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My little Pflegereform.

Die gegenwärtige Situation
Wie in vielen Bereichen der Daseinsfürsorge ist der Personalmangel in der Pflege (vorhersehbar) zu einem massiven Problem geworden.
Die Bezahlung geht noch so,schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Sozialleben, Wechselschichtdienst und eine Arbeitsverdichtung die ihres gleichen sucht, machen den Beruf unattraktiv, treiben die Pflegenden aus dem Beruf und schrecken Schulabgänger von der Berufswahl ab.
Auf der anderen Seite zahlen die Kliniken und Pflegeeinrichtungen zum Teil schmerzhaft hohe Summen für Leiharbeitskräfte um ihre Wohnbereiche und Stationen weiter belegen zu können.
Um diese Probleme zu beheben gab es eine Reihe von mehr oder weniger produktiven Lösungsansätzen(z.B. Absenkung der Zugangsvorraussetzungen in der Altenpflege)
Parallel dazu kämpft ein großer Teil der deutschen Krankenhäuser um das überleben, nachdem man auf die geniale Idee kam die Anzahl der Krankenhäuser (und Betten) in Deutschland mit marktwirtschaftlichen Mitteln zu lösen.

Das „geweihte Land“
Ich beziehe mal primär Vergleich zu UK, der NHS ist international eher für Leistungskürzungen bekannt und weit abgeschlagen hinter den europäischen Spitzenreitern wie z.B. die Niederlande.
Dafür geben die Briten etwas weniger Geld aus wie wir, haben erschreckend wenig Klinikbetten und eine minimal höhere Lebenserwartung.
Selbst in UK sind im Intensivbereich 1:2 Betreungen die Regel. Die Pflegeausbildung setzt ein Abitur voraus und schließen auf Bachelor-Niveau ab.
(siehe https://www.bmbf.de/pub/berufsbildungsforschung_band_15.pdf)

Die unangenehme Wahrheit:
Ein so lang verschlepptes Problem kostet in der Lösung richtig viel Geld und dauert Jahre bis Besserung zu erwarten ist.
Das ist völlig unabhängig vom Lösungsansatz, lässt sich später evtl. aber auch wieder reduzieren. Das kennen wir z.B. auch von unserer Infrastruktur, wer die Brücken und Strassen über Jahrzehnte nur minimal wartet und überbelastet zahlt letztendlich das vielfache
für die anstehende Kernsanierung oder Komplettneubau.

Noch viel unangenehmer:
Die jungen Menschen sind nicht blind.
Egal was wir mit der Pflegeausbildung anstellen, solange der pflegerische Berufsalltag sich nicht ändert, wird sich nicht eine zusätzliche Person für einen Pflegeberuf entscheiden.
Insbesondere mit Blick auf die „Generation Y“ ist eher davon auszugehen, dass die Ausbildungszahlen fallen werden.

Mein Lösung:
Verbindliche Stellenschlüssel!
Selbst mit zunächst relativ geringen Mindeststandards (sagen wir mal 1:3 ITS, 1:8/1:16Nachts Normalstation, 1:10/1:30Nachts in Pflegeeinrichtungen) würden viele Einrichtungen massiv ins Schwitzen kommen, insbesondere Nachtdienste werden gerne auf ein absolutes Minimum reduziert, obwohl sich auch hier die Arbeit immer weiter verdichtet und Tätigkeiten in die „Ruhige“ nacht verlagert werden um den Tagdienst zu entlasten.
Aber so viel Personal gibts ja gar nicht!11einself.
Stimmt. Zumindest Teilweise.
In den Kliniken hoffe ich primär auf eine Reduzierung der Betten, ich denke so 10-20% werden die Folge sein. Schwieriger ist die Situation in der stationären Pflege, aber jedes Jahr verlassen Tausende examinierte Pflegekräfte den Beruf und suchen sich einen neuen Job.
Mit besseren Bedingungen und erhöhtem Entgeld bin ich zuversichtlich einen großen Teil davon wieder zurück ans Bett zu kriegen.

Selbstverständlich wird es Opfer geben, jene Einrichtungen welche nicht in der Lage sind mit der Arbeitsplatzqualität (oder notfalls Vergütung) der anderen zu konkurrieren.
Und das ist auch gut so, das sind im Kern die gleichen Gründe die auch heute schon zu Heimschließungen führen!

Dazu noch ein paar weitere Mindeststandards, insbesondere denke ich hier an arbeitnehmerfreundlichere Regelungen zum Wechselschichtdienst und Zuschlägen, etc.

Ausbildungsreform
Eine Reform des Pflegeberufs kann anschließend gerne erfolgen, ist aber eigentlich nicht essentiell zur Problemlösung. Dennoch will ichs einmal in Stichworten versuchen.

Generalistik, ja bitte!
Ich bin für eine generalistische Ausbildung. Warum auch nicht, viele Inhalte sind deckungsgleich und es klappt auch in anderen Berufen ohne Probleme.
Aber nicht auf Basis einer 3jährigen, undifferenzierten Ausbildung wie es der Entwurf für das Pflegeberufeänderungsgesetz vorsieht.
Gerne aber wie in der GuK und Kinderkrankenpflege bzw. wie in vielen technischen Berufen.
Gemeinsame Kernausbildung und dann zum Ausbildungsende Schwerpunkt Krankenpflege/Kinderkrankenpflege/Altenpflege/Psychatriepflege
Ich denke hier an 2,5 Jahre gemeinsame Grundausbildung +1 Jahr Schwerpunktvertiefung

Ende der betrieblichen Ausbildung
Gerade mit Hinblick auf eine generalistische Ausbildung macht eine betriebsgebundene Ausbildung kaum noch Sinn, wenn man zusätzlich noch in 3+ anderen Einrichtungen Ausbildungsinhalte absolvieren muss.
Dann lieber ohne Betrieb und passende Praktika. Das sollte auch den Missbrauch der Auszubildenden als billige Arbeitskraft etwas mildern und unattraktiv machen.
Die Betriebe werden mit machen, wer ein positives Praktikum bietet ist hinterher möglicherweise Arbeitgeber. Menschen merken sich sowas.
Mit dem aktuellen Gesetzesentwurf wird die Ausbildung eigener Schüler vermutlich für viele Betriebe sogar unattraktiv, eben wegen der langen Abwesenheiten.

Aufwertung
Anspruchsvoller Beruf, anspruchsvolle Ausbildung, Zugangsvorraussetzung sollte ein FORQ oder Abitur sein. Das senken der Zugangsvorraussetzungen in der Altenpflege führte in erster Linie zu rasant steigenden Abbruchquoten, damit hat niemand gewonnen.

Grundständiges Pflegestudium als Alternative.
Ja, schon, aber das dauert sicher eine halbe Generation bis wir den Übergang schaffen.
Und nein, es geht nicht darum das irgendjemand „unter“ einer studierten Pflegekraft arbeitet sondern das in 10 Jahren die studierte Pflegekraft _mit euch_
arbeitet, bettet etc.
Wahrscheinlich wäre es sinnvoll zudem schrittweise Pflegeschulen in Pflegefachhochschulen zu überführen an denen man dann auch mit Hochschulabschluss abschließt.

Geld!
Nur weil sich der aktuelle Gesetzesentwurf damit so rühmt, selbstverständlich sollte die Ausbildung auch WEITERHIN (und bundesweit) vergütet werden, allerdings direkt vom Land/Bund ohne komische Umwege über Fonds, Ausbildungsbetriebe.
Man kann sicher überlegen sich etwas Geld von den Praktikumsplätzen zurück zu holen.

Euer @deinkoks

Mittwoch, Programmpunkt: #Pflegestreik


➔ ➔ Folgt uns auf Twitter und werdet ein Teil davon.

Ein kleines Realitätsmärchen.

In einem Land vor nicht allzu ferner Zeit, begab es sich dass ein Königspaar namens Konzern und Gewinnoptimierung die Regierung des Staates übernahmen. Doch eine Gruppe unerschrockener, mutiger Untertanen liess sich dies nicht bieten und tat fortan dem Unmut kund…

Man möchte meinen so ein Märchen liesse sich nicht in die heutige Zeit übertragen, doch wir schreiben das Jahr 2016 und schlittern immer schneller in eine der humanitärsten Krisen unseres „Sozialstaats“, dem Pflegenotstand.

Warum fragt man sich?!
Die Pflege Kranker, Alter & Hilfsbedürftiger ist doch so ein ehrenwerter, dankbarer Job.
Ja ist es und ein sehr schöner noch dazu, wie aber soll man sein Fachwissen und seine Arbeitskraft einsetzen wenn ein Krankenhaus, ein Altenheim oder eine Pflegeeinrichtung sich nur noch auf Kosten der Gesundheit aller reich spart, es einem die Kraft aus den Knochen saugt und Wertschätzung schon zu lange ein Fremdwort ist?!
Deshalb kursiert seit nunmehr über sechs Monaten (wieder) das Schlagwort #Pflegestreik in den sozialen Medien. Unter dem Hashtag Pflegestreik lassen sich bei Twitter mittlerweile einige tausend Tweets finden, die genau darauf aufmerksam machen möchten. Man möchte erklären warum diese Tätigkeit so wichtig ist und gleichzeitig die Folgen aus einem nahezu kaputten System darlegen. Wir möchten aufklären warum dieses System so nicht weitergehen darf, Kapitalismus nicht über dem Menschen und dessen Gesundheit stehen darf, über fahrlässige Situationen die verhinderbar gewesen wären wenn man uns nicht die letzten Jahre systematisch die Besetzung gestrichen weggespart hätte und zuletzt leider auch über Todesfälle die eine Folge dieser Tatsache sind.

Ganzheitliche Pflege endet dort wo der Patient zum Kunden und die Mitarbeiter zum Fliessbandpersonal werden, sie verfällt an jenem Zeitpunkt wenn ich mich selbst opfere und meine eigene Grenze überschreite, tagtäglich.
Kaum noch jemand der eine solche Ausbildung machen möchte, es fehlt an Attraktivität, Bezahlung und der Zukunftsaussicht. Es vergeht kaum ein Tag an dem man nicht von einem Pflexit hört, also dem (baldig geplantem) Ausstieg von mehr als gut ausgebildeten Fachkräften aus dem Pflegebereich. Wenn das weiterhin in jenem Tempo weitergeht steht die Versorgung in Zukunft ganz schön duster da.
Irgendwann werdet ihr euch an uns erinnern, denn jeder braucht Pflege, irgendwann oder irgendwie, egal ob im Alter, bei einem Beinbruch oder nach einem Unfall.
Wir schreiben diese Dinge nicht für unser Ego, sondern weil wir unseren Job mit Empathie und Professionalität für den Gepflegten ausführen möchten, auch in der Zukunft, denn am Ende seid ihr auf uns angewiesen und kann es jeden schon morgen treffen, eure Grosseltern, Eltern, Geschwister oder Kinder.

Wir sagen Nein zu unprofessioneller Pflege auf Kosten des Personals und zu Lasten Gepflegter.
Hört endlich auf uns politisch zu ignorieren, uns für eure Aktionäre zu missbrauchen
und unsere Arbeitsleistung kategorisch zu unterdrücken und auszumürben.
Nein! sagen, nicht mehr kuschen und sich schon gar nicht für einen Arschtritt bedanken, Rücken gerade machen und sich dessen bewusst werden was wir alle leisten und auch können, das wäre mal der allererste Anfang.

Es reicht.
Es ist nicht 5 vor 12 sondern schon mehr als 10 nach!

Und wenn sie nicht gestorben sind dann twittern sie noch heute…und morgen…und übermorgen, und zwar so lange bis es auch endlich der Letzte verstanden hat.

Weitere Informationen zum #Pflegestreik finden du auf twitter und auf www.pflegestreik.org

@einFraeulein / @RainerRogge

Gedanken zum „Pflegestreik“

Pflegekräfte „haken“ ab. Täglich. Am Ende jedes Dienstes.
Sie unterschreiben, welche Prophylaxen sie an einem Patienten durchgeführt haben.
Dass sie mit ihm/ihr Atemübungen gemacht, die Haut auf Druckstellen untersucht und eingecremt, demjenigen Bewegungsübungen gegen Thrombosen gezeigt hätten.
Sie unterschreiben, dass sie bei einem liegenden Blasendauerkatheter mindestens
einmal pro Schicht eine Intimpflege vorgenommen haben, um Harnwegsinfekte zu vermeiden.
Sie unterschreiben, dass ein Patient alle zwei Stunden umpositioniert wurde, da er sich selbst nicht bewegen kann. Dass er bei jeder dieser Gelegenheiten etwas zu Trinken und evtl. eine
Zwischenmahlzeit erhalten hat. Dass zwei Mal in der Schicht eine spezielle Mundpflege durchgeführt wurde, da der Patient nicht richtig schlucken kann und um einer Lungenentzündung vorzubeugen.
Sie unterschreiben die Gabe von Inhalationen und Medikamenten, die der Patient erhalten soll.
Das Alles haben sie nicht gemacht. Sie hatten keine Zeit dafür.
Ich verstehe, dass viele Kollegen mit der Zeit abstumpfen.
Nie mit der Arbeit fertig zu werden und abends nicht Aktenberge, sondern kranke und bedürftige Menschen liegen zu lassen, ist psychisch schwer zu verkraften.
Man will sein Bestes geben, man sieht seine Arbeit vielleicht sogar als die oft
genannte „Berufung“, wird aber kontinuierlich von den Arbeitgebern, der Politik und der Struktur des Gesundheitssystems daran gehindert, dies zu tun.
Es sind zu viele Aufgaben für zu wenige Menschen.
In anderen Ländern fühlen sich Pflegekräfte gestresst, wenn sie mehr als sechs oder sieben Patientenversorgen. In Deutschland kommt es regelmäßig vor, dass eine Pflegekraft alleine im Dienst ist und für 20 oder mehr Personen verantwortlich ist. Sie bekommt dabei aber keine Unterstützung von Bürokräften, die die Akten vorbereiten, von Hilfskräften, die Getränke verteilen und Betten beziehen, von Pflegehelfern, die dafür ausgebildet sind, die Körperpflege bei bedürftigen Patienten zu übernehmen oder sie auf die Toilette zu begleiten, wie es in vielen Ländern die Regel ist. Unterstützung bekommt sie lediglich durch einen „Schüler“ oder Praktikanten. Nachts gerne auch von niemandem.
Ich habe schon oft Beschwerden gehört, es könne nicht sein, dass ein Mensch unbemerkt stundenlang tot in seinem Bett liegt, bevor jemand es bemerkt. Meine Frage ist: wer soll es denn bemerken? Wenn ich auf einer Seite der Station mit meinem Rundgang beginne, dauert es mindestens zwei Stunden, bis ich das nächste Mal nach den Patienten dort sehen kann – falls in der Zwischenzeit kein Notfall ist, der mich eine zusätzliche halbe Stunde in Anspruch nimmt.

Wenn Sie Ihren Angehörigen im Krankenhaus besuchen und nach einer „Schwester“ klingeln (die offizielle Berufsbezeichnung lautet Gesundheits- und Krankenpfleger/in), damit sie die Person von der Bettschüssel befreit, und diese nach einer halben Stunde immer noch nicht da ist, muss das kein böser Wille sein. Es ist unwahrscheinlich, dass sie gerade Pause macht. Vermutlich haben mittlerweile fünf weitere Patienten geklingelt, sie hat einen Patienten in den Operationssaal gefahren und das Abendessen musste ausgeteilt werden.
Sie hat es einfach vergessen.
Beschweren Sie sich also nicht bei der betreffenden Pflegekraft, beschweren Sie sich bei den Menschen, die festlegen, wie viel Personal auf einer Station eingesetzt wird.

In den drei Jahren, in denen ich in vier Krankenhäusern auf 14 Stationen und in einem Pflegedienst gearbeitet habe, hatte ich bei genau drei Einsätzen eine Pause. Arbeitspausen sind im Arbeitszeitgesetz §4 wie folgt definiert: „Die Arbeit ist durch die im Voraus feststehenden Ruhepausen von mindestens 30 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs bis zu neun
Stunden und 45 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden insgesamt zu unterbrechen. Die Ruhepausen können in Zeitabschnitte von jeweils mindestens 15 Minuten aufgeteilt werden. Länger als sechs Stunden dürfen Arbeitnehmer nicht ohne Ruhepausen beschäftigt werden.“

Ich werde von Patienten oft gefragt, ob es in der Kantine dasselbe Essen gäbe.
Ob ich jetzt in die Mittagspause gehe.
Ob es schlimm wäre, wenn sie mich im Nachtdienst beim Schlafen störten.
Ich kann nicht in die Kantine gehen.
Meine „Pausen“ gestalten sich so, dass ich mich zum Frühstück/Abendessen hinsetze.
Ich schneide eine Semmel auf, öffne die Butterpackung und schmiere die eine Hälfte.
Es klingelt.
Ich bringe einem Patienten die Bettschüssel.
Ich schmiere das Brot fertig und beiße zweimal ab.
Es klingelt wieder.
Ich bringe einem gehfähigen Patienten einen Krug Wasser.
Ich esse die eine Hälfte fertig.
Es klingelt.
Ich helfe dem ersten Patienten von der Bettschüssel und säubere sein mit Stuhlgang verschmiertes Gesäß.
Ich esse mein Brot fertig.
Meine Pause ist beendet.

Ich lese und höre oft Kommentare von verschiedensten Personen, „Schwestern“ würden die ganze Zeit nur Kaffee „saufen“ und Kuchen essen. Ich frage mich dann, in welchem Krankenhaus das sein soll.
Vermutlich verwechseln diese Menschen unsere Dienstübergaben, während derer zugegebenermaßen aufgrund des Schichtdienstes extrem viel Kaffee getrunken wird, mit Pausen. Übergaben sind wichtig, damit die nächste Schicht die Diagnosen aller Patienten kennt und über Pflegeprobleme Bescheid weiß. Wir arbeiten in diesen 20 Minuten genauso, wie andere bei einem Meeting, für das sie zwei Stunden an einem Tisch sitzen. Von außen betrachtet sieht auch eine Ihrer Besprechungen nicht sonderlich produktiv aus.
Sehr selten sitzen wir tatsächlich auch mal eine dreiviertel Stunde Kuchen essend da. Wenn es
ausnahmsweise extrem ruhig ist, versucht man die Pausen der letzten Monate nachzuholen. Generell werde ich es aber nie für eine wirkliche Ruhepause nach dem Arbeitszeitgesetz halten, wenn ich die Station währenddessen nicht verlassen darf, damit ich auf die Patientenglocken reagieren kann. Möchte ich tatsächlich einmal für fünf Minuten in die Umkleide verschwinden, um ein verdrecktes Oberteil zu wechseln, muss ich hoffen auf keinen Vorgesetzten zu treffen, vor dem ich mich dann rechtfertigen müsste. Dabei fände ich es andersherum interessant, einmal die Begründungen der Geschäftsleitung dafür zu hören, weshalb regelmäßig die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten zwischen zwei Diensten von elf Stunden beziehungsweise zehn Stunden im Krankenhaus nicht eingehalten werden.
Bei einem der häufigen „Spät-Früh-Wechsel“ bin ich bis 21.15 Uhr auf Station, verlasse das Haus nach dem Umziehen um ca. 21.30 Uhr und bin am nächsten Morgen spätestens um 5.45 Uhr wieder in der Umkleide.
Das macht eine Ruhezeit von 8 Stunden und 15 Minuten, sowie abzüglich der Anfahrt usw. eine Schlafenszeit von ca. 5,5 Stunden. Nach dieser „Ruhezeit“ bin ich immer in einem derartig desolatem Zustand, dass ich im Bad vergesse, was ich tun wollte und unterwegs fast einschlafe.
Es heißt oft, dass Schlafmangel ähnliche Auswirkungen hat, wie Alkoholkonsum, was ich bestätigen kann.
In diesem Zustand verabreiche ich dann Ihren Angehörigen Medikamente.
Medikamente sind die wahrscheinlich wichtigste Therapieform im Krankenhaus. Schmerzen werden behandelt, der Blutdruck gesenkt, der Puls wieder in geregelte Bahnen gebracht. Voraussetzung dafür ist, dass sie richtig verabreicht werden.
Der „5-R-Regel“ nach müssen Pflegekräfte auf den
richtigen Patienten, das richtige Medikament in der richtigen Dosierung
und Applikationsform und zum richtigen Zeitpunkt achten.
In der Realität sieht das meistens wie folgt aus:
die Pflegekraft im Nachtdienst stellt irgendwann zwischen 0 und 3 Uhr die Medikamente für alle 24 Patienten. Derjenige wird hierbei regelmäßig durch die Patientenglocken unterbrochen. Je nach Fachgebiet kann ein Patient weit über zehn verschiedene Tabletten benötigen. Beim letzten Rundgang morgens um 4-5 Uhr werden die Tablettenschachteln verteilt.
Offiziell überprüft die verabreichende Pflegekraft im Tagdienst die Medikamente noch einmal. Dies findet in der Realität nicht statt, da wir keine Zeit haben.
Ich möchte nicht darüber nachdenken, wie viele Fehler deswegen passieren.
Manche Medikamente sollten nüchtern eingenommen werden. In der Realität nehmen die Patienten aber alle Tabletten zum Essen ein.
Theoretisch dürfen viele Tabletten nicht geteilt werden, da sie
eine Schutzschicht haben und zum Beispiel über 24 Stunden verteilt wirken sollen. In der Realität werden sie regelmäßig gemörsert, damit sie einem Patienten mit Schluckstörung schnell mit Joghurt verabreicht werden können oder durch die Magensonde passen. Dadurch kommt es zu Überdosierungen. Eigentlich dürfen Medikamente nur durch examinierte Pflegekräfte oder Auszubildende im zweiten oder dritten Lehrjahr verabreicht werden. In der Realität übernehmen dies oft Praktikanten ohne jegliche medizinische Vorbildung, die Patienten im Liegen Essen eingeben, Tabletten oder Tropfen vergessen oder falsch verabreichen und verständlicherweise nicht fähig sind, im Falle einer Aspiration von Nahrungsmitteln angemessen zu reagieren. Das Argument, dass jeder „füttern“ kann mag nicht völlig falsch sein, aber nur solange ein Patient nicht schwer pflegebedürftig ist und Schluckbeschwerden hat, die im schlimmsten Fall zum Ersticken führen können.

Natürlich ist nicht jede Pflegekraft ein Engel und gibt sich Mühe. In jedem Berufsfeld gibt es schwarze Schafe. Im Allgemeinen aber sind wir gut ausgebildet und wollen kompetent und einfühlsam für unsere Patienten sorgen.
Die Ausbildung, die gerne sehr geringgeschätzt wird, beinhaltet viele Theoriestunden nicht nur zum Bettenmachen, sondern auch zu Anatomie, Physiologie, Pharmakologie, Krankheitslehre, Psychologie und zu rechtlichen Aspekten. Dazu kommen die zahlreichen pflegeeigenen Themen zur Prophylaxe von Krankheiten, richtiger Ernährung, Pflege im Rahmen von Operationen, der Mobilisation von Patienten, dem richtigen Umgang mit schwerkranken oder sterbenden Menschen u.v.m., die teilweise nur in unserer Ausbildung gelehrt werden und beispielsweise Ärzten gar nicht bekannt sind. Ich habe mittlerweile über 40 Fachbücher angesammelt. Dieses Wissen würde ich sehr gerne anwenden, wenn die Zeit dafür da wäre. Im Moment wird das allernötigste an Pflege getan, damit sich der Zustand der Patienten wenigstens nicht verschlechtert. Wenn es mehr Personal gäbe und wir nicht fachfremde Aufgaben übernehmen müssten, wie Tee kochen, Müllsäcke leeren, Verwaltungsaufgaben erledigen, putzen und Essenstabletts verteilen, könnten wir unsere Kompetenz dazu verwenden, den Gesundheitszustand der Patienten tatsächlich zu verbessern und weiteren Krankheiten vorzubeugen. Oder einem schwerkranken Menschen einfach mal die Hand zu halten.
Wir sind im Krankenhaus die Personen, die immer da sind. Die Ansprechpartner für die Kranken, und die Menschen, die bei alleinstehenden Patienten die Angehörigen ersetzen müssen. Jeder braucht Ansprache und Gesellschaft.
Und wenn ich einen Todkranken, der unvorstellbare Schmerzen hat, auch weil er aus Zeitdruck seine Schmerzmedikamente nicht rechtzeitig erhalten hat, der mich anfleht, ihn umzubringen, alleine lassen muss, dann tut mir das unglaublich weh und dann werde ich das auch nie wieder vergessen.

Wenn nun also endlich Pflegekräfte anfangen zu streiken, und zwar nicht einmal für das höhere Gehalt, das sie bei ihrer extrem hohen Verantwortung und Arbeitsbelastung definitiv verdient hätten, sondern für mehr Personal, damit Sterbende nicht stundenlang in ihren eigenen Exkrementen liegen müssen und rechtzeitig Schmerzmittel erhalten, dann kann ich das nur begrüßen.

Dass ein so reiches Land sein Gesundheitssystem so verkommen lässt und so wenig Respekt vor Alten und Kranken hat, ist peinlich. Und dass die Bevölkerung und vor allem aber die Medien dieses Thema weitgehend ignorieren, dass die größte deutsche Tageszeitung in mehr als zehn Tagen kein einziges Wort über diesen Streik verliert, obwohl über alle anderen Streiks immer ausführlichst berichtet wird, dazu fehlen mir die Worte.
Ich kann nur hoffen, dass sich etwas ändert, bevor es niemanden mehr gibt,
der diesen Beruf ausüben möchte, und das bei stetig steigenden Zahlen von Pflegebedürftigen.
Die wenigsten arbeiten länger als ein paar Jahre in der Pflege.
Ich werde ab Oktober examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin sein und habe nicht vor, jemals auf einer „Normalstation“ unterdiesen Bedingungen zu arbeiten. Ich könnte es auch nicht, da ich schon jetzt starke Rückenprobleme habe.
Von den anfangs 25 Auszubildenden in meinem Kurs werden weniger als zehn in der Pflege bleiben, und die meisten davon planen nicht mit mehr als ein paar Jahren.
Ein eigentlich schöner und anspruchsvoller Beruf ist zu einer Bürde verkommen, wegen der man Bauchschmerzen bekommt, und sich dann nicht einmal krank melden kann, da der Kollege dann alleine im Dienst ist und irgendwer aus dem „Frei“ einspringen muss.
Wie schade!

Quelle: Anonym.