Sagen Sie einfach mal Nein.

Die letzten Tage hört man viele Vergleiche.
Oft im Zusammenhang Streik-Piloten-Pflege.
Das Verständnis aufzubringen für Menschen die trotz einem Jahresgehalt welches unseres im Durchschnitt um das 3-5fache übersteigt, fällt wahrlich nicht leicht.
Aber die allgemeine Meinung der Mehrheit ist leider auch nicht besser wenn man sich die letzten Tage im öffentlichen Dienst ansieht: da wird gepöbelt, gegiftet und jeder fühlt sich seiner Bequemlichkeit beraubt. Keine Kita, kein Busverkehr und jeder jammert.

Heute las ich auf Twitter die Aussage:
Lieber würde ich auf die 90€ ‚Erhöhung‘ verzichten, wenn ich dafür mehr Kollegen oder bessere Arbeitsbedingungen bekäme.
Jein.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich verstehe die Aussage dieses Satzes durchaus.
Der lapidare Brotkrumen der einen im Vorbeigang hingeworfen, einen ‚besänftigen‘ soll und genau das Gegenteil erreicht. Man wird böse, fühlt sich weder wertgeschätzt noch relevant.
Ja, dann lieber einen Kollegen mehr, der mir im besten Fall fühlbar etwas Druck aus der Überlastung nimmt.
Und auf der anderen Seite: ein klares NEIN.

Fakt ist: es wird sich absehbar nichts ändern.
Wie sollte man ein System in kurzer Zeit erfolgreich retten, wenn man bereits vor 10 Jahren die dafür notwendige Ausfahrt verpasst hat?
Selbst wenn auf höchster Ebene morgen eine Entscheidung zu unseren Gunsten fallen würde, es bräuchte Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, um einen missratenes System zu glätten. Dies ist alles keine Entscheidung von oben, sondern ein Prozess.
Exakt wie jener Prozess und die Struktur die wir jetzt haben.
Anerkennung bekommen wir nicht nächste Woche, Anerkennung muss man aufbauen, sich verdienen und ja ,zur Hölle wir tun alle unseren Teil dazu, aber wir haben die letzten Jahre zu wenig hinter uns selbst gestanden. Entlohnung kann nicht steigen solange es noch immer Kollegen gibt die freiwillig für 5€ die Stunde in ein Pflegeheim gehen und schuften. Es kann nicht sein, dass Kollegen das Weihnachtsgeld genommen wird und sie sich nahezu noch dafür bedanken. Die Arbeitsbelastung von Tag zu Tag steigt und du nur noch für das System funktionierst welches dir rücklings noch als Dank in den Arsch tritt.
Wir sind sozial und das ist unsere Schwäche, ebenso bekannt ist dies allen am langen Hebel.
Kein Pilot wird sich schlecht fühlen weil er streikt, trotz seinem Gehalt.
Wir hingegen jammern auf dem niedrigsten Niveau und nehmen alles hin.

Es macht mich böse. Böse weil wir allesamt mehr erreichen könnten, wenn wir nur den Mut dazu hätten. Ich weiss nicht warum es immer noch Kollegen gibt die Angst haben um ihren Job, wo doch mittlerweile allen klar sein dürfte dass man schon letzte Woche einen Neuen hätte wenn man müsste. Wir könnten so unsagbar viel Druck aufbauen, wenn wir uns mal alle hinterfragen würden für wen wir eigentlich sozial agieren, wenn wir sagen: Wir können nicht streiken oder Nein! sagen, weil wir haben eine Verantwortung.
Und wer verantwortet uns? Lieber noch mehr schlechte Pflege, als einmal die Arschbacken zusammen kneifen und für alle, Patient sowie Pflege, zukünftig bessere Verhältnisse erreichen? Mir erschließt sich dieses Denken nicht.
Unser Beruf ist Berufung?!
Mag sein, denn jeder hat sicher schonmal gehört: Den Job könnte ich nicht machen.
Und das ist gut und stärkt die Position und die Leistung die wir erbringen. Aber Berufung?
Berufung zahlt keine Miete oder versorgt Kinder mit Essen. Gehen Sie doch morgen mal zu Aldi und sagen an der Kasse sie wollen mit Berufung zahlen, wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit dass Sie hochkant rausfliegen?
Alle Kollegen die der Pflege jetzt den Rücken kehren werden nicht zurückkommen, egal was man ihnen verspricht und wie es um die Ausbildung steht muss man glaube ich nicht genauer erläutern. Und korrigieren Sie mich aber ein Auftrieb in die Gegenrichtung ist zumindest am Horizont noch nicht erkennbar.
Und wer denkt es wird besser wenn die alte Generation ‚weg‘ ist, der ist plötzlich selber alt und steht auf weiter Flur, alleine, im besten Fall mit nur 50 Patienten.

…,weil man uns braucht. Tatsache und in der Zukunft mehr denn je.
Weil wir tolle Arbeit leisten, weil wir in der Lage sind mehr Verantwortung zu tragen als sich mancher seines Lebtages vorstellen könnte, weil wir professionell handeln egal in welcher Situation und trotzdem menschlich sind.
Weil wir verdammt nochmal mehr wert sind, als das was hier gerade passiert!
Wir wollen kein Besänftigungsgeld.
Wir wollen einen ordentlichen Verdienst der unserer Verantwortung entspricht
UND mehr Kollegen samt Bedingungen mit denen man (wieder) gerne pflegt.

Wie man das plötzlich alles finanzieren sollte fragt man?!
Fragen wir doch mal alle die, die es in den letzten Jahren geschafft haben aus einem Krankenhaus einen Wirtschaftsbetrieb zu machen und damit Milliarden zu erwirtschaften.
Und zu dem Plus haben wir an der Front nicht unwenig beigetragen: gestrichene Stellen, Kompensation auf eigene (gesundheitliche) Kosten, schlechte weil billige Arbeitsmaterialien und ein Durchlauf an Patienten wie am Fließband damit die Zahlen stimmen.

Sagen Sie doch einfach mal NEIN und stehen Sie auf.
Sie werden sehen es wird kein Feuerball vom Himmel fallen.

7 Gedanken zu „Sagen Sie einfach mal Nein.

  1. JC

    Gesundheitsversorgung war früher mal ein ernstgenommener Teil der öffentlichen Aufgaben. Es war ein Erfolg, wenn das Jahresdefizit kleiner war als im Vorjahr. Krankenhaus, öffentliche Schwimmbäder, Kindergärten und Schulen mit hoher Qualität und verlässlicher Versorgung und ein funktionierender attraktiver ÖPNV sind Standortvorteile von Städten und Gemeinden. Wer hier auf Kostendeckung besteht, entzieht seiner Region den Sockel auf dem seine Zukunft aufgebaut ist.
    Jetzt wird es spannend, der neue Tarifabschluss kann nicht mehr durch Einsparungen finanziert werden. Jetzt könnte sich entscheiden, wohin die Reise geht: Systemerhalt oder Karren an die Wand. Pflegekräfte dürfen sich da keinesfalls als Opfer anbieten.

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  2. vissel

    Niemand arbeitet in der Pflege für fünf Euro. Es gibt einen Mindestlohn von 8€ € Osten und 8,50 € im Westen. Für ungelernte Pfleger. Fachkräfte beginnen mit 12 Euro. Beide Gruppen bekommen Zuschläge für Schichtdienste und Feiertage. Was wahr ist sollte auch gesagt werden. Lügen helfen nicht weiter.

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  3. aed

    Vissel, es ist ein wahrer Beitrag! Sehr wahr, und mit den gemeinten 5,00€ ist es sehr etwas überspitzt ausgedrückt, damit wir alle auch zuhören. Aber weit davon entfernt sind wir nicht!!!!!! Danke, klasse Bericht! Nächster Flashmob am 12.04.2014 in jeder Stadt und auf http://www.Flashmob.de. mitmachen bitte!

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  4. Johannes

    @vissel:
    Es gibt durchaus Heime, die „Praktika“ anbieten, in denen die Praktikanten für unter 5 Euro/Std. Vollzeit im Schichtdienst malochen, nicht etwa zusätzlich zu einer regulären Kraft, sondern als Ersatz.

    Und diese Heime finden immer welche, die das mitmachen.

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    1. Waldtroll

      In der Tat. Ich habe in einer Einrichtung der Caritas mein Vorpraktikum absolviert. Dort habe ich in drei von fünf Monaten ca. 2,28 Euro pro Stunde verdient, wobei ich nicht sozialversichert war und somit die Kankenkassenbeiträge (ca. 80 Euro/Monat) selbst komplett zahlen musste. Als ich nach drei Monaten die Kündigung einreichte, mit der Begründung, mir das Praktikum nicht mehr leisten zu können, wurde mein Gehalt plötzlich auf 7,50 Euro erhöht, um mich bei der Stange zu halten. Überflüssig zu erwähnen, dass ich in den 5 Monaten genauso gearbeitet habe wie alle anderen Pflegehelfer.

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