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My little Pflegereform.

Die gegenwärtige Situation
Wie in vielen Bereichen der Daseinsfürsorge ist der Personalmangel in der Pflege (vorhersehbar) zu einem massiven Problem geworden.
Die Bezahlung geht noch so,schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Sozialleben, Wechselschichtdienst und eine Arbeitsverdichtung die ihres gleichen sucht, machen den Beruf unattraktiv, treiben die Pflegenden aus dem Beruf und schrecken Schulabgänger von der Berufswahl ab.
Auf der anderen Seite zahlen die Kliniken und Pflegeeinrichtungen zum Teil schmerzhaft hohe Summen für Leiharbeitskräfte um ihre Wohnbereiche und Stationen weiter belegen zu können.
Um diese Probleme zu beheben gab es eine Reihe von mehr oder weniger produktiven Lösungsansätzen(z.B. Absenkung der Zugangsvorraussetzungen in der Altenpflege)
Parallel dazu kämpft ein großer Teil der deutschen Krankenhäuser um das überleben, nachdem man auf die geniale Idee kam die Anzahl der Krankenhäuser (und Betten) in Deutschland mit marktwirtschaftlichen Mitteln zu lösen.

Das „geweihte Land“
Ich beziehe mal primär Vergleich zu UK, der NHS ist international eher für Leistungskürzungen bekannt und weit abgeschlagen hinter den europäischen Spitzenreitern wie z.B. die Niederlande.
Dafür geben die Briten etwas weniger Geld aus wie wir, haben erschreckend wenig Klinikbetten und eine minimal höhere Lebenserwartung.
Selbst in UK sind im Intensivbereich 1:2 Betreungen die Regel. Die Pflegeausbildung setzt ein Abitur voraus und schließen auf Bachelor-Niveau ab.
(siehe https://www.bmbf.de/pub/berufsbildungsforschung_band_15.pdf)

Die unangenehme Wahrheit:
Ein so lang verschlepptes Problem kostet in der Lösung richtig viel Geld und dauert Jahre bis Besserung zu erwarten ist.
Das ist völlig unabhängig vom Lösungsansatz, lässt sich später evtl. aber auch wieder reduzieren. Das kennen wir z.B. auch von unserer Infrastruktur, wer die Brücken und Strassen über Jahrzehnte nur minimal wartet und überbelastet zahlt letztendlich das vielfache
für die anstehende Kernsanierung oder Komplettneubau.

Noch viel unangenehmer:
Die jungen Menschen sind nicht blind.
Egal was wir mit der Pflegeausbildung anstellen, solange der pflegerische Berufsalltag sich nicht ändert, wird sich nicht eine zusätzliche Person für einen Pflegeberuf entscheiden.
Insbesondere mit Blick auf die „Generation Y“ ist eher davon auszugehen, dass die Ausbildungszahlen fallen werden.

Mein Lösung:
Verbindliche Stellenschlüssel!
Selbst mit zunächst relativ geringen Mindeststandards (sagen wir mal 1:3 ITS, 1:8/1:16Nachts Normalstation, 1:10/1:30Nachts in Pflegeeinrichtungen) würden viele Einrichtungen massiv ins Schwitzen kommen, insbesondere Nachtdienste werden gerne auf ein absolutes Minimum reduziert, obwohl sich auch hier die Arbeit immer weiter verdichtet und Tätigkeiten in die „Ruhige“ nacht verlagert werden um den Tagdienst zu entlasten.
Aber so viel Personal gibts ja gar nicht!11einself.
Stimmt. Zumindest Teilweise.
In den Kliniken hoffe ich primär auf eine Reduzierung der Betten, ich denke so 10-20% werden die Folge sein. Schwieriger ist die Situation in der stationären Pflege, aber jedes Jahr verlassen Tausende examinierte Pflegekräfte den Beruf und suchen sich einen neuen Job.
Mit besseren Bedingungen und erhöhtem Entgeld bin ich zuversichtlich einen großen Teil davon wieder zurück ans Bett zu kriegen.

Selbstverständlich wird es Opfer geben, jene Einrichtungen welche nicht in der Lage sind mit der Arbeitsplatzqualität (oder notfalls Vergütung) der anderen zu konkurrieren.
Und das ist auch gut so, das sind im Kern die gleichen Gründe die auch heute schon zu Heimschließungen führen!

Dazu noch ein paar weitere Mindeststandards, insbesondere denke ich hier an arbeitnehmerfreundlichere Regelungen zum Wechselschichtdienst und Zuschlägen, etc.

Ausbildungsreform
Eine Reform des Pflegeberufs kann anschließend gerne erfolgen, ist aber eigentlich nicht essentiell zur Problemlösung. Dennoch will ichs einmal in Stichworten versuchen.

Generalistik, ja bitte!
Ich bin für eine generalistische Ausbildung. Warum auch nicht, viele Inhalte sind deckungsgleich und es klappt auch in anderen Berufen ohne Probleme.
Aber nicht auf Basis einer 3jährigen, undifferenzierten Ausbildung wie es der Entwurf für das Pflegeberufeänderungsgesetz vorsieht.
Gerne aber wie in der GuK und Kinderkrankenpflege bzw. wie in vielen technischen Berufen.
Gemeinsame Kernausbildung und dann zum Ausbildungsende Schwerpunkt Krankenpflege/Kinderkrankenpflege/Altenpflege/Psychatriepflege
Ich denke hier an 2,5 Jahre gemeinsame Grundausbildung +1 Jahr Schwerpunktvertiefung

Ende der betrieblichen Ausbildung
Gerade mit Hinblick auf eine generalistische Ausbildung macht eine betriebsgebundene Ausbildung kaum noch Sinn, wenn man zusätzlich noch in 3+ anderen Einrichtungen Ausbildungsinhalte absolvieren muss.
Dann lieber ohne Betrieb und passende Praktika. Das sollte auch den Missbrauch der Auszubildenden als billige Arbeitskraft etwas mildern und unattraktiv machen.
Die Betriebe werden mit machen, wer ein positives Praktikum bietet ist hinterher möglicherweise Arbeitgeber. Menschen merken sich sowas.
Mit dem aktuellen Gesetzesentwurf wird die Ausbildung eigener Schüler vermutlich für viele Betriebe sogar unattraktiv, eben wegen der langen Abwesenheiten.

Aufwertung
Anspruchsvoller Beruf, anspruchsvolle Ausbildung, Zugangsvorraussetzung sollte ein FORQ oder Abitur sein. Das senken der Zugangsvorraussetzungen in der Altenpflege führte in erster Linie zu rasant steigenden Abbruchquoten, damit hat niemand gewonnen.

Grundständiges Pflegestudium als Alternative.
Ja, schon, aber das dauert sicher eine halbe Generation bis wir den Übergang schaffen.
Und nein, es geht nicht darum das irgendjemand „unter“ einer studierten Pflegekraft arbeitet sondern das in 10 Jahren die studierte Pflegekraft _mit euch_
arbeitet, bettet etc.
Wahrscheinlich wäre es sinnvoll zudem schrittweise Pflegeschulen in Pflegefachhochschulen zu überführen an denen man dann auch mit Hochschulabschluss abschließt.

Geld!
Nur weil sich der aktuelle Gesetzesentwurf damit so rühmt, selbstverständlich sollte die Ausbildung auch WEITERHIN (und bundesweit) vergütet werden, allerdings direkt vom Land/Bund ohne komische Umwege über Fonds, Ausbildungsbetriebe.
Man kann sicher überlegen sich etwas Geld von den Praktikumsplätzen zurück zu holen.

Euer @deinkoks