Pflegestreik

Und plötzlich hast du Feierabend, gehst auf Twitter und wirst von einer Lawine halbtot geschlagen. #Pflegestreik trendet in Deutschland mittlerweile auf Platz 1. Und wenn man sich die Tweets so durchliest, weiß man nicht, ob man weinen oder lachen soll, da es anscheinend /überall/ so ist.

Es ist viel kaputt in diesem System und es muss sich endlich mal was ändern. Ich kann es nicht mehr hören, ewig dieses “Ich arbeite schon seit 40 Jahren in diesem Beruf und es ist schon immer so gewesen und es wird auch immer so sein.” Wenn man diese Einstellung hat, kann sich auch einfach nichts ändern.

Doch woran liegt das? Wahrscheinlich an der Geschichte der Krankenpflege. Früher waren es Kranken”schwestern”, meistens Nonnen oder Frauen im christlichen Dienst, die mit der Pflege der Kranken ihre christliche Pflicht am Menschen ‘abgearbeitet’ haben. Sie haben Nächstenliebe gelebt, sich um Alte, Kranke, Sterbende gekümmert, sie gepflegt, um so für ihr Seelenheil zu arbeiten. Pflege war damals nicht anerkannt. Nein, Pflegende wurden regelrecht ausgebeutet. Sollen sie doch glücklich sein, dass sie Gotteswerk verrichten können. Mittlerweile ist 2015 und viel hat sich nicht geändert. Die Geschichte der Krankenpflege wird in der Schule unterrichtet, doch die meisten interessieren sich nicht dafür, da es zu dröge ist und eh alles langweilig.

Jedenfalls nicht an der Anerkennung. Wenn ich erzähle, dass ich Abiturientin mit einem 2er-Schnitt bin, sind manche vielleicht noch begeistert und beglückwünschen mich. Sage ich dann aber, welche Ausbildung ich mir ausgesucht habe, verdrehen die meisten die Augen. “Wie…? Du wirst Krankenschwester…? Aber warum? Du bist doch Abiturientin. Du kannst doch mehr als nur Ärsche abwischen.”
Woran merke ich, dass Pflege nicht genügend Anerkennung bekommt? Wenn die Lokführer streiken, gibt es einen ARD-Brennpunkt. Streiken Kita-Angestellte sind alle empört. Droht die Pflege zu streiken…kommt nichts.

Meistens ist dann der Zeitpunkt erreicht, wo ich langsam bis 10 zähle und mich auf meine Atmung konzentriere.

Der Pflegeberuf hat sich in den Jahren gewandelt. Von der “einfachen Krankenschwester” zur “Gesundheits- und Krankenpflegerin”. Die Aufgaben haben sich geändert, viel mehr was von uns geleistet werden muss/soll. Wir setzen nicht mehr nur den Fokus auf die Krankheit, sondern auch auf die Gesundheit. Sollen auf Prävention achten und was nicht alles…

Doch wie soll das gehen, wenn immer mehr Stellen gekürzt werden? Mit drei Examinierten und zwei Schülerinnen kann ich keine operative 40-Betten-Station mit 90% Vollpflegefälle schmeißen, ohne das irgendwas auf der Strecke bleibt. Und meistens ist es die eigene Gesundheit, die eigene Pause und die normale Feierabendzeit, da Pflegende alles tun, damit das Wohl des Patienten nicht gefährdet wird.
Man muss bis 11 Uhr waschen, nebenbei die OPs runterfahren, die Visite begleiten, die Visite ausarbeiten, Entlassungen ausarbeiten, Neuaufnahmen ausarbeiten, Schellen abarbeiten und freundlich sein.
Man hat meistens so viel Stress, dass man den Vollpflegefällen nichtmal das Wasser anreichen kann. Bei 35 Grad.
Man hat meistens so viel Stress, dass man selber nichtmal was trinken kann. Bei 35 Grad.

Viele sagen, dass ein Streik die Patienten nur unnötig gefährden würde. Dabei ist die Gefahr doch viel größer, wenn ich so viele Sachen im Kopf habe, an die ich denken muss, dass ich selber irgendwann nicht mehr weiß wo mir der Kopf steht. Wenn ich überarbeitet und mit kaputtem Körper arbeite, kann ich meiner Meinung nach dem Patienten mehr schaden, als

Pflege soll den Menschen helfen. Und nicht einfach Fließbandarbeit sein. Ich will für die Menschen da sein und nicht nur ruckizucki alles erledigen, damit ich dem Spätdienst nicht zuviel Arbeit überlasse.
Ich will nicht heulend nach Hause gehen, weil ich meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werde, weil ich denke, dass ich Patienten im Stich gelassen habe oder denke, irgendwas wichtiges vergessen zu haben.
Ich will nicht mit Bauchschmerzen zur Arbeit kommen, weil ich schon weiß, was wieder auf mich zu kommt.
Ich kann nicht 18 Tage am Stück arbeiten, als Schülerin, weil einfach sonst kein Personal da ist. In der Schule wurde uns immer und immer wieder gesagt, dass wir Schüler eigentlich nur als Extra-Kräfte sind und den Examinierten zuarbeiten sollen. Aber das geht nicht, wenn es nur drei Examinierte auf einer 40-Betten Station sind, da werden die Schüler dann als volle Kraft mitgezählt. Anleitung? Pah, Fehlanzeige.

Ich mache nächsten Monat mein Examen und werde vermutlich ab dem 1.9 auch eine Stelle als Gesundheits- und Krankenpflegerin antreten, aber ich weiß jetzt schon, dass ich das nicht lange aushalten werde/kann. Ich überlege mir jetzt schon Alternativen, Studienoptionen, damit ich schnell aus diesem Mühlrad komme.
Pflege ist unattraktiv.
Und warum? Weil es da immer noch die Stimmen gibt, dass sich ja eh nichts ändern wird. Aber wie soll sich auch etwas ändern, wenn niemand von diesen Missständen erfährt? Wenn alle denken, hach, klappt ja super, weil niemand etwas anderes sagt. Allein deswegen ist der #Pflegestreik notwendig. Und egal von wem man liest, es ist überall scheiße. Es tut gut zu sehen, dass man nicht alleine ist. Man müsste sich jetzt nur mal organisieren, damit sich endlich etwas ändert.

Ich will mehr Anerkennung. Ich bin nicht die Dumme, die nur Ärsche abwischt.
Ich will mehr Personal, damit ich den Patienten die Pflege zukommen lassen kann, die Sie verdienen.

Ein Streik in der Pflege bringt nicht nur uns Pflegende voran. Es würde auch den Patienten helfen. Man hätte mehr Zeit auch wirklich auf sie einzugehen und es wäre nicht mehr nur Abhaken und schnellschnell.
Sterbende Patienten müssten nicht allein sterben, man könnte sie begleiten.
Vollpflegefälle müssten nicht 3 Std in einer vollgekackten Schutzhose liegen, weil einfach gerade keine Zeit ist, um es 1. zu bemerken und 2. zu ändern.
Patienten müssten nicht hungrig auf ihr Essen schauen, weil einfach niemand da ist, um Essen anzureichen.
Aber das rafft ja wieder keiner.
Wir sind ja /nur/ Krankenschwestern. Naja, immerhin weiß ich nun, dass ich ohne weitere Probleme in den Himmel kommen werde.

Quelle: Stories from St. Barbs

2 Gedanken zu „Pflegestreik

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