Warum ich gerne Nachtschichten mache.

Die Nachtschicht beginnt um 20:30 mit der Übergabe. Um 21:00 Uhr verlässt der Spätdienst die Station und ich mag das, denn wenn die Stationstür sich das letzte mal hinter den Kollegen schließt, hält eine andere Atmosphäre auf Station Einzug. Die Ruhe, die es hoffentlich zwischendurch gibt wirft schon ihre Schatten voraus. Das Licht im Flur ist auf die Hälfte reduziert.

Der Dienst beginnt mit den Bettplatzchecks der Patienten, wie jeder Dienst. Dann werden die Medikamente für den restlichen Abend vorbereitet und verabreicht. Patienten nochmal gelagert, vielleicht eine Mundpflege durchgeführt. Bei drei bis vier Patienten kann es dann schon mal zwischen Mitternacht und 1 Uhr sein, bis ich damit fertig bin.
In dieser Zeit, wenn keine Notfälle dazwischen kommen, wird es ruhiger, der Takt der Arbeit ist anders als tagsüber. Das Telefon hat zum letzten Mal um 22:30 geklingelt. Ein Angehöriger wollte sich nach dem Befinden eines Patienten erkundigen.
Wenn es ganz gut läuft ist nicht nur das Licht gedimmt und nach und nach wird es in den Patientenzimmern dunkel – sondern auch die Alarme werden weniger, weil die Patienten im besten Falle schlafen, keine Elektroden sich lösen und die Fingerclips auf den Fingern bleiben. Was bleibt ist ein Hintergrundrauschen von der Klimaanlage. Wenn man die Klimaanlage hört ist Ruhe eingekehrt.

Jetzt bleibt in guten Nächten die Möglichkeit mit den Kollegen Pause zu machen. Mancher bestellt etwas vom Lieferservice, andere haben Brote oder Vorgekochtes dabei, das sie nur aufwärmen müssen. Der Duft des Krankenhauses mischt sich mit Essensgerüchen und mit dem Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee. Die Pause ist öfter eine Pause die man auch so nennen kann.

Auf dem Zentralmonitor gibt es den einen oder anderen Alarm, der nur als Hinweis dient und von selbst wieder erlischt, oder wegen einer kurzfristigen Überschreitung einer Alarmgrenze. Eines der Beatmungsgeräte gibt in unregelmäßigen Abständen einen kurzen Alarm weil der Patient ab und zu zu tiefe Atemzüge macht – auch hier verschwindet der Lärm von ganz alleine.

Der diensthabende Arzt setzt sich dazu, wenn er Zeit hat. Man spricht über privates und über geschäftliches, man kommt sich näher als im Tagdienst. Man ist ein Stück zusammengeschweißt und aufeinander angewiesen in den Inseln des Lichtes am Stützpunkt und im Aufenthaltsraum – während sonst nur die Schilder der Hinweisschilder für Fluchtwege den Flur in diffuses Licht tauchen. In den Zimmern ziehen auf abgedunkelten Monitoren Lichtpunkte ihre hoffentlich regelmäßigen Kurven und die Ladeleuchten der Infusionspumpen blinken im Takt.

Wenn in guten Nächten eine solche Pause mit wenigen Störungen möglich war, gehe ich durch meine Zimmer und trage Vitalwerte ein. Ich habe mir dazu eine Taschenlampe zugelegt, damit ich kein Licht anmachen muss. Nebenher räume ich auf – all das was der Tagdienst nicht geschafft hat. Mit leisen Sohlen und ohne hektische Bewegungen fülle ich Schränke auf. Ich nehme die Kurven mit aus dem Zimmer um draußen am Schreibtisch die neue Kurve für den Tagdienst zu schreiben. Ich mag diese neuen Kurven, die noch jungfräulich ordentlich aussehen und an einem guten Tag gleichmäßig und sortiert geführt werden können. Man sieht es den Kurven an, wie ein Tag war, ganz ohne Einzelheiten zu lesen.

In guten Nächten bleibt Zeit auch mal ein Gespräch zu führen, jemandem ein paar Minuten die Hand zu halten. Ich mag es meine Patienten nachts so vorsichtig zu lagern, dass sie vielleicht gar nicht dabei wach werden, mit Ruhe und Umsicht und langsamen Bewegungen und ohne Hau-Ruck.
Ich mag es die Routinetätigkeiten in einem geplanten Ablauf auch so vornehmen zu können. Die tägliche Wechsel von Leitungen, Filtern und Schläuchen vorzubereiten und dann mit einem routinierten Ablauf in meine letzte Morgenrunde einzubauen. Ich möchte aufgeräumte Bettplätze und aufgefüllte Schubladen für den Frühdienst übergeben können. Gerne bereite ich ein paar Dinge vor, stelle die Medikamente für die erste Tagesmedikation schon mit allem Drum und Dran ins Zimmer. Ich versuche die letzte Lagerung meiner Patienten so spät wie möglich zu machen, damit der Frühdienst erst mal Zeit hat sich zu strukturieren.

Ab fünf Uhr wird es wieder lauter… die ruhigste leiseste Zeit zwischen zwei und vier Uhr ist um. Der Biorhythmus der Patienten fährt wieder nach oben. Der eine oder andere wird wach, muss auf Toilette, hat Schmerzen oder kann nicht mehr schlafen. Die Alarme nehmen wieder zu und das eine oder andere Licht geht an. Das Ende eines guten Nachtdienstes steht bevor.

In guten Nächten bin ich um viertel vor sechs fertig mit meinen Arbeiten. Im Treppenhaus hört man die ersten Menschen, sie reden laut, lauter als wir im Nachtdienst. Es sind die Tagmenschen, die Aktivität und Helligkeit mitbringen. Es ist gut, wenn der erste vom Frühdienst zur Tür hereinkommt. Manch einer fröhlich und mit einem hellwachen Guten Morgen, andere noch mit verschlafenen Gesichtern erstmal der Kaffeemaschine entgegenschlurfend.

Mein Dienst ist fast vorbei. Es folgt noch die Übergabe und dann habe ich frei. Oft trinke ich noch einen Kaffee, um für die Heimfahrt wach zu sein. Mitunter wird noch ein Gespräch aus der Nacht zu ende geführt. Auf Station sind die Lichter angegangen, außer dem Pflegekräften und dem Arzt treffen weitere Menschen, die für das Gelingen, wichtig sind ein: Reinigungskräfte schieben ihre Wägen über Station, Assistenten und die Sekretärin bereiten ihre Aufgaben vor. Das Telefon klingelt. Im Arbeitsraum herrscht emsiges Treiben der Kollegen beim Vorbereiten der ersten Tagesmedikation, als ich mich verabschiede.

Ich darf jetzt nach Hause – ich freue mich auf mein Bett. Aber heute sind meine Beine nicht bleischwer wie sonst oft, heute bin ich nur ganz normal nachtdienstmüde. Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit… im Nachtdienst öfter als im Tagdienst.
Auch dann wenn es keine Pause gibt, auch dann, wenn das Licht nicht ausgeht und um 4:00 Uhr noch ein Notfall zur Aufnahme kommt.
Im Nachtdienst schaffe ich es häufiger meinen Patienten gerecht zu werden als dies im Tagdienst möglich ist, deshalb mache ich gerne Nachtdienst.

2 Gedanken zu „Warum ich gerne Nachtschichten mache.

  1. Marion

    Dieser Artkiel gefällt mit richtig gut, obwohl ich nicht in der Somatik arbeite.
    habe viele Jahre auf einer geschlossenen Demenzstation gearbeitet.
    Kann jetzt noch das leise Gehen und Reden, Lagern und Vorbereiten… ect. nachempfinden!

    :)

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