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Die neue verbesserte Pflege.

Wie man durch eine Reform genau kein Problem löst.

In letzter Zeit habe ich mir viele Gedanken über die Arbeit und die Bedingungen in der Pflege gemacht. Da kam die Reform der Pflegeausbildung gerade recht. Endlich nimmt sich jemand der Probleme der Pflegenden an und geht Reformen an, die lange nötig waren.Als ich den Entwurf in die Finger bekam war ich irritiert. Noch in den Vorbemerkungen steht, dass die Regierung zu ihrem Entwurf keine Alternativen sieht,Wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann, dass es immer eine Alternative gibt. Aber vielleicht, so dachte ich, ist die Reform ja trotzdem gut gemacht und somit eine gute Alternative.

Es soll also eine vereinheitlichte Pflege geben,
weil andere Länder das schließlich auch so machen.

Ich könnte jetzt so einige Beispiele angeben, wo Deutschland mal gepflegt drauf pfeift, was die anderen so machen, im Positiven wie im Negativen, um eine paar Schlagworte in loser Reihenfolge ohne Wertung zu nennen: Energiewende, Atomaustieg, Tempolimit auf Autobahnen, Flüchtlinge, Breitbandvernetzung und vieles anderes mehr.

Warum also sind wir grade in Puncto Pflege plötzlich so international?

Oder sind wir gar nicht so international, sondern verdecken mit diesem Argument etwas, von dem eigentlich kaum jemand Kenntnis hat. Deutschland ist nämlich ein Spezialfall und das gleich in zweierlei Hinsicht. Pflege ist in Deutschland kein akademischer Beruf. Nun könnte man mit Fug und Recht anmerken, dass die Reform eben dieses angeht. Diese Meinung kann ich nicht teilen, da nicht der Pflegeberuf als solcher akademisiert werden soll, sondern nur Teile davon. Nur ein kleiner Teil der Pflegekräfte wird das Studium zum Einstieg in den Beruf nutzen, ist die Meinung der Politik. Warum geht man davon aus? Da sind wir beim zweiten Teil der Sache. International wäre eine mit einem Abitur vergleichbare Schulausbildung nötig, um den Beruf zu ergreifen. Ob das nun sinnvoll ist oder nicht sein einmal dahin gestellt. Aber es ist, zumindest in den meisten Ländern, auf die wir uns berufen so. Auch die EU hat solche Bestrebungen, siehe hier
Jetzt ist für mich die Frage was steckt dahinter? Warum wollen wir unser System über den Haufen werfen? Ist unser System wegen der Dreiteilung nicht in der Lage die Zukunft zu meistern? Als Begründung wird unter anderem genannt, wir müssten unser Pflegesystem robuster machen für zukünftige Herausforderungen.Dafür sollten wir uns mal überlegen, was diese Herausforderungen eigentlich sind. Das geht natürlich nicht, ohne zu betrachten welche Erwartungen an das Gesundheitssystem jetzt schon gestellt werden und welche Probleme schon jetzt bestehen.

Eine dieser Erwartungen ist, dass moderne Medizin plus die Pflege dafür sorgen, dass ich möglichst frei von Defiziten mein Leben gestallten kann. Sollte ich also erkranken oder einen Unfall erleiden, werde ich, so ist die Hoffnung, ohne bleibende Schäden davon kommen.Die andere ist, dass ich im Alter mit Unterstützung selbstbestimmt leben kann, ohne das ständig an meinen Defiziten herumtherapiert wird.

Das hört sich doch ganz vernünftig an.

Es ist auch ganz vernünftig! Deswegen haben wir ja den Unterschied zwischen Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege. Verschiedene Lebenssituationen brauchen verschiedene Pflege. Soweit, glaube ich, wird mir jeder zustimmen.
Warum sieht sich Deutschland aber genötigt, dieses System aufzugeben? Wird die Altenpflege grundsätzlich nicht mit multimorbiden Patienten fertig? Ich denke sie wird gut damit fertig. Durch den Fokus auf die Lebensqualität und ihre spezielle Ausbildung kann sie diesen Menschen besonders dann zur Seite stehen, wenn Heilung nicht mehr das primäre Ziel sein kann.

Was ist mit der Krankenpflege? Ist sie nicht in der Lage mit beispielsweise dementen Patienten umzugehen?Doch das ist sie. Zumindest für die Zeit, in der jemand im Krankenhaus ist. Aber gerade diese Zeit so kurz wie möglich zu halten ist ein Ziel der Krankenpflege.
Bei der Kinderkrankenpflege fällt mir genau kein Argument ein warum etwas geändert werden sollte.

Kinderkrankenpflege besteht in einem Spannungsfeld, das seinesgleichen sucht. Wer daran etwas ändern will, hat keine Kinder und hat sich auch nie wirklich mit kranken Kindern beschäftigt.
Das Problem was wir alle haben ist kurz und bündig in erster Linie eines: Personalmangel.

Warum wollen wir also nochmal dieses System aufgeben? Um besser zu werden? Werden Spezialisten nicht dadurch besser, dass sie den Fokus auf ein Spezialgebiet legen? In allen anderen Berufen scheint das Konsens zu sein. Warum aber soll gerade die Pflege eine Aufwertung durch Verallgemeinerung erfahren? Oder könnte es gar möglich sein, dass es sich dabei um ein Scheinargument handelt?

In meinen Augen spricht einiges dafür. Denn das Hauptproblem der Pflege und ihrer Qualität in Deutschland ist nicht primär die Ausbildung der Pflegekräfte. Ihre Anzahl ist der limitierender Faktor. Wie kann das sein? Jeder, der auch nur einigermaßen Wirtschaftlich denkt, weiß, Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Nur in der Pflege nicht, weil die Pflegenden Menschen nicht die sind, die bezahlen. Es gibt eigentlich keinen Markt.Es gibt eine Geldmenge X die zur Verfügung steht, mehr nicht.
Was mich übrigens auch stutzig macht, dass die Arbeitgeberseite offensichtlich Feuer und Flamme für die Idee der neuen Pflegeausbildung ist. Man könnte jetzt natürlich behaupten, sie wollen schließlich die Versorgung der Patienten verbessern. Das Argument klingt gut und man hört es auch regelmäßig. Mir fehlt da allerdings der Glaube. Meine Erfahrung sagt mir, Arbeitgeber applaudieren nur, wenn sie finanzielle Vorteile sehen. Das würde kein Arbeitgeber im sozialen Bereich offen kommunizieren. Allerdings sind Arbeitgeber in der Pflege eher nicht dafür bekannt, nach verbindlichen Pflegeschlüsseln zu rufen um ihre Qualität zu verbessern.

Könnte es also möglich sein, dass es billiger ist die Generalistik zu fördern als das heutige System?

Es spricht einiges dafür. Pflege ist teuer und ihr Wert ist nicht materiell. Alles, was direkt messbar ist, sind die Kosten, die sie verursacht. Kosten an denen die gesamte Gesellschaft beteiligt ist. Es ist damit sicher auch ein Ziel, diese zu senken, das leuchtet ein.

Andererseits ist es unklug, das offen zu sagen, denn der allgemeinen Lebenserfahrung der Menschen entspricht die Erkenntnis, dass bessere Leistung bei weniger Kosten nur mit technischem Fortschritt einher geht. Ich bin der Überzeugung, dass wirklich jedem klar sein müsste: Technischer Fortschritt in der Pflege ist eher unmöglich. Das heißt nicht, dass es keinen Fortschritt gibt, der ist aber eher akademischer Natur. Im eins zu eins Kontakt ist keine Zeit mehr zu gewinnen ohne auf Menschlichkeit zu verzichten.Deswegen glaube ich, dass Arbeitgeber in Zukunft Kostenvorteile in der Generalistik sehen. Die Senkung von Personal und Sachkosten ist nämlich die einzige Möglichkeit Gewinne zu verbessern.

Wo kann also der Vorteil der Generalistik für Pflegende liegen?

Ein Argument ist, dass es zu einer Aufwertung des Pflegeberufs kommt. Es wird grade zu als logische Folge der Generalisierung der Ausbildung verkauft. Der Mechanismus, der dahinter steckt ist mir allerdings nicht klar.Am ehesten könnte man es damit erklären, dass Entscheidungsträger ins Ausland geschaut haben und sich überlegt haben, was die anderen anders (besser?) machen. Schließlich hat in vielen anderen Ländern die Pflege ein ganz anderes Ansehen als in Deutschland.Somit könnte das Fazit gewesen sein: Dort gibt es Generalistik und Akademisierung.Das ist sicherlich richtig aber es gibt nur beides zusammen.Was man offensichtlich nicht auf dem Schirm hatte, war die dementsprechende Bezahlung. Warum auch? Pflegekräfte selbst laufen ja rum und propagieren, dass sie lieber mehr Kollegen als mehr Geld haben wollen. Welch unbedachte Aussage. Das hört sich bei Menschen, die von der Finanzierung der Pflege wenig Ahnung haben so an, als müsse man nur genug ausbilden und alles läuft wieder Rund. Dass die Geldmenge, die für die Pflege zur Verfügung steht, aber weitgehend fix ist und droht, bei jetzigem Modell weniger zu werden, ist kaum jemandem bewusst.

Es scheint aber, dass die Entscheidungsträger sehr wohl wissen, dass eine Akademisierung auf breiter Front mit Sicherheit zu steigenden Personalkosten führen würden. Da schlägt man wohl doch lieber den Weg der Mischkalkulation ein. Wenige hochqualifizierte akademisierte Pflegekräfte für die Qualität, und generalisierte, man entschuldige mir den Ausdruck, Lastesel für die Quantität.

Das ist meiner Meinung nach nicht einmal verwerflich, wenn man es denn so kommunizieren würde.

Man redet aber nicht offen, weil unser Staat wie so oft Angst hat, dass uns Teile dieser Antwort verunsichern könnten. Man baut also ein leistungsfähiges Ausbildungssystem um, um der gewaltigen Menge an Arbeit, die in Zukunft uns alle treffen wird, irgendwie bezahlbar zu halten. Im Stillen. Nach Aussen wird es als Qualitätsverbesserung kommuniziert. Dafür muss man aber schon, ich sag es mal salopp, Nüsse haben.Dafür muss man nämlich einen Standpunkt einnehmen, den die meisten Menschen sich nicht vorstellen können, einen Standpunkt in der Zukunft. Wenn ich mir überlege wie es in 20 Jahren in Deutschland aussieht, macht es nämlich Sinn. Wir leben in einer alternden Gesellschaft, in der die körperlichen Gebrechen auch im hohen Alter immer weniger einschränken. Die Alltagskompetenzen sinken aber trotzdem, da unser Körper deutlich besser und fitter altert als unser Gehirn.Das wird dazu führen, dass sehr viel mehr an Alltagsbegleitung für unser Senioren nötig sein wird. Gleichwohl wird man mit den Jahren erfahrungsgemäß nicht gesünder. Ausserdem streben wir immer mehr zu smarten und vernetzten Lösungen.Aus dieser Sicht macht es natürlich Sinn ein Heer von Alleskönnern an der Front zu haben, die einfach nur an kompetente Stellen weitermelden.Das spart Ressourcen. Das verbessert dann die Qualität in der Zukunft, denn ein weiter wie bisher kann die Qualität keinesfalls halten. Zwar stellen sich Menschen unter Qualitätsverbesserung was anderes vor, aber eben nur weil sie ihren Standpunkt im hier und jetzt haben.

Auch das ist an und für sich kein Problem.

Was in der Diskussion fehlt ist die Ehrlichkeit.Es geht einfach um Geld und Priorisierung. Wir können nicht mehr alles auf hohem Niveau betreiben, es wird schlicht zu teuer Spezialisten zu beschäftigen. Die Medizin macht es uns gerade vor, explodierende Kosten an allen Fronten, für zum Teil marginale Erfolge.

Kann damit die Generalisierung helfen das Problem zu lösen?
Ich denke nicht, denn das Pferd wird von hinten aufgezäumt. Es ist eine Lösung für ein Problem, was ich zur Zeit nicht habe.Das Problem ist im Moment nicht, dass uns der demographische Wandel erschlägt.Das Problem ist ein ganz akuter Mangel an Personal, das steigert den Druck auf die Kollegen und die Qualität leidet massiv. Die Folge ist eine dauernde Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern.

Man könnte jetzt einwerfen, aber durch die Generalistik werden mehr Menschen in den Pflegeberuf kommen. Ich wage das mal zu bezweifeln. Warum sollten Menschen, die jetzt sagen der Pflegeberuf ist nichts für mich, sagen, wenn ich im Altenheim und im Krankenhaus und irgendwie überall arbeiten kann, dann entscheide ich mich sofort dafür.

Diese Ansicht es würden mehr kommen basiert nämlich auch wieder auf einem kleinen Taschenspielertrick:

Die klammheimliche Absenkung der Zugangsvoraussetzungen, also eigentlich das Gegenteil von Akademisierung.

Auch da wird einem direkt um die Ohren gehauen, dass man doch nicht meinen sollte, ein besserer Schulabschluß macht einen besseren Menschen. Das empfinde ich übrigens als Beleidigung meiner Intelligenz. In einer Gesellschaft, in der ein Mensch ohne Abitur schon als dezent defizitär gilt, jemandem das vorzuwerfen ist hart. Ich machen den Wert eines Menschen garantiert nicht an seiner Schulbildung fest, aber ich habe die Regeln in dieser Gesellschaft auch nicht gemacht. In Deutschland gilt die Faustformel, je höher der Schulabschluss desto höher das zu erwartende Einkommen. Deshalb erwarte ich, dass die Löhne im Pflegebereich nach einer Umstellung zumindest stagnieren werden.

Aber da hat man ja auch schon eine Lösung: Weiterqualifizieren.Hört sich doch gut an. Eine breite Ausbildung und dann eine spezialisierte Qualifikation, das macht was her.

Ja daraus könnte ein Schuh werden.

Dennoch befürchte ich, dass auch hier die Realität anders aussehen wird. Ich sehe nämlich keine Verpflichtung für die Arbeitgeber, Fortbildungen und Weiterqualifizierung zu unterstützen. Im Gegenteil, wenn ich das selbe Geld verdiene, unabhängig davon ob und wie viel ich in die Qualifikation meiner Mitarbeiter investiere, und genau das ist in unserem Finanzierungssystem der Fall, dann verzichte ich doch eher. Warum sollte ich Fortbildungskosten zahlen, auf Arbeitszeit verzichten und danach möglicherweise auch noch mehr Lohn zahlen, wenn mein finanzieller Vorteil bei genau Null liegt? Da kann nur eine gesetzliche Verpflichtung helfen, aber da viele Arbeitgeber wie oben erwähnt so sehr die Generalisierung fordern, fürchte ich, dass der Plan anders aussieht.
Und das kann man auch schon an den von der Politik vorgebrachten Argumenten sehen. Einer der Vorteile der neuen Ausbildung soll sein, in jedem Bereich arbeiten zu können. Da wäre es ja hinderlich wenn man spezielle Fortbildungen für bestimmte Bereiche allgemeinverbindlich vorschreibt.
Ich befürchte es werden dann ein, zwei Kollegen eine Fachausbildung bekommen, vorzugsweise in Führungsverantwortung und der Rest bleibt der Rest. Wenn man dann davon ausgeht, dass in absehbarer Zukunft nur noch Kollegen mit Studium die Führungsverantwortung übernehmen werden, dann sehe ich etwas auf uns zukommen, was wir so ähnlich schon hatten. Ein System von Pflege und Pflegehelfern. Daraus könnte man dann ja spitzfindig konstruieren, dass die Pflege ja aufgewertet wird, nun der „qualifizierte“ Teil zumindest.

Die Pflege wird sich verändern, soviel ist sicher. Die Probleme müssen gelöst werden, aber dabei einzig auf die Karte Hoffnung zu setzten ist ein erschreckend schmales Brett.

Es hat auch schon Umfragen gegeben, in denen Kollegen gefragt wurden, ob sie den Beruf nochmals ergreifen würden, wenn es eine generalistische Ausbildung gäbe. 30% sagen nein. Ob das repräsentativ ist, weiß ich nicht. Noch viel weniger weiß ich, ob mehr junge Menschen wegen einer generalistischen Ausbildung den Beruf ergreifen. Ich denke, was Menschen in den Beruf ziehen könnte, sind fairer Lohn, familien- und sozialebenstaugliche Arbeitszeiten, Aufstiegsmöglichkeiten und Anerkennung in der Gesellschaft. Aber ich sehe nicht, dass von der Änderung des Pflegeberufegesetzes auch nur der kleinste Impuls in diese Richtung ausgehen wird.

Ganz besonders bei der Anerkennung sehe ich leider schwarz. Die Aussage, man braucht nur noch eine Pflegeausbildung, hört sich für mich schwer nach „pflegen kann jeder“ an. Es befördert eher den Gedanken, dass Fachwissen von sekundärer Bedeutung ist. Es gehört eben Herz und Menschlichkeit dazu, dann noch ein bisschen Ausscheidungsmanagment und Waschlappenakrobatik und fertig ist die universell einsetzbare Pflegekraft.

Polemisch? Ich denke nicht!

Was würde man in anderen Berufen sagen wenn jemand sagt, eure Ausbildung wird abgeschafft und mit anderen zusammen gelegt für das was ihr tut braucht ihr euer Spezialwissen nicht! Wie wäre die Reaktion, würde man vorschlagen Lehrer und Erzieher in einer generalistische Ausbildung mit niedrigen Zugangsvorraussetzungen zusammen zu fassen. Schließlich betreuen die ja alle irgendwie Kinder und für Mathematik in der Oberstufe, kann man sich ja notfalls weiter qualifizieren? Und dieser Vorschlag würde dann als Lösung für den Lehrermangel präsentiert.

Der Aufschrei wäre gewaltig. Und das mit Recht.

Natürlich passiert so etwas nicht. Erst recht nicht in der Industrie. Wie auch, es gibt ja Handwerks- und Industrie und Handelskammern, die nach ihrem Bedarf die Ausbildungsordnungen anpassen. Schließlich weiß man ja, was der Kunde braucht.Wir brauchen das alles nicht. Wir lassen uns einfach von oben sagen was Lage ist und gut ist. Das ist alte Pflegetradition. Offenbar kommen wir nicht einmal auf die Idee, dass Kassenlage und Lohnnebenkosten die Intention für eine Pflegereform sein könnten.
Wir als Pflegende stecken offenbar so fest in unserer Sichtweise, dass niemand merkt, dass keiner unser Bestes will.Wir glauben Ziel jeden Handelns ist eine Verbesserung.
Das ist ja auch so, aber wir kommen nicht auf die Idee, dass es nur eine Verbesserung für Andere sein könnte und man uns übergeht. Das merkt die Pflege dann erst wenn es zu spät ist und gibt sich dem eingeübten Jammern hin.

Nun will ich hier gar nicht in Abrede stellen, dass eine umfassende Reform der Pflegesituation in Deutschland von Nöten sein wird. Allerdings bin ich der festen Meinung, dass wenn weiterhin die Basis der Pflegenden bei solchen Prozessen ausgeschlossen ist, keine Verbesserung für Irgendwen erreicht wird, nicht für die zu Pflegenden und auch nicht für die Pflege.

Das Pflegepersonal wir erst nach der Reform einfach abstimmen, wie immer mit den Füßen.Das ist so, und das bleibt so.
Der Personalmangel ist genau so entstanden.
Darüber sollten sich alle Beteiligten in diesem Spiel klar sein.

Quelle: @Garcon de Piss

Gedanken zum „Pflegestreik“

Pflegekräfte „haken“ ab. Täglich. Am Ende jedes Dienstes.
Sie unterschreiben, welche Prophylaxen sie an einem Patienten durchgeführt haben.
Dass sie mit ihm/ihr Atemübungen gemacht, die Haut auf Druckstellen untersucht und eingecremt, demjenigen Bewegungsübungen gegen Thrombosen gezeigt hätten.
Sie unterschreiben, dass sie bei einem liegenden Blasendauerkatheter mindestens
einmal pro Schicht eine Intimpflege vorgenommen haben, um Harnwegsinfekte zu vermeiden.
Sie unterschreiben, dass ein Patient alle zwei Stunden umpositioniert wurde, da er sich selbst nicht bewegen kann. Dass er bei jeder dieser Gelegenheiten etwas zu Trinken und evtl. eine
Zwischenmahlzeit erhalten hat. Dass zwei Mal in der Schicht eine spezielle Mundpflege durchgeführt wurde, da der Patient nicht richtig schlucken kann und um einer Lungenentzündung vorzubeugen.
Sie unterschreiben die Gabe von Inhalationen und Medikamenten, die der Patient erhalten soll.
Das Alles haben sie nicht gemacht. Sie hatten keine Zeit dafür.
Ich verstehe, dass viele Kollegen mit der Zeit abstumpfen.
Nie mit der Arbeit fertig zu werden und abends nicht Aktenberge, sondern kranke und bedürftige Menschen liegen zu lassen, ist psychisch schwer zu verkraften.
Man will sein Bestes geben, man sieht seine Arbeit vielleicht sogar als die oft
genannte „Berufung“, wird aber kontinuierlich von den Arbeitgebern, der Politik und der Struktur des Gesundheitssystems daran gehindert, dies zu tun.
Es sind zu viele Aufgaben für zu wenige Menschen.
In anderen Ländern fühlen sich Pflegekräfte gestresst, wenn sie mehr als sechs oder sieben Patientenversorgen. In Deutschland kommt es regelmäßig vor, dass eine Pflegekraft alleine im Dienst ist und für 20 oder mehr Personen verantwortlich ist. Sie bekommt dabei aber keine Unterstützung von Bürokräften, die die Akten vorbereiten, von Hilfskräften, die Getränke verteilen und Betten beziehen, von Pflegehelfern, die dafür ausgebildet sind, die Körperpflege bei bedürftigen Patienten zu übernehmen oder sie auf die Toilette zu begleiten, wie es in vielen Ländern die Regel ist. Unterstützung bekommt sie lediglich durch einen „Schüler“ oder Praktikanten. Nachts gerne auch von niemandem.
Ich habe schon oft Beschwerden gehört, es könne nicht sein, dass ein Mensch unbemerkt stundenlang tot in seinem Bett liegt, bevor jemand es bemerkt. Meine Frage ist: wer soll es denn bemerken? Wenn ich auf einer Seite der Station mit meinem Rundgang beginne, dauert es mindestens zwei Stunden, bis ich das nächste Mal nach den Patienten dort sehen kann – falls in der Zwischenzeit kein Notfall ist, der mich eine zusätzliche halbe Stunde in Anspruch nimmt.

Wenn Sie Ihren Angehörigen im Krankenhaus besuchen und nach einer „Schwester“ klingeln (die offizielle Berufsbezeichnung lautet Gesundheits- und Krankenpfleger/in), damit sie die Person von der Bettschüssel befreit, und diese nach einer halben Stunde immer noch nicht da ist, muss das kein böser Wille sein. Es ist unwahrscheinlich, dass sie gerade Pause macht. Vermutlich haben mittlerweile fünf weitere Patienten geklingelt, sie hat einen Patienten in den Operationssaal gefahren und das Abendessen musste ausgeteilt werden.
Sie hat es einfach vergessen.
Beschweren Sie sich also nicht bei der betreffenden Pflegekraft, beschweren Sie sich bei den Menschen, die festlegen, wie viel Personal auf einer Station eingesetzt wird.

In den drei Jahren, in denen ich in vier Krankenhäusern auf 14 Stationen und in einem Pflegedienst gearbeitet habe, hatte ich bei genau drei Einsätzen eine Pause. Arbeitspausen sind im Arbeitszeitgesetz §4 wie folgt definiert: „Die Arbeit ist durch die im Voraus feststehenden Ruhepausen von mindestens 30 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs bis zu neun
Stunden und 45 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden insgesamt zu unterbrechen. Die Ruhepausen können in Zeitabschnitte von jeweils mindestens 15 Minuten aufgeteilt werden. Länger als sechs Stunden dürfen Arbeitnehmer nicht ohne Ruhepausen beschäftigt werden.“

Ich werde von Patienten oft gefragt, ob es in der Kantine dasselbe Essen gäbe.
Ob ich jetzt in die Mittagspause gehe.
Ob es schlimm wäre, wenn sie mich im Nachtdienst beim Schlafen störten.
Ich kann nicht in die Kantine gehen.
Meine „Pausen“ gestalten sich so, dass ich mich zum Frühstück/Abendessen hinsetze.
Ich schneide eine Semmel auf, öffne die Butterpackung und schmiere die eine Hälfte.
Es klingelt.
Ich bringe einem Patienten die Bettschüssel.
Ich schmiere das Brot fertig und beiße zweimal ab.
Es klingelt wieder.
Ich bringe einem gehfähigen Patienten einen Krug Wasser.
Ich esse die eine Hälfte fertig.
Es klingelt.
Ich helfe dem ersten Patienten von der Bettschüssel und säubere sein mit Stuhlgang verschmiertes Gesäß.
Ich esse mein Brot fertig.
Meine Pause ist beendet.

Ich lese und höre oft Kommentare von verschiedensten Personen, „Schwestern“ würden die ganze Zeit nur Kaffee „saufen“ und Kuchen essen. Ich frage mich dann, in welchem Krankenhaus das sein soll.
Vermutlich verwechseln diese Menschen unsere Dienstübergaben, während derer zugegebenermaßen aufgrund des Schichtdienstes extrem viel Kaffee getrunken wird, mit Pausen. Übergaben sind wichtig, damit die nächste Schicht die Diagnosen aller Patienten kennt und über Pflegeprobleme Bescheid weiß. Wir arbeiten in diesen 20 Minuten genauso, wie andere bei einem Meeting, für das sie zwei Stunden an einem Tisch sitzen. Von außen betrachtet sieht auch eine Ihrer Besprechungen nicht sonderlich produktiv aus.
Sehr selten sitzen wir tatsächlich auch mal eine dreiviertel Stunde Kuchen essend da. Wenn es
ausnahmsweise extrem ruhig ist, versucht man die Pausen der letzten Monate nachzuholen. Generell werde ich es aber nie für eine wirkliche Ruhepause nach dem Arbeitszeitgesetz halten, wenn ich die Station währenddessen nicht verlassen darf, damit ich auf die Patientenglocken reagieren kann. Möchte ich tatsächlich einmal für fünf Minuten in die Umkleide verschwinden, um ein verdrecktes Oberteil zu wechseln, muss ich hoffen auf keinen Vorgesetzten zu treffen, vor dem ich mich dann rechtfertigen müsste. Dabei fände ich es andersherum interessant, einmal die Begründungen der Geschäftsleitung dafür zu hören, weshalb regelmäßig die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten zwischen zwei Diensten von elf Stunden beziehungsweise zehn Stunden im Krankenhaus nicht eingehalten werden.
Bei einem der häufigen „Spät-Früh-Wechsel“ bin ich bis 21.15 Uhr auf Station, verlasse das Haus nach dem Umziehen um ca. 21.30 Uhr und bin am nächsten Morgen spätestens um 5.45 Uhr wieder in der Umkleide.
Das macht eine Ruhezeit von 8 Stunden und 15 Minuten, sowie abzüglich der Anfahrt usw. eine Schlafenszeit von ca. 5,5 Stunden. Nach dieser „Ruhezeit“ bin ich immer in einem derartig desolatem Zustand, dass ich im Bad vergesse, was ich tun wollte und unterwegs fast einschlafe.
Es heißt oft, dass Schlafmangel ähnliche Auswirkungen hat, wie Alkoholkonsum, was ich bestätigen kann.
In diesem Zustand verabreiche ich dann Ihren Angehörigen Medikamente.
Medikamente sind die wahrscheinlich wichtigste Therapieform im Krankenhaus. Schmerzen werden behandelt, der Blutdruck gesenkt, der Puls wieder in geregelte Bahnen gebracht. Voraussetzung dafür ist, dass sie richtig verabreicht werden.
Der „5-R-Regel“ nach müssen Pflegekräfte auf den
richtigen Patienten, das richtige Medikament in der richtigen Dosierung
und Applikationsform und zum richtigen Zeitpunkt achten.
In der Realität sieht das meistens wie folgt aus:
die Pflegekraft im Nachtdienst stellt irgendwann zwischen 0 und 3 Uhr die Medikamente für alle 24 Patienten. Derjenige wird hierbei regelmäßig durch die Patientenglocken unterbrochen. Je nach Fachgebiet kann ein Patient weit über zehn verschiedene Tabletten benötigen. Beim letzten Rundgang morgens um 4-5 Uhr werden die Tablettenschachteln verteilt.
Offiziell überprüft die verabreichende Pflegekraft im Tagdienst die Medikamente noch einmal. Dies findet in der Realität nicht statt, da wir keine Zeit haben.
Ich möchte nicht darüber nachdenken, wie viele Fehler deswegen passieren.
Manche Medikamente sollten nüchtern eingenommen werden. In der Realität nehmen die Patienten aber alle Tabletten zum Essen ein.
Theoretisch dürfen viele Tabletten nicht geteilt werden, da sie
eine Schutzschicht haben und zum Beispiel über 24 Stunden verteilt wirken sollen. In der Realität werden sie regelmäßig gemörsert, damit sie einem Patienten mit Schluckstörung schnell mit Joghurt verabreicht werden können oder durch die Magensonde passen. Dadurch kommt es zu Überdosierungen. Eigentlich dürfen Medikamente nur durch examinierte Pflegekräfte oder Auszubildende im zweiten oder dritten Lehrjahr verabreicht werden. In der Realität übernehmen dies oft Praktikanten ohne jegliche medizinische Vorbildung, die Patienten im Liegen Essen eingeben, Tabletten oder Tropfen vergessen oder falsch verabreichen und verständlicherweise nicht fähig sind, im Falle einer Aspiration von Nahrungsmitteln angemessen zu reagieren. Das Argument, dass jeder „füttern“ kann mag nicht völlig falsch sein, aber nur solange ein Patient nicht schwer pflegebedürftig ist und Schluckbeschwerden hat, die im schlimmsten Fall zum Ersticken führen können.

Natürlich ist nicht jede Pflegekraft ein Engel und gibt sich Mühe. In jedem Berufsfeld gibt es schwarze Schafe. Im Allgemeinen aber sind wir gut ausgebildet und wollen kompetent und einfühlsam für unsere Patienten sorgen.
Die Ausbildung, die gerne sehr geringgeschätzt wird, beinhaltet viele Theoriestunden nicht nur zum Bettenmachen, sondern auch zu Anatomie, Physiologie, Pharmakologie, Krankheitslehre, Psychologie und zu rechtlichen Aspekten. Dazu kommen die zahlreichen pflegeeigenen Themen zur Prophylaxe von Krankheiten, richtiger Ernährung, Pflege im Rahmen von Operationen, der Mobilisation von Patienten, dem richtigen Umgang mit schwerkranken oder sterbenden Menschen u.v.m., die teilweise nur in unserer Ausbildung gelehrt werden und beispielsweise Ärzten gar nicht bekannt sind. Ich habe mittlerweile über 40 Fachbücher angesammelt. Dieses Wissen würde ich sehr gerne anwenden, wenn die Zeit dafür da wäre. Im Moment wird das allernötigste an Pflege getan, damit sich der Zustand der Patienten wenigstens nicht verschlechtert. Wenn es mehr Personal gäbe und wir nicht fachfremde Aufgaben übernehmen müssten, wie Tee kochen, Müllsäcke leeren, Verwaltungsaufgaben erledigen, putzen und Essenstabletts verteilen, könnten wir unsere Kompetenz dazu verwenden, den Gesundheitszustand der Patienten tatsächlich zu verbessern und weiteren Krankheiten vorzubeugen. Oder einem schwerkranken Menschen einfach mal die Hand zu halten.
Wir sind im Krankenhaus die Personen, die immer da sind. Die Ansprechpartner für die Kranken, und die Menschen, die bei alleinstehenden Patienten die Angehörigen ersetzen müssen. Jeder braucht Ansprache und Gesellschaft.
Und wenn ich einen Todkranken, der unvorstellbare Schmerzen hat, auch weil er aus Zeitdruck seine Schmerzmedikamente nicht rechtzeitig erhalten hat, der mich anfleht, ihn umzubringen, alleine lassen muss, dann tut mir das unglaublich weh und dann werde ich das auch nie wieder vergessen.

Wenn nun also endlich Pflegekräfte anfangen zu streiken, und zwar nicht einmal für das höhere Gehalt, das sie bei ihrer extrem hohen Verantwortung und Arbeitsbelastung definitiv verdient hätten, sondern für mehr Personal, damit Sterbende nicht stundenlang in ihren eigenen Exkrementen liegen müssen und rechtzeitig Schmerzmittel erhalten, dann kann ich das nur begrüßen.

Dass ein so reiches Land sein Gesundheitssystem so verkommen lässt und so wenig Respekt vor Alten und Kranken hat, ist peinlich. Und dass die Bevölkerung und vor allem aber die Medien dieses Thema weitgehend ignorieren, dass die größte deutsche Tageszeitung in mehr als zehn Tagen kein einziges Wort über diesen Streik verliert, obwohl über alle anderen Streiks immer ausführlichst berichtet wird, dazu fehlen mir die Worte.
Ich kann nur hoffen, dass sich etwas ändert, bevor es niemanden mehr gibt,
der diesen Beruf ausüben möchte, und das bei stetig steigenden Zahlen von Pflegebedürftigen.
Die wenigsten arbeiten länger als ein paar Jahre in der Pflege.
Ich werde ab Oktober examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin sein und habe nicht vor, jemals auf einer „Normalstation“ unterdiesen Bedingungen zu arbeiten. Ich könnte es auch nicht, da ich schon jetzt starke Rückenprobleme habe.
Von den anfangs 25 Auszubildenden in meinem Kurs werden weniger als zehn in der Pflege bleiben, und die meisten davon planen nicht mit mehr als ein paar Jahren.
Ein eigentlich schöner und anspruchsvoller Beruf ist zu einer Bürde verkommen, wegen der man Bauchschmerzen bekommt, und sich dann nicht einmal krank melden kann, da der Kollege dann alleine im Dienst ist und irgendwer aus dem „Frei“ einspringen muss.
Wie schade!

Quelle: Anonym.