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Pflegestreik und die Bewegung in Deutschland.

Was soll ich dazu sagen,
was 2015 als Online-Idee angefangen hat, ist wie es schön heißt: viral gegangen.

Pflegestreik – ein Idee geht durch Deutschland!

Viele Pflegekräfte halten es immer noch für undenkbar, zu streiken. Also die Arbeit niederzulegen, den Arbeitsplatz zu verlassen, um für die eigenen Arbeitsbedingungen auf die Straße zu gehen. Dieselben Pflegekräfte, die die Station nicht verlassen möchten, um eine echte Pause haben zu können.
Viele, viele gute Kolleginnen und Kollegen sind in den letzten Jahren aus dem Arbeitsplatz Krankenhaus und Pflegeheim gegangen. Nachgekommen sind nur wenige.

Die, die geblieben sind, bemühen sich seit Jahren, dass was sie als gute Pflege gelernt haben, weiter umzusetzen und durchzuführen.
Der ganze Prozess des Personalabbaus und der Arbeitsverdichtung ging in den letzten Jahren so schleichend, dass erst vor wenigen Jahren die Pflegekräfte gemerkt haben, wie es wirklich um sie steht.
Die Arbeitsbedingungen sind mittlerweile in vielen Bereichen so bescheiden, dass viele dadurch krank geworden sind. Viele stehen mittlerweile kurz vor dem Aufgeben. Den geliebten Beruf aufgeben und sich einfach etwas anderes suchen, etwas Geregeltes, etwas mit freien Wochenenden, etwas mit planbaren Arbeits- UND Freizeiten, ohne ständig angerufen zu werden und bebettelt werden einzuspringen.
Der Pflegestreik an der Charité 2015 hatte alles ins Rollen gebracht. Auch wenn die Ursprungsbedingungen und das Tarifergebnis an der Charité vielleicht nicht für alle Kliniken übertragbar sind, dachte sich ver.di im kleinen Saarland: was die können, können wir auch.
Im Saarland gibt es sowieso zu viele Krankenhäuser, die viel zu wenig zusammen arbeiten, also lasst uns mal den Pflegestreik hier versuchen. Und Mitglieder haben wir auch zuwenig und insgesamt bräuchten wir mal wieder eine positive Lobby.
Die Grundidee im Saarland war, Beschäftigte von mindestens 11 der 21 Krankenhäuser dazu zu bringen, streikbereit zu sein. Nun war das Problem, dass Friedenspflicht herrscht und nur für etwas gestreikt werden darf, was noch nicht in einem Tarifvertrag geregelt ist. Also wurde die Idee geboren, einen sogenannten „Tarifvertrag Entlastung“ zu fordern und gegebenenfalls dafür zu streiken.
Aber oha: die Arbeitgeber wollen nicht verhandeln. Ver.di Berlin und die unterschiedlichen Arbeitgebervereinigungen seien zuständig. Verdi TrierSaar behauptet das Gegenteil.
Wer jetzt Recht hat, ist im Grunde genommen immer noch nicht geklärt.
Aber die ganze Streikdiskussion hatte 2016 auch die Landesregierung aufgeschreckt, denn schließlich stehen im März 2017 Landtagswahlen an. Eine positive Lobby für das Gesundheitsministerium kann da auch nicht schaden.
Gemeinsam mit dem Landespflegerat wurde ein „Pflegepakt“ ins Leben gerufen, um die Situation der Pflegekräfte partei- und institutionenübergreifend durch Maßnahmen zu verbessern. Hier wurden viele gute Ideen entwickelt.
Auch wurde von der zuständigen Ministerin ein Entschließungsantrag in den Bundesrat geschickt, um für eine bessere Pflegepersonalbesetzung in den Krankenhäusern zu sorgen.
Kurz vorm Internationalen Frauentag hat dann sogar zufällig zeitgleich die Expertenkommission der Bundesregierung ihr Ergebnis für eine Personalbemessung im Krankenhaus vorgestellt.
Aus einem Pflegestreik am 8. März 2017 wurde vorerst eine gemeinsame Demonstration von Saarländischer Krankenhausgesellschaft, Gesundheitsministerium und ver.di.
4000 Menschen gingen auf die Straße, trotz Regen und Kälte ließ sich niemand von dem knapp 6 km langen Marsch abhalten.
Die Idee eines Pflegestreiks hat sogar bis jetzt schon bei so vielen saarländischen Pflegekräften und Sympathisanten Anklang gefunden, dass es in Saarbrücken am 20.03.2017 einen weiteren Warnstreik für eine bessere Pflege geben wird.
Alles in allem beachtliche Bewegungen in kurzer Zeit. Insgesamt gehe ich davon aus, dass die gemeinsame Arbeit aller Berufsverbände und Partner im Gesundheitswesen dazu beigetragen haben, dass sich die Bundesregierung jetzt (kurz vor der Bundestagswahl) endlich bewegt. Zwar langsam, viel zu langsam, aber sie bewegt sich.

Danke an Heide Helga für diesen Beitrag.

Mittwoch, Programmpunkt: #Pflegestreik


➔ ➔ Folgt uns auf Twitter und werdet ein Teil davon.

Ein kleines Realitätsmärchen.

In einem Land vor nicht allzu ferner Zeit, begab es sich dass ein Königspaar namens Konzern und Gewinnoptimierung die Regierung des Staates übernahmen. Doch eine Gruppe unerschrockener, mutiger Untertanen liess sich dies nicht bieten und tat fortan dem Unmut kund…

Man möchte meinen so ein Märchen liesse sich nicht in die heutige Zeit übertragen, doch wir schreiben das Jahr 2016 und schlittern immer schneller in eine der humanitärsten Krisen unseres „Sozialstaats“, dem Pflegenotstand.

Warum fragt man sich?!
Die Pflege Kranker, Alter & Hilfsbedürftiger ist doch so ein ehrenwerter, dankbarer Job.
Ja ist es und ein sehr schöner noch dazu, wie aber soll man sein Fachwissen und seine Arbeitskraft einsetzen wenn ein Krankenhaus, ein Altenheim oder eine Pflegeeinrichtung sich nur noch auf Kosten der Gesundheit aller reich spart, es einem die Kraft aus den Knochen saugt und Wertschätzung schon zu lange ein Fremdwort ist?!
Deshalb kursiert seit nunmehr über sechs Monaten (wieder) das Schlagwort #Pflegestreik in den sozialen Medien. Unter dem Hashtag Pflegestreik lassen sich bei Twitter mittlerweile einige tausend Tweets finden, die genau darauf aufmerksam machen möchten. Man möchte erklären warum diese Tätigkeit so wichtig ist und gleichzeitig die Folgen aus einem nahezu kaputten System darlegen. Wir möchten aufklären warum dieses System so nicht weitergehen darf, Kapitalismus nicht über dem Menschen und dessen Gesundheit stehen darf, über fahrlässige Situationen die verhinderbar gewesen wären wenn man uns nicht die letzten Jahre systematisch die Besetzung gestrichen weggespart hätte und zuletzt leider auch über Todesfälle die eine Folge dieser Tatsache sind.

Ganzheitliche Pflege endet dort wo der Patient zum Kunden und die Mitarbeiter zum Fliessbandpersonal werden, sie verfällt an jenem Zeitpunkt wenn ich mich selbst opfere und meine eigene Grenze überschreite, tagtäglich.
Kaum noch jemand der eine solche Ausbildung machen möchte, es fehlt an Attraktivität, Bezahlung und der Zukunftsaussicht. Es vergeht kaum ein Tag an dem man nicht von einem Pflexit hört, also dem (baldig geplantem) Ausstieg von mehr als gut ausgebildeten Fachkräften aus dem Pflegebereich. Wenn das weiterhin in jenem Tempo weitergeht steht die Versorgung in Zukunft ganz schön duster da.
Irgendwann werdet ihr euch an uns erinnern, denn jeder braucht Pflege, irgendwann oder irgendwie, egal ob im Alter, bei einem Beinbruch oder nach einem Unfall.
Wir schreiben diese Dinge nicht für unser Ego, sondern weil wir unseren Job mit Empathie und Professionalität für den Gepflegten ausführen möchten, auch in der Zukunft, denn am Ende seid ihr auf uns angewiesen und kann es jeden schon morgen treffen, eure Grosseltern, Eltern, Geschwister oder Kinder.

Wir sagen Nein zu unprofessioneller Pflege auf Kosten des Personals und zu Lasten Gepflegter.
Hört endlich auf uns politisch zu ignorieren, uns für eure Aktionäre zu missbrauchen
und unsere Arbeitsleistung kategorisch zu unterdrücken und auszumürben.
Nein! sagen, nicht mehr kuschen und sich schon gar nicht für einen Arschtritt bedanken, Rücken gerade machen und sich dessen bewusst werden was wir alle leisten und auch können, das wäre mal der allererste Anfang.

Es reicht.
Es ist nicht 5 vor 12 sondern schon mehr als 10 nach!

Und wenn sie nicht gestorben sind dann twittern sie noch heute…und morgen…und übermorgen, und zwar so lange bis es auch endlich der Letzte verstanden hat.

Weitere Informationen zum #Pflegestreik finden du auf twitter und auf www.pflegestreik.org

@einFraeulein / @RainerRogge

Pflegestreik und was nun?

Ich beteilige mich nun von Anfang an an der Mittwochsmahnwache unter dem Hashtag #pflegestreik. Deshalb versuche ich jetzt mal für mich Bilanz zu ziehen und zu analysieren, was da vorgeht.

Bei der Bilanz ist es recht einfach. Das ganze bringt uns nicht weiter!
Einige wenige „Externe“ beteiligen sich,
aber mediale oder gar politische Resonanz geht gegen Null.
#Pflegestreik ist als Thema nicht sexy, aber warum?
Betrifft Pflege nicht früher oder später jeden?
Ich denke schon!

Am Anfang dachte ich es liegt daran, dass das Thema irgendwie schlecht ankommt weil man zugeben müsse, dass man am falschen Ende gespart hat. Doch dann kam die aktuelle Meldung, dass die Krankenkassenbeiträge steigen sollen. Kein Aufschrei. Kein großes Gezeter.
Das ließ mich verwundert zurück. Es ist also offensichtlich, dass Gesundheit den Menschen in diesem Lande doch etwas wert ist.
Da bleibt ja nur der Schluß: Nur Pflege ist nichts wert.

Das ganze irritiert mich.
Aber wenn man genau hinschaut merkt man plötzlich warum.
Dafür muss man allerdings genau hinschauen.
Ein Beispiel kam aus dem WDR.
Es ging darum weniger gebildete Menschen, in diesem Falle Zuwanderer in Pflegeberufe zu bringen.
Jo, so hab ich auch geguckt.
Aber als ich, sagen wir es freundlich, beim WDR rumgerantet habe, kam folgendes heraus:
Es waren Betreuungskräfte gemeint, nicht die Pflegefachkräfte.
Da wurde mir plötzlich einiges klar. Selbst gut gebildete Menschen haben keine Ahnung, dass Betreuung und Pflege zwei verschiedene paar Schuhe sind!
Wenn das aber schon bei Journalisten so ist,
wie soll denn dann das Bild in der Öffentlichkeit sein?

Ich denke wir „Professionellen“ wissen es!

Pflege kann jeder, man muss sich nur überwinden.

Ja, ich glaube viele nehmen ernsthaft an, sie könnten jederzeit unseren Job machen wenn sie denn nur wollten. Schließlich muss man in der Pflege ja nur seinen Ekel vor Ausscheidungen und dergleichen ablegen und fertig.
Ich glaube, dass man uns für nette Hilfsarbeiter der Ärzte hält.
Deswegen nimmt uns keiner Ernst! Man glaubt es gibt genug arme Schlucker da draußen, die nur darauf warten unseren Job zu machen, weil es ja irgendwie jeder kann. Man glaubt, dass man im Notfall nur das Heer der Mütter und Bildungsverlierer in den Beruf drängen muss und schwupp läuft es wieder. Ob nun ein Baby wickeln oder die pflegbedürftige alte Dame, wo ist da der Unterschied? Da muss man doch nichts für gelernt haben.

Und genau das kotzt mich an! Und wie mich das ankotzt! Ich habe jeden Tag die Verantwortung, dass Menschen nicht vor ihrer Zeit abtreten müssen oder wenn es nicht mehr abwendbar ist, in Würde und schmerzfrei sterben können. Ich muss nachts mit Ärzten diskutieren, die genauso müde und scheiße drauf sind wie ich, weil sie auch am Anschlag arbeiten. Ständig muss ich wichtiges von unwichtigem trennen damit alles läuft, ja auch dann wenn ich „Kaffee saufe“. Ausserdem muss ich noch jede Menge berufsfremden Mist erledigen weil irgendwer irgendwann beschlossen hat, dass Hilfskräfte nur Geld kosten. Irgendwo zwischen Frühstück austeilen, Tischchen putzen und Exkremente entsorgen, sorge ich für Medikamente, Infusionen, Untersuchungstermine und dafür, dass die Patienten wenigstens das Gefühl haben ich wäre für sie da. Pflege ist viel mehr als Hintern wischen und Patienten betüddeln. Ich bin der, der dem Oberarzt kackendreist Desinfektionsmittel über seine Griffel schüttet damit die Keime im Nachbarbett bleiben. Aber dafür muss ich wissen was ich da tue und vor allem die Zeit dafür haben!!

Es kommt nicht primär auf Hände an! Pflege ist ein Ausbildungsberuf mit staatlichem Examen und klar geregelten Zugangsvoraussetzungen. Das müssen alle wissen. Jeder sollte sich im Klaren darüber sein, warum das so ist! Wir brauchen Hände, ja, aber mit hellen Köpfen.
Es wird Zeit die Menschen aufzuklären was Pflege bedeutet und uns von der ebenso wichtigen aber eben eine völlig andere Baustelle betreffenden Betreuung abzugrenzen. Das geht jedoch offensichtlich nur mit Medienpräsenz.
Wir als Berufsgruppe müssen aufhören am Boden zu liegen. Wir müssen laut, sichtbar und unüberhörbar werden! Der Patient Pflege muss mit einem Arschtritt mobilisiert werden. Das haben wir doch drauf werte Kolleginnen und Kollegen, oder?

Wir müssen auf die Straße, aber nicht vor Kliniken.
Wir müssen vor Landtage und den Bundestag.
Die schüchterne, zurückhaltende Pflege muss ins Rampenlicht!
Nur dann können wir ausnutzen, was wir können weil wir es tagtäglich machen. Menschen erklären was los ist.
Dann können wir erklären, was unsern Beruf ausmacht und warum es auf uns und unser Fachwissen ankommt.

Die Pflege muss zum gesunden Menschen kommen und nicht warten bis der kranke Mensch zur Pflege kommt!
Die meisten begreifen dann zwar schnell, aber zu spät.
Deshalb liebe Kolleginnen und Kollegen, steht auf seid laut!
Es ist unser Beruf lasst ihn uns retten bevor alles den Bach runter geht!

Mit freundlicher Genehmnigung übernommen von: Garcon de Piss

Pflegestreik.

Die Pflege in Deutschland ist krank. Erkrankt an Arbeitsüberlastung, geringer Wertschätzung, Unterbesetzung und zu geringem Gehalt. Das haben sicher die meisten Menschen bereits mitbekommen. Wer Pflegende in der Familie oder im Freundeskreis hat kennt ihre Geschichten aus dem Alltag in deutschen Krankenhäusern, den Pflegeeinrichtungen und den ambulanten Diensten. Überall ähneln sie sich.

Vor ein paar Wochen gab es nun aber einen Streik an der Berliner Charité. Die Pflegenden haben ihre Arbeit niedergelegt. “Großartig” und “das wurde auch Zeit” haben sicher einige gedacht. Und das wurde es auch. Ich persönlich habe gehofft, dass in den Medien endlich über die Zustände in der Pflege berichtet wird. Dass Pflegende wach gerüttelt werden, sich für ihren Beruf und damit auch für die Menschen die sie versorgen einzusetzen.

Medial berichtet wurde aber kaum. Hier und da mal ein kurzer Bericht, der aber in den meisten Fällen nicht die tatsächliche Problematik in der Pflege angesprochen hat.
Auf Twitter tauchte der Hashtag #Pflegestreik auf. Pflegende aus allen Bereichen erzählen von ihren Problemen, von erlebtem. Viele reden davon unter diesen Umständen nicht mehr lange in diesem Beruf bleiben zu können, den sie eigentlich lieben. Jeden Mittwoch ab 13:45 wird eine sogenannte Mittwochsdemonstration gestartet, mit dem Ziel in den Twittertrends zu erscheinen und so die Menschen und die Medien auf das Thema aufmerksam zu machen. Politiker werden angeschrieben, sich doch bitte des Themas anzunehmen. Die Resonanz ist in den meisten Fällen, dass wir gar nicht erst eine Antwort bekommen.
Die Solidarität in den sozialen Medien ist relativ hoch. Viele sind erschrocken über die Zustände. “Ich wusste das es schlimm aussieht. Aber so schlimm hatte ich nicht erwartet” war zum Beispiel einer davon.

Die große Hoffnung, die ich zu Beginn des #Pflegestreiks hatte, weicht allerdings so allmählich einer gewissen Nachdenklichkeit. Ich denke darüber nach, wie es jetzt weiter geht. Twittern ist die eine Sache, aber das allein ändert nichts. “Streikt doch endlich mal im großen Stil” sagen viele. “Ja, geht bald los” würde ich gerne antworten. Kann ich aber nicht.
Auf meiner Station haben viele nichts davon mitbekommen, dass die Pflege der Charité streikt. Als ich davon erzählte wurde es mit einem “ändert ja eh nix” abgetan. Ich war ernüchtert. Und zwar so richtig. Diesen Satz habe ich schon so oft von Pflegenden gehört. Er wird als Ausrede benutzt um nichts tun zu müssen. Man könnte meinen, dass der Leidensdruck dann halt noch nicht groß genug ist. Aber das verrückte ist ja, dass er das ist. Er ist so hoch, dass viele ihre Stelle kürzen, weil es Vollzeit nicht mehr geht, werden krank oder verlassen gleich ganz die Pflege.

Warum das so ist, darüber kann ich nur spekulieren und die Gründe werden vermutlich vielschichtig sein. Pflege hat es nie gelernt für sich selbst zu kämpfen. Wir haben keine Lobby wie zum Beispiel die Ärzte, man sieht sich selbst als schwächstes Glied der Kette und man weiß nicht, was man denn überhaupt tun könnte. Er herrscht Uneinigkeit, über welchen Weg denn am besten die Ziele erreicht werden können. Streik, Pflegekammer, Politik, Berufsverbände? Wo soll man sich engagieren? Welcher Weg führt uns zum Ziel?
Über all das kann man hervorragend streiten.

Die Frage, die mich aber am meisten beschäftigt, ist wie wir es endlich schaffen können, die Pflege dazu zu bewegen nicht mehr länger alles über sich ergehen zu lassen. Sich endlich zu wehren. Und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie das gelingen soll.

Deshalb wünsche ich mir eine Gewerkschaft, die sich für Pflegende einsetzt. Aktiver um Pflegende Mitglieder wirbt. Ihnen zeigt, welche Möglichkeiten sich durch eine Mitgliedschaft bieten.

Ich wünsche mir eine Pflegekammer um der Pflege eine Lobby zu geben. Die die Interessen der Pflege vor Politik und anderen Kammern wie zum Beispiel der Bundesärztekammer vertritt.

Ich wünsche mir, dass die Politik endlich begreift, dass wir eine Reform benötigen, die ihren Namen verdient. Es geht hier immerhin darum, wie unser Land mit pflegebedürftigen Menschen umgehen will.

Und ich wünsche mir Berufsverbände die lauter sind als jetzt. Mit gezielten Aktionen medienwirksam auf die Probleme in der Pflege aufmerksam machen.

Und von euch liebe Pflegende wünsche ich mir, dass ihr euch endlich für euren Beruf engagiert, den ihr so liebt. Euch informiert über die Möglichkeiten die ihr habt und über eure Rechte als Arbeitnehmer. Lernt endlich Nein zu sagen.

Mit freundlicher Genehmigung übernommen von Nanunana

„Kontrolle nicht möglich mangels Personal“
oder auch Gedanken zu Pflegestreik

Wir müssen nicht einmal „richtig“ streiken. Es würde reichen, wenn wir aufhören dieses kranke System weiter mit vollem Einsatz zu unterstützen, um allen zu zeigen, dass eigentlich jetzt schon nichts mehr geht.“ So ähnlich schrieb ich ein paar meiner zahlreichen Tweets zum Pflegestreik. Prompt kamen die Antworten: „Warum tut ihr es dann weiterhin?“

Ja meine lieben Kolleginnen und Kollegen, die Frage möchte ich gern weiter geben.
Warum tun wir das?

Ehrlich gesagt, so richtig verstehen tue ich das nämlich auch nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich aus einem ganz anderen Bereich in die Pflege gewechselt bin und dort meinen kleinen „Papierstreik“ bereits hinter mir hatte. Zur Erklärung:

Bevor ich auf die geniale Idee kam, meine Ausbildung in einem Beruf zu machen, der ganz viel Anerkennung mündlich wie schriftlich mit sich bringt, nur leider genau gar keine im beruflichen Alltag oder gar auf dem Girokonto, war es meine Aufgabe, dass wichtige Dinge pünktlich am richtigen Ort sind. Diese wichtige Dingen konnten alles sein. Von Werkzeugersatzteilen über Toilettenpapier bis hin zu Dienstwagen und Lkw Ladungen voller Plastikprömpel, die in irgendwelche Aschenbecher für Autos eingebaut werden.
Ich arbeitete nämlich im Einkauf eines Automobilzulieferers. Ist auch nicht weiter wichtig, denn diese Job hatte ich prima im Griff und da ich in einer Zweigstelle eingesetzt war, hatte ich sogar den Luxus, mein eigener Chef zu sein ohne die anderen, natürlich noch viel wichtigere Dinge bestellenden, Einkäufer im Nacken zu haben.

(Könnt ihr mal sehen, was andere Leute teilweise beruflich so für Sorgen haben. „Also, die Teile, die ich bestelle, sind aber viel teurer als Deine. Ich bin hier dass Rennpferd.“ Glückwunsch dazu.)

Es begab sich jedoch, dass sich an einer ganz andere Ecke des Betriebes ein Loch auftat. Nämlich im Wareneingang. Dort waren normalerweise mehrere Gabelstaplerfahrer, 2 Lageristen, 2 Mitarbeiter der Qualitätssicherung und der Lagerchef zugange. Die Gabelstaplerfahrer hatten sich jedoch entschlossen, gleich mal alle gleichzeitig zu kündigen, ebenso ein Lagerist. Nun, da ich meine Baustelle im Griff hatte und meine Überstunden auf dem Zeitkonto brav in Form von verlängerten Wochenenden abgebaut hatte, wurde ich gebeten dem Lagerchef doch „etwas Tipperei“ am PC abzunehmen. Bestände ein- und aus pflegen eben, dachte ich, also kein Problem. Der arme Kerl hasste eh die PC Arbeit, die mit seinem 2 Fingersuchsystem auch noch ewig lang dauerte. Nun komme ich mittags, nachdem ich meinen eigenen Schreibtisch im Akkord abgearbeitet hatte, rüber und erlebe folgendes:
Der Chef des Wareneingangs sitzt auf dem Stapler und lädt Lkws ab, packt die Kisten und Paletten irgendwo hin und drückt mir die Lieferscheine und zwei Stempel in die Hand. Einmal „Ware erhalten“ und der zweite „Stückzahl und Qualität kontrolliert“. Ich sollte das bitte stempeln und unterschreiben, er mache das normalerweise nach Kontrolle aber dafür hätte ja aktuell keiner Zeit. Es ständen noch 4 Lkws mit äußerst schlecht gelaunten Fahrern auf dem Hof, er wüsste gar nicht wie er das schaffen soll. „Und die Bestände?“ fragte ich daraufhin. Die seinen völlig egal, den Computerscheiß schaffe er eh seit Tagen nicht, da stimme sowieso nix mehr im System.

(Fein, dachte ich. Wenn die Bestände nicht stimmen, dann wird es auch schwierig, meinen Job vernünftig zu machen. Denn was soll ich in welchen Mengen nachbestellen, wenn ich gar nicht weiß, ob und wenn ja, wieviel davon im Haus ist? Egal, da muss ich mich dann wohl später drum kümmern.)

„Und was ist mit den beiden Herren von der Qualitätssicherung?“ Die machen irgendwas anderes mit den fertig gebauten Teilen von oben. Die helfen nie im Wareneingang. Hätten nur ihr Büro hier unten.

So liebe Kollegen aus der Pflege, das kommt Euch doch jetzt sicher bekannt vor. Arbeit, die nicht zu schaffen ist. Ausgebildete Fachkräfte, die Helfertätigkeiten durchführen und daher zu ihrer eigentlichen Arbeit nicht mehr kommen, dies jedoch unterzeichnen sollen. Und weitere „noch besser“ ausgebildete Fachkräfte, die lediglich auf dem Papier dazu gehören, sich aber überhaupt nicht dazu berufen fühlen, auch nur irgendwas zu tun. Fast wie auf Station, nur ohne Patienten, oder? Nun komme ich, in meinem jugendlichen Leichtsinn und mache folgendes: Ich latsche zurück zu meinem Schreibtisch, hole meinen einstellbaren Stempel und drehe mir ein nettes „Kontrolle nicht möglich mangels Personal“ zurecht. Da war der Lagerchef aber plötzlich ganz aufgeregt. „Das könne ich doch nicht machen, das ginge bestimmt bis ganz oben.“ „Ja, das ist der Sinn der Sache. Die müssen nämlich wissen, was hier los ist, sonst ändert sich nichts. Außerdem unterschreibe ich ganz sicher nicht für ganze Lkw Ladungen, deren Inhalt ich nie gesehen habe, dass es sich um einwandfreie Ware im Wert von 125000 € handelt. Ganz sicher nicht.“

Um es kurz zu machen: Mein Stempel kam auf die Scheine. Und mit ihm kamen die Damen und Herren aus der Teppichabteilung. Zuerst ging ich selbst zum Betriebsleiter rüber (ein wirklich netter Kerl) der umgehend 2 Leiharbeiter mit Gabelstaplerschein organisierte, die schon am nächsten Morgen ihre Arbeit aufnahmen. Dann kam mich der Chef des Einkaufs besuchen. Durch die Blume gratulierte er mir zu meinen „Eiern“ als popelige Bürohilfe so eine Welle zu reißen. Also quasi mal eben der Personalabteilung per Stempel zu erklären,
dass sie es verkackt hat.
Daran hatte ich bis dahin überhaupt keinen Gedanken verschwendet. Ups!
Zum Schluss kam dann auch noch die Betriebsratsvorsitzende, die meinte, ich solle umgehend in die Gewerkschaft eintreten, wenigstens aber beim nächsten Mal zur Wahl des Betriebsrats antreten. Ich, die 19 jährige Bürohilfe, mit dem komischen Stempel? So ganz verstand ich das Theater damals nicht. Ist auch egal, denn es kam sowieso alles anders. Die Firma gibt es mittlerweile nicht mehr, und ich wollte auch auf etwas ganz anderes hinaus.
Ich habe bis heute noch nie unter irgendetwas meinen Namen gesetzt, wenn ich es nicht selbst erledigt oder mindestens persönlich kontrolliert habe. Für mich bedeutet mein Handzeichen nicht „Guck mal, ich war auch im Dienst.“ sondern „Hierfür trage ich die Verantwortung.“ Und noch mehr Angst, als damals die Verantwortung für eine 125000€ teure Lkw Ladung, die theoretisch ein paar Paletten Papiermüll hätten sein können, zu übernehmen, habe ich heute, dafür zu unterschreiben, dass es einem Patienten gut geht, er jegliche notwendige Unterstützung von mir erhalten hat und ich dafür quasi bürge. Erst recht, wenn ich auch noch ganz genau weiß, dass dem definitiv nicht so ist.
Ich hatte es bislang natürlich auch sehr einfach, dieses Prinzip konsequent durchzuhalten. Während meiner Ausbildung durfte ich ohnehin nur selten selbst dokumentieren (sitzende Tätigkeit, das lassen sich einige Schwestern nur sehr ungern abnehmen, wo doch alles andere schon nur Rennerei und Hetze ist) Und danach bin ich direkt in die Notaufnahme. Dort ist natürlich klar: Wenn ich dokumentiere „EKG gelaufen“ dann, weil ich den Ausdruck bereits in der Hand halte. Alles andere wäre einfach nur bescheuert.

Nichts desto trotz will einfach nicht in meinen Kopf, warum ALLE meine Kollegen, die ich kennen, so „locker“ mit ihren Handzeichen sind. (Entspannt Euch, liebe Kollegen, ich erkläre gleich, was ich mit locker meine.)
Sorry, aber es tut mir körperlich weh Lagerungspläne, Verzeihung „Mobilisationspläne“, zu lesen, auf denen 18 Patienten um 16 Uhr auf links gelagert wurden. Von 2 Pflegekräften. WAS SOLL SO EIN SCHEISS??! Natürlich haben die 2 Kollegen die sogenannte Lagerungsrunde gemacht und natürlich sind auch alle Patienten bewegt worden aber ganz sicher nicht alle um 16 Uhr.
Warum schreiben wir dann so etwas? Warum dokumentieren wir „aktivierende Ganzkörperwaschungen“ mit drölfzig Prophylaxen bei 16 Patienten, zu dritt zwischen 7:00 und 8:30 Uhr. WARUM? WER SOLL DAS GLAUBEN?

Liebe fachfremden Leser, bitte versteht mich an dieser Stelle nicht falsch. Wir sitzen nicht alle sorglos im Dienstzimmer herum und lassen „locker“ ein paar Handzeichen über die Seiten fliegen, Hauptsache die Dokumentation ist hübsch, scheiß auf den Patienten. Im Gegenteil! Viele meiner Kollegen tun alles in ihrer Macht stehende um jedem Patienten zumindest das Notwendigste an Pflege zukommen zu lassen und verachten nahezu die ganze Schreiberei, für die so wertvolle Zeit verloren geht. Ein Großteil der Pflegerinnen und Pfleger aus meinem Umfeld, würde nicht einmal die Kühlschrank Temperatur als ok abhaken ohne auch wirklich nachgesehen zu haben. Und erst recht nicht einem pflegebedürftigem Patienten einen intakten Hautzustand attestieren, ohne jeden Zentimeter auch wirklich inspiziert zu haben. Das meine ich nicht, wenn ich von „locker“ spreche.

Es geht mir um die Dinge, die wir nach täglichen Abwägen der Prioritäten weglassen MÜSSEN, weil einfach keine Zeit dafür da ist. Der Patient, den ich aus Zeitgründen nicht ins Bad sondern lediglich an die Bettkannte mobilisieren konnte. Bei dem Pneumonie Prophylaxe darin bestand, bei geöffnetem Fenster ein paar mal tief durchzuatmen um die frische Luft zu genießen und sonst nix. Den ich nicht mal aus seinem Schlafanzug geholt habe, weil es ihm zum Glück eh wurscht ist, ob er im Schlaf- oder Jogginganzug an seiner Bettkante sitzt um auf das Frühstück zu warten. Ich kann das durchaus verantworten. Natürlich fallen mir mindestens noch 30 Dinge ein, die ich aus pflegerischer Sicht zur Gesundung des Patienten beitragen könnte. Dummerweise warten aber noch 8 andere Patienten, deren Blutdrücke ich noch nicht kenne, die womöglich Schmerzen haben, dringend zur Toilette begleitet werden müssen oder gar im sterben liegen. Also entscheide ich: „Diesem Patienten geht es jetzt gut genug, Mindestmaß erfüllt, weiter geht`s.“
Wie gesagt, das kann ich gerade noch verantworten. Warum aber (und jetzt bitte ich meine Kollegen hier ernsthaft um Antworten, weil ich den Stationsalltag wirklich nur aus Schülersicht kenne) dokumentiere ich danach dieses „Wunderland“?
Mobilisation in Nasszelle, Teilkörperwäsche, Mundpflege, alle relevanten Prophylaxen, bla blub trallala… WAS SOLL DAS?

Schreiben wir es doch einfach mal so wie es ist.

„Gesicht gewaschen, Zähne raus, geputzt wieder rein, Katheterpflege, zum Frühstück in Rollstuhl mobilisiert, mehr war nicht drin.“

oder

Blutdruck, Puls, Temperatur im grünen Bereich, Patient bemerkt den Stress der Pflegekraft und verzichtet auf Hilfe bei der Körperpflege mit den Worten „Bekomme heute eh keinen Besuch, reicht wenn ihr mir morgen ins Bad helft. Zu Hause gehe ich auch nicht jeden Tag duschen, erst recht nicht wenn ich krank bin.“

oder

Vitalzeichen o.B. Wegen eines Notfalls in Zimmer 146 Patient erst nach dem Frühstück wieder angetroffen. Herr M. musste daher in Schutzhose abführen, ist seitdem verständlicherweise sehr schlecht gelaunt und verweigert nun weitere Unterstützung zur Körperpflege und sämtliche Prophylaxen.

oder

Patientin musste aufgrund der Unterbesetzung von Praktikantin bei der Körperpflege unterstützt werden. Frau S. fühlt sich gut versorgt, ob Pflegehandlungen nach Standard und fachlich korrekt durchgeführt wurden, kann nicht beurteilt werden.

Versteht Ihr was ich meine? Ich denke schon.

Mit Hilfe des #Pflegestreik wollen wir unsere aktuelle Situation deutlich machen. „Leute, es geht so nicht weiter! Ihr sterbt womöglich, obwohl wir uns für Euch krank schuften!“ in die Welt schreien. Änderungen müssen her! Ein verbindlicher Personalschlüssel muss her! Und bei aller Liebe, wenn wir genug junge Menschen dazu bewegen wollen, eine Beruf in der Pflege zu ergreifen, wird auch mehr Kohle dafür auf den Tisch kommen müssen. Das sollten wir den Menschen auch genau so sagen. Und ich finde, wir sollten dann auch aufhören, uns selbst zu belügen, indem wir Dinge schön schreiben, die nicht schön sind. Wozu auch? Für die Stationsleitung, die PDL, das Krankenhaus, den MDK, die Politik? Für wen? Alle, die damit zu tun haben, wissen, dass wir unmögliches möglich machen sollen. Warum also weiter lügen? Warum hinter 34 Pflegehandlungen auf einer Liste mein Handzeichen machen, um Geld von der Krankenkasse zu bekommen, das nur für 6 davon reicht? Warum so tun, als würde diese System auch nur annähernd funktionieren?

Wir sind das schwächste Glied in dieser Kette, sollen aber den Kopf hinhalten. Wenn irgendwas schief geht, ist schnell ein Schuldiger gefunden. Die Pflege, wer sonst? Warum also sollten wir weiterhin für die 125000€ Lkw Ladung, ähm Verzeihung, für die angebliche Gesundheit des Patienten verantwortlich zeichnen?

Warum nicht einfach ein „Kontrolle nicht möglich, mangels Personal“ Stempel?

Quelle: @Emergencymum