Waschstraße – Nachtschicht

Ich habe es schon immer gehasst, in der Ausbildung wie auch mit dem Examen in der Tasche. Schon in der Ausbildung musste ich in den Nächten Patienten waschen.

Also ab 2 Uhr in die Zimmer, Licht an und die armen Menschen aus den Träumen reißen.

In die müden Augen der Patienten blicken, den Waschlappen zücken und den Marathon eröffnen.

Als Schüler habe ich versucht mich zu wehren, dass Waschen verweigert da man mir in der Schule beigebracht hatte, dass Nachtwaschen eine gefährliche Störung des Schlafrhythmus darstellt.

Gegenüber der mit mir Dienst schiebenden Schwester verweigerte ich diese Arbeit, dass führte zu wenig Begeisterung. Am Morgen beim Eintreffen des Frühdienstes, waren anstelle von 10 Patienten nur 4 gewaschen. Viele böse Blicke die ich ertragen musste, denn der Fürhdienst musste nun die gesamte Arbeit tragen. Dies in einer Unterbesetzung, auf einer Station mit rund 25 Vollpflegefällen und anderen widrigen Umständen.

Es folgten Gespräche mit der Stationsleitung, Abteilungsleitung und Pflegedienstleitung. Alle erklärten mir, dass die Arbeit zu leisten ist und ich sie nicht verweigern darf.

So habe ich mich gebeugt, habe gewaschen und den Betrieb der Waschstraße aufgenommen. Habe demente Patienten aus ihrem Schlaf gerissen „Bei denen ist dat ja nicht so schlimm, die beschweren sich nicht“, konnte ich mir dann anhören. Orientierte Patienten, wurden fast nie angefasst. Die Demenzsammelzimmer ermöglichten das waschen von drei Patienten in einen Schwung, ohne das andere Patienten etwas mitbekommen haben. Auch Patienten nach OP mit einem „Überhang“ mussten dran glauben. Selten fühlte ich mich so schlecht in der Ausbildung, wie in diesen Nächten.

Natürlich gab es offiziell ein Verbot gegen das nächtliche Waschen, auf dem Papier für den Aufsichtsrat und die Presse. Es wurde jedoch erwartet diese Arbeit zu leisten, um gewährleisten zu können das einmal in 24 Stunden jeder Patient gewaschen wird. Der Personalmangel macht es nötig, sicher richtig und doch unwürdig.

Mit dem Examen haben sich diese Ansprüche nicht sehr verändert, ich habe es mir gewünscht aber die Realität sah anders aus.

Nachts Patienten zu waschen ist eine alte Arbeitstradition in vielen Krankenhäusern und Heimen.

Eine schlechte Tradition wie ich finde und ich nenne es hier bewusst waschen, mit pflege am Patienten hat dies nicht viel zu tun. Es gibt unterschiedliche Intentionen warum Kolleginnen und Kollegen diesen Weg der Arbeit wählen:

  1. Der solidarische Weg

Die solidarische Schwester wäscht ihren Patienten in der Nacht, um den Tagdienst zu entlasten. Der arme Patient würde sonst ja nie gewaschen werden.

2.  Weil sie sonst nix zu tun hat

Es gibt die Kolleginnen und Kollegen, die Patienten waschen um nicht selbst einzuschlafen, also als persönliche Beschäftigungstherapie

3. Weil sie es muss

Man wäscht weil es erwartet wird und sonst dem kollegialen Fegefeuer ausgesetzt wird.

 

Erschreckend ist es, dass so viele Pflegende glauben dem Patienten auch noch etwas gutes zu tun. Das man den Patienten damit schadet, ne das kann nicht sein.

Mein beruflicher Weg hat mich auf eine recht große Intensivstation geführt, mit deutlich mehr als 10 Betten. Auch hier habe ich den Vorgang des nächtlichen waschen kennen gelernt und mache es zum Teil noch selbst.

Zum Teil ist hier der wichtige Satz, denn meine Fachlichkeit erlaubt es mir mittlerweile gut zu begründen warum ich viele Patienten nicht wasche. Ich wasche keine dementen oder deliranten Patienten mehr, da ich weiß das es ein verstärkenden negativen Effekt hat. Die Studienlage ist eindeutig und gibt mir die Werkzeuge in die Hand die ich benötige. Patienten zu waschen, also Lärm im Zimmer aus zu üben und den Schlafrhythmus zu stören, verstärkt die vorhandene Delirzustände und hat direkte Auswirkungen auf Überlebensraten nach der stationären Entlassung.

Nächtliches waschen ist aber auch Auslöser für solche Zustände, ist also Ausgangspunkt für „Durchgangssyndrome“ die nichts anderes sind als ein Delir.

Nun aber auch auf der Intensivstation herrscht Personalmangel, oft werden Patienten vom Frühdienst erst in der Übergabe zum Spätdienst gewaschen oder halt gar nicht.

Aus diesem Grund greifen auch hier viele zum Waschlappen, etwas ausgewählter und nicht so breit wie auf den peripheren Stationen auf denen ich gearbeitet habe.

Wir waschen die beatmenten Patienten, hin und wieder auch wenn neben diesen ein wacher Patient liegt…aber ganz leise natürlich.

Wir waschen psychiatrische Patienten hin und wieder oder auch man geriatrische Patienten. Diese Gruppe aber deutlich weniger, da das Verständnis für die negative Verstärkung bei uns doch relativ gut verbreitet ist.

Patienten mit Schlafstörung, können auch schon mal dran glauben müssen.

Das nächtliches Waschen auch auf beatmete Patienten eine negative Wirkung hat, ist laut einigen Studien wahrscheinlich, also im Grundsatz schädlich für die Patienten.

Ich mache es ungern, ich fühle mich unwohl dabei. Ich bin nicht faul weil ich es nicht machen will, ich denke an meine Patienten. Ich weiß das nicht gewaschen werden nicht so schlimm ist, wie ein Delir oder eine verstärkte Demenz. Ich schätze ab, was meinem Patienten mehr Benefit bietet.

Ich will mit dem nächtlichen Waschstraßen nicht weiter einen chronischen Personalmangel decken, der mich und meine Kolleginnen und Kollegen ausbrennt und den Patienten schadet.

10 Gedanken zu „Waschstraße – Nachtschicht

  1. l.t.m.

    Ich habe es nie gemacht – diese nächtlichen Routinewaschungen. Mitunter gibt es Gründe einen Patienten nachts zu waschen, z.B wenn jemand stark entfiebert hat und völlig verschwitzt ist oder nach tagelangen Abführmaßnahmen endlich abgeführt hat. Sonst gibt es für mich keinen Grund einen Patienten im Nachtdienst zu waschen und ich hatte bisher Glück, dass es dort wo ich gearbeitet habe auch nie erwartet wurde, zumindest nicht nachdrücklich.
    Beatmung mit Sedierung ist kein Grund einem Menschen den letzten Rest seines eh schon gestörten Tag-Nacht-Rhythmusses auch noch zu zerstören. Gerade an beatmeten Patienten wird den ganzen Tag herumgezogen, gezerrt, abgesaugt, Katheter gelegt, es pieps und ist laut. Wenn es also einmal in 24h für ein paar Stunden ruhiger ist werde ich den Teufel tun und dann dem Pflegeritual „Waschen“ nachzukommen.

    Waschen scheint immer noch das Wichtigste zu sein, was man leisten muss um eine gute Schwester oder ein guter Pfleger zu sein. Wer am schnellsten und am meisten waschen kann, imcl. akkurat glatt gezogener Laken mit gerade und ansehnlich im Bett liegenden Patienten hat irgendeinen internen Ehrenkodex bedient.
    Tägliche Ganzwaschungen sind überhaupt nicht zwingend nötig. Verschmutzte Waden sind mir sehr selten untergekommen. Hier wird unreflektiert gewaschen und geschmiert – statt nach Bedarf und Bedürfnis des Patienten zu handeln. Ich wünschte mir dieses Ritual würde endlich auch einer individuellen Betrachtung unterzogen.

    Mir graut davor nachts gewaschen zu werden.
    Mir graut überhaupt davor nackt auf einem hochgestellten Bett zu liegen, zu frieren und gewaschen zu werden.
    Mir graut davor dass man mir Unmengen von Lotions auf die Haut schmiert, die meine Haut weder gewohnt ist noch zu verarbeiten weiß – so dass ich den ganzen Tag verklebt herumliegen muss

    Ich wünsche mir Pflegekräfte, die ihr Selbstverständnis daraus ziehen, dass sie individuell Körperpflege anbieten / vornehmen und nicht daraus dass möglichst viele durch die Waschstraße gezogen wurden – notfalls auch nachts.

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  2. Klaus-Dieter Dingel

    Ich finde es sehr schlimm, wenn Pfleger trotz besserem Wissen in der Nacht Patienten belästigen und waschen. Solange es solche Pflegekräfte gibt, wird sich nichts ändern. Nehmt Euch einen Zettel und begründet warum Ihr nicht in der Nacht wascht und lasst Euch das von der Pflegeleitung abzeichnen dass Sie dies angeordnet hat. Mal sehen ob sich da nichts tut.

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  3. Sabine Büttgen

    Hallo zusammen
    Eure Kommentare finden auch bei mir gehör. Ich bin nun schon seid mehr als 29 Jahren in dem Beruf Krankenschwester tätig, zur Zeit bin ich noch im Nachtdienst beschäftigt. Ich habe die Nase voll, die ständige Warterei auf bessere Zeiten mehr Personal nein man wird nur vertröstet auf noch ein Jahr mehr buckeln, so bei uns weil obwohl wir schwarze Zahlen schreiben uns 20 Betten gestrichen wurde ( beinhaltet die Chirurgie) dass heißt erst mal keine Neueinstellungen und wir werden gezwungen all diese Dinge weiter zu tun. Mit mir nicht mehr !!!

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  4. Mona

    das nächtliche Waschen – der Umkehr des Tag-Nacht-Rhythmus – hat noch einen weiteren gravierenden Nachteil. Es bewirkt eine verminderte Immunabwehr – und gerade diese ist bei kranken, operierten, keimbedrohten…Menschen überlebenswichtig. Warum ? die Pat. auf der „Normalstation“ sind am Tag so müde / zerschlagen, daß sie sich nicht mehr
    ausreichend bewegen – ohne Bewegung kein Lymphfluss – ohne Ly-Fluss eine verminderte Abwehr ….ihr wisst schon: die Katze beisst sich in den Schwanz. Das ganze spielt auch bei einem „bewußten waschen“ eine Rolle: waschen, pflegen mit basaler Stimulation, Kinästhetik… Muskeln, Blutgefäße, Lymphe, Organdurchblutung, Organoxygenisation, Abtransport …. DAS ist PFLEGE – das führt zur Gesundung ! aber: nachts macht das niemand und beim runterwaschen am Tag wird oft auch nicht diese Professionalität an den Tag gelegt. Deshalb ist „nur waschen“ kein Hilfsjob. Ganz abgesehen von der Inspektion der Haut, den Veränderungen der Mototrik und Muskelspannung und – ganz wichtig – der verbalen und nonverbalen Kommunikation Pat / Pflege. Kann so eine verantwortungsvolle Aufgabe ein Arzt leisten ?
    Ich denke oft, die Pat. sollen nicht wirklich gesund werden – daran hat sicher die Pharmaindustrie Interesse: die Menschen sollen „Patient“ bleiben. Damit nimmt man den Menschen Lebensqualität, Würde und Selbstbestimmung. und vor allem: kranke Menschen haben nicht mehr die psych. Kraft, sich gegen dieses System aufzulehen. …..und ausgepowertes „Personal“ auch nicht.

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  5. Wolfgang Küting

    Auch ich kenne die Situation aus den diversen Blickwinkeln. Und auch ich wasche im ND gelegentlich einen Patienten unter dem solidarischen Aspekt.
    Dafür müssen aber mehrere Aspekte zusammen kommen:

    – entsprechender Patient, d.h.
    – um die Zeit (nach 4 Uhr) eh wach, ggf. unruhig
    – keine fitten Mitpatienten
    – Verhältnis Pflegepatienten / Personal
    – am WE unterbesetzt oder
    – Krankmeldung morgens bei eh dünnem Plan
    – ich habe tatsächlich die Zeit dafür

    Waschen als Routine im ND geht nicht, es kann immer nur ein Einzelfall sein. Natürlich weiss ich das es Abteilungen gibt wo es entweder gefordert ist oder KollegInnen es mit „Leib und Seele“ machen.

    Wenn das Problem im Zusammenhang bez. Personalstärke gegenüber PDLs so leicht aus dem Weg zu räumen wäre würden wir hier nicht darüber reden. Damit muss mir also keiner kommen!

    Offiziell ist ND-Waschen in meiner Klinik auch nicht gestattet. Wie man in der „Teppichetage“ hinter verschlossenen Türen damit umgeht weiss ich nicht.
    Auf meiner Station ist es keine Routine. Aber es gibt Leute die es am Rande der „Eigen“-Routine durchführen.

    In wie weit man dieses Grundpflege-Fenster (bei uns so 6:30 bis 8:00) erweitern kann hängt ja von vielen Faktoren an. Leider hat die Pflege nicht auf alle Einfluss!

    Zum Beispiel: Fachabteilung – Pflege nach OP-Plan, eigene Bedürfnisse der Patienten, Visitenzeiten, Frühstückszeiten, Abläufe in Funktionsabteilungen.

    Grundsätzlich muss ich aber aus eigener Erfahrung sagen das es einen Patiententyp gibt wo ich eine Grundpflege zur Nachtzeit schon fast therapeutisch Charakter zugestehen würde: der unruhige Demente!
    Sofern er kooperativ ist, ist er anschliessend meist ruhiger und schläft wieder.

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  6. Windvilla

    Nächtliches Waschen erinnert mich an die Zeiten, als ich noch in der Geriatrie malocht habe.. 3-6 Patienten im oben beschriebenen 3er Demenz-Zimmer war da Pflichtprogramm – gegen dieses Regime anzukämpfen fand keine Freunde, eher erbitterliche Gegener. Abgelehnt habe ich es aus den vielen oben bereits genannten Gründen. In dieser Zeit habe ich auch noch die Spezies der sogenannten Abführschwester kennengelernt. Die Art von Schwester, die Nachts um 1 plötzlich ihr kleines Wägelchen mit einem Arsenal an Klismen und Darmrohren füllte um dieselbigen bei jedem Patienten anzuwenden der heute seinen „dritten Tag“ hatte.. Teilweise prophylaktisch sogar bei den „zweiten Tag“ leuten. Ich hätte diesen Schwestern wahrscheinlich die Finger brechen müssen, damit diese von ihren tun ablassen.
    Besser wurde dies erst, als nach langem Startschwierigkeiten eine neue PDL endlich Bezugspflege durchsetzte. Heute habe ich auf einer IMC/ITS endlich die Möglichkeit selbst zu entscheiden, wen ich wasche und wen nicht. Es ist sogar allgemein akzeptiert die GP auszulassen, wenn ein Patient diese ablehnt. Daran war früher nicht zu denken.

    aber … „Das ham wa schon immer so gemacht“ … ermöglicht alles :)

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  7. l.t.m.

    Nach wie vor ist es üblich Patienten möglichst morgens und möglichst früh zu waschen…. es ist schlimm genug, dass um 6:00 Uhr für alle die Lichter angehen – auch für die, die einen anderen Biorhythmus haben. Was hindert denn daran Strukturen zu überdenken und die Körperpflege nicht als erstes to do des Tages zu verstehen. Es gibt morgens-Duscher und es gibt abends-Duscher… die Menschen bei der Anamnese oder der Fremdanamnese mal fragen wie sie es zuhause gehalten haben.
    Schichtbesetzungen überdenken , Teilzeitmodelle mit z.B. 4 h Tagesarbeitszeit überdenken (gäbe 5 Tage Arbeitsplätze für Mütter mit Kindern von 8:00 bis 12:00 Uhr) für Arbeitsspitzenzeiten.
    Warum nicht auch mal mittags waschen?
    Geht nicht? Wegen … ja wegen was eigentlich? Weil OPs um 7:00 Uhr starten müssen (Warum eigentlich?) weil Küchenmitarbeiter um 18:00 Uhr Feierabend haben (Frühstück 7:00 Uhr Mittag 11:30 Abend 16:30 und dann gibt es 14,5 Stunde nix mehr) – Warum eigentlich?
    Und die Pflege macht nachts Waschstrasse – damit sich sonst keiner bewegen muss.

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  8. Hermia

    Mich erstaunt, das dieses nächtliche Waschen immer noch betrieben wird. Ich arbeite seit 20 Jahren in der Pflege und habe noch nie jemanden in der Nacht gewaschen (es sei denn, ein Patient hat stark eingestuhlt o.ä.). In den Krankenhäusern, in denen ich bisher war, wurde das auch nicht betrieben, und ich habe fast immer im internistischen bzw. neurologischen Bereich gearbeitet, mit Stationen, wo 90% der Patienten komplett pflegebedürftig waren.

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