Wie man Auszubildende in den #Pflexit treiben kann.

Dieser Bericht dreht sich um eine Auszubildende in unserem Klinikum. Die Schülerin, nennen wir sie mal Anna, ist frisch im Oberkurs und bereitet sich fleißig für ihr Examen im Sommer vor. Ich selbst arbeite als Springer für die Normal-, und bedingt Intensivstationen, in unserem Haus und hatte über die Weihnachtsfeiertage den Bereitschaftsdienst übernommen. Besagte Schülerin, ich kannte sie damals noch nicht, rief mich aus lauter Verzweiflung am 1. Weihnachtsfeiertag auf meinem Bereitschaftstelefon an: Der Spätdienst hätte sich vor ein paar Stunden komplett krank gemeldet, von den Kollegen des Frühdienstes wolle keiner länger bleiben und drohten sogar damit, sie alleine auf der Station stehen zu lassen.
Sofort eilte ich zu ihr auf Station und wir hörten erst einmal gemeinsam die Patientenübergabe an, bevor wir einen Notfallplan schmiedeten. Der Bereitschaftsarzt Markus, ein guter Freund, der zeitliche Kapazitäten hatte, stand uns zur Seite. Wir bestritten also tatsächlich zu dritt diesen Dienst: Doc Markus kümmerte sich um Organisatorisches, verteilte das Essen, richtete Infusionen und quetschte zwischendurch noch ein paar Untersuchungen auf anderen Stationen dazwischen. Währenddessen „schmissen“ wir beiden die restliche Station. Die ersten Stunden begleitete ich die Schülerin, um sie, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse kennenzulernen. Und ganz ehrlich: Anna machte sich top! Sie achtete penibel auf Hygiene, kannte sich in der Krankheitslehre und Pflege in der Viszeralchirurgie aus und hatte auch die richtigen Handgriffe parat. Auch die Tages-Herausforderung meisterte sie mit Bravour: Während der Versorgung eines Patienten erkannte sie, dass es dem Zimmernachbarn zunehmend schlechter ging und löste Alarm aus. Als ich im Zimmer eintraf, hatte sie bereits mit den Thoraxkompressionen begonnen. Ich holte unterdessen den Notfallwagen, alarmierte Markus und unser Reanimationsteam. Nach kurzer Reanimation unsererseits hatte der Patient wieder einen Sinusrhythmus entwickelt, als das Team übernahm. Wir waren stolz auf Anna, die das alles noch nicht realisieren konnte.
Am nächsten Tag die gleiche Situation: Anna stand mit Markus und mir alleine auf der Station. Aber auch diesen Dienst hatten wir mit gemeinsamer Anstrengung gut, und vor allem zufriedenstellend, hinter uns gebracht.

In diesen zwei Tagen habe ich Anna sehr gut kennen und schätzen gelernt. In einigen Gesprächen ließ sie durchsickern, dass sie sich auf der Station nicht so wohl fühle. Im Nachhinein war das wohl bereits der erste Hilferuf, denn auch unter uns Springern ist die Station, ich nennen sie liebevoll Chaos-Station, verrufen: Kollegen, die sich untereinander nicht leiden können und dies offen zur Schau tragen, gar gegeneinander arbeiten und, wie könnte es anders sein, jeden „Externen“ ausnutzen und fertig machen. Und zu diesen Externen zählte nicht nur ich als Springer (Die ja eh alle faul sind und nix können), sondern auch Schülerin Anna (als kostenlose Hilfskraft). Kurzum: Das Personal konnte nicht miteinander arbeiten, sei es Pflege, als auch Ärzte, zusätzlich gab es dort einige Kollegen der „alten Schule“ und auch viele Patienten waren mit der Betreuung nicht zufrieden. Eigentlich lief dort so alles schief, was nur schief laufen kann. Und genau diese Situation auf der Station war schon länger in der Verwaltung und auch Schule bekannt, doch geändert hatte sich bisher nichts.

Das nächste Mal traf ich Anna zum Schichtwechsel Anfang des Monats. Wir besprachen, dass wir beim nächsten gemeinsamen Dienst eine kleine Prüfung simulieren, da sie auf der Station nur schlecht betreut und vorbereitet fühlte. Zwar bin ich kein Praxisanleiter, dennoch arbeite ich sehr gerne mit Schülern zusammen. Und scheinbar gehörte ich zu den wenigen Personen, die Anna ihr Schülerleben ausleben ließen, das heißt: Die Versorgung von eigenen Patienten zu übernehmen, frisch gelernte Techniken unter Aufsicht durchzuführen und eben auch mal das Ruder zu übernehmen.
Also bereitete ich mich entsprechend vor, ging selbst nochmals einige Standards der Klinik durch und schrieb mir einen Masterplan, was ich gerne alles mit Anna machen wollte.

Schließlich hatte ich wieder Dienst auf oben benannter Station, Anna war ebenfalls da, welche überglücklich schien, als sie mich sah. Bereits bei der Patientenübergabe gab es Unstimmigkeiten unter den Kollegen, da alle Bereiche so aufwendig wären. Mein Vorschlag, dass Anna und ich die pflegeaufwändigen Patienten übernehmen würden, stieß daher auf große Zustimmung und wir beide hatten unsere „Ruhe“ sicher. Dennoch, erlebte ich mehrmals, wie meine Kollegen Anna schikanierten, beleidigten und beschimpften. Begriffe und Aussagen wie „dumm“, „faul“, „Machst eh alles falsch“ oder „Die Prüfung kannste knicken“, waren dabei tatsächlich nur die Harmlosesten. Ich musste die Schülerin mehrmals in Schutz nehmen und die Kollegen zurechtweisen. Eine Schülerin ist zum Lernen hier, Pflegekräfte zum Lehren! Während der ganzen Schicht versuchte ich also weiterhin Anna von den restlichen Kollegen auf Station fern zu halten und ließ sie keinen Augenblick alleine, damit ich rechtzeitig einschreiten konnte.
Bereits an diesem Abend war mein persönliches Limit erreicht. Doch es kam noch schlimmer…

Am nächsten Tag hatten wir wieder gemeinsam Dienst auf Station. So wie der letzte Tag geendet hatte, so begann der Neue: Wieder musste ich Anna mehrmals in Schutz nehmen. Ich behaupte mal, dass ich sie nach den Weihnachtsdiensten sehr gut kennen gelernt habe und ihre Fähigkeiten einschätzen kann! So nahm die erste Stunde des Dienstes ihren Lauf, bis Anna mich letztendlich am Arm packte und in den Nebenraum führte. Die junge, wissbegierige, fleißige und stets freundliche Schülerin zitterte im ganzen Körper und fiel mir weinend in die Arme.
Glücklicherweise konnte ich einen anderen Springer organisierte, damit ich mit Anna von Station konnte und wir tatsächlich unsere Ruhe hatten. Wir redeten viel, wir schwiegen aber auch viel. Sie erzählte, wie sie die vergangene Zeit auf der Station erlebt hatte, was alles vorgefallen war, welche Anschuldigungen man ihr an den Kopf warf, sogar welche Vorwürfe sie sich inzwischen selbst machte. Und da saßen wir beide und nun machte ich mir Vorwürfe. Vorwürfe, warum ich nicht früher Alarm geschlagen habe?
Nachdem sich Anna endlich mal richtig auskotzen konnte, sorgte ich dafür, dass der Betriebsarzt sie für einige Tage krankschrieb, gab sofort in der Verwaltung Bescheid und brachte sie nach Hause, wo ich mit ihr wartete, bis die Mitbewohnerin aus der Vorlesung kam.

In den folgenden Tagen fanden Gespräche mit der Stationsleitung, der Pflegedienstleitung und der Pflegeschule statt. Ich selbst verfasste eine Stellungnahme und meldete den ganzen Vorfall zusätzlich unserem Betriebsrat, sowie der Auszubildendenvertretung. Meiner PDL teilte ich freundlich mit, dass ich nicht mehr auf dieser Station eingesetzt werden möchte und man doch davon absehen soll, dort weiterhin Auszubildende und Praktikanten einzusetzen.
Zu Anna: Mein Eindruck bestätigte sich nach einem Gespräch mit ihrer Lehrerin, die mir zudem versicherte, dass Anna zunächst für zwei Wochen freigestellt wird und später ihre Ausbildung auf einer anderen Station fortsetzen darf.
Allerdings bin ich immer noch schockiert und bekomme den Moment, indem Anna sich an mich klammerte, nicht mehr aus dem Kopf. Vermutlich habe ich in meiner Ausbildung selbst sehr viel Glück gehabt, obwohl auch dort viel schief gelaufen ist. Dass manche Kollegen uns Springern gegenüber unfreundlich sind, daran habe ich mich längst gewöhnt und bin zudem ein großer Freund des Meldeformulars (wenn es um Patientengefährdung geht) geworden. Aber ein Team, das sich nicht nur untereinander anfeindet, sondern diesen Frust an völlig Unbeteiligten auslässt, hat mich völlig vom Hocker gehauen. Hier ist etwas ziemlich schief gelaufen! Und nicht nur das, die eigentlichen Gründe für dieses Verhalten, das die Grenze dermaßen überschritten hat, sind tief im Team begraben und liegen sicherlich nicht nur in Überforderung, Unterbesetzung und Unzufriedenheit.

Liebe Anna,
gib nicht auf! Deine Lehrer, der Betriebsrat, die Auszubildendenvertretung und ganz besonders Markus und ich stehen vollkommen hinter dir. Lass dich nicht unterkriegen oder hole dir Hilfe bei Kollegen, Lehrer und Mitschülern. Du bist nicht alleine und musst das auch nicht alleine durchstehen. Was auch immer geschieht, du kannst dich auf uns verlassen und wir würden uns sehr freuen, wenn wir dir im Sommer zu deinem Examen gratulieren dürfen. Denn das, was du machst, machst du gut und gewissenhaft. Ich habe ehrlich gesagt, keinerlei Zweifel, dass du die Prüfungen glänzend bestehst und ich dich bald als examinierte Kollegin begrüßen darf. Spätestens dann bekommst du die zweite Torte, dieses Mal selbst gebacken. Versprochen! ;)

Beitrag von Knegb

3 Gedanken zu „Wie man Auszubildende in den #Pflexit treiben kann.

  1. AED

    Manchmal fage ich mich. „Was soll das?“ Alle gehen wir am Limit, alle sollten zu Pflege am Boden gehen. Alle schreien, mein Rücken, mein sonstnochwas…zuviel Arbeit, zuviele Patienten/ Kunden, zuviel Bürokratie, …….
    Und dann kommt eine Schülerin, will mit anpacken. Möchte was lernen, den Beruf erlernen. Und dann dies? Ich könnte echt jetzt mal k….!
    Jeder liebt seien Beruf, jeder wollte ihn machen aus Freude am Menschen.. Was ist daraus geworden?

    Antworten
  2. Krüml

    Boah, bei sowas könnte ich mich aufregen. Was soll das einen Motivierten Azubi so kaputt zu machen, dass der am Ende gar nicht mehr kann und will? Was versprechen sich diese Leute davon? Finden die das toll und lustig Menschen kaputt zu machen?!
    Anna, dir, und allen denen es so ergeht wie dir, wünsche ich sämtliches Glück der Welt. Vor allem aber starke Nerven und viel Selbstbewusstsein. Du hast in der Situation das einzig richtige getan und dir Hilfe gesucht und gefunden, wo du es gebraucht hast. Halte durchund zeige den Leuten, die sagen du warst faul oder unfähig eine lange Nase.
    Und an den Schreiberling möchte ich einfach als Unbeteiligte, die allerdings in einer ähnlichen Situation war, Danke sagen. Für die Unterstützung und die Hilfe, die du Anna gegeben hast. Alleine kommt man aus solchen Situationen nicht raus, deswegen finde ich es super, dass du dich für die Azubine so eingesetzt hast, ohne es zu „müssen“. Von deinem Schlag braucht es mehr Leute. Danke.

    Antworten
  3. Obecalp

    Sehr sehr traurig wie in der heutigen Zeit die Auszubildenden verheizt werden. Vor allem wenn man immer hört, dass der Pflegeberuf ein Beruf mit Zukunft ist. Schikanieren, beleidigen, beschimpfen gehört mittlerweile zur Tagesordnung (nicht bei allen, aber bei vielen). Wenn jemand wirklich gewillt ist und interesse zeigt, dann sollte man ihr/ihm auch Aufmerksamkeit schenken. Ich selbst hatte eine sehr gute Ausbildung im Krankenhaus. In der heutigen Zeit (egal ab Altenpflege oder Krankenpflege) ist für eine gute Ausblidung keine Zeit mehr. Viele haben erst keinen Bock sich den Auszubildenden anzunehmen. Und Warum? Keine Zeit! Auf der einen Seite verständlich auf der anderen kann ich das auch nicht mehr hören. Die Fehler die im System liegen können wir nicht ändern. Ich selbst arbeite als Pflegedienstleitung. Ich arbeite viel mit Auszubildenden zusammen. Denn jeder hat in seiner Ausbildung verdient, dass er was beigebracht bekommt. Aber man hört mittlerweile trotz Praxisanleitungen, dass viele Auszubildende keine Anleitung bekommen. Aber es obligt ja nicht nur der Praxisanleitung den Schüler anzuleiten, nein auch die Fachkräfte sollten das tun. Alle jammern immer keine Zeit keine Zeit. Für viele Dinge hat man Zeit, wie z.B. Rauchen gehen (und das nicht nur einmal). Viele Auszubildende werden ja im Vorfeld schon als dumm und für nicht fähig für den Pflegeberuf abgestempelt. Kein wunder das viele dann an Selbstwertgefühl und an der Lust den Beruf weiter zu lernen verlieren. Man stellt einen Auszubildenden ein um für die Zukunft zu planen, denn nach 3 Jahren ist er schließlich eine Fachkraft und in der heutigen Zeit sind gute Fachkräfte nötig. Wenn man es aber vorzieht jemanden zu schikanieren oder zu beschimpfen dann müssen wir uns auch deswegen über den Fachkraftmangel nicht wundern. Ich glaube es liegt nicht immer nur am hohen Pflegeaufwand. Kollegialität spielt auch eine große Rolle. Oder geht ihr gerne irgendwo hin arbeiten wo ihr beschimpft werdet. Anna ist ein Beispiel dafür, dass der Pflegeberuf keinen hohen Stellenwert mehr hat. Ich hoffe sie hält durch.
    Ich kann mich über solche Dinge einfach nur aufregen es ist echt zum kotzen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.