Realität und Erkenntnis.

Die Ansichten vieler Menschen,
die mit Pflege (noch) nichts zu tun haben, sind immer wieder erschreckend naiv anzuhören. Es gibt doch tatsächlich jemanden, der meint im Pflegeheim arbeiten zu jeder Zeit nur hochqualifizierte, gut ausgebildete Leute, die sich dann sicher und menschenwürdig um die alten Menschen/ Bewohner kümmern.
Er war ganz entsetzt zu hören, dass es weder einen Doktor für die psychologische noch für die medizinische Sofortversorgung im Haus gibt. Dazu kann man nichts sagen, er ist so weit von der Realität entfernt.
Angehörige stehen wie ein Ochs vom Berg, wenn sie ihre Angehörigen in ein Heim bringen.
Sie verstehen die Abläufe nicht, glauben an eine 1:1 Betreuung und sind ganz entsetzt,
wenn die Mutter/der Vater um 10:00 noch im Bett liegt, unversorgt.
Sie verstehen nicht, dass Sterbenden der Mund austrocknet, weil niemand Zeit hat ihn alle halbe Stunde zu befeuchten. Sie verstehen nicht, dass der Pfleger keine Auskunft geben kann, weil er nicht darf. Sie unterscheiden nicht die Fachkraft von der Hilfspflegekraft, weil sie die Hierarchie nicht kennen.
Sie wissen nichts davon, dass grade heute vielleicht gar keine Fachkraft vor Ort ist, weil es einen Personalmangel gibt wegen Krankheit/ Urlaub oder generell. Sie wissen nichts von Demenz und verstehen ihre Eltern nicht mehr, die nicht mit ihnen sprechen und auch nicht mehr essen mögen. Es kann ihnen auch niemand erklären. Sie sind der festen Überzeugung, dass sie immer einen Ansprechpartner haben, der zu jeder Zeit über seinen Angehörigen detailliert berichten kann.
Sie denken ihre Mütter/Väter sind gut aufgehoben, weil sie ja nicht alleine sind. Sie glauben mit ihnen wird geturnt, gespielt, sich gut unterhalten. Sie glauben ihnen wird das Essen gereicht, welches sie gerne mögen und sie können schlafen gehen, wann sie möchten. Sie verlassen sich darauf, dass mit ihren Müttern und Vätern viel an die Luft gegangen wird und denken, sie sind gut behütet.
Sie sind falsch informiert. ..
…durch Werbeversprechen der Häuser, die in Wirklichkeit Slogans verwenden, nur um ihr Haus anzupreisen. Die schönen Versprechen von individueller Pflege haben mit einem normalen und realen Ablauf auf einer Station rein gar nichts zu tun.
Auch die Standards und die Einstufungen des MDK haben mit der realen Tätigkeit nichts zu tun. Man kann ja Großes erwarten, aber die Erwartungen und Ansprüche haben mit der Realität im Pflegealltag nichts zu tun.
Die Azubis, die heutige mutiger Weise und animiert durch Täuschung von Hochglanzbroschüren mit falschen Versprechungen in den Beruf gelockt werden, erliegen der Illusion schon oft im ersten Jahr ihrer Ausbildung und geben auf. Es wird ihnen nicht gesagt, dass sie auch als volle Kraft eingesetzt werden. Dass diese Arbeit mit Schnelligkeit und Arbeitsorganisation zu tun hat, damit sie ihr Pensum schaffen, wird in der Ausbildung nicht gelehrt. Eine Pflegekraft wird emotional, wirtschaftlich, psychisch und physisch ausgebeutet.
…und sie hat vor allem Schweigepflicht.

3 Gedanken zu „Realität und Erkenntnis.

  1. Pepe36

    Klasse Artikel !

    Es ist echt traurig , das manche Menschen immernoch so denken.
    Wenn man nur 1 € für „Warum liegt mein Vater /Mutter noch im Bett“ bekäme , hätte man schnell ein kleines Vermögen angehäuft. Da ist man sichtlich auf dem Weg zu einem Notfall und wird noch angesprochen ,wann Vater /Mutter aus dem Bett kommen. Echt unglaublich. Dennoch mehrfach selbst erlebt.

    Einstufungen des MDK und Realität kann man fast nicht in einem Satz verwenden. Da muß man es bewußt schlimmer machen als es ist , um das zu bekommen was man realistisch braucht. Sobald man sagt , des jemand das ein oder andere noch teilweise und manchmal selbst hinbekommt , was ehrlich ist und währe , ist das gleichbedeutent mit einer Pflegestufe weniger. Obwohl er/ sie es aber die größten Teil der Zeit nicht hinkriegt. Das wird hier nur zu gerne überhört. Und wieder , selbst erlebt.

    Keine Fachkraft im Haus. Da wurde mal einem Azubi die Verantwortung für die Station gegeben , weil ansonsten nur 2 Hilfskräfte von der Leihfirma (Einer davon 1. Tag im Haus) und 2 ungelernte eigene Pflegehilfskräfte ( Eine davon 1. Woche im Unternehmen) da wahren. Ihr ahnt es. Selbst erlebt.

    Das ist die Realität.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.