Schnauzevoll-Symptom.

Als Helferin verrichte ich eher die einfacheren Tätigkeiten. Die, für welche man normalerweise nicht drei Jahre lernen muss, sondern bei denen eine gute Einführung (wahlweise Fortbildung) ausreicht – bei entsprechender persönlicher Eignung, versteht sich.
Grob gesagt, läuft es darauf hinaus: Waschen, Mobilisieren, Toilettengänge, Essenreichen bei den einfacheren Fällen. Die Ordnung und Hygiene im Haus halten.
Ursprünglich sollte es nicht viel mehr sein als ein Job. Etwas, das man tut, um über die Runden zu kommen, bis sich etwas Besseres findet. Seit mehreren Jahren jedoch stelle ich immer wieder fest: Eigentlich kann ich mir kaum etwas Besseres vorstellen.
Was mir bei einem regulären Nine-to-five-Job im Büro fehlen würde? Das Angerufen-werden im Frei. Die unverhofften Dienstplan-Änderungen. Die Knochenarbeit. Die Knie-, Rücken- und Magenschmerzen. Die Aussicht auf eine miese Rente. Aufstehen um vier Uhr morgens. Schwere bis schwerste psychische Belastung. Aggressionen vonseiten der dementen Bewohner, der überlasteten Kollegen, der – sagen wir mal unwilligen – Leitung. Last not least: das alles für einen Hungerlohn.

Scherz!

Nochmal. Was würde mir fehlen?
Alles, was sich schwer im Crash-Kurs lernen lässt.
Alles, was mit Menschlichkeit zu tun hat. Gespräche, Witze (ohja, das geht auch bei Menschen mit Demenz!), Gesang, Trösten, Beschäftigung, und sei es nur 5 Minuten Aufmerksamkeit schenken.
Manchmal jedoch… kommt es zu etwas, das ich der Einfachheit halber Schnauzevoll-Symptom nennen möchte.
Weil ich glaube, dass dies ein Grundproblem der Pflege aufzeigt, nämlich die unseligen – und unproduktiven! – Feindseligkeiten, die manchmal zwischen Examinierten und Helfern ausbrechen, möchte ich versuchen, das zu beschreiben.

Pflege ist zum größten Teil Teamarbeit.
Nur im Team kann man die Bewohner gut versorgen. Das liegt an mehreren Faktoren. Unter anderem lassen sich Schwerstpflegefälle nur zu zweit versorgen. Manchmal ist jemand so unruhig, dass man ihn nicht allein lassen kann, die eigene Arbeit liegenlassen muss, dann muss ein Kollege ran und tun, wozu ich nicht komme. Auch manche Mobilisierung lässt sich nur zu zweit bewerkstelligen.
Am wichtigsten aber: Pflege lässt sich nicht aufschieben.
Wenn Frau X Stuhlgang hatte im Bett, kann ich nicht sagen: Das mache ich morgen. Wenn Herr Y, der einfach nicht zu Bett gehen wollte, kurz vor meinem Feierabend endlich einwilligt, kann ich nicht sagen: das mache ich morgen. Wenn Frau Z, die sehr unruhig, aber auch sehr sturzgefährdet ist, davon abgehalten werden muss, das Haus zu verlassen, und sich auf der Treppe zu Tode zu stürzen, kann ich nicht sagen: Das mache ich morgen.
Wir arbeiten mit Menschen.
Die jetzt ihre Bedürfnisse haben, denen man jetzt helfen muss, denn morgen ist es zu spät. Dass man dies nicht planen kann, dürfte klar sein. Dass es darum immer wieder zu Engpässen kommt, auch bei sehr guter Besetzung, dürfte ebenfalls klar sein. Wenn Frau X, Y und Z gleichzeitig unruhig sind, kann ich nicht überall zugleich sein. Dann muss – und nun kommen wir endlich zum Thema – die Kollegin ran.
Die Kollegin, das kann nun eine Helferin sein, oder eben eine Fachkraft. Was Fachkräfte leisten, mag ich mir gar nicht ausmalen. Nicht ohne Grund verzichte ich dankend auf alle Angebote, eine Ausbildung zu machen. Zusätzlich zu ihrer Fachtätigkeit wird meist von ihnen noch erwartet, überall gleichzeitig zur Stelle zu sein, den Arbeitsablauf grob zu planen UND noch uns Helfer zu unterstützen. Tun sie Letzteres nicht, aus welchem Grund auch immer, ist die Lästerei unter den Helfern groß.
Teamarbeit heißt, jeder hat andere Stärken und Schwächen. Daraus ergibt sich ein Großes, Ganzes, das im Idealfall für die Bewohner bestmögliche Pflege gewährleistet. Manche Examinierte sind sehr flink, andere weniger. Manche eilen mit einem Scherz auf den Lippen von Bewohner zu Bewohner und sorgen so „nebenbei“ für gute Laune, andere nehmen sich viel Zeit und verknüpfen ihre Tätigkeit mit einer großen Extra-Portion an unschätzbarer Zuwendung. Und – wer hätte das gedacht? – das ist bei uns Helfern nicht anders. Wenn es aber langsame und schnelle Leute überall gibt, warum dann dieses Unverständnis?
Weil Absicht unterstellt wird.

„Oh-oh, morgen ist Sr X im Dienst, da kannste dich aber warm anziehen, die macht nie mehr als zwei Leute.“
Oft gehört, nie beherzigt, ich gebe es zu.
Bei mir „machen“ alle mehr als zwei Leute. Woran das liegt, weiß ich nicht. Kann sein, ich bin zu langsam. (Wer Lust hat, mache sich einmal Gedanken über„Schnell + langsam in der Pflege“.) Kann sein, ich spreche mich einfach gut ab. Ich weiß es wirklich nicht. Folgendes weiß ich aber ganz sicher:
Wenn die Kollegin im oben beschrieben Fall nicht „ran“ geht, weil sie offenbar der Meinung ist, dafür sei sie als PflegeFACHkraft nicht zuständig, dann –
Wenn sie sieht, sehen muss, dass wir ackern wie die Blöden, und sich nicht mal zehn Minuten um eine äußerst unruhige Bewohnerin kümmern kann, dann –
Wenn sie später eine Helferin zusammensch…, weil diese es wagt, endlich ihre schwerverdiente Pause zu machen, dann –
Wenn sie heute schon zweimal Pause machte, essend, während ich am Ende des Dienstes mein Pausenbrot wieder mit nachhause nehme, dann –
Wenn die Examinierte mir sagt, sie komme gleich, um mir auf der Station bei den schweren Leuten zu helfen und ich muss mir kurz vor Feierabend doch Hilfe von der anderen Station holen, dann –
hat sie vielleicht einfach keine Zeit dafür?

Wenn aber andere Examinierte dieselbe Arbeit im Normalfall (kein Notfall, kein unverhoffter Besuch, kein dringendes Gespräch oder Telefonat) so hinbekommen, dass die Arbeit gemeinsam gut geschafft wird und alle zufrieden sind, dann –
verstehe ich das einfach nicht. Ich möchte nicht so weit gehen, Absicht zu unterstellen. Es liegt jenseits meiner Vorstellungskraft, das jemand sich auf dem Rücken seiner Kollegen so ausruhen kann. Ich kann mir aber vorstellen, dass simpler gestrickte Gemüter durchaus auf diese Idee kommen.
Und wenn Gespräche mit der Kollegin erbarmungslos abgewürgt werden, wenn ich dieselbe Situation mit verschiedenen Kolleginnen schon mehrfach erlebt habe, DANN habe ich von dem Beruf die Schnauze voll.

Meine Entschuldigung für diesen Text geht an dieser Stelle an alle examinierten Kollegen + Kolleginnen, die sich den Arsch aufreißen. Danke euch, ihr seid zum Glück in der Mehrzahl. Ich weiß nicht, wie ihr euch fühlt, aber von uns Helfern werdet ihr sehr geschätzt.

Ein Gedanke zu „Schnauzevoll-Symptom.

  1. Mikkai

    Die, die wie blöd ackern – verursachen sie nicht ständig das Dilemma eines „perfekten Bildes“ und „es geht doch“ und „so schlimm ist es nicht“? Sind es nicht gerade wir, die uns den A*sch aufreissen, die einen Schein wahren, der gar nicht wahr ist? Und warum? Antwort: Wenn wir es nicht tun, tun es andere. Ob wir es wollen oder nicht. Denn: Irgendwann können wir nicht mehr, und dann kommen „die anderen“ – und machen genau so weiter. Über die Jahre geht der letzte Funken Menschlichkeit kaputt. Pflege – was ist das für ein Wort? Woher kommt es? Hört sich an, wie „Monteur“, „Maurer“. Wir sind entmüdigt. Der Mensch ist keine Ware, sondern Abfall, der schon jetzt durch Sterbehilfe entsorgt wird. Woher kommen all die dementen Menschen? Die Diabetiker? Die Krebskranken? Keiner weiss eine Antwort, kein Arzt, kein Genetiker, kein Experte. 500.000 sterben jedes Jahr durch Krebs in Deutschland. Es ist eine wahnsinnige Epidemie, das Haltbarkeitsdatum der menschlichen DNA ist überschritten. Was halten wir der Demenz entgegen? Gesellschaftstanz. Was dem Hirntumor? Sterbehilfe. Die entwürdigten Opfer dieses zellulären Weltkriegs beschämen sich auch noch selbst. Wir werden nicht älter, sondern altern schneller. Und wir, die Pflegenden, wir waren ALLES. Waren Mutter, Vater, Freund, Kind, Pfleger, für diese Menschen, die entsorgt werden. Aber was sind wir geworden? Wir sind Funktionen, ohne Geist. Aber schau! Da leuchtet wieder das rote Licht, über der Türe! Keine Zeit für Gedanken! Wieder ein Tag vorüber! Bis wir durchsichtig sind! Und wie Wasser verrinnen.

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