Weil ich versuche die Welt zu retten, die nicht gerettet werden will.

Es ist witzig, wenn ich nicht so tieftraurig waere,
dass mir meine Mutter genau an dem Tag
den Link zu deiner Seite geschickt hat an dem ich zusammenbrach.

Zufall nenne ich das schon gar nicht mehr,
eher die Verbindung zwischen Mutter und Tochter,
die auch ueber Grenzen in ein anderes Land geht (ich wohne in England).

Wie dem auch ist, ich arbeite als Pfleger in einem Krankenhaus
das kurz vorm Zusammenbruch steht, auf einer Station
die mich mental und emotional sehr beansprucht, was mehr als interessant ist,
ich liebe meinen Job, aber mich doch auch einfach auslaugt.

Gestern habe ich fast eine ganze Stunde heulend in Klo verbracht
und mir hin und wieder den Kopf gegen die Wand geschlagen, einfach um diesen Schmerz in mir zu ueberstimmen. Klappte nicht, Traenen kullerten einfach weiter waehrend ich wie ein Schlosshund daherschluchzte.

Warum? Weil ich versuche die Welt zu retten,
die leider Gottes einfach nicht gerettet werden will.
Warum lass ich es nicht einfach sein?
Weil es mir viel zu viel bedeutet anderen Menschen zu helfen.
Ich sehe wie die Menschen um mich herum leiden, ich fuehle ihre Schmerzen,
und ich moechte ihnen gerne lindernd zur Seite stehen.

Dies ist sehr schwer in einer klinischen Arbeitsumgebung,
wo man sich nicht immer nur auf eine Person konzentrieren kann.
Als ich gestern Morgen frohen Mutes Fuss auf unsere Station setzte und begann
den Patienten die mir zugewiesen wurden Guten Morgen zu wuenschen
wurde meine Aufmerksamkeit zugleich auf einen verwirrten Patienten mit Dementia gelenkt,
der seine Hose heruntergezogen hatte und an seinem Katheter zog
und nach einer Schere fragte da er wirklich jetzt nach Hause muesste zum Abendbrot.

Ich hatte einen Neuanfaenger bei mir der mir zugewiesen wurde zur Einarbeit.
Er hatte keinerlei Pflegeerfahrung und antwortete nur langsam und zoegerlich auf meine Fragen.
Er war noch sehr unsicher.
Waehrend ich versuchte mich auf den Dementiapatienten einzustimmen,
rief einer der anderen 6 Patientien im Raum das ich den ganzen Tag dort verbringen werde und doch bitte eben kommen koennte ihm zu helfen.

Nach einem erfolglosen Versuch dem Dementiapatientien
die Hosen wider hochzuziehen ging ich dem hilfesuchendem Patienten helfen.
Waehrend ich dort war versuchte ich dem Neuanfaenger in unsere Papieraufzeichnungen einzufuehren,
die an jedem Patientenbett zu finden sind und Informationen wie Blutdruck,
Stuhlgang, Fluessigkeitsbalance und weiteres enthalten.
Ich kam jedoch nicht weit da ein weiterer Patient mich zu ihm rief kurz gefolgt von zwei weiteren.

Ein Patient im Raum benoetigte Hilfe mit allem:
Nahrungszunahme und Hygiene, war incontinent,
taub und moeglicherweise auch etwas Dement.
Waehrend ich versuchte zu allen Patienten zu gehen und ein gutes Vorbild fuer den Neuanfaenger zu sein,
hatte der verwirrte Dementiapatient seine Hose mehrere Male hoch und wieder heruntergezogen.

Die Krankenschwester die mit mir zusammen die gleichen Patienten hatte
kam nur hin und wieder herein um mir etwas mitzuteilen
und verschwand sogleich wieder um andere Sachen zu erledigen.

Nach drei Stunden Dauerrennen wurde mir ein bisschen komisch,
ich fuehlte das ich etwas essen und trinken sollte und mich ausruhen muesste.
Immerhin hatte ich noch 9 weitere Stunden vor mir.
Ich hatte eine leichte Halsentzuendung und hatte deshalb nicht gut geschlafen.
Ich fragte meine Krankenschwester ob es moeglich waehre eine Pause einzulegen
und sie sagte das waehre okay solange jemand ein Auge auf den verwirrten Dementiapatienten hielt,
sie schlug vor das der Neuanfaenger dies tun koennte waehrend ich meine Pause haette.

Sogleich sah ich dies schiefgehen da ich erkannte wie unerfahren
und unsicher der Neuanfaenger war.
Ausserdem war ich mir sicher das dies nicht zugelassen werden sollte.
Er war hier zu lernen und nicht gleich ins tiefe Wasser geschmissen zu werden.
Ich sagte zu meiner Krankenschwester
dass dies keine Gute Idee ist, erklaerte wie unerfahren er ist.
Sie zog mich beiseite uns sagte das ich aufhoeren sollte sie herumzukommandieren.

Dies traf mich sehr und verstoerte mich etwas, ich blieb jedoch bei meiner Meinung.
Die Oberschwester hatte dies ueberhoert und stimmte mit mir ueberein,
dass dies nicht die Aufgabe eines Neuanfaengers sei.
Da meine Krankenschwester keine Zeit hatte an meiner Stelle ein Auge auf den Dementiapatienten zu halten,
entschied ich das ich einfach weitermachen werde bis jemand Zeit hat mich abzuloesen.

Der Dementiapatient hatte sich etwas beruight
und seine Hose fuer uber eine Stunde anbehalten und doeste in seinem Stuhl.
Meine Haende zitterten als ich sie mir am Spuelbecken im Patientenraum wusch.
Was hatte ich falsch gemacht? Warum war meine Krankenschwester so fies?
Sie erwartet so viel von mir aber ich fuehlte mich ohne Unterstuetzung von ihr.

Waehrend ich meine Haende trocknete bat mich einer der Patienten um Hilfe.
Ich ging zu ihm hin, sprach mit ihm, bot Loesungen an
und als ich vom Vorhang heraus trat und checkte wie der Neuanfaenger mit den Blutdruckmessungen vorankam,
fiel mir auf das der Dementiapatient nichtmehr in seinem Stuhl sass.

Ich ging auf den Flur hinaus und sah ihn auf dem Boden liegen,
umringt bei Pflegepersonal und Doctoren.
Meine Krankenschwester gab mir einen Vielsagenden dunklen Blick.
Etwas in mir brach. Genau das was ich vermeiden wollte
indem ich ihn nicht mit dem Neuanfaenger alleine lies,
war geschehen. Und ich hatte noch nichteinmal meine Pause angefangen.

„Es ist nicht Deine Schuld“, sagte die Oberschwester. Ich kann ihr nicht glauben.
Ich sehe zu das der Dementiapatient versorgt ist und frage meine Krankenschwester
ob ich sonst noch was tun kann. Sie ignoriert mich, keine Antwort.

Die Traenen wollten kommen.
Ich fuehlte mich schuldig einfach wegzugehen
und gleichzeitig viel zu unwohl um zu verweilen.
Ich sagte einer anderen Schwester das ich kurz von der Station gehen werde.
Ich wollte frische Luft, kam aber nicht weit befor die Traenen zu laufen begannen und suchte Zuflucht im Frauenklo.

Alles brach zusammen. Alles woran ich in den vergangenen Jahren gearbeitet hatte.
Je mehr ich lerne,
desto mehr verstehe ich und werde aufmerksam auf die kleinsten Details.
Mein Sinn fuer Recht und Unrecht verstaerkt sich mehr und mehr.
Wie schlecht sich das Pflegepersonal umeinander kuemmert.
Wie koennen wir uns um unsere Patienten sorgen wenn wir uns nicht gegenseitig dabei unterstuetzen?

Und je mehr ich mein Mitgefuehl an Patienten weiterleite,
desto mehr erzaehlen sie mir von ihrem Wunsch oder ihrer Angst zu sterben.
Vor nur drei Tagen hatte einer unserer Patiente die Diagnose bekommen
dass er im Endstadium ist. Er sagte mir dass er zuhause sterben will und gab dann einfach ab.
Nach zwei Tagen starb er auf unserer Station.
Nicht genug Zeit ihn nach Hause zu bringen…

Fuer eine lange Zeit habe ich eine gewisse Abmauerung aufrecht erhalten,
fuer genauso einen Fall wie diesen, das es mich nicht zu traurig machen wuerde.
Ich habe die Mauer ueberstiegen, bin meinen Patienten naeher gekommen, habe angefangen wie sie zu fuehlen.
Dies ist fuer mich der einzige Weg ihnen wirklich zu helfen,
indem wir ihnen zuhoeren, bei ihnen sind, versuchen sie wirklich zu verstehen.
Der Preis ist ein belohnendes Laecheln, ein tiefgruendiger Blick und die Traurigkeit,
die uns ueberkommt wenn wir nichts weiter tun koennen als einfach fuer sie da zu sein.

Vielen Dank fuers Zuhoeren!

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