Wie möchtest Du leben?

Immer wieder mal kommt die Diskussion zum Thema Sterbehilfe auf. In der Politik, in den Medien, manchmal, aber eher selten auch in der Gesellschaft. Das ist ein recht schwieriges Thema bei dem es sehr viel zu bedenken gibt, deshalb möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht großartig näher darauf eingehen.
Ich möchte einfach mal ein bißchen darüber erzählen, wie ich den Umgang mit Patientenverfügungen erlebt habe und immer noch erlebe. Ich arbeite seit ein paar Jahren auf einer Intensivstation. Da ist das Thema beinahe täglich auf der Tagesordnung. Was will der Mensch, der sich uns anvertraut hat, oder uns anvertraut wurde, in seinem Leben.
Man hört immer wieder mal die Aussagen “das ist doch so kein Leben”. Aber wer entscheidet das? Was für den einen lebenswert ist, wäre für den Anderen eine Katastrophe. Es gibt also keine allgemein gültige Aussage dazu. Dadurch ist es sehr schwierig zu einer Entscheidung zu kommen, ob ein Mensch reanimiert werden soll oder nicht, ob ein Beatmungsschlauch gelegt werden soll oder nicht oder ob eine Therapie beendet werden soll oder nicht. Diese Liste kann noch sehr viel weiter geführt werden.
Eine Hilfestellung für diese Entscheidung können und sollen Patientenverfügungen sein. Diese gibt es in den unterschiedlichsten Formen und Arten. Von handschriftlich, über vorgefertigte Formulare. Ich habe aber in all den Jahren noch keine gesehen, die alle denkbaren Möglichkeiten abdeckt. Was auch kaum möglich ist. Denn wer weiß schon was in der Zukunft auf einen zu kommt. Eine Patientenverfügung hat also immer auch einen Ermessensspielraum.
Ein Beispiel:
Ein Patient hat eine Patientenverfügung erstellt, in der festgelegt wird, dass dieser Mensch nicht reanimiert werden möchte. Er hat eine chronische Lungenerkrankung, wegen der er auf der Intensivstation liegt. Es geht ihm aber verhältnismäßig gut, eine Verlegung auf die normale Station ist geplant. In der Nacht trinkt dieser Patient einen Schluck Wasser und verschluckt sich. Das leider so heftig, das seine Atmung aussetzt. In sehr kurzer Zeit fällt der Sauerstoffgehalt im Blut, die Herzfrequenz wird langsamer, setzt dann ganz aus. Innerhalb von Sekunden muss eine Entscheidung getroffen werden. Reanimation ja oder nein? Das Pflegepersonal beginnt mit der Reanimation, ruft den Diensthabenden Arzt dazu. Dieser hält Rücksprache mit dem Oberarzt. Die Entscheidung ist gefallen, die Reanimation soll fortgesetzt, der Patient an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden. In diesem Fall ging es recht glimpflich aus, der Patient wurde zügig wieder wach, der Beatmungsschlauch konnte entfernt werden. Aber was, wenn er nicht wach geworden wäre? Wenn er durch den Sauerstoffmangel eine Schädigung am Gehirn erlitten hätte und wie wird es ihm mit seiner Lungenerkrankung wohl in Zukunft ergehen?
Wie hättet ihr entschieden? Den Menschen an einem Schluck Wasser ersticken lassen oder doch reanimieren mit all den möglichen Folgen? Das ist nicht immer leicht und eindeutig zu beantworten.
Wie mit einer Patientenverfügung im Krankenhaus umgegangen wird, hängt wohl immer davon ab, welcher Arzt die Entscheidungen fällen muss. Bei langwierigen Erkrankungen kommt es auch immer wieder mal vor, das ein sogenanntes Ethikkomitee eingeschaltet wird. Dieses setzt sich zusammen aus Ärzten, Pflegepersonal und meist auch Vertretern der Krankenhausleitung. Hier prallen schon mal die Meinungen der verschiedenen Abteilungen aufeinander. Die Pflegepersonen sind diejenigen die am engsten mit Patienten und Angehörigen in Kontakt stehen und daher oft auch am ehesten nachvollziehen können, was gewünscht wird. Die Entscheidungen treffen aber die Ärzte. Natürlich sprechen auch diese mit den Angehörigen, wenn möglich auch mit den Patienten. Aber außerhalb dieser Gespräche bekommen sie halt eben doch weniger mit als das Pflegepersonal. Ich gebe zu, ich bin immer wieder mal anderer Meinung als die Ärzte was diese Entscheidungen angeht. Aber ich muss sie nicht treffen. Und wenn ich ehrlich bin, beneide ich die Ärzte auch nicht darum.
Was ich einfach nur jedem Menschen empfehlen kann, egal wie alt: Schreibt eine Patientenverfügung, so detailliert wie möglich, aktualisiert diese regelmäßg und ganz wichtig: redet mit euren nächsten Angehörigen darüber welches Leben für Euch lesenswert wäre. Nur so besteht die Chance darauf, dass im Krankenhaus eine Entscheidung getroffen wird, die in Eurem Sinne ist.

Quelle: Nanunana249

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.