesregierung bzw. an das Kanzleramt. Diese sind maßgeblich in der Gesetzgebung. Auch das Bundesgesundheitsministerium ist ein möglicher Adressat.

Wenden Sie sich an kommunale Politiker wenn ihr lokales Krankenhaus einen lokalen Träger hat, damit diese auf Landes- und Bundesregierung die Bedürfnisse weitertragen, z.B. bei Finanzierungsverhandlungen in Gesundheitsministerien. Jeder Lokalpolitiker sollte ein Interesse an einer guten, nicht-gefährdenden Patientenversorgung seiner Wähler haben.

Schreiben Sie an den Vorstand ihres Krankenhauses mit der Bitte um bessere Personalbemessung zugunsten „der Einnahmequelle“ Patient, der Qualität und sicheren Personalsituationen ohne Gefährdungsanzeigen und stillschweigenden Überlastungen. Für zufriedene Mitarbeiter. Jeder Controller weiß das sich negative Mundpropaganda von unzufriedenen Patienten bei elektiven Eingriffen innerhalb von einem ¾ Jahr auswirkt.

Bringen Sie dabei eigene Bezugspunkte oder Erlebnisse, Bedürfnisse und Wünsche mit ein. Werben Sie um Aufmerksamkeit für das Thema. Geben Sie zu Bedenken das die aktuell im Bundestag befindliche Gesetzesreform nur der Tropfen auf den heißen Stein ist und es einen realistischen Personalbemessungsschlüssel braucht um wirkliche Entlastung zu bewirken. Z.B. von 1 Pflegekraft zu max. 8 Patienten in Schichten untertags auf „Normalstationen“ und keine Nachtdienste alleine auf „Normalstationen“. In Intensivpflegebereichen einen durchgehenden Personalschlüssel von 1 Pflegekraft zu maximal 2 Patienten.

Wichtig: Bitte bleiben Sie stets höflich und greifen Sie den/die Adressaten nicht an. Vorwürfe an den/die Adressaten nützen niemanden.

Der o.g. Text wurde etwas gekürzt von RDPfleger übernommen
und erschien dort als Originaltext in voller Länge.
Erstpublikation: 09.07.2015
Letzte Änderung der Quelle vor Textübernahme: 10.07.2015 .
Der Autor ist über o.g. Seite zu erreichen.

Auf seiner Seite findet Ihr sämtliche Adressen dazu,
sowie weiterführende Links.

Solltet ihr euch überlegen einen eigenen Twitteraccount anlegen zu wollen,
habt aber leichte Orientierungsprobleme
und braucht Hilfestellung zur Anmeldung oder für den Einstieg,
so schreibt uns eine Mail an Pflegenot@yahoo.de wir helfen euch gerne dabei.

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