Täglich die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Es wird schlimmer in der Pflege, jeden Tag ein bisschen.
Trotzdem liebe ich diesen Beruf, das Helfen, das Lindern,
auch dann wenn es keine Heilung gibt.
Ich versorge gern schwierige Wunden, lerne immer wieder Neues um Menschen bestmöglich in ihrem Genesen zu unterstützen. Oder auch ihren letzten Weg zu gehen.
Und doch wird es immer unmöglicher gut und professionell zu pflegen. Tag für Tag bin ich gezwungen unethische Entscheidungen zu treffen.
Wer muss warten? Wer ist zuerst dran, wer zuletzt?
Angemessene Zeitfenster gibt es schon lang nicht mehr.
Täglich die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Und nun stehen die Pflegenden der Charité-Kliniken auf und streiken. Sie streiken für mehr Personal, erträgliche Arbeitsbedingungen um die ihnen anvertrauten und auch oftmals hilflos ausgelieferten Menschen professionell und würdevoll versorgen zu können.
Doch was wird geschehen? Werden die Menschen, die nun länger auf Op’s, Behandlungen etc. warten müssen, verstehen worum es tatsächlich geht? Das es um SIE geht? Um das Ermöglichen IHRER professionellen Versorgung im Krankenhaus?
Während der Streiktage wird die „Notversorgung“ mehr Personal aufbieten als oftmals im Normalbetrieb. Wie sieht dieser Normalbetrieb aus? Normal ist es in deutschen Kliniken, wenn eine Pflegefachkraft nachts mit 37 Patienten alleine ist, davon die Hälfte schwer pflegebedürftig. Wie viele von diesen komplett auf Hilfe angewiesenen Menschen bekommen pro Nacht etwas zu trinken? Werden wie vorgeschrieben und notwendig alle 2h von dieser
einen Schwester/Pfleger gelagert? Rein physisch schon unmöglich. Allein die Routinearbeiten nicht direkt am Patienten verschlingen in der Nacht mindestens 4h. Dazu neben Zugängen neuer Patienten, Rundgängen durch alle Zimmer, Messungen von Vitalfunktionen, Infusionsgaben: Patientenklingeln, oft mehrere zeitgleich. Zu welcher zuerst gehen?
Mit etwas Pech ist in dem anderen Zimmer jemand gestürzt,
hat Atemnot oder andere ernsthafte Probleme.
Im Frühdienst sind 2 examinierte Pflegekräfte und zwei SchülerInnen. Um überhaupt einen Teil der Arbeit schaffen zu können geht der/die SchülerIn alleine waschen. Was lernt sie dabei? Eigentlich ist sie zum lernen auf die Station gekommen. Nun muss sie Tätigkeiten ohne Anleitung und Hilfe durchführen und die verantwortliche Fachkraft kann nur hoffen, dass die Schülerin keine Fehler macht.
Wie sollte sie denn keine Fehler machen? Sie soll das alles doch erst lernen!
Das Telefon klingelt ununterbrochen, ständige Arbeitsunterbrechungen auch während wichtiger Konzentrationsphasen wie beim Tablettenstellen, und bloß keinen Fehler machen, immer das richtige Medikament, die richtige Entscheidung. Denn Fehler können Menschen direkt Schaden zufügen.
Reiche ich Patient A um 11Uhr endlich sein Frühstück, weil er nicht selbst essen kann, oder wechsle ich Patient B die vollgekotete Inkontinenzhose? Wofür entscheiden Sie sich?
Pflegekräfte müssen viel zu oft diese Entscheidungen treffen, sich immer falsch entscheiden. Denn eine richtige Entscheidung gibt es in diesen Situationen nicht.
Das ist weder überspitzt, noch die Ausnahme, es ist bitterer Alltag in deutschen Kliniken!
So möchte ich nicht mehr pflegen, geschweige denn so gepflegt werden!
Und wie möchten Sie gepflegt werden?
Pflege geht jeden, früher oder später, an.
Deshalb unterstützen Sie bitte die Pflege in ihrem Arbeitskampf.
Denn wir kämpfen für Sie,
für Ihre Mutter, Vater, Oma oder Opa,
für eine würdevolle, menschliche und vor allem professionelle Pflege!

Quelle: Anonym.

Ein Gedanke zu „Täglich die Wahl zwischen Pest und Cholera.

  1. Jeanskäfer

    …tja, wer unterstützt uns denn ? Wenn du erzählst, daß du in der Pflege arbeitest, bekommst du doch nur ein mitleidiges Lächeln und den Ausspruch:“Sowas könnte ich überhaupt nicht!“
    Wer engagiert sich denn für uns?
    Es liegt doch grundsätzlich an uns, der Gemeinschaft der Pflegenden selbst, die sich immer und überall völlig uneinig sind. Sich in der Vergangenheit nie richtig positioniert hat, obwohl wir im Gesundheitswesen die größte und (stärkste?) Gruppe sind.
    Nein, wir sind und waren immer Befehlsausführende für andere Berufsgruppen , haben immer vor den Weißkitteln gebuckelt und runtergeschluckt. Wer bekommt den Ärger ab, wenn sich Patienten beschweren, über Dinge und Mißstände, die wir überhaupt nicht zu verantworten haben? Die Pflege!
    Ist es ein fehlender Arztbrief, der immer noch nicht fertig war und man den Patienten dann ohne diesen nach hause schickte, weil der Arzt ihn nachschicken wollte und man um 10.00 Uhr den Patienten von Station haben mußte, weil die GF Statistiken führt, über Entlasszeiten.
    50 % der Patienten. warten (oftmals) bis zur nächsten Aufnahme auf einen Entlassbrief…wo rufen diese und HA-Praxen an, um nachzufragen…..auf der Station….wer geht an das Telefon….jemand aus der Pflege, der den ganzen Shitstorm abbekommt…..
    Wer soll ständig seine Arbeitsabläufe optimieren , damit mit weniger Pflegekräften noch mehr Arbeit zu schaffen sein soll ? Die Pflege!
    37 Patienten im Nachtdienst alleine betreuen? Es geht noch besser – 42 ist die magische Zahl bei uns im Haus, denn so groß sind die Pflegestationen. Wenn man Glück hat, kommt dann auf Anfrage der sogenannte „Springer“, um einen 45 Minuten zur Pause abzulösen (fast utopisch) oder um OP´s zu fahren oder Zugänge aus der Notfall-Ambulanz zu holen, oder auch nur zum Lagern, um auch auf jeden Fall das 2. Hdz. für die PKMS-Lagerung zu bekommen. Wenn er/ sie denn mal kommt….
    Ich bin seit 27 Jahren im Pflegedienst tätig, habe „ganz klein“ als Zivi im Alten-und Pflegeheim angefangen. Die Ausbildung an einer großen deutschen Uniklinik absolviert, dann in einem Haus angefangen, welches damals noch in städtischer Trägerschaft war. Habe die Einführung der DRG´s erlebt. Die PPR (Pflegepersonalregelung – welche nach nur 1 Jahr kläglich scheiterte). Das immer weiter voranschreitende Abbauen von Pflegestellen auf den Stationen und Funktionsbereichen erlebt. Ich bin zusammen mit meinen KollegInnen 2 x verkauft und privatisiert worden.
    Ich habe als Stationsleitung viel Verantwortung übernommen, für die ganze Station, für meine mir anvertrauten MitarbeiterInnen. Habe berufsbegleitend zwei Fachweiterbildungen absolviert und stand dann irgendwann kurz vorm Abgrund. Habe (gezwungenermaßen) vier Gänge zurückschalten müssen, meine Arbeitssituation völlig umgekrempelt.
    Das Gejammere geht mir oft auf den Puffer, denn es ist oft “ Jammern auf hohem Niveau“. „Wir haben so viel zu tun“ -„Das ist nicht zu schaffen“ ….. Ja, aber mit vier Examinierten und zwei Schülern eine Station betreuen, die mit 20 Patienten belegt ist und 22 freie Betten hat….und 1,5 Stunden Pause machen (die unzähligen Abgänge von Station auf den Wirtschaftshof zur kommunalen Inhalationstherapie nicht mitgezählt….)
    Ich möchte nicht in Abrede stellen, daß viel zu tun ist und das es auch Phasen gibt, wo die Station und die dortigen Mitarbeiter kurz vorm Exitus stehen…..aber…
    Wer geht denn noch zu „Pflege am Boden“ (wenn er denn überhaupt dort schon mal gelegen hat) ?
    Die Gruppen sind teilweise untereinander zerstritten, weil sich die Mitglieder selbst dort in die Köppe kriegen.
    Wo ist die Solidarität, wenn sich schon auf Station die Mitarbeiter uneinig sind; wenn gehetzt und gelästert wird?
    Macht erstmal bei Euch was, und identifiziert Euch!
    Was seid Ihr? Befehlsempfänger oder habt Ihr auch eine eigene Meinung? Habt Ihr eine Ausbildung zum Kaffeekocher für andere Berufsgruppen absolviert oder seid Ihr der „Beschwerdehansel“ vom Dienst, wenn mal wieder jemand motzt?
    Gibt es bei Euch in den Häusern eine Stellenbeschreibung für eine „normale“ Krankenschwester/ Krankenpfleger? Fragt mal Euer QM.
    Was seid Ihr?
    Ich wünsche einen angenehmen Tag/ Dienst oder sonstiges Ereignis.

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